Die Kirche und der rot-grüne Zeitgeist

 

von Michael Wildberger

Manch ein Prediger beglückt seine Gemeinde gerne immer wieder neu mit der einen oder anderen altbewährten Erkenntnis. Ein aktuell gewählter Einstieg, eine neue Finte in der Formulierung des ewig selben Gedankens wird irgendwann wohl auch den letzten verstockten Geist brechen. Nicht selten prallt diese Hoffnung des Predigers auf eine gewisse Verärgerung, namentlich wenn seine vermeintlich sichere Erkenntnis mittlerweile ein wenig abgehangen wirkt und es inzwischen wahrlich Wichtigeres gibt.

„In vielen Kirchengremien weht ein rot-grüner Zeitgeist“, stellt die Evangelische Nachrichtenagentur idea aus Wetzlar dieser Tage wieder mal aufs Neue fest. Dazu zitiert sie den Vorsitzenden der Internationalen Martin Luther Stiftung mit Sitz in Eisenach, Michael J. Inacker. Zeitgeist-Bischöfe und -Pastoren würden heute – anders als Luther – sagen: „Hier stehen wir und können auch anders, wenn die Parteivorstände von SPD und Grünen es wollen.“ Damit konnte man Ende der 80er, Anfang der 1990er Jahre die Leute erschrecken, als Michael Inacker noch im Planungsstab des CDU-geführten Verteidigungsministeriums arbeitete. Heute macht dieser Gedanke kaum mehr jemanden schaudern.

Inackers Unterstellung, Bischöfe und Pastoren ließen sich von Parteivorständen der einen oder anderen Partei Vorschriften machen, wirkt rührend komisch; sein Kirchentags-Bashing klingt fast schon altbacken. Wenn er glaubt, kritisch eine Lanze für Luther und die Reformation brechen zu müssen, sollte er andere Felder beackern. Nicht allein mir zum Beispiel stößt auf, dass die EKD plant, im Rahmen des Luther-Jubiläums am 14. September nächsten Jahres einen „ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Festes der Kreuzerhöhung“ zu feiern.

Bei aller Liebe zur Ökumene: Das „Fest der Kreuzerhöhung“ erinnert an das Auffinden des vorgeblichen Kreuzes Christi am 13. September des Jahres 326 durch Kaiserin Helena, Mutter Kaiser Konstantins; ein ökumenisch begangenes Reliquien-Fest zum 500. Jubiläum der Reformation! Sowas können sich rote oder grüne Parteivorstände nicht ausdenken.