Vor der Sphinx: Das Spiel von Theismus, A-Theismus und Atheismus

 

Von Helmut Falkenstörfer

Es ist ganz symmetrisch: Ein breites Feld. Am Rande auf der einen Seite stehen die, welche fest und gewiss und diskurslos glauben, dass Gott existiert und ein Buch geschrieben hat, am anderen Ende diejenigen, die sicher sind, dass er nicht existiert und folglich alle Meinungen über ihn Täuschung und leeres Gerede sind. Dazwischen liegt das große Feld des Denkens, Erwägens, Unterscheidens (der Begriffe zuerst; denn was heißt Gott und was heißt existieren?), das Feld des Hörens und des Gesprächs. Im Feld dazwischen treffen sich die Maßvollen beider Seiten und reden miteinander. Manche mehr, manche weniger.

Schon der Begriff Gott oder Nicht-Gott ist größer als menschliches Wissen darum. Was bleibt ist die Bewegung des Fragens, Denkens, Vermutens. Des Glaubens natürlich auch. Und das heißt, des Entschlusses , sich versuchs- und lebensweise irgendwo niederzulassen. Teil des Wandelns über dieses Feld ist das das Buch

Werner Zager (Hrsg.), Der neue Atheismus – Herausforderung für Theologie und Kirche, Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG 2017,  256 S., 79,95 Euro.

Das Buch gibt die Vorträge wieder, die im Rahmen der Jahrestagung des Bundes für Freies Christentum im Herbst 2015 in Villigst gehalten wurden. Es ist also ein liberales, und das heißt allem Denken offenes Buch. Es ist die Eröffnung eines Dialogs über und wo möglich auch mit einem neuen Atheismus, der sich als „Kirche der Ungläubigen“ und so als Quasi-Religion organisiert. Zu den bekanntesten Vertretern gehören Richard Dawkins und in Deutschland Michael Schmidt-Salomon und die Giordano Bruno Stiftung. Da warten neue ökumenische Aufgaben.

Klage geführt wird nicht über den Neuen Atheismus selbst. Wohl aber darüber, dass dieser vielfach nicht auf die Vielfalt theologischen Denkens eingeht, sondern „die fundamentalistische Variante einer Religion als die eigentliche Religion ausgibt“ und sich oft gegen einen Gottesbegriff wendet, von dem sich „ein aufgeklärtes Christentum längst verabschiedet hat“.

Gesehen wird aber auch, dass die Religionen in ihrem faktischen Erscheinungsbild zu Missdeutungen Anlass geben. Denn dieses sei „ja weithin jämmerlich: Fundamentalismus, engstirnige Intoleranz, ja Gewaltherrschaft blühen, zugleich müssen sich die schrumpfenden Gemeinden z.B. protestantischer Kirchen davor hüten zu zahnlosen biblizistischen Grüppchen zu Verkommen“ schreibt der Freiburger Pädagoge Hans-Georg Wittig. Aber das sind Unerfreulichkeiten und nicht der Kern, um den es dem Buch und jedem offenen Menschen geht: den anderen zu verstehen und daraus selbst präziser zu werden.

Der Theologe Wolfgang Pfüller unterscheidet zwischen fröhlichen Atheisten wie Franz M. Wuketits und traurigen Atheisten wie Herbert Schnädelbach. Der eine ist froh, dass er Gott los ist, der andere ist bekümmert über die leere Stelle an seinem geistigen Himmel. Das steht in der Tradition Nietzsches. „ Sie sind zu altmodisch-humanistisch, als dass sie nach dem Tode Gottes nun dem Götzen belangloser Fröhlichkeit opfern könnten.“ Der Ausdruck „frommer Atheismus“ erscheint da nicht sinnlos.

Das kommt dann der Frömmigkeit vieler Kirchenmitglieder und auch ihrer Theologen nahe, die sich mit Gott an sich kaum beschäftigen, sondern sich an die Gestalt Jesu und an die großen Worte, Geschichten und Gleichnisse halten, welche die Bibel bietet. Der württembergische Pfarrer Andreas Rössler nennt sie „A-theisten im Ornat“. Mit Bindestrich, was meint, sie verzichten einfach auf einen Gott nach traditionell-theistischer Vorstellung und bewegen sich im Vorfeld der großen Sphinx. So etwas Ähnliches findet sich auch im Alten Testament: „Was verborgen ist, ist des Herrn, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unseren Kindern ewiglich, dass wir tun sollen alle Worte dieses Gesetzes.“ (5. Mose 29, Vers 28)

Die Beschränkung auf das Vorfeld geschieht meist stillschweigend und beiläufig, wird aber von einzelnen Außenseitern der Theologie auch ausdrücklich vertreten. Vor 50 Jahren war das unter dem Namen einer „Gott-ist-tot-Theologie“ sogar eine auf linken Wegen populäre Strömung. Hier übernahm die Gestalt Jesu den Platz Gottes.

Dieser A-theismus ist teilweise gar nicht so weit entfernt vom theologischen Mainstream. Bonhoeffers Bonmot „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht“ wird kein Denkender widersprechen. Denn wie auch immer, Gott gibt es nicht so wie es andere alltägliche Dinge gibt. Und auch der Gläubigste wird zugeben, dass er zumindest Teilagnostiker ist. Denn „Deus semper maior“ – Gott ist immer mehr als die Erkenntnis und der Glaube des Menschen. Da ist viel gemeinsamer Acker zwischen Atheisten und A-theisten der denkenden und hörenden Art.

Wer sich den unmittelbar vor Augen liegenden Aufgaben stellt – der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit, dem Verständnis, dem Verzeihen, dem Segen, dem Ritus und der Musik – hat es nicht nötig, sich dauernd mit der Frage nach dem großen, fernen und verborgenen Gott zu beschäftigen. Er kann da viel auf sich beruhen lassen. Selbst wenn es um den Tod geht. Da kann man von Bendedikt XVI. lernen. Eine bloße Verlängerung des Lebens wäre ja langweilig, schreibt er in seiner Encyclica SPES Salvi, „wenn nicht die Gnade hineinleuchten würde“. Da bleibt sehr offen, was diese Gnade denn sei. Und eine Möglichkeit ist die Gnade des Nichts, des großen Schlafes, der Befreiung vom Zwang zu sein.

Bleibt als Solitär der große Karl Barth (1886-1968), um den es ziemlich still geworden ist. Er bestritt jede Möglichkeit des Menschen ab, Gott zu erkennen und zu erfahren. Denn all solche Erkenntnis  und Erfahrung gehöre zum Reich der Sünde und bleibe Gott unendlich fern. In einem Riesensprung findet Barth ihn aber doch. In seiner Offenbarung in der Bibel und nur in der Bibel. Radikal und ohne Bezug zu Philosophie und allgemeiner Vernunft hat er daraus seine 65 Zentimeter breite und über 9.000 Seiten lange “Kirchliche Dogmatik“ gebaut. Schon Dietrich Bonhoeffer hat ihm wegen dieser Reduktion „Offenbarungspositivismus“ vorgeworfen. Hans-Georg Wittig nimmt den Ausdruck auf. Jede Offenbarung bedürfe prinzipiell vernünftiger Legitimation. Des halb wirke sich der bloße Offenbarungspositivismus eines Karl Barth „am Ende destruktiv aus“ und deshalb sei es so wichtig, dass die katholische Tradition seit je Verbindung zur philosophischen Reflexion gesucht habe. Das trifft nicht Barth, gilt aber allgemein und heute sehr konkret: Religion ohne Gespräch mit Vernunft und Humanität, Religion ohne Maß, ist offen für die schlimmste Entartung.