In der Hoffnung, Entwicklungen auch mitzugestalten

 

Das Lesebuch zur EKD-Synode 2014

von Wolfgang Osterhage

Unter der Geschäftsführung von Oberkirchenrat Sven Waske hat ein Vorbereitungsausschuss ein Lesebuch zur EKD-Synode 2014 unter dem Titel „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ herausgegeben. Die 2. erweiterte Auflage ist unter dem Link

www.ekd.de/download/synode2014-lesebuch.pdf

zu erhalten. Um es vorweg zu sagen: ich halte den Auftritt in Form, Gestaltung und Navigationsfähigkeit für äußerst gelungen. Das „Lesebuch“ ist 154 Seiten stark und teilt sich in vier Kapitel auf: digitale Gesellschaft, digitaler Mensch, digitale Kirche und digitale Praxis. Am Ende eines jeden Kapitels findet man jeweils eine Galerie mit Beispielen aus dem Internet, die die vorhergehenden Ausführungen illustrieren.

Die Beiträge wurden von Fachleuten verfasst – allerdings nicht von Spezialisten der IT-Technik, sondern von Journalisten, Theologen und Soziologen, die sich bereits seit längerem mit den Wirkungen und Auswirkungen der neuen digitalen Welt auseinandergesetzt haben. Unter den Autoren finden wir zum Beispiel auch den auf der Synode 2015 wieder gewählten EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm.

Die Beiträge sind unterlegt mit aussagekräftigen Grafiken und zahlreichen Text-Links, wenn der Leser mehr über ein bestimmtes Stichwort wissen möchte. Am Schluss findet sich ein ausführliches Glossar mit den wichtigsten Begriffen der digitalen Welt. Wer allerdings erwartet hat, dass es sich bei diesem Werk um eine überwiegend kritische Auseinandersetzung mit den neuesten Trends in der digitalen Welt handeln würde, der muss enttäuscht sein. Die generelle Tendenz der Beiträge zeugt von einer positiven Sicht der Möglichkeiten, die das Netz und andere digitale Kompetenzen bieten.

Im ersten Kapitel „Digitale Gesellschaft“ werden state-of-the-art Entwicklungen vorgestellt und Statistiken über die Nutzung und Nutzer des Internets, sozialer Netze, Recherchemöglichkeiten und so weiter. Dabei nimmt das Thema „Big Data“ eine prominente Stellung ein. An dieser Stelle hätte ich mir allerdings einen etwas kritischeren Abstand gewünscht, etwa in Verbindung mit den Themen life logging, Medaps oder im Zusammenhang mit Angeboten der Versicherungsbranche, sein Fahrverhalten aufzeichnen zu lassen.

Ein weiterer Punkt betrifft die Nutzung des Netzes speziell durch Christen im Hinblick auf Glaubensinhalte. Es stellt sich heraus, dass diese Aktivitäten relativ dünn gesät sind, was mit der Kommunikation über Glauben im sonstigen Alltag ja übereinstimmt.

Das zweite Kapitel versucht, sich in verschiedenen Beiträgen dem „digitalen Menschen“ zu nähern, ist also geprägt von eher anthropologischen Überlegungen. Zum Einen geht es dabei um die eigene Wirklichkeit – der Mensch als Ebenbild Gottes – in einer virtuellen Welt. Die Fragen, die sich stellen, sind auch Fragen nach der eigenen Identität, dem Maskieren hinter Scheinadressen, dem Verlust von Hemmungen in der Anonymität. Es geht in diesem Abschnitt auch um praktische Probleme wie Verschlüsselung und geistiges Eigentum. Insgesamt überwiegt der Tenor: das Netz kritisch zu nutzen und nicht zu verteufeln.

Im Kapitel „Die digitale Kirche“ werden zunächst theologisch bereits vorhandene Praktiken ausgeleuchtet: Beten im Netz, Gottesdienste feiern im Netz, gemeinsame Netzpredigten. Die Grenze wird da erreicht, wo es um körperliche Präsenz geht: Die Virtualität Jesu hört beim Abendmahl auf, das nicht im Netz gefeiert werden kann.

Im vierten Kapitel werden diese Gedankengänge dann fortgesetzt mit konkretem Praxisbezug. Dabei erscheint das Netz dann doch vielfach als ein erprobtes Hilfsmittel, zum Beispiel als Planungsinstrument, Kommunikationsmittel für Gemeindebriefe, aber auch als Anlaufstelle in der digitalen Seelsorge.

Die Grundtendenz der EKD: eine durchweg positive Einstellung zu den modernen Kommunikationsmitteln

Das Lesebuch wird abgerundet durch einen Schlusseintrag, der von den Herausgebern „Kundgebung“ betitelt wird. In zehn (!) Thesen wird die Grundtendenz der EKD in einer durchweg positiven Einstellung zu den modernen Kommunikationsmitteln dokumentiert. Diese Thesen werden, nachdem sie zunächst vorangestellt sind, im Weiteren kommentiert und ausgestaltet. Es werden jeweils die technischen Möglichkeiten dem Auftrag der evangelischen Kirche gegenübergestellt. Die generelle Aussage ist, dass die evangelische Kirche die Möglichkeiten der modernen Kommunikation nutzt in Verkündigung, Gemeinschaftsbildung, Öffentlichkeitsarbeit, Bildung an sich und Zeugnisgeben. Dabei vertraut sie auf die Leitung Gottes und sieht sich zu konkretem christlichen Handeln aufgefordert, den digitalen Wandel mit zu gestalten. Lediglich These 7 warnt vor den Grenzen von Datensammlung und Auswertung.

Nicht nur Form und Gestaltung sind positiv zu bewerten, auch die Qualität und Auswahl der einzelnen Beiträge. Ich selbst hätte mir an der einen oder anderen Stelle mehr kritische Distanz gewünscht, insbesondere, was die Rolle der sozialen Netzwerke, den Algorithmen, die zum Beispiel unser Kaufverhalten bestimmen, und den Auswüchsen von Big Data betrifft. Vielleicht wollte die EKD aber vermeiden, dass Kirche wieder einmal als technologie- und fortschritts-feindlich erscheint, wie das ja in der Vergangenheit gelegentlich schon vorgekommen ist. Diese durchweg positive Bewertung der Möglichkeiten baut auch auf Hoffnung, dass es gelingen wird, nicht nur Entwicklungen zu beherrschen, sondern sie auch mit zu gestalten und davon zu profitieren, und sie nicht nur einfach hinzunehmen. Insgesamt ein gelungenes Werk, dem man eine weite Verbreitung auch außerhalb kirchlicher Kreise wünscht.