Antifeminismus und Gender-Kritik

 

(Berlin, 17. Juli 2017) Angriffe gegen Feminismus, Gleichstellungspolitik, sexuelle Selbstbestimmung, gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Geschlechterforschung haben stark zugenommen. Die gemeinsam vom Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebene Broschüre „Gender raus! Zwölf Richtigstellungen zu Antifeminismus und Gender-Kritik“ bietet verständliche Argumente und Anregungen, wie antifeministische Behauptungen und Parolen entlarvt und richtiggestellt werden können.

Aus der Broschüre „Gender raus! Zwölf Richtigstellungen zu Antifeminismus und Gender-Kritik“.

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, betonte zur Veröffentlichung: „Geschlechterverhältnisse und Sexualität sind schon lange Kampfplatz aufgeladener Debatten und ein globales Phänomen. Für uns als Stiftung und das Gunda-Werner-Institut ist es selbstverständlich, dass wir Antifeminismus und Homophobie nicht unbeantwortet lassen. Die Emanzipation der Geschlechter, Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Anerkennung aller sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten sind zentrale Elemente der Menschenrechte, die es mit Entschiedenheit zu schützen gilt.“

Nicht nur die Hetze gegen den Feminismus oder die Kritik an feministischen Anliegen wie Lohngleichheit, Recht auf Abtreibung, sexuelle Selbstbestimmung oder Quoten haben zugenommen. Auch der Begriff „Gender“ selbst ist ein Angriffsziel, betonen die AutorInnen. „Gender“ ist der englische Fachbegriff für Geschlecht. Gemeint ist jedoch nicht das körperliche, sondern das soziale Geschlecht, also die Art und Weise, wie Menschen Geschlechtsidentität in ihrem Alltag leben. Dies kann jeweils sehr unterschiedlich sein und wird nicht nur durch biologische Faktoren, sondern auch durch Erziehung, Kultur, Ökonomie und Machtstrukturen beeinflusst. „Gender“ zeigt, dass Menschen nicht passiv der Natur ausgeliefert sind, sondern dass ihr Leben auch von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängt und sie diese verändern und mitgestalten können.

„Gender-Kritik und Anti-Gender-Hetze bilden eine Art Dach, unter dem sich sehr unterschiedliche, teils gegensätzliche Akteur*innen, Organisationen, Parteien und Gruppierungen bündeln und oft auch gemeinsam agieren“, betonen die AutorInnen. „In Deutschland sind das unter anderen die extreme Rechte, die AfD, Pegida, verschiedene Männerrechtsgruppen, christlich-fundamentalistische Kreise sowie manche Journalist*innen, Publizist*innen und Wissenschaftler*innen. Gender-Kritik ist auch in der bürgerlichen Mitte verbreitet und generell ein fester Bestandteil öffentlicher Debatten. Gender-Theorien und Feminismus werden auch innerhalb gleichstellungspolitischer, feministischer, wissenschaftlicher und politisch linker beziehungsweise liberaler Kreise kontrovers diskutiert. Es gibt hier keine einheitliche Position. Im Unterschied zu diesen wichtigen Auseinandersetzungen ist jedoch das Ziel von Anti-Gender-Hetze und Antifeminismus, falsche Informationen zu geben, Hass zu schüren und gezielt Feindbilder aufzubauen.“ Im Einzelnen nehmen sich die AutorInnen folgende Parolen vor und rücken die aufgebauten Zerrbilder zurecht:

  • »Die Gender-Ideologie will die Ehe und die Kernfamilie abschaffen.«
  • »Die Gender-Ideologie will unsere Kinder in ihrer sexuellen Identität verunsichern und frühsexualisieren oder sogar homosexualisieren.«
  • »Gender Mainstreaming will Männer und Frauen gleichmachen.«
  • »Muslime und Migrantinnen bringen rückständige Frauenbilder nach Deutschland; muslimische Männer gefährden deutsche Frauen.«
  • »Migrantinnen bekommen viele Kinder und belasten die Sozialsysteme, während die Deutschen aussterben.«
  • »Feminismus ist Männerhass. Männer sind die eigentlichen Verlierer der Gleichstellung.«
  • »Die Gender-Ideologen übertreiben. Wir sind längst gleichgestellt.«
  • »Die Gender Studies sind keine objektive Wissenschaft, sie sind ideologisch.«
  • »Die Biologie legt fest, wie Männer und Frauen ticken und dass sie verschieden sind.«
  • »Abtreibung ist Mord. Frauenrechte dürfen nicht über das werdende Leben gestellt werden.«
  • »Man darf ja Frauen nicht mal mehr ein Kompliment machen. Wenn Frauen einen Minirock tragen, wollen sie doch angemacht werden.«
  • »Die Gender-Ideologie will die Geschlechterdifferenz abschaffen. Jeder soll sich sein Geschlecht aussuchen können.«

Hintergrund

Moderne Gesellschaften ermöglichen grundsätzlich, das eigene Leben auf vielfältige Art und Weise zu gestalten: So ist zum Beispiel gleichgeschlechtliche Liebe weitgehend akzeptiert, Frauen und Männer sind gesetzlich gleichgestellt und können im Prinzip entscheiden, wie sie leben wollen. Allerdings werden diese Errungenschaften mittlerweile von rechtspopulistischen und christlich-fundamentalistischen Kräften, aber auch aus der liberalen Mitte heraus zunehmend bekämpft oder infrage gestellt. Das betrifft Diskussionen im Alltag, in der Kneipe, auf Veranstaltungen oder Beiträge in Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendungen, Internet-Blogs, Artikeln und Büchern. Von „Gender-Ideologie“ ist die Rede oder „Frühsexualisierung unserer Kinder“. Mit dem Satz „Das muss man doch mal sagen dürfen…“ werden zum Beispiel rassistische, sexistische und anti-egalitäre Parolen, Hass und Verunglimpfungen in die Welt getragen und gerechtfertigt.

Viele Menschen sind mit solchen Parolen und Behauptungen schon konfrontiert worden. Manche würden gerne Behauptungen in Gesprächen und Diskussionen widerlegen, wissen aber nicht genau wie. Die Broschüre wurde gemeinsam vom Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Autorin Franziska Schutzbach erstellt.

Wer mehr über Gruppierungen und AkteurInnen erfahren will, die hinter antifeministischen Angriffen und Parolen stecken und wie diese vernetzt sind, findet umfassende Informationen in dem ebenfalls neu erstellten Online-Lexikon Agent*In (Information on Anti-Gender-Networks). Die Agent*In ist ein sogenanntes Wiki. In ihm werden Wissen, Daten, Fakten und Zusammenhänge über die Einflussnahme von antifeministischen AkteurInnen auf Politik und Öffentlichkeit gesammelt und organisiert. Alle Informationen sind aus öffentlich zugänglichen Quellen zusammengetragen. Neu ist die Verknüpfung und Zusammenstellung der Daten sowie die Einordnung der AkteurInnen. Lexikon und Broschüre ergänzen sich gegenseitig.