Nichts ist essentiell vor dem Menschsein selbst und seiner Würde

 

Der historisch-kritische Umgang mit der Bibel und seine theologischen Folgen

Von Helmut Falkenstörfer

Ein Gelehrter aus dem Feld des Rechts schlug mir einmal vor, dem Gedanken Raun zu geben, „dass gerade die Evolution der göttliche Weg der Schaffung des Menschen gewesen sein könnte“. Das wird in fast jedem Konfirmandenunterricht so gelehrt; dass zumindest die protestantische Theologie historisch-kritisch mit dem Texten der Bibel umgeht, ist also auch in gebildeten Kreisen nicht immer bekannt.

Historisch-kritisch mit der Bibel umzugehen heißt, sie als Text zu betrachten wie jedes andere Buch und jede andere Geschichtsquelle: zu unterscheiden, was Mythos ist, was Sage, was Rechtsdokument und was Poesie. Historische Berichte zu trennen von literarischen Texten und zu sehen, dass die Schöpfungsgeschichte ein Mythos ist und kein Bericht, der mit Urknall und Darwin konkurriert. Das ist in der aufgeklärten Theologie selbstverständlich, dem Publikum aber vielfach nicht bewusst. Sicher liegt da auch eine Bringschuld der Kirche, deren Arbeit das zu wenig betont, weil sie es für selbstverständlich hält.

Das ist nun nicht etwa „moderne Theologie“. Den Gedanken gibt es in der protestantischen Theologie seit etwa 300 Jahren. Wenn auch in unterschiedlicher Breite und natürlich nicht ohne Bestreitung. Der holländische reformierte Theologe Johannes Clericus forderte bereits um 1700 „die einzelnen Schriften des AT genau wie die griechischen Schriftsteller als »Literatur« zu behandeln“.

Was aber bleibt dann theologisch? Was bleibt als Verkündigung?

Beginnen wir mit einem Ereignis, das ganz historisch ist aber in seiner Bedeutung ganz von der Deutung abhängt, die man ihm gibt: der Tod Jesu am Kreuz. Das war zunächst eine Hinrichtung wie es Tausende gab. Das ist ein Faktum, und da gibt es nichts zu glauben. Bedeutung bekommt das Ereignis durch Interpretation. Oder, mit einem Wortspiel gesagt: Bedeutung bekommt es durch Deutung. Der Glaube beginnt mit der Deutung; das heißt: Er ist Deutung des Ereignisses. Und Deutung findet statt ‑ kann gar nicht anders als stattfinden ‑ auf dem Felde menschlicher Erfahrung und menschlicher Sprache. Sie braucht Bezüge in der Erinnerung und Überlieferung vom Sein und Erleben des Menschen.

Die im allgemeinen Verständnis zentrale Deutung ist, dass Jesus zur Sühne für die Sünden der Menschen gestorben sei. Die Evangelisten und Apostel haben ihm diese Deutung gegeben. Diese Deutung wird heute, auch in Teilen der Kirche und der Theologie, problematisiert. Man fragt, wieso Gott ein solches Opfer nötig habe. Er könne doch auch so vergeben. Das ist eine legitime Frage. Man kann aber auch fragen, ob dieser Einwand nicht zu kurz greift.

In der damaligen Zeit war das Opfer der angemessene Umgang mit Gott und den Göttern. Das ist von der Konstitution des Menschseins her nicht vorbei oder erledigt. Auch heute ist das Opfer die höchste Beglaubigung eines Willens und einer Tat. Was von Jesus ohne solche Beglaubigung geblieben wäre, stellt Ernst Jünger vor Augen: „Es ist denkbar, dass Christus zur Tafel des Hohenpriesters oder des Proconsuls eingeladen worden wäre ‑ denkbar wegen eines gewissen Aufsehens, das er in der Stadt am Palmsonntag erregt hatte. Er wäre dann ein Samenkorn im Ozean der Geschichte geblieben, und niemand wüsste mehr von ihm.“ (Siebzig Verweht 2 am 31. Mai 1971, SW 5, S. 47)

Die Vorstellung vom Opfer hat viel mehr Aspekte als den stark juristisch gestimmten Gedanken von der stellvertretenden Befriedigung Gottes, den erst Anselm von Canterbury im 12. Jahrhundert in solcher Schärfe formuliert hat. Aber es stimmt: Die Vorstellung hat sich jedenfalls im westlichen Christentum durchgesetzt. Biblisch ist sie ein Seitenzweig, der freilich in der westlichen Kirche in den Vordergrund getreten ist. Es ist sinnvoll, dass er nun problematisiert und neu diskutiert wird.

Das Lamm ist Symbol für den unschuldig Leidenden. Es spiegelt eine der ältesten menschlichen Erfahrungen. Und im Felde dieser Vorstellungen lebt eine zweite Erfahrung: die Erfahrung, dass es Stütze, Hilfe, Solidarität und im Extremfall Stellvertretung geben kann. Bert Brecht hat das in sechs Worte gefasst: „Denn jede Kreatur braucht Hilf‘ von allen“.

Im Gottesdienst am Karfreitag tritt das viel eher vor Augen als die Theorie von der Satisfaktion Gottes. Dieser Tag ist eine Würdigung des Leidens in der Welt. Eine Würdigung aller Opfer. Im Opfer für andere verwirklicht sich eine höchste Form des Menschseins.

Das Opfer ist das Wesen, dem Gewalt geschieht, das victim, wie es der englische Ausdruck benennt. Seiner ehrend und würdigend zu gedenken, ist zugleich ein Manifest gegen alle Gewalt in der Welt und die Frage, warum sie hingenommen wird. Nimmt man mit der christlichen Tradition Jesus als Bild und Präsenz Gottes in der Welt, dann heißt Jesu Tod als Opfer der Gewalt, dass Gott menschlich ist, indem er die Erfahrung menschlichen Leidens teilt. Und dass Menschlichkeit göttlich ist.

 


 

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