Mystiker und Propheten

 

Ein Plädoyer für den Dialog ohne jede Ausgrenzung

von Walter Schmidt

Religion entsteht aus einer verdichteten Erfahrung im Durchbruch des göttlichen Geistes in die Geschichte (Paul Tillich, Sebastian Painadath). Dieser Durchbruch verkörpert sich in einer Person (zum Beispiel Jesus) oder in einem Ereignis (zum Beispiel dem Auszug Israels aus Ägypten oder der Flucht Mohammeds nach Medina), in einer Erleuchtungserfahrung (etwa bei Buddha) oder in der Entstehung einer Schrift (wie der Veden), in den Mythen der Stammesvölker oder in den Reformbewegungen einer Gemeinschaft. Das Aufquellen des göttlichen Geistes in einem solchen konkreten Moment – „Kairos“ – wird von einer kleinen Anzahl der Betroffenen wahrgenommen und im Glauben verinnerlicht. Daraus entsteht eine Glaubensgemeinschaft, die ihre spirituelle Erfahrung verkündigt. Dadurch entfaltet sich eine konkrete Religion.

Die Sprache der spirituellen Erfahrung ist die Symbolsprache. Menschen, die von einer Geisteserfahrung ergriffen sind, brauchen Symbole, um ihre Erfahrung zu vertiefen, weiterzuvermitteln und die Glaubensgemeinschaft lebendig zu halten. Symbole öffnen den Gläubigen den Zugang zu der ursprünglichen Erfahrung und verwandeln die Menschen auf ihrem inneren Pilgerweg zu Gott. Symbole drücken den fortlaufenden Dialog zwischen Gott und Menschen im Herzen des einzelnen sowie in den Ereignissen der Geschichte aus. Über die Symbole wird Spiritualität zur Religion.

Grundstruktur der Religion

Es gibt vier Bereiche, um spirituelle Erfahrung symbolisch auszudrücken. Im Englischen werden sie als „creed“, „cult“, „code“ und „community“ bezeichnet.

  • „Creed“ meint die Glaubensinhalte, an denen man festhalten soll.
  • „Cult“ sind die kultischen Anweisungen, nach denen man Gott verehren soll.
  • „Code“ meint die ethischen Handlungsnormen, an denen man sich orientieren soll.
  • „Community“ ist die gemeinschaftliche Struktur, wodurch das Zusammenleben der Gläubigen geregelt wird.

Jede geschichtlich gewordene Religion kennt diese vier Grundsäulen, die das religiöse Gebäude aufrecht halten. Die von der Geisteserfahrung betroffenen Gläubigen benötigen diese vier Bereiche zum Vollzug des Glaubens, ähnlich wie man eine Sprache braucht, um Gedanken zuentwickeln, zu entfalten und weiterzuvermitteln.

In jedem der genannten Bereiche werden von der Glaubensgemeinschaft Menschen beauftragt, um die Glaubenssymbole aufzubewahren, neu zu interpretieren und dadurch die ursprüngliche Erfahrung den Menschen zuganglich zu machen. So haben Theologen und Prediger die Aufgabe, Glaubensinhalte zeitgemäß darzustellen. Priester werden beauftragt, durch Kulthandlungen die in der ursprünglichen Erfahrung verdichtete Heilsnähe Gottes den Gläubigen spürbar zu machen. Gesetzeslehrer tragen Verantwortung, ethische Normen zu klären um Handlungsorientierung anzubieten. Strukturen der Glaubensgemeinschaft benötigen Amtsträger, um die Menschen in lebendiger Erfahrung zusammenzuhalten.

Formen der Entfremdung

In der Entfaltung und Ausübung des Religiösen vermischen sich diese Aufgaben unvermeidlich mit soziopolitischen und wirtschaftlichen Tatsachen. Weil Religion die kulturbedingte und gesellschaftsbezogene Entfaltungsform der spirituellen Erfahrung ist, wird sie ständig von politischen und wirtschaftlichen Machtinteressen geformt, aber auch gefährdet. Daher kann sich eine Art Dogmatismus im Bereich der Glaubensreflexion entwickeln, welche dann von Absolutheitsansprüchen und machthaberischen Auseinandersetzungen geprägt wird. Im Raum des Kultes kann sich ein Ritualismus festigen, in dem sakrale Handlungen zu formalistischen „Operationen“ werden und ihre heilende Kraft verlieren. Ethische Normen neigen wiederum zum Legalismus, der letztlich die Freiheit des Menschen eher blockiert als ihm zur Entfaltung zu verhelfen. In der Verwaltung der Gemeinschaft kann eine Art Strukturalismus eintreten, der die vielfältigen im Volk vorhandenen Charismen nicht mehr wahrnimmt oder fördert.

So findet in allen vier Bereichen des religiösen Lebens eine ständige Entfremdung statt, eine Entwurzelung von dem Boden der ursprünglichen Erfahrung des göttlichen Durchbruchs. Symbole verlieren dadurch ihre Durchlässigkeit, werden zu Dingen und als Idole abgewertet. Religion als Ort des Gott-Mensch-Dialogs verrät dann ihren eigentlichen Standort in der geistigen Entfaltung des Menschen. Die Gegenwart des göttlichen Geistes, der Strukturen des menschlichen Denkens und Lebens ständig verwandelt, wird übersehen. In der Geschichte aller Religionen zeigen sich solche Fehlentwicklungen.

Trotzdem setzt sich Gottes Dialog mit den Menschen fort. Der Geist Gottes bricht durch die Erstarrung und lässt neues Leben ständig aufquellen. Dies geschieht durch zwei Charismen in zweifacher Richtung, vertikal und horizontal.

Dynamik des Glaubens

Die Mystiker stellen die religiösen Symbole vertikal in Frage. Das heißt, sie erwecken im Menschen die Wachsamkeit auf die Tiefendimension der religiösen Symbole. Sie verlangen, dass die theologische Deutung des Glaubens immer auf die Dimension des unfassbaren Geheimnisses des Göttlichen offen bleiben soll: Gott ist immer größer! Kulthandlungen können die heilende Gegenwart Gottes nur vermitteln, wenn sie von der kontemplativen Stille geprägt sind. Gesetze des Handelns haben die Aufgabe, dem einzelnen zu helfen selbständig zu werden sowie dem Geist Raum zu schaffen, der „weht, wo er will“.

Die Strukturen der Glaubensgemeinschaft müssen hellhörig bleiben, „was der Geist der Gemeinde zu sagen hat“. Dieses Gespür für das Mysterium, das Geheimnis, diese immerwährende Wachsamkeit auf den Geist, diese Offenheit, laufend das Gegebene im Hinblick auf das Kommende hin zu transzendieren – das ist das Grundanliegen des Mystikers. Wahre Anbetung geschieht „im Geist und in der Wahrheit“. Diese Einsicht Jesu verdeutlicht die Grunddynamik der Mystik.

Die Propheten fordern: Die symbolischen Ausdrucksformen des religiösen Lebens müssen sich horizontal auswirken in der Gestaltung der Gesellschaft mit dem Leitmotiv Gerechtigkeit. Theologische Reflexion und Verkündigung müssen daher die befreiende Dynamik des Glaubens unmissverständlich ausdrücken. Gottesdienstformen sollen den Gläubigen helfen, zunehmend barmherziger und bereit zu werden das Leben miteinander zu teilen. Ethische Handlungsanweisungen sind vorrangig dazu da, die Menschen zur ganzheitlichen Umkehr zu bewegen, um die Gaben der Schöpfung gerecht zu verteilen. Die Strukturen des Gemeindelebens sind gerechtfertigt, wenn sich die Menschen, besonders die armen, angenommen und getragen fühlen. „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat.“ Diese Aussage Jesu nennt den Grundansatz der Propheten.

Der Mystiker kommt uns mit seinem Lehrauftrag entgegen, der aus seiner inneren Geisteserfahrung heraus entsteht. Der Prophet tritt mächtig auf mit einem Sendungsauftrag, der aus der inneren Berufung des Geistes stammt. Letztlich ist jeder Mystiker ein Prophet und jeder Prophet ein Mystiker. Beide stellen gewohnte Formen der religiösen Symbole und Strukturen in Frage, jeder in seiner Weise; nicht um sie zu vernichten, sondern um sie auf Gott hin zu durchdringen, zu überschreiten, zu transzendieren.

Daher kommen Mystiker wie Propheten unvermeidlich in Konflikt mit den „Amtsträgern, die für die Bewahrung der Tradition bestellt sind. Die festgefahrenen Strukturen der Religion können nicht die spirituellen Impulse des Mystikers und die geistige Kritik des Propheten aushalten. Die Menschen haben Angst, dass alles, worin sie ihre Sicherheit aufbauen, vom Geist gesprengt wird. Der Mystiker wird dann im schlimmsten Fall zum Schweigen gebracht, der Prophet gesteinigt.

Die Religionsgeschichte kennt viele Beispiele. Die hinduistischen Brahmanen etwa drängten die upanischadischen Meister und die Bhakti-Mystiker an den Rand; ebensowenig konnten sie die mystisch-prophetische Kritik von Buddha annehmen. Die Herrschaftsstrukturen des alten Israel schalteten die Propheten immer wieder aus. Die mittelalterliche Inquisition verfolgte Mystikerinnen und Mystiker und übergab viele von ihnen den Flammen. Die islamische Autorität unterdrückte und verdrängte die Sufi-Mystiker. In den buddhistischen Kreisen gab es politisierte religiöse Strukturen, welche die Kritik der Weisen nicht wahrhaben wollten. Solche Spannungen sind auch heute in allen Religionen wieder deutlich spürbar.

Unterscheidung der Geister

Eine Religion, die Mystik verdrängt, hat aufgehört „religio“ zu sein, weil sie die Menschen in Rückbindung auf den göttlichen Grund nicht verwandeln kann. Eine Religion, die den prophetischen Ansatz unterdrückt, ist ebenfalls keine „religio“ mehr, weil sie nicht dazu beitragen kann, die Strukturen des Lebens auf die ganzheitliche Befreiung des Menschen hin umzugestalten.

In der gesellschaftlichen und kulturellen Entfaltung des mystisch-prophetischen Ansatzes gibt es auch die Möglichkeit der Verblendung. Mystik aufgrund der Erfahrung des einzelnen unterliegt der Gefahr des Elitären und des Sektierertums. Prophetischer Einsatz kann von machtpolitischen Anliegen verdorben werden; es entsteht Fundamentalismus. Oder die Gemeinde mauert sich ein. Daher ist es wichtig, dass die Mystiker und die Propheten nicht ihren Boden in der breiten Glaubensgemeinschaft verlieren. Sie brauchen das geistige Erbe und die tragende Gemeinschaft, um wachsam zu bleiben für die „Unterscheidung der Geister“. So können sie dem verwandelnden Geist Raum schaffen.

Der vom Geist geführte Weg in die religiöse Zukunft ist der Weg des Dialogs: Dialog zwischen den „Beauftragten“ (Theologen, Priestern, Gesetzgebern und Amtsträgern) und den „Charismatikern“ (Mystikern und Propheten). Dialog bedeutet, den auf dem anderen Pol wirksam werdenden Geist zu erkennen, ernstzunehmen und zur Gestaltung kommen zu lassen. Dialog ist somit die neue Art, heute Kirche Jesu Christi zu sein. Und dies ist nicht zuletzt eine aus mystischer Weltsicht entstandene, prophetische Aufgabe.