Die Welt ist „Hülle Gottes“

 

„Religionsloses Christentum“ bei Dietrich Bonhoeffer

von Daniel Baldig

Im Verlauf des Jahres 1944 gebrauchte Dietrich Bonhoeffer in Briefen aus seiner Gefangenschaft im Gefängnis Berlin-Tegel den Begriff „Religionsloses Christentum“. Dabei ging er von der Frage aus, wie das Evangelium in einer durch die europäische Aufklärung mündig gewordenen Welt dem autonomen Menschen so verkündigt werden könnte, dass dieser intellektuell redlich im christlichen Glauben leben könne: „Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist.“ (Brief vom 30. April 1944, „Widerstand und Ergebung“, Dietrich Bonhoeffer Werke – DBW ‑ 8, S. 402)

Bonhoeffer beobachtete, dass der Zweite Weltkrieg keine „religiöse“ Reaktion mehr hervorgerufen habe, und analysierte, die Zeit der klassischen Metaphysik und der Innerlichkeit sei vorbei: Es habe für die meisten Menschen keine Relevanz mehr, Gott hinter den Dingen, im Jenseits zu suchen, sich mit individueller Gewissensnot auseinanderzusetzen und Fragen nach dem Seelenheil und nach Erlösung zu stellen. Als Antwort darauf entwickelte Bonhoeffer ein „religionslos-weltliches“ Verständnis der christlichen Lehre.

Bonhoeffer betonte die Diesseitigkeit des christlichen Gottes durch die Anwesenheit Jesu Christi in der Welt. Christus sei nicht Gegenstand einer als Sonderbereich verstandenen Religion, zu dem Christen einen bevorzugten Zugang hätten, sondern der Glaube an Christus umfasse alle Lebensbereiche. Die Welt sei „Hülle Gottes“, und es lasse sich nur weltlich, nicht an dem Mensch gewordenen Christus vorbei von Gott reden. Als Zentrum christlicher Glaubenspraxis betrachtete Bonhoeffer die Nachfolge Jesu durch ein Leben, das sich auf den Nächsten hin ausrichte.

Bonhoeffer stellte tief greifende Forderungen an die christliche Kirche, die das Wort Gottes weniger durch Worte als vielmehr durch menschliches Vorbild verkündigen solle. Als ersten Schritt hierzu solle sie alles Eigentum an Notleidende verschenken; Pfarrer sollten ihren Lebensunterhalt durch freiwillige Spenden ihrer Gemeinde oder durch einen weltlichen Beruf bestreiten. (vergleiche Entwurf für eine Arbeit, DBW 6, S. 560)

Inkarnation und Tod Christi führten Bonhoeffer zum Gedanken eines an der Welt leidenden Gottes, der den Menschen beistehe, vergebe und sie zur Anteilnahme auffordere. Bonhoeffer kritisierte andererseits eine religiöse Sprache, die Menschen Schwäche, Versagen und Begrenztheit der Erkenntnis einreden wolle, um ängstlich Raum für Gott auszusparen. Jedoch seien selbst Tod und Sünde in heutiger Zeit keine echten Grenzen mehr.

„[…] – und ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte, nicht in den Schwächen, sondern in der Kraft, nicht also bei Tod und Schuld, sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen. An den Grenzen scheint es mir besser, zu schweigen und das Unlösbare ungelöst zu lassen. Der Auferstehungsglaube ist nicht die »Lösung« des Todesproblems. Das »Jenseits« Gottes ist nicht das Jenseits unseres Erkenntnisvermögens! Die erkenntnistheoretische Transzendenz hat mit der Transzendenz Gottes nichts zu tun. Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig.“ („Widerstand und Ergebung“, DBW 8, S. 135)