Protestantismus ohne Protest

 

Eine systematische und umfassende Darstellung der Geschichte der pfälzischen Landeskirche in der NS-Zeit

von Christoph Picker

„Historisch bin ich überzeugt, dass wir die ersten sechzig Jahre sowieso nie etwas verstehen. Alle Beteiligten müssen tot und alle Quellen zugänglich sein, und dann brauchen wir immer noch viel Zeit, um alles zu durchdenken“. Was der US-Historiker Timothy Snyder mit diesen Worten ganz allgemein bemerkt hat, gilt auch für die pfälzische Regionalkirchengeschichte. Andreas Wirsching, Direktor des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, wird noch etwas deutlicher: „Das Schwinden persönlicher Loyalitäten ist eine notwendige Voraussetzung für die historische Distanzierung und die damit mögliche kritische Aneignung und Aufarbeitung von Geschichte. Wenn einflussreiche Persönlichkeiten noch institutionell und durch persönliche Wirkung dominieren, vermag meist auch ihr Narrativ das Bild der eigenen Geschichte zu prägen.“

Nach 1945 erschienen die Kirchen als verhältnismäßig intakte und vertrauenswürdige Institutionen. Das gilt auch für die Vereinigte Protestantisch-Evangelisch-Christliche Kirche der Pfalz – obwohl phasenweise die Hälfte der pfälzischen Pfarrer den nationalsozialistischen Deutschen Christen beigetreten war und obwohl von 1934 bis 1945 mit Ludwig Diehl ein Landesbischof amtierte, der das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP trug. Es überrascht kaum, dass unter diesen Bedingungen keine ausgeprägte Neigung bestand, sich intensiver mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte blieb punktuell und war häufig durch die besondere Perspektive der Beteiligten geprägt.

Die christlichen Kirchen haben nach 1945 einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur geleistet. Internationale Versöhnungsarbeit, Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, das Gespräch mit dem Judentum sowie die Etablierung von Gedenktagen und Gedenkritualen wurden in hohem Maße von den Kirchen mitgetragen und mitgeprägt. Schleppender gestaltete sich die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 19. Oktober 1945, die Stuttgarter Schulderklärung, bekannte zwar eine kirchliche Mitverantwortung: „… durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden […] Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Die tiefen Verstrickungen der Kirche in das NS-Regime blieben gleichwohl nur angedeutet. Eine differenzierte Benennung konkreter Irrtümer, Versäumnisse und Vergehen fehlt in der Stuttgarter Schulderklärung – die zudem nur zögerlich rezipiert wurde.

In der Pfalz wurde sie im Dezember 1945 und erneut im März 1946 im Evangelischen Kirchenboten abgedruckt. Eine offizielle Verbreitung durch Veröffentlichung im Amtsblatt oder durch Verlesung in den Gemeinden – beides hatte die seinerzeit neu gegründete Kirchlich-Theologische Arbeitsgemeinschaft Anfang 1946 ausdrücklich angeregt – fand nicht statt. Der Landeskirchenrat beließ es bei einer Kundgebung, die er am 10. August 1945 als Kanzelabkündigung veröffentlicht hatte. Die Mitverantwortung der pfälzischen Protestanten wurde darin angedeutet: „… müssen wir nicht auch an unsere eigene Brust schlagen und bekennen: Wir haben in manchem gefehlt, wir haben in vielem versagt? […] wir haben vielfach geschwiegen, wo wir hätten reden müssen, wir haben zugeschaut, wo wir hätten handeln müssen!“

Eine „häretische Kirche“ redet sich schön

Insgesamt blieb der Text noch diffuser als die Stuttgarter Schulderklärung. Der Nationalsozialismus wird explizit überhaupt nicht erwähnt. Als sich am 8. Dezember 1947 die Vorläufige Landessynode mit einem „Wort an die Gemeinden“ wandte, richtete sich der Blick nur noch nach vorne. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus spielte keine Rolle mehr. Klare Worte fand einzig die kleine, oppositionelle Kirchlich-Theologische Arbeitsgemeinschaft. Im Frühjahr 1946 konstatierte sie, dass der „größte Teil der pfälzer Gemeinden, der Pfarrerschaft und die gesamte Kirchenleitung betont nationalsozialistisch gesinnt waren“. „Die Pfälzische Landeskirche als solche blieb eine häretische Kirche. Und das ist unser aller Schuld.“

Die Ende 1947 erneut erhobene Forderung nach einer „aufrichtigen Lossagung der Kirche vom Nationalsozialismus“ fand keinen Widerhall. Der Mehrheit erschien ein solcher Schritt entweder nicht erforderlich oder nicht opportun. Stattdessen verfestigten sich drei langlebige Narrative:

  • das Narrativ vom kirchlichen Widerstand,
  • das Narrativ von der glimpflich verlaufenen NS-Kirchengeschichte in der Pfalz und
  • das Narrativ von der Kirche als Opfer des Nationalsozialismus.

Der Pfälzische Pfarrerverein sah die evangelische Kirche und die pfälzische Pfarrerschaft rückblickend eindeutig auf der Seite der Regimegegner. Bereits am 8. Mai 1945, am Tag des Kriegsendes, wandte er sich mit einer entsprechenden Stellungnahme an den Landeskirchenrat: „Neben der katholischen Kirche hat die Evang. Kirche in Deutschland gegen das Unrecht der Judenverfolgung, gegen die in den Konzentrationslagern begangenen Grausamkeiten, gegen die Ermordung Geisteskranker und Gebrechlicher, wie überhaupt gegen die Mißachtung des christlichen Ethos protestiert. […] Die Pfarrerschaft der Pfalz hat von wenigen Ausnahmen abgesehen das Unrecht mißbilligt, das in der hinter uns liegenden Zeit in Deutschland unter Duldung oder gar auf Anweisung einer irregeleiteten, von antichristlichem Geist erfüllten Obrigkeit geschehen ist.“

Zum Symbol des vermeintlichen Widerstands wurde schnell die Pfälzische Pfarrbruderschaft. So hieß es in einem Wort des Landeskirchenrates an die Bezirkssynoden vom 13. Juli 1946: „Die seit dem Eingliederungsakte des Jahres 1934 zum Widerstand wach gewordenen Pfarrer der Pfalz sammelten sich in der rasch angewachsenen Pfälzischen Pfarrbruderschaft, verbanden sich mit gleichgesinnten Gemeindemitgliedern, die Mitglieder der Bekennenden Gemeinde wurden, und suchten die Sache der Bekennenden Kirche zu verfechten.“ Dass sich nur eine Minderheit der pfälzischen Pfarrer der Pfarrbruderschaft zugehörig fühlte und dass die Kontaktaufnahme mit der Bekennenden Kirche nur zögerlich und unter Vorbehalten erfolgte, wurde verschwiegen.

Das gleiche gilt für die Tatsache, dass sich die Mitglieder der Pfarrbruderschaft in der Pfalz bald zu einer Kooperation mit den Deutschen Christen bereitfanden und dem NS-Regime die Loyalität in aller Regel nicht aufkündigten. In einem Schreiben an die Vorläufige Kirchenleitung der Bekennenden Kirche bekundete der Vorsitzende der Pfarrbruderschaft, Hans Stempel, 1935 ausdrücklich seine politische Linientreue: „Zu meiner kirchenpolitischen Haltung und auch zur Bekennenden Kirche treibt mich in keiner Weise ein politisches Ressentiment oder irgendeine ‚reaktionäre‘ Gesinnung. Eines der ältesten Parteimitglieder unter unserer Pfarrerschaft gehört unserer Pfarrbruderschaft von Anbeginn an. Ich bin alter Frontoffizier und 50%iger Kriegsbeschädigter.“

Erst war ja alles nicht so schlimm …

Das Narrativ von der glimpflich verlaufenen NS-Kirchengeschichte in der Pfalz geht auf Hans Stichter zurück. Stichter hatte während der gesamten NS-Zeit dem Landeskirchenrat angehört und amtierte von August 1945 bis August 1946 als Landesbischof. Am 6. Juni 1945 wandte er sich nach dem erzwungenen Rücktritt von Landesbischof Ludwig Diehl mit einem Schreiben an die pfälzischen Pfarrer: „das eine muß doch gesagt werden, daß durch die Tätigkeit des Landesbischofs und seine Verbindung mit politischen Stellen vielfach radikale Maßnahmen abgebogen werden konnten, daß zum Teil unter Mitwirkung verständnisvoller Amtsbrüder die schlimmsten Auswüchse des Kirchenkampfes uns erspart blieben und daß er ohne Rücksicht auf die kirchenpolitische Haltung für Amtsbrüder, die mit staatlichen oder Parteistellen in Konflikt geraten waren, sich jederzeit und in vielen Fällen mit seiner ganzen Person einsetzte.“

Noch nach Diehls Tod am 15. Oktober 1982 waren solche Deutungsmuster wirksam. Dass Diehl als frühes und überzeugtes NSDAP-Mitglied maßgeblichen Anteil daran hatte, dass die NS-Ideologie in der pfälzischen Kirche bestimmend wurde, erwähnte Stichter nicht.

… und schließlich war man ja selbst ein Opfer perfider Umstände

Auch das verbreitete Narrativ von der Kirche als Opfer des Nationalsozialismus wurde in der Pfalz kultiviert. So berichtete der bald darauf zum Kirchenpräsidenten gewählte Hans Stempel am 29. August 1946 auf der Vorläufigen Landessynode über die kirchliche Lage: „Die evangelische Kirche in den deutschen Landen ist in dem schweren Ringen mit dem Nationalsozialismus nicht zerstört worden, obschon ihr die Vernichtung zugedacht war.“ Etwas differenzierter, in der Grundrichtung jedoch nicht anders, äußerte sich Stempels späterer Nachfolger als Kirchenpräsident Theodor Schaller am 20. November 1946 in einem historisch ausgerichteten Referat über „Gestalt und Wesen der Prot. Landeskirche“ vor der Landessynode. In einem sehr knapp gehaltenen Abschnitt über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg urteilte er: „diese langsam aufbauende Entwicklung wurde zerschlagen durch die auch die Kirche überbrandende Flut des Nationalsozialismus. Von der Not und dem Kampf der Kirche in diesen Jahren soll hier nicht geredet werden. Eines nur sei deutlich gesagt: Auch in der pfälzischen Kirche wurde in diesen Jahren geirrt und gefehlt, aber auch viel gelitten und tapfer gekämpft.“

Es dauerte mehrere Jahre, bis in offiziellen Zusammenhängen selbstkritischere Töne zu hören waren. Anlass war das „Wort zur Judenfrage“ der EKD-Synode in Berlin-Weißensee vom 27. April 1950. In dieser Erklärung wurde erstmals eine kirchliche Mitschuld am „Frevel“ an den Juden eingestanden. In der Pfalz referierte am 22. Juni 1950 der Kaiserslauterer Dekan Karl Groß vor der Landessynode über die „Judenfrage“: „ … das Schweigen der Kirche über das im Dritten Reich an Israel vollzogene Blutgericht lastet schwer auf der Kirche.“ Und weiter: „Man muss mit schmerzlichem Bedauern und großer Sorge feststellen, daß in der Menge unseres Volkes wenig sichtbare Zeichen vorhanden sind, die ein klares Abrücken von den unheilvollen Verirrungen der zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 erkennen lassen.“

In der folgenden Synodaldebatte wurde die kirchliche Mitverantwortung an der Ermordung der Juden konkret benannt: „Wir haben durch die Auszüge aus den Kirchenbüchern dem Dritten Reich das Material zur Durchführung seiner Ariergesetzgebung geliefert.“ Die Synode beschloss daraufhin eine Kanzelverlesung des Wortes von Weißensee. Auch in den Folgejahren konzentrierte sich die Auseinandersetzung der Landeskirche mit der eigenen NS-Geschichte auf das Verhältnis zum Judentum. 1961 schlug Synodalvizepräsident Ernst Schläfer vor, dass die Landessynode eine „allgemein zu verlesende und zu predigende Kanzelabkündigung über die Judenfrage grundsätzlich und gegen den Antisemitismus, sowie noch einmal klar und deutlich über unsere deutsche Schuld und insbesondere über die Schuld unserer Kirche herausgeben“ solle. Da er jedoch auf einen förmlichen Antrag verzichtete, blieb seine Initiative ohne Folgen.

Erst in den 1980ern und 1990ern: zaghafte Versuche, sich der Geschichte zu stellen

Am 5. Februar 1982 wurde in Lambrecht ein landeskirchlicher Arbeitskreis Kirche und Judentum gegründet. Am 29. November 1984 ergriff dessen Mitglied Hans Reichrath die Initiative für eine Änderung der Kirchenverfassung, in der „unser besonderes Verhältnis zum Judentum als verpflichtende Verantwortung zum Ausdruck gebracht wird“. Im Mai 1990 fand eine Schwerpunktsynode zum Thema „Kirche und Judentum“ statt. Einstimmig angenommen wurde eine Entschließung des Theologischen Ausschusses, die folgendes konstatierte: „In der Zeit des Nationalsozialismus hat sich die Kirche, von Einzelnen abgesehen, nicht für die entehrten und bedrohten Juden eingesetzt und sich ihrer Vernichtung nicht entgegengestellt. Als vor 50 Jahren, am 22. Oktober 1940, die noch in der Pfalz verbliebenen Juden nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurden, gab es keine Stimme des Protests aus unserer Kirche. Nach Krieg und Niederlage, als das ganze Ausmaß der Verbrechen und Schuld bekannt wurde, ging die Mehrheit einer aktiven Auseinandersetzung mit dem, was von Deutschen anderen Völkern, Andersdenkenden, Schwachen und Kranken und vor allem dem jüdischen Volk angetan worden war, aus dem Weg.“

Beschlossen wurde die vorgeschlagene Verfassungsänderung am 11. Mai 1995. Oberkirchenrat Horst Hahn hielt in seiner Einbringungsrede im Blick auf die NS-Zeit erneut fest: Die Landeskirche „ist damals keiner Form von Judenfeindschaft entgegengetreten. Im Gegenteil.“ Das Bekenntnis zum Versagen gegenüber dem Antisemitismus und der Ermordung der Juden in der NS-Zeit sowie die daraus erwachsende Verantwortung waren zu wichtigen Identitätsmerkmalen der pfälzischen Landeskirche geworden.

Explizit wurde die Frage der NS-Vergangenheit im Zusammenhang mit der „Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion“ thematisiert. So lautete das Schwerpunktthema gleich zweier Tagungen der Landessynode im April und November 1989. „Die Schuld Deutschlands gegenüber der Sowjetunion muß in ihrem ganzen Ausmaß und in ihrer rassistisch-wahnhaften Begründung dem Vergessen entrissen werden“, hieß es vollmundig im Vorbereitungsmaterial zur ersten Tagung. In seiner Eröffnungsrede zur Novembersynode erklärte Synodalpräsident Gustav-Adolf Bähr: „Versöhnung ohne Einsicht in unsere Schuldverstrickung ist nicht möglich“.

Skeptisch gegenüber dieser Art der Aufarbeitung äußerte sich der Synodale Friedhelm Borggrefe: „Ich fühle eine gewisse Scham, dass wir erst jetzt darüber sprechen. Es entlastet uns nicht, dass wir betroffen darüber sprechen. Es ist einfach zu spät.“ Eine Schwierigkeit der Debatte lag wohl darin, dass Bezüge zur spezifischen Verantwortung der Landeskirche diffus blieben. Konkrete Aktivitäten im Sinne der Synodaltagungen entwickelte allerdings der Arbeitskreis Pfalz-Ukraine, der bis heute besteht – und unter anderem Kontakte zu ehemaligen in der Pfalz beschäftigten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern knüpfte.

Nur geringe Resonanz fand in der Pfalz die Versöhnungsarbeit der Aktion Sühnezeichen. Lothar Kreyssigs Gründungsaufruf auf der EKD-Synode in Berlin-Spandau vom 30. April 1958 wurde von den pfälzischen EKD-Synodalen nicht unterzeichnet. In den Berichten von Kirchenpräsident Hans Stempel und Synodalpräsident Julius Cappel vor der pfälzischen Landessynode wurde die Gründung der Aktion Sühnezeichen nicht einmal erwähnt. Auch gegenwärtig gehört die pfälzische Landeskirche – im Unterschied zu den meisten anderen, auch kleineren Gliedkirchen der EKD – nicht zu den Förderern der Aktion Sühnezeichen.

Starre Ordnungen und viel Betriebsamkeit und Geld

Manche hätten sich nach 1945 eine kritischere Auseinandersetzung mit der institutionellen Rolle der pfälzischen Landeskirche in der NS-Zeit gewünscht. Provokativ brachte das Karl Handrich auf den Punkt. Bei einem Grußwort zur Einführung von Oberkirchenrat Heinz Kronauer am 26. Oktober 1969 ging er erbarmungslos mit seiner Kirche ins Gericht: „Diese Kirche hat nach 1945 keine Buße für ihre schrecklichen Sünden im ‚3. Reich‘ getan und hat die große Chance ihrer Erneuerung und Reformation bisher versäumt […] Diese Kirche ist eine sterbende Kirche und versucht, sich selber krampfhaft mit starren Ordnungen und viel Betriebsamkeit und Geld am Leben zu erhalten.“

Handrichs Urteil mag maßlos erscheinen, aber tatsächlich bleiben offene Fragen: Welchen Anteil hatte die Landeskirche am Erfolg des Nationalsozialismus in der Pfalz? Inwiefern verhinderte eine Fixierung auf institutionelle Eigeninteressen die Bereitschaft, für die Verfolgten einzutreten und Kritik am Regime zu riskieren? Was befähigte Einzelne, sich trotzdem mehr oder weniger widersetzlich zu verhalten? Wie hat sich die Staatsnähe des Protestantismus ausgewirkt? Wo lagen die Defizite in der demokratischen Kultur der Landeskirche? Welche Rolle spielten Homogenitätsideale und Konsenskultur im pfälzischen Protestantismus? Wirkte sich die Intimität innerhalb einer kleinen Landeskirche negativ aus? Gab es spezifisch theologische Defizite? Welche Konsequenzen sind daraus ableitbar für gegenwärtiges kirchenleitendes Handeln?

Der Zuständigkeitsbereich der Kirchengeschichtsschreibung ist hier verlassen. Ihre Aufgabe ist weder die Konstruktion eines kirchentragenden Geschichtsbildes noch die Bereitstellung von Argumenten zur Kirchenkritik oder zur Kirchenreform. Eines allerdings ist deutlich: Weiterentwickeln lässt sich eine verantwortliche Erinnerungskultur nur auf der Grundlage sorgfältiger, methodisch disziplinierter historischer Forschung.

Die damals Beteiligten sind nicht mehr am Leben. Die gewohnten Narrative verblassen. Eine neue Generation steht vor der Aufgabe, sich die Geschichte anzueignen. Dass dies jetzt geschieht, 70 Jahre nach der Beendigung der NS-Herrschaft durch die Alliierten, ist weder ein Zufall noch eine Anomalie.