Eine andere Kirche als die Großkirche

 

Aspekte franziskanischer Spiritualität

von Martin Bräuer

Franziskus lebte ihn einer Zeit, als die „Imitatio Christi“ die Frömmigkeit prägte. Was ihn aber von anderen Persönlichkeiten seiner Zeit unterschied, war die Radikalität, in welcher er dies tat. Nachdem er in seiner frühen Zeit das ausschweifende Leben eines Sohnes reicher Eltern führte, richtete er nach seiner Bekehrung seinen Lebensstil nach der Lebensweise Jesu aus. Dabei orientierte er sich nicht am dogmatischen Jesus, wie ihn die Theologie der Kirche lehrt, sondern an dem, mit dem er sich identifizieren konnte: dem menschlichen Jesus, der am Kreuz gestorben ist, einsam und gescheitert.

Der eigentliche Kern seiner Spiritualität sind das Leben und die Leiden Jesu. Jesu Leiden stimmt mit seinen eigenen Leidenserfahrungen überein. In all seinem Tun will er ihm mehr und mehr entsprechen. Dies kommt kurz vor seinem Tod zum Ausdruck, als er von den Brüdern verlangt, nackt auf dem Boden zu sterben, wie Jesus, der nackt am Kreuz gestorben ist. Ziel und Inhalt seines Lebens ist die absolute Gleichheit mit Jesus Christus. Er will durch nichts von ihm getrennt oder verschieden sein. Sein Scheitern in der Führung der Bruderschaft und die Konfrontationen mit der römischen Kurie hat Franziskus als Abbild des Leidens Jesu verstanden.

Am Ende seines Lebens empfängt Franziskus der Legende nach die Wundmale Jesu an seinem eigenen Körper. Er verhüllt sie, damit niemand davon mitbekommt. Sie sind für ihn wie eine Bestätigung, die durch seine lebenslange Beschäftigung mit Jesus und dessen Leiden hervortritt. Die Stigmatisation wird zu einem geistlichen Geschehen. Franziskus wird das Medium und der Vermittler Jesu. Das Leben und die Leiden Jesu wiederholt er in seinem eigenen Leben.

In seiner Christusfrömmigkeit spielt die Kreuzesikone von San Damiano eine wichtige Rolle. Jesus erscheint auf dieser Kreuzikone nicht als Weltenherrscher, sondern barfuß, halbnackt und mit einem liebenswürdigen Blick als Freund der Kleinen in einer zerfallenen Kirchenruine. Christus offenbart sich Franziskus so unerwartet auf Augenhöhe, mit offenen Armen, zärtlichem Blick und geöffnetem Ohr. Für Franziskus ist die Damiano-Ikone eine lange Zeit der Ausgangspunkt seiner Gebete und Meditationen. In seiner einsamen Zeit, als er sich vor dem eigenen Vater in einer Höhle verstecken muss, wird ihm diese Ikone zur lebensnotwendigen Armenbibel und löst einen geistigen Umschwung in ihm aus, der sich sein Leben lang durchzieht.

Den armen und gekreuzigten Jesus erfährt er im Dialog mit Armen, Aussätzigen und Ausgestoßenen. Nach seiner Berufung wird ihm der Dienst am Menschen, vor allem der Dienst an Kranken und Aussätzigen zu einer seiner Lebensaufgaben. Er will ihr Leben leben, um sein eigenes Leben mit Christus leben und teilen zu können.

Franziskus wurde so im Laufe seines Lebens im Bewusstsein des Volkes zu einem „alter Christus“, zu einem „anderen Christus“, da er vorlebte, dass es tatsächlich möglich war, Jesus nachzuahmen. Als Wandercharismatiker verwirklicht Franziskus eine andere Form von Kirche als die Großkirche, obwohl er in Frieden mit ihr leben und keinen Gegensatz zu ihr formen will. Er und seine Brüder verstehen sich als Zeugen des kommenden Reiches Gottes in Wort und Tat. Sie sind keine gesellschaftsimmanente Form des Christentums, wie es die Großkirche ist, sondern eine gesellschaftstranszendente. Sie weisen über die Welt, welche sie radikal in Frage stellen, hinaus.

Mit dieser Lebensweise waren allerdings auch künftige Konflikte vorprogrammiert. Die jesuanische Wanderbewegung nach Mt. 10,9f. (kein Geld, keine Vorratstasche, kein zweites Hemd etc.) war von den klimatischen Bedingungen abhängig, in denen sie sich bewegte. Im Norden Europas jedoch mussten allein aus klimatischen Gründen Konzessionen gemacht werden, gegen die sich Franziskus bis zu seinem Tod gewehrt hat und die immer wieder zur Quelle von Konflikten wurden. Besonders nach seinem Tod kam es unter den Franziskanern immer wieder zum Konflikt um das franziskanische Ideal und Leben, und Spaltungen im Orden wurden unvermeidbar. Die verschiedenen Gruppierungen wurden so auch zu Spielbällen der Kirchenpolitik der Päpste und ihrer Legaten.

Armut

Franziskus lebte in seiner Jugend alles andere als arm. Er besaß alles, was sich junge Menschen wünschen können: Geld, Kleidung, Ansehen, Freunde. Erst nach langer Krankheit und zu Beginn seiner langen Sinnsuche merkt er, dass er mit seinem bisherigen Leben nicht zufrieden ist. Die Lektüre des Matthäusevangeliums machte für ihn die Armut zu einem absoluten Wert. Armut gehörte zum Lebensstil Jesu und die entsprechenden Forderungen des Evangeliums waren unmissverständlich. Dies begründete die materielle Armut als wesentlichen Bestandteil des franziskanischen Ethos.

Für den Poverello, den Armen, wie Franziskus auch genannt wird, bedeutet Armut zum einen Verzicht auf persönlichen und zum anderen Verzicht auf gemeinsamen Besitz. Sowohl die einzelnen Brüder als auch der ganze Orden sollen arm sein. Wer sich der Bruderschaft anschließen will, muss seinen ganzen Besitz verkaufen und den Erlös den Armen geben. Sein Leben wird ausnahmslos von der Armut bestimmt. Im kleinen Testament von Siena schreibt er, „dass sie (die Brüder) immer unsere heilige Herrin Armut lieben und beachten sollen“.

Franziskus gilt als der Minnesänger der Armut, sie ist keine Belastung, sondern eine Auszeichnung, die Quelle der Freude und des Glücks, er lebt sie freiwillig und spielerisch, nicht unpolitisch oder ziellos. Sie macht unbeschwert und frei, selbständig, erwartungsvoll und fröhlich. Wer nichts besitzt kann nichts verlieren. So kann ein Leben in Frieden, welches für den Poverello wichtig ist, gelebt werden. Besitz schafft Distanz und Rangordnungen, Grenzen und Krieg.

Infolgedessen will er keine materiellen Dinge besitzen. Seine Freiheit ist die Armut, die Freiheit von Besitz und Zwängen. Nach der Abkehr von seinem bisherigen Leben, beginnt er eine Existenz mit den Armen, die sich zu einem Leben wie die Armen wandelt. Er wird zum Vater der Armen, indem er sich allen Armen gleichförmig macht. Er geht mit seinem Armutsprinzip soweit, dass er seinen Brüdern verbietet, Kirchen und Wohnungen, die ihnen geschenkt oder für sie gebaut werden, anzunehmen „wenn sie nicht sind, wie es der heiligen Armut entspricht“.

In der Armut sieht Franziskus eine Form der Liebe zu Jesus Christus. Diese schließt die Liebe zu den Armen mit ein und übersteigt sie noch. Jesu gelebte Armut und sein ganzes irdisches Dasein sind für Franziskus der Grund seines Lebens. Damit ist nicht die materielle Armut gemeint, sondern das Armsein vor Gott. In seinem Leben will der Poverello die radikale Armut Jesu nachvollziehen, damit in seinem Leben für Gott Platz geschaffen werden kann und er von ihm erfüllt wird.

Gott kann nur dort ankommen, wo der Mensch frei ist, sowohl innerlich als auch äußerlich. Durch seine Armut hat Franziskus ein geschwisterliches Verhältnis zu den Dingen der Welt. Die Armut macht ihn frei. Durch sie ruft er nach Gott, um ihn an seinem eigenen Leben teilhaben zu lassen. Für Franziskus und seine Brüder bedeutet Armut Flexibilität. Da sie sich als Wanderer und Fremdlinge der Welt sehen, können sie die Grenzen des Eigentums- und Sicherheitsdenkens überschreiten und frei leben.

Bei Franziskus wird die äußere Armut zum Abbild der inneren Armut. Er ist innerlich total frei und empfänglich für Gott, der in ihm Wohnung nehmen kann und nimmt. Die absolut gelebte Armut des Poverellos bewirkt, dass er den Tod in Freude annehmen kann. Er nennt ihn im Sonnengesang seine Schwester. Im Tod wird er eins mit der Armut. Er stirbt „nackt auf der nackten Mutter Erde.“

Wie in seinem Testament bezeugt, ist für Franziskus der entscheidende Moment der Umkehr in seinem Leben, als er einem Aussätzigen begegnet, diesen umarmt und küsst. Dieser Neubeginn seines Lebens führt dazu, dass er nun sein Leben den Menschen zuwendet, die am Rand, unter dem Existenzminimum leben und die keine Zukunftsperspektive haben, oder wegen ihrer Krankheit verbannt wurden. Er zählt sich zu diesen Randexistenzen und ist überzeugt, dass er in den Armen und Aussätzigen Jesus begegnen kann. „Wer einen Armen schmäht, beleidigt Christus, dessen edles Abzeichen jener trägt; denn er hat sich […] um unsertwillen arm gemacht in dieser Welt.“

Zu Beginn seines Wirkens sind vor allem die Aussätzigen seine Geschwister. Bald weitet sich dieser Kreis auf alle am Rand Stehenden aus. Neben den Aussätzigen kommen zu seiner Gemeinschaft auch Rechtlose, Verachtete, Unverstandene, Missverstandene, Missbrauchte und Arme aller Art. Franziskus will genau wie diese Menschen leben. Die gleiche Solidarität erwartet er von seinen Brüdern. „Und sie müssen sich freuen, wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten verkehren, mit Armen und Schwachen und Aussätzigen und Bettlern am Wege.“

Das Leid der anderen wird für Franziskus zum eigenen Leid. Die Menschen, die leiden, bekommen eine besondere Zuwendung von ihm. Er zeigt sich ihnen gegenüber solidarisch. Für Franziskus sind die Aussätzigen ein Zeichen, unter dem er Jesus Christus glaubt und sucht. Er sucht den „Christus leprosus“ („den aussätzigen Christus“). Die Aussätzigen nennt er dementsprechend „Christliche Brüder“. Diese „Schicksalsgemeinschaft mit den Aussätzigen“ macht er zur Grundlage seines Ordens. Die Minderbrüder müssen sich den Armen und Aussätzigen annehmen, sie pflegen und mit ihnen zeitweise zusammenwohnen. Das Evangelium und die Armen stehen auf einer Stufe. Sie sind für ihn gleich heilig.

weiterlesen …