Oxfam-Bericht: Deutschland weist nach Litauen die zweithöchste Ungleichheit innerhalb der Eurozone auf

 

(Berlin, 22. Januar 2018) 82 Prozent des im vergangenen Jahr erwirtschafteten Vermögens ist in die Taschen des reichsten Prozents der Weltbevölkerung geflossen. Das geht aus dem Bericht „Reward Work, not Wealth“ hervor, den die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlicht. Die 3,7 Milliarden Menschen, die die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, haben dagegen überhaupt nicht vom Vermögenswachstum profitiert. Oxfam fordert, die Steuervermeidung von Konzernen und Superreichen zu stoppen, faire Einkommen für Frauen und Männer durchzusetzen und in Bildung und Gesundheit für alle zu investieren.

Der Bericht „Reward Work, not Wealth“ illustriert, wie sich der Graben zwischen Reich und Arm weiter vertieft und wie Konzerne und Superreiche ihre Gewinne erhöhen, indem sie Löhne drücken und Steuern vermeiden – auf Kosten normaler Arbeiter/innen und Angestellter sowie des Allgemeinwohls:

  • Bei der Vermögensverteilung weist Deutschland nach Litauen die zweithöchste Ungleichheit innerhalb der Eurozone auf. Das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung wuchs zwischen 2016 und 2017 um 22 Prozent, das der ärmeren Hälfte hingegen um lediglich drei Prozent.
  • Ähnlich sieht es bei den Einkommen aus. Die verfügbaren Einkommen der unteren 40 Prozent sind in absoluten Zahlen seit Anfang der 2000er-Jahre deutlich gesunken, während die Einkommen der oberen zehn Prozent überdurchschnittlich zulegten. Um das Jahreseinkommen eines Vorstandsvorsitzenden eines DAX-Konzerns zu verdienen, müsste eine durchschnittliche Arbeitnehmerin/ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland 157 Jahre arbeiten.
  • In Deutschland vereint das reichste Prozent knapp ein Drittel des Vermögens auf sich, 2008 waren es noch 22 Prozent.
  • Die verfügbaren Einkommen der unteren 40 Prozent sind in absoluten Zahlen seit Anfang der 2000er-Jahre deutlich gesunken, während die Einkommen der oberen zehn Prozent überdurchschnittlich zulegten.
  • Zwischen 2016 und 2017 ist die Zahl der Milliardäre weltweit angestiegen wie nie zuvor – alle zwei Tage kam ein neuer Milliardär hinzu. Mit 2043 Milliardären lag sie im Jahr 2017 auf einem Rekordhoch.
  • Im letzten Jahrzehnt wuchsen die Vermögen der Milliardär/innen durchschnittlich jährlich um 13 Prozent, die Löhne von Arbeiter/innen und Angestellten dagegen nur um zwei Prozent.
  • Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt weiterhin mehr Vermögen als der gesamte Rest.
  • Das reichste Prozent der Bevölkerung drückt sich durch Steuertricks um Steuerzahlungen von etwa 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
  • Entwicklungsländern entgehen durch die Steuervermeidung von Konzernen und reichen Einzelpersonen mindestens 170 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen pro Jahr – mehr als die gesamte weltweite Entwicklungshilfe (145 Mrd. US-Dollar / Jahr).

Jörn Kalinski, Kampagnenleiter von Oxfam Deutschland, kommentiert: „Die massive soziale Ungleichheit ist ein Krankheitssymptom unseres Wirtschaftssystems, nicht etwa ein Zeichen gesunden Wachstums. Eine reiche Minderheit nimmt massiv Einfluss auf politische Entscheidungen und senkt Unternehmenskosten – insbesondere Löhne und Steuern – in unverantwortlicher Weise, um die Profite der Anteilseigner zu steigern. Den Preis der Profite zahlen Milliarden von Menschen weltweit, die zu Löhnen, die nicht zum Leben reichen, schuften müssen und keinen Zugang zum öffentlichen Bildungs- und Gesundheitssystem erhalten.“

Wollte man extreme Armut durch Wirtschaftswachstum allein abschaffen, müsste die globale Wirtschaft um das 175-Fache anwachsen

Nach Messungen der Weltbank nimmt die Einkommensungleichheit global gesehen ab. Grund hierfür ist, dass die Einkommen in Lateinamerika, China und anderen bevölkerungsreichen asiatischen Ländern stärker wachsen als in den reichsten Ländern der Welt. Insgesamt ist globale Einkommensungleichheit jedoch nach wie vor extrem hoch. Ein Vergleich auf globaler Ebene ist wichtig, weil wirtschaftliche Gewinne zum Teil erst möglich werden durch weltumspannenden Produktions- und Handelstätigkeiten. Extremer Reichtum und extreme Armut sind durch das globalisierte Wirtschaftssystem miteinander verbunden und müssen daher auch gemeinsam in den Blick genommen werden.

Das Ausmaß des Vermögens der sehr kleinen Gruppe der Reichsten zu erfassen, gilt als schwierig. Ähnliches gilt für die Erfassung des sehr geringen Vermögens der Ärmsten. Verbesserungen der Datengrundlage führen daher regelmäßig zu Veränderungen früherer Einschätzungen hinsichtlich der Vermögensungleichheit auf der Welt. Oxfam betont, grundsätzlich mit den jeweils besten verfügbaren Daten zu arbeiten. Für die Analysen zu globaler Ungleichheit nutzt Oxfam die Zahlen des Weltvermögensberichts der Schweizer Großbank Credit Suisse und die jährliche Aufstellung der Milliardäre der Welt von Forbes. Diese zeigen einen ungebrochenen Trend der wachsenden globalen Vermögenskonzentration.

Ungleichheit trägt dazu bei, dass auch Menschen in der Mitte der Gesellschaft, die nicht von Armut betroffen sind, sich zunehmend vom sozialen Abstieg bedroht oder von der Gesellschaft nicht anerkannt fühlen. Als Projektionsfläche sozialer Ängste dienen fatalerweise oftmals Zugewanderte und Geflüchtete, obwohl sie nicht die Ursache, sondern ebenfalls Betroffene der Ungleichheitskrise sind.

Auch aus ökologischer Sicht ist eine gerechtere Verteilung unumgänglich. Wollte man extreme Armut durch Wirtschaftswachstum allein abschaffen – unter Beibehaltung der gegenwärtigen Verteilung der Wohlstandsgewinne zugunsten der Spitze –, so müsste die globale Wirtschaft um das 175-Fache anwachsen. Dies ist angesichts der ökologischen Grenzen unseres Planeten schlicht unmöglich.

Oxfam fordert die Bundesregierung auf, ihren Beitrag zum Abbau von Ungleichheit zu leisten – zwischen Arm und Reich, zwischen Männern und Frauen, weltweit und in Deutschland. Dazu gehört insbesondere:

  • Steuervermeidung von Konzernen und Superreichen stoppen: Steueroasen müssen durch schwarze Listen und Sanktionen ausgetrocknet werden. Weltweite Mindeststeuersätze würden dafür sorgen, dass Konzerne ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl leisten, und durch öffentliche länderbezogene Berichterstattung über Gewinne und darauf gezahlte Steuern würde der Prozess transparent und nachvollziehbar.
  • Faire Einkommen und gleiche Chancen für Frauen und Männer durchsetzen: Die Bundesregierung muss Unternehmen gesetzlich verpflichten, entlang ihrer gesamten Lieferkette für faire Einkommen und Löhne zu sorgen, Arbeits- und Menschenrechte einzuhalten und gegen Diskriminierung vorzugehen. Sie muss strukturelle Barrieren, die der gleichberechtigten ökonomischen Teilhabe von Frauen im Wege stehen, wie etwa das Ehegattensplitting in Deutschland, und die Belastung durch unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit abbauen.
  • In Bildung und Gesundheit für alle investieren: Schul- und Arztbesuch dürfen kein Luxus und keine Frage des persönlichen Wohlstands sein. Die Bundesregierung muss – in Deutschland selbst und als wesentlicher Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit – den Auf- und Ausbau hochwertiger und gebührenfreier öffentlicher Systeme für Bildung und Gesundheitsversorgung fördern.

Noch einmal Jörn Kalinski: „Das derzeitige Wirtschaftssystem fußt auf der konsequenten Ausbeutung von Frauen. Weltweit ist zu beobachten, dass Frauen geringer bezahlt werden als Männer und überproportional häufig in schlecht bezahlten Berufen und in unsicheren Arbeitsverhältnissen vertreten sind. Sie leisten unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit im Umfang von schätzungsweise zehn Billionen US-Dollar jährlich.“