Wer bin ich?

 

Von der paradoxen Erfahrung der Identität

Walter Schmidt

Lassen Sie mich mit einer Geschichte beginnen: Ein alter Scheich hatte in seinem ganzen Leben noch nie einen Spiegel gesehen; er wusste darum auch nicht, wie er aussah. Eines Tages kam ein Fremder von weit her und brachte ihm einen blanken Spiegel mit. Der Scheich sah hinein – und ließ den Spiegel vor Schreck fallen, sodass dieser in hundert Scherben ging: Der Scheich hatte sein eigenes Gesicht gesehen. „Ich bin krank“, sagte er zu seinem Diener, „leg mir von unseren Heilkräutern auf Brust und Stirn. Ich will mich drei Tage in mein Zelt zurückziehen, damit ich wieder gesund werde.“Während der Diener tat, was ihm befohlen war, lächelte er verstohlen: „Pascha Effendi, du hast dich nur ein einziges Mal gesehen und bist davon krank geworden. Ich sehe dich jeden Tag viele Male; wundertst du dich nicht, dass ich noch heil bin?“Der Scheich gab keine Antwort. Er fing an, in sich selbst hineinzuschauen, einen Scherben des Spiegels in der Hand. Und je länger er sich ansah, desto mehr wunderte er sich. Manchmal meinte er, sich vor Allah in den Sand werfen zu müssen als Dank für all das Schöne, das er schaute; meistens jedoch wurde er sehr traurig, denn er sah viel Hässliches, das er vorher nie an sich – wohl aber an anderen – bemerkt hatte. Er war dann jedes Mal sehr zornig geworden und hatte nicht selten seine besten Diener auspeitschen lassen. Nun aber musste er bei sich selber das Gleiche, wenn nicht noch Schlimmeres, feststellen.Nach drei Tagen befahl er seinem Diener: „Hol mir den Fremden. Ich will ihn bitten, dass er mir einen neuen Spiegel schenkt; den will ich in meinem Zelt aufhängen, auf dass ich immer mein Gesicht sehen kann. Er soll mir noch hundert Spiegel geben, ich gebe ihm Gold dafür. Die will ich meinen Freunden schenken …“

Geht es uns zuweilen nicht ähnlich wie dem Scheich? Es gibt Situationen, in denen wir uns plötzlich unverstellt „sehen“. Es ist dann, als sähen wir dieses unser Gesicht ganz neu, obwohl wir es doch längst zu kennen, ein festes Bild von uns zu haben, uns geradezu zu „besitzen“ wähnen. Wir haben ein anscheinend „ordentliches“ Gesicht. – Und dann dies andere: „Mein Gott, wie sehe ich denn aus! Bin ich das wirklich?“ Es ist, als sähen wir uns in solchen Situationen zum ersten Mal. Wir entdecken uns: illusionslose Wirklichkeit!

Illusion und Wirklichkeit

Die Geschichte vom Scheich und dem Spiegel ist eine Gleichniserzählung, Symbol dafür, dass sich ein Mensch ganz unvermutet neu und anders sieht, zur Erkenntnis seiner selbst gelangt, sich gleichsam selbst begegnet und geradezu in neuer Weise gegenübertritt. „Dort erst tratest Du ganz in den Namen, der Dein ist“, beschreibt Paul Celan in einem Gedicht dieses Zu-sich-selber-Kommen: von der „Imitation“ zur imago, von der Einbildung zum eigentlichen Bild.

Symbolhaft ist auch das In-die-Scherben-Gehen: So wie dieser Spiegel in Scherben ging, ist plötzlich das vertraute Selbstbild, das Haben seiner selbst, das Empfinden von Gleichheit und biografischer Kontinuität zersprungen und hin: ein „biografischer Scherbenhaufen“.

Werbung-2Krank von seiner Erfahrung zog sich der Scheich drei Tage lang in sein Zelt zurück und „schaute in sich hinein“, verordnete sich die „Heilkräuter“ der Innenschau, begann sein Bild von sich neu zu ordnen, um auf diese Weise seine Identität wiederherzustellen. Der „Blick auf die banale Rückseite des Spiegels“ hätte ihm dazu – „trotz einer gewissen resignativen Festigkeit“ – wohl nicht verholfen.

Wir wollen uns hier nicht der Frage zuwenden, was innere Schau und Meditation mit der Frage nach der Identität bedeuten. Auch hier gibt es viel Illusion ohne Wirklichkeit. Zudem gibt die zitierte Geschichte vom Scheich und dem Spiegel lediglich das Bild von einem Menschen ab, dessen Identität abrupt in eine Krise geraten ist. Die Geschichte gibt zu wenig her, wer der Auslöser dafür war. War es die Begegnung mit dem Fremden und dessen anderen Ansichten? Man darf diese Geschichte – wie alle Gleichniserzählungen – nicht pressen.

Die Konfrontation mit neuen Informationen, denen man sich nicht entziehen kann – ein Fremder, der von weit her in ein Nomadenzelt einkehrt, hat seine Faszination – kann Auslöser dafür sein, dass unsere Identität, wie sie sich in der Alltagswelt etabliert hat, hinterfragt wird. Was sich jedoch an der Spiegelgeschichte eindeutig ablesen lässt, ist dies, dass sie einen Menschen mit einer stabilen Ich-Struktur schildert, der, nachdem die Maske gefallen war, sich als „krank“ erkannt hatte, sich drei Tage zurückzog, „in sich hineinsah“ und seine Identität neu ordnete.

Soweit diese Symbolgeschichte vom Scheich und seinem Spiegel. Umfasst sie auch die paradoxe Erfahrung des Demetrius, die darin besteht, dass Identität nur gewonnen werden kann, indem man den Riss erkennt, der unsere Identität in Frage stellt?

Wer bin ich? Die Frage nach unseren verschiedenen Identitäten

Vielleicht hilft hier ein mit der Überschrift „Wer bin ich?“ überschriebenes Gedicht weiter, das Dietrich Bonhoeffer am Ende seines Lebens niedergeschrieben hat. Bonhoeffer hat es im Juli 1944 verfasst, und zwar in der Untersuchungshaft der Militärabteilung des Gefängnisses Tegel, in der er seit dem 5. April 1943 festgehalten wurde. Zum Verständnis ist anzumerken, dass Bonhoeffer nach einer ersten verschärften Haft im Vergleich zu den anderen Untersuchungshäftlingen relativ gut behandelt wurde, wie aus seinem Haftbericht ersichtlich ist. Es war nämlich durchgedrungen, dass sein Onkel Polizeipräsident von Berlin war. Zu seinen Wärtern hatte er zum Teil einen recht guten Kontakt, sie schmuggelten Briefe nach draußen.

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Nach dem 20. Juli 1944, dem Anschlag auf Hitler, veränderte sich freilich die Situation schlagartig. Im Oktober wurde Bonhoeffer in der Prinz-Albrecht-Straße unter strenge Gestapo-Haft gestellt, kam schließlich ins Konzentrationslager und wurde am 9. April 1945 in Flossenbürg umgebracht. Zuvor schrieb er noch das besagte – sechsstrophig fragende – Gedicht, das nicht zuletzt die seelische Situation eines an seiner Identität zutiefst zweifelnden Menschen zeigt:

Wer bin ich? Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.Bin ich das wirklich,
was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das,
was ich selbst von mir weiß
Unruhig, sehnsüchtig, krank,
wie ein Vogel im Käfig,
ringend um Lebensatem,
als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen,
nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten,
nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür
und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde,
in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken,
zum Schaffen,
matt und bereit,
von allem Abschied zu nehmen?Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser
und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich?
Vor Menschen ein Heuchler,
vor mir selbst
ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist,
dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht
vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mit Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich,
Dein bin ich, o Gott!

(Dietrich Bonhoeffer, „Widerstand und Ergebung“)

Die Strophen eins bis drei handeln von sozialer Identität. Bonhoeffer stellt dar, wie seine Umwelt ihn definiert, welche Identität sie ihm zuspricht: gelassen, heiter, frei, freundlich, gleichmütig … einem Gutsherrn vergelichbar, der den Eindruck vermittelt, als gebiete er seinen Bewachern, als sei er es, der siege. Er beschreibt also einen vermeintlichen Rollentausch.

Bonhoeffer hinterfragt diese soziale Identität in der vierten Strophe seines Gedichts, indem er sie bewusst und zugleich mit der personalen Identität konfrontiert: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?“ Ein ganz anderes Bild, als seine Umwelt ihm vergewissert, zeichnet Bomhoeffer von sich selbst: unruhig, zitternd, umgetrieben, müde und matt. Seine Ich-Struktur zeigt sich hier sehr komplex, formuliert sich jedoch in klaren Bildern und Verhaltensweisen.

Erst in der fünften Strophe versucht er eine Ausbalancierung beider Identitäten, der sozialen und der personalen. Das heißt, Bonhoeffer rechnet eigentlich beide gegeneinander auf: Mit der personalen kritisiert er die soziale Identität und umgekehrt mit der sozialen die personale Identität: „Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein … Schwächling.“

Es zeigt sich also, dass Bonhoeffer soziale Identität eben nicht als Maske, als „Larve“ für personale gelten lässt; in seinen Augen vermag letztlich die soziale Identität die personale nicht zu stabilisieren.

Abschließend – in der sechsten Strophe – fragt Bonhoeffer noch einmal: „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.“ Die Balance scheint nicht zu gelingen; gleichwohl erträgt Bonhoeffer den Akt des Balancierens, er lebt bewusst mit der Identitätskrise, auch wenn sie ihn an die Grenze seiner selbst führt: Seine Fragen sind es ja, die mit ihm Spott treiben.

An dieser Stelle und Schwelle wird dann sichtbar, wodurch er sich letztlich gehalten weiß, nämlich nur dadurch, dass Gott um ihn und seine Fragwürdigkeit weiß, ihn „kennt“. Nicht „Die Krankheit zum Tode“, wie Soeren Kiergegaard die Verzweiflung beschreibt, ist also die Folge der Identitästkrise, des Nicht-ausbalancieren-Könnens von personaler und sozialer Identität, sondern Gelassenheit und Geborgenheit („Wer ich auch bin …“) Bonhoeffer vertraut darauf, dass Gott ihn kennt: Dieses Erkanntsein gibt in Zerrissenheit das Vertrauen, gerade als Zerrissener bekannt und erkannt zu sein und ungeachtet dessen – vielmehr gerade als solcher – existieren zu dürfen. Dieses Sich-Gott-anheim-Stellen ermöglicht es im Grunde Bomhoeffer, den Zustand seines Infrage-gestellt-Seins, den Zustand des Nicht-ausbalancieren-Könnens gleichwohl aushalten zu können.

Die paradoxe Erfahrung der Identität ist für ihn freilich nur auszuhalten in der paradoxen Erfahrung der Identität Gottes mit der verwirrten und verdammten Wirklichkeit der Welt. In Jesus, dem Gekreuzigten, tritt Gott in den Riss seiner Identität. Indem Er sein Kreuz in dieser Welt und unserer Wirklichkeit aufrichtet, kann sich das fragende Ich – trotz aller Fragwürdigkeit – daran aufrichten und ausrichten. Die chrisltiche Tradition fasst diese Erfahrung von Grund inmitten von Abgrund im Symbol von Auferstehung und österlicher Gewissheit.

„Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“