Kompaktberatung in der Begleitung trauernder Menschen

 

»Ein Satz kann ein Leben verändern« – das ist eine Erfahrung, die Menschen immer wieder machen. Sie vergessen dieses Erlebnis in ihrem ganzen Leben nicht. »Es geht einem ein Licht auf«, sagen wir, wenn eine neue Erkenntnis uns trifft. Diesem Phänomen wird in diesem Buch nachgespürt. Kann man und wie kann man durch einen Satz, eine Geschichte im Anderen etwas auslösen, was ihm weiterhilft? Allein die »Kraft des Staunens, des Erwartens, des Wunderns löst wundersame Dinge in uns aus, in alle Richtungen« (Eckart von Hirschhausen).

Kompaktberatung geht davon aus, dass vieles im zwischenmenschlichen Bereich möglich ist, was wir manchmal nicht zu hoffen wagen oder nicht glauben. Mithilfe von kurzen verbalen Eingriffen gilt es, Menschen in ihrem Leben auf die Sprünge zu helfen; vorausgesetzt ist, dass sie das auch wollen. Eine Kurztherapie beziehungsweise die Kompaktberatung kann auch deswegen kurz sein, weil sie von der Annahme ausgeht, dass innerhalb der Beratungszeit nur Anregungen und Anstöße für die eigentlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozesse gegeben werden, die im konkreten Alltag des Menschen umgesetzt beziehungsweise vollzogen werden müssen.

Lösungsfokussiertes Arbeiten hat zum Ziel, mit dem Rat-und Trostsuchenden gemeinsam Perspektiven zu entwickeln, die ermutigen, die selbst gefundenen Schritte in Richtung der angestrebten Ziele zu gehen. Die angewandte Kommunikation verzichtet auf Festlegungen, die sich aus Diagnosestellungen ergeben, weil diese sich vorwiegend an den Defiziten des Individuums ausrichten.

Menschenbild

»Der Mensch ist nichts weiter als …« – gegen diesen stereotypen Halbsatz des Reduktionismus hat der Wiener Psychiater Viktor E. Frankl sein Leben lang gekämpft. Mit Sigmund Freud, der in seinem Ansatz der Psychoanalyse zu verstehen gab, der Mensch sei nicht »Herr im eigenen Hause«, sondern von seinen Trieben dominiert, wandte man sich dem Determinismus zu: Der Mensch war durch das ihm innewohnende »Es« vom »Unbewussten« gesteuert. Alfred Adler hob danach das Einmalige des Menschen hervor und begründete die Individualpsychologie als sogenannte zweite Wiener Schule. Viktor E. Frankl vertrat hingegen innerhalb seiner Existenzanalyse ein Bild des Menschen, das wesentlich von seiner Personalität geprägt ist und der damit verbundenen Geistigkeit, die sich in Freiheit und Verantwortlichkeit zeigt. Nach Frankl besitzt der Mensch die Fähigkeit, die Frage nach dem Sinn von Handeln und Leben zu stellen und beantworten zu können.

Als sprachbegabtem Vernunft- und Verstandeswesen sind dem Menschen die Voraussetzungen für eine selbstbezogene Sinnreflexion gegeben. Frankl sieht den Menschen nicht einseitig biologisch, psychologisch oder soziologisch vorherbestimmt. Menschliche Ganzheit ist vielmehr eine psycho-physische und die geistige Ebene der Verfügbarkeit entzieht (Dimensionalontologie). Frankl erläutert zum Verständnis des Geistbegriffs, dass, wenn ein dreidimensionaler Gegenstand (zum Beispiel ein Zylinder, ein Kegel oder eine Kugel) auf eine Fläche projiziert wird und wenn man nur die Projektion sieht, ein wichtiger Bereich vernachlässigt wird, weil man nur das zweidimensionale Abbild sieht. Es gilt daher, die geistige Ebene in die Behandlung einzubeziehen. Man muss laut Frankl dem Menschen wieder Mut zum Geist machen und den »Willen zum Sinn« anregen. Denn der Mensch hat Geist und ist ein geistiges Wesen.

Ein sinnvolles Leben ist jedem Menschen möglich. Es gilt, den Sinn des jeweiligen Momentes aufzuspüren. Er ist da und kann gefunden werden. Wie das richtige Handeln aussieht, vermittelt das Gewissen. Auch ein Todkranker kann seinem Lebensrest Sinn abgewinnen und sich zum Beispiel dem Tod in gelassener Hingabe stellen.

Die Kompaktberatung beruht auf den Franklschen Überlegungen, dass der Mensch auf Sinn ausgerichtet und bestrebt ist, in allen Lebenslagen und Problemsituationen Sinn zu erkennen. Er wird in einer für ihn schwierigen Lage versuchen, Antworten auf die Frage nach dem Sinn zu bekommen, und er wird bemüht sein, für ihn unsinnige Situationen und Erlebnisse zu klären. Der Geist als virtuelle Größe garantiert einen Erfolg des Miteinander-in-Beziehung-Tretens. Er ist auch in aussichtslos erscheinenden Fällen vorhanden und bietet die Möglich­keit, Schlüssel für scheinbar Unlösbares zu finden. Das Geistige ist sozusagen als etwas Weiteres und Drittes zu denken, eine Ebene, die sich dazwischenschiebt und vorhanden, aber nicht beeinflussbar ist.

In der Begegnung, im Gespräch von zwei Menschen nimmt ein »Drittes« in Gestalt einer Geschichte, eines Wortes teil und erweitert den Dialog, sodass er zum Trialog wird. Aus dem Gesagten wird Geschehendes, es ereignet sich etwas. Die Unterbrechung von Problemfokussierung wird mithilfe von Dezentrierungsübungen, seien sie aus dem Bereich der Musik, der bildenden Kunst oder des Tanzes, angeleitet. Bewusst wird ein Drittes als Medium eingeführt, das eingeschliffenes und gewohntes Denken unterbricht. Dieses »ganz Andere« eröffnet Freiräume und lässt dem menschlichen Geist Spielräume, die nach dieser Aktion zur Problemlösung genutzt werden können. Die Angebote zur Dezentrierung sind absichtsfrei und ihre Wirkung ist nicht planbar.

Als Möglichkeiten, das Geistige zu stimulieren, hat Frankl unter anderem die Nutzung des Humors und die paradoxe Intention entwickelt. Mithilfe des Unerwarteten werden Reize ausgesendet, die Verblüffung, in der heutigen Diktion einen Aha- Effekt, auslösen. Dieses Geschehen ist ungewöhnlich und lenkt von der Problemfokussierung ab. Die Dezentrierung schafft weite »Spiel«räume zum Denken, Tun und Schaffen. Eine neue Sicht auf das Geschehen entsteht. Was den Blick verstellte, ist wie weggezogen. Ein Stück »frei werden« ist entstanden. Etwas ist dazwischengetreten, die Verblüffung, ein Drittes, das Distanz schafft.

Kompaktberatung in der Begleitung trauernder Menschen

Gerade in der Begleitung trauernder Menschen gibt es oft lang andauernde Prozesse, die irgendwann nicht mehr mit der Verlustbearbeitung zu tun haben. Manchmal gibt es das Problem, dass Klientinnen sich nicht von der Beraterin trennen möchten, weil sie ihnen treue Gesamtlebensbegleiterin wurde oder sogar ansatzweise Ersatzperson für den verlorenen Menschen. Gerade hier ist die Kompaktberatung angebracht, um nicht ausschließlich in Endlosschleifen auf den erlittenen Verlust zu schauen, sondern auf ein mögliches und ein möglichst gutes Leben mit dem Verlust.

Bei der Kompaktberatung wird besonders die Expertinnenschaft der Klientin (»die immer schon ihre Lösungen mitbringt«) für ihre eigenen Probleme in den Vordergrund gestellt. Nach vorn gerichtet geht es darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der ausreichend Raum für die Trauer ist, in dem kreative Lösungen und positive Zukunftsbilder erschaffen werden können. Es geht um den Ausdruck und Fortschritt eines Problems, nicht so sehr um seine Entstehung. In der Kompaktberatung geht es vor allem um Intuition, um zu gegebener Zeit beim richtigen Menschen das passende Wort zu finden. Dazu bietet »Der richtige Satz zur richtigen Zeit« Hintergrundwissen und eine Fülle anschaulicher Beispiele und Möglichkeiten.