Kanzlerin Merkel zum Abgas-Fall: Präzise bis zum Wundersamen

 

Frau Merkel ist eine höchst erfahrene und kluge Frau, in der Präzision ihrer Wortwahl zudem das exakte Gegenstück zum gegenwärtigen Präsidenten in den USA. Vermutlich ist diese ihre Hochschätzung präziser Rede das Erbe sowohl ihres Elternhauses als auch ihres ursprünglichen beruflichen Ethos. Ihre Worte ernst zu nehmen, lohnt somit immer.

Am 14. September war Frau Merkel bei der Eröffnung der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt/M und hielt dort eine Rede, musste dort etwas zum Abgas-Fall, zu ihren Vorstellungen zum weiteren Umgang damit, sagen. Die erste Passage, die ich hervorhebe, lautet:

„Um Schadstoffemissionen weiter zu reduzieren, nehmen wir natürlich alle Emittenten ins Visier – also neben Pkw auch Lkw und Baumaschinen sowie in einigen Regionen Deutschlands auch Schiffe.“

Damit sagt die Bundeskanzlerin, wessen Emissionen nicht reduziert werden soll: Die verbliebenen Hoch-NOx-Emittenten Leichte Nutzfahrzeuge (vom Typ Sprinter), Krafträder und die kleinen Zweitakter (Roller, Laubbläser,…), deren Emissionen bestens untersucht sind und deren Partikelemissionen dermaßen hoch sind, dass sie in vielen Städten ihres Herstellungslandes (China) aus Umweltgründen verboten sind.

Die zweite Passage, die ich hervorhebe, lautet:

„Wir wissen mit Blick auf Dieselfahrzeuge natürlich um das bestehende Spannungsverhältnis zwischen der Reduzierung von CO2-Emissionen einerseits und <von> Stickoxid-Emissionen andererseits.“

Frau Merkel ist eben Naturwissenschaftlerin: Sie weiss das Grundsätzliche, dass mit höheren Verbrennungstemperaturen die Effizienz steigt, die CO2-Emissionen somit sinken, die NOx-Bildung aber weit überproportional steigt. Bei einem Diesel-PKW der Golf-Klasse ist es, über den Daumen gepeilt, etwa so: Um den Verbrauch um drei Prozent zu senken, wird bei der Verbrennung 50 Prozent mehr NO im Roh-Abgas produziert – was etwas über das erforderliche Ausmaß der kompensatorischen Abgasreinigungs-Kapazität sagt.

Nun werden gegenwärtig Diesel-PKW mit Software-updates nachgerüstet, um die Emission von NOx nach Abgasreinigung zurückzufahren. Fragt sich, wie sich der CO2-Wert nach diesem Update verhält. Die Linken haben die Bundesregierung gefragt.

„Wie erklärt die Bundesregierung technisch, dass laut dem Untersuchungsbericht trotz des Trade-off-Effektes nach einer ggf. erfolgten NO2-bezogenen Produktionsumstellung zugleich die nunmehr gemessenen CO2-Verbrauchswerte nicht, wie technisch zu erwarten, gestiegen, sondern gesunken sind?“

Die Antwort der Bundesregierung auf dieses Rätsel ist nicht-technisch:

„Eine Erhöhung des CO2-Ausstoßes unter Typprüfbedingungen ist … nicht zwangsläufig zu erwarten.“

Wunder im Sinne eines Verstoßes gegen die Naturgesetze sind somit möglich – wenn auch nur unter den wundersamen „Typprüfbedingungen“.