Globale Rekordernten, doch jeder neunte Mensch hungert

 

(Rom, 15. September 2017) Die Welternährungsorganisation FAO hat heute in Rom die neuen Statistiken über Hunger und Mangelernährung veröffentlicht. Danach ist die Zahl der weltweit Hungernden von 777 Millionen im Jahr 2015 auf 815 Millionen Menschen im Jahr 2016 gestiegen:

  • In Asien hungern 520 Millionen Menschen (11,7 Prozent der Bevölkerung),
  • in Afrika sind es 243 Millionen Menschen (20 Prozent der Bevölkerung, in Ostafrika sogar 33,9 Prozent),
  • in Lateinamerika und der Karibik 42 Millionen Menschen (6,6 Prozent der Bevölkerung).

Die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam, die Menschenrechtsorganisation FIAN und Brot für die Welt kommentieren die Zahlen.

Nur noch 43 Prozent der Ernten landen auf dem Teller

„Die Zahlen sind niederschmetternd ‑ angesichts globaler Rekordernten und Höchstständen bei Nahrungsmittelvorräten eine deprimierende Entwicklung“, so Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN. „Einmal mehr zeigt sich, dass Hunger meist nicht in geringen Produktionsmengen begründet liegt, sondern in Ungleichheit, Diskriminierung und Armut. Hungerbekämpfung muss daher – neben der akuten Katastrophenhilfe und der Beendigung kriegerischer Konflikte – zuerst die Rechte marginalisierter Bevölkerungsgruppen stärken“, so Mimkes weiter.

Die aktuellen Zahlen der Welternährungsorganisation FAO belegen, dass noch nie so viele Nahrungsmittel produziert wurden wie heute. Auch die Nahrungsmittellager sind weltweit prall gefüllt. Nach Ansicht von FIAN kann die negative Entwicklung der Hungerzahlen daher nicht alleine mit bewaffneten Konflikten und dem Klimawandel begründet werden. Denn auch in Ländern wie Indien, Pakistan, Kambodscha, Sambia, Sierra Leone oder Uganda liegt die Zahl der chronisch Hungernden zwischen 14 und 45 Prozent.

Roman Herre, Agrarreferent von FIAN: „Der Kampf für das Recht auf Nahrung aller Menschen ist insbesondere ein Kampf für Verteilungsgerechtigkeit. Schließlich landen heute nur noch 43 Prozent der Ernten auf dem Teller. Agrartreibstoffe, die explodierende Tierfutterproduktion, weggeworfene Lebensmittel und andere Auswüchse unseres industriellen Ernährungssystems sind wichtige Gründe für die verschärften Probleme.“

Die Rezepte für die Hungerbekämpfung sind bekannt

Dr. Bernhard Walter, Referent für Ernährungssicherheit bei Brot für die Welt, kommentiert: „Jeder neunte Mensch hungert. Dass jetzt 38 Millionen Menschen mehr hungern als 2015, hat vor allem menschengemachte Ursachen. Allein am Horn von Afrika und in Nigeria sind momentan 20 Millionen Menschen mehr akut vom Hungertod bedroht. Dort schaffen Konflikte, Kriege, Vertreibung und Klimaveränderungen zusätzlich Hunger.

Es ist ein Skandal, dass in Ländern wie Bangladesch oder Indien immer noch so viele Menschen hungern. Obwohl die Rezepte für die Hungerbekämpfung bekannt sind, wird viel zu wenig und dann noch das falsche getan. Besseres Saatgut, weniger Landraub, mehr Umweltschutz, effiziente Infrastruktur und Märkte sind einige der Stellschrauben, um den Hunger wirksam zu bekämpfen. Solange eine falsche Agrar- und Wirtschaftspolitik vorherrscht und die Politik sich nicht um die Armen kümmert, wird das Ziel der internationalen Staatengemeinschaft nicht erreicht werden, bis zum Jahre 2030 den Hunger zu beenden.

In den akuten Hungergebieten brauchen wir humanitäre Soforthilfe und endlich eine Politik, die nicht mehr teilnahmslos zuschaut, wie jedes Jahr Millionen von Menschen einen schleichenden Hungertod sterben – entschlossenes Handeln ist  nun erforderlich.

Diese Zahlen rufen auch nach besserer Früherkennung und Prävention. In den regelmäßig von Dürren betroffenen Regionen brauchen wir Frühwarnsysteme, Lager für Hilfsgüter und die rechtzeitige und vorausschauende Bereitstellung von Mitteln, wie zum Beispiel Krisenrücklagen, um schnell und lokal handeln zu können. In Konfliktgebieten muss eine konsequente Diplomatie dafür sorgen, dass Zugang zur Hilfe möglich wird.“

Strategie der Bundesregierung zum Scheitern verurteilt

Oxfam erinnert darean, dass sich die internationale Staatengemeinschaft mit der Agenda 2030 verpflichtet hat, Hunger und Mangelernährung bis 2030 zu beenden. Doch immer mehr Menschen werden abgehängt und von der Politik im Stich gelassen; die soziale Ungleichheit sowie Landraub durch Agrarkonzerne und Investoren nehmen zu. Der Klimawandel zerstört die Lebensgrundlagen der Menschen, beeinträchtigt die Ernten und verschärft den Hunger weiter.

„Wichtige Hungertreiber sind Krisen, Konflikte und der Klimawandel. Was die Menschen brauchen, ist Frieden in ihrer Heimat und deutlich mehr Unterstützung der reichen Länder bei der Anpassung an die klimatischen Veränderungen. Die Erderwärmung muss auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden“, erklärt Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale.

„Die Bundesregierung will den Hunger gemeinsam mit der Agrarindustrie bekämpfen. Diese Strategie ist zum Scheitern verurteilt. Die am stärksten von Hunger betroffenen Menschen werden nicht erreicht, kleinbäuerliche Familien verdrängt und ökologische Probleme verschärft“, kritisiert Wiggerthale.

Um den Hunger zu bekämpfen, müsse die Politik an den Bedürfnissen von kleinbäuerlichen Familien, Frauen und anderen an den Rand der Gesellschaft gedrängten Gruppen ansetzen und eine Landwirtschaft fördern, die umwelt- und klimagerecht sei. „Oberstes Gebot ist eine kohärente Politik, die nicht an einer Stelle das zerstört, was sie anderswo versucht aufzubauen. Konkret gilt es Landraub zu stoppen, die Spekulation mit Nahrungsmitteln einzudämmen und Billigexporte in Entwicklungsländer zu beenden“, so Wiggerthale.