Ewige Suche

 

von Nata Uchava

Freundlich, nett, kontaktfreudig, lieb, sogar sehr lustig, offen und unkompliziert. Wundere dich nicht, wenn du dich in deiner Bewerbung für ein WG-Zimmer selbst nur am eigenen Foto erkennst, vor allem wenn du in Freiburg auf der Suche bist. Kochen oder backen solltest du können, auch was Asiatisches, Internationales und möglichst ohne Fleisch. Das ist wichtig, dass du wenig oder gar kein Fleisch isst, am besten bist du vegan. Immer gilt: Keine Ansprüche stellen! Und: Zeit musst du dir nehmen für die vielen WG-Castings.

Endlich bekam ich eine E-Mail, geschickt von „meiner lieben Saskia“ mit festgelegtem Termin, den man leider nicht ändern kann, denn sonst kommt „alles“ durcheinander. Na gut, ich gehe hin.

Saskia macht die Tür auf. Der erste Eindruck: „Warum sieht sie wie meine alte Grundschullehrerin in Georgien aus?“ Und schon kommt die erste Bemerkung, Saskia schaut auf ihre Uhr und stellt fest: „Du bist genau sechs Minuten zu spät.“ „Sorry, ich bin eigentlich nie pünktlich.“ — Oho, ich muss gerade nicht das Richtige gesagt haben, das kann man an Saskias Gesichtsausdruck ablesen. Ihre Augen werden sehr ernst, und auch das Lächeln verschwindet von ihren Lippen. „Man darf bei solchen Terminen nicht zu spät kommen, außerdem müsste man sich anmelden oder zumindest entschuldigen.“ „So wirkst du aber wie eine böse Schwiegermutter.“ Das habe ich zum Glück nur ganz leise gemurmelt.

Das 8,5-Quadratmeter-Zimmer, der Flur und der Rest sehen sehr ordentlich und gepflegt aus. Denn es gibt einen „ WG-Ordnungsplan“, an den man sich unbedingt halten sollte, ansonsten: „Viel Spaß bei der weiteren Suche!“ „Es fängt schon spannend an“, urteile ich. Saskia überhört mich, nimmt ihr Heft mit der großen Beschriftung „Unsere WG“ und fängt an, vorzulesen. Ihr sogenannter Ordnungsplan lautet etwa so:

„Also an jedem Sonntag bis um 10:00 Uhr muss die komplette WG abwechselnd geputzt werden, danach wird zusammen gefrühstückt, aufgeräumt und ein bisschen geplaudert. Dies alles dauert ungefähr bis 12/12:30 Uhr, danach kann man selbst etwas unternehmen.“

Saskia liest weiter: „Wenn meine Mitbewohnerin an einem Sonntag nicht da ist, dann sollte sie sich auf alle Fälle melden, aber es sollte nicht öfters vorkommen, weil man …“

Mir schwant, dass man die Samstagabende auch nicht zum Feiern verschwendet, sondern sich für den „spannenden“ Sonntagmorgen und die „Plaudereien“ nach dem Frühstück vorbereitet: „Bestimmt hast du dir schon Gedanken gemacht, wovon die Gespräche handeln sollen. Muss man vor dem Frühstück auch beten?“

Von Saskia kommt weder eine Reaktion noch eine Bemerkung. Nach einer kurzen Pause liest sie weiter vor: „Einmal in der Woche möchte ich mit meiner Mitbewohnerin schwimmen gehen …“

„Und wenn die Mitbewohnerin nicht will?“, unterbreche ich.

Als Antwort liest sie weiter vor: „Es gibt eine 10-er oder 20-er Karte für Schwimmbäder , damit kann man alle Bäder in Freiburg besuchen, und es ist günstiger als Einzeltickets zu kaufen, einen Tag kann man festlegen, aber ich möchte gerne jeden Mittwoch gehen, bis jetzt war es immer so.“

Wenn das so ist, dann ist es halt so. Ich mische mich mal nicht mehr weiter ein. Zumindest besteht die Möglichkeit, sich den Wochentag auszusuchen, an dem man schwimmen muss. Ob man überhaupt schwimmen kann, spielt eher keine Rolle. Saskia nennt ein Schwimmbad, in das sie mit ihrer Mitbewohnerin gehen möchte. Es ist das Bad in Freiburg, das am weitesten von der Wohnung entfernt ist. Sogar der Grund dafür, warum sie ausgerechnet dieses Schwimmbad ausgewählt hat, steht in Saskias WG-Heft: Unterwegs könne man sich unterhalten, auf „die Entspannung vorbereiten beziehungsweise freuen“ und vor allem frische Luft schnappen, was sie so schön findet.

Außerdem muss man sich auch einen Tag fürs gemeinsame Joggen aussuchen.

„Oh bitte, nein. Ich hasse joggen!“, entfährt es mir.

„Man sollte ein wenig Sport treiben, aus verschiedenen Gründen, beispielsweise berichtet die Presse in der letzten Zeit häufiger über eine gesteigerte Gewichtszunahme der Weltbevölkerung!“

„Wie wäre es mit Radfahren, mit Tischtennis- oder Volleyball-Spielen?“

Saskia hält ihr WG-Buch fest in der Hand. Sie guckt mich verwirrt an, streicht irgendwas im Heft ab, blättert und liest weiter vor: „Außerdem würde ich jeden Freitagabend gerne mit meiner Mitbewohnerin auf dem Balkon Rotwein trinken. Im Sommer können wir auf dem Balkon vegetarisch grillen und den oben genannten Wein trinken, und im Winter abwechselnd im Zimmer leichte Kost essen.“

Hmm, was für einen Rotwein denn: trocken, halbtrocken? Und wie viel? Ist es erlaubt, sich so zu besaufen, dass man sich am nächsten Morgen kaum an etwas erinnern kann?

Saskia kommt zum Schluss: „Ich wohne seit sieben Jahren in dieser WG, ich bin Hauptmieterin und habe schon mit 18 verschiedenen Studenten zusammen gewohnt.“

„Kein Wunder!“, bemerke ich kurz und muss lachen.

Sie schließt ihr WG-Buch und spricht jetzt frei: „Meine Entscheidung bekommst du schriftlich. Jedoch hättest du dir Notizen machen können. Dann könnten wir jetzt offene Fragen klären.“

Bei Saskia ist es halt anders als bei Professoren an der Uni, die immer betonen, dass wir sie jederzeit unterbrechen dürfen, um Fragen zu stellen. Schlimmer kommen kann es nicht mehr. Dachte ich …

Inzwischen kam eine E-Mail von Thomas. Er versprach mir, dass unser Gespräch nicht lange dauert, und bevor er mir das Zimmer zeigt, will er mir unbedingt „ein paar lebenswichtige Fragen“ stellen, etwa „woraus meine Ernährung besteht“. „Es kommt drauf an, worauf ich Appetit habe“, entgegne ich ihm. Das gefällt ihm nicht. Er will wissen, wo ich bis jetzt meine Einkäufe getätigt habe und ob ich mir vorstellen könnte, etwas daran zu ändern. Wieso will er ein Interview über Ernährungspläne, über Geschäfte, ob Groß- oder Kleinhandel führen? Ich bin aus einem anderen Anlass hier.

Er fragt, wie viel ich für einen Einkauf ausgebe. „ Es kommt darauf an, für wie lange und womit ich mich versorgen möchte.“ Falsche Antwort! Er will konkret wissen, ob ich mich bereit erklären kann, mir auf dem Wochenmarkt in der Nähe meine Speisen zu beschaffen. Das macht mich neugierig, ich frage zurück: „Was ist auf diesem Markt besonders, was es bei anderen Wochen- oder Supermärkten nicht gäbe?“ Er atmet tief aus, und ein wenig genervt antwortet er: „Weil wir alle hier unsere Einkäufe machen, denn hier werden fast nur Bioprodukte verkauft und die Marktleute kennen uns auch, damit unterstützen wir die Bauern aus unserer Gegend. Man muss zwar etwas mehr Geld ausgeben, jedoch ist die Qualität WAHRSCHEINLICH besser … manche Lebensmittel kommen wohl auch aus dem Ausland, aber sie sind sehr gesund … außerdem möchten wir mit unserem Vorhaben die Welt verändern und sagen, dass wir alle durch die richtigen Lebensmittel gesund bleiben können …“

„Darf ich hier richtig fettes Fleisch und Fisch kochen oder braten, darf ich gekühlte Pizza aufbacken?“, frage ich mit ernster Miene zurück.

„Auf gar keinen Fall!!!“ Thomas rastet aus. „Ich möchte nicht, dass unsere Wohnung nach Fleisch riecht, wir achten sehr auf gesundes Essen und Leben, wir kaufen alles in Bioqualität von Bauern und das muss weiter so bleiben …“

Dieses Mal besteht für mich sogar nicht mal mehr die Möglichkeit, einen Blick in das angebotene Zimmer zu werfen. Wie versprochen konnten wir unser Gespräch tatsächlich in wenigen Minuten und sogar im Stehen führen.

In einer weiteren E-Mail lese ich, dass eine früh aufstehende und sportlich motivierte WG mich um 8:35 Uhr zur Besichtigung einlädt. Da verliere ich sogar den Appetit auf mein Frühstück. Kein Wunder, dass ich nach zweimonatiger Suche immer noch keinen Erfolg habe. Und Saskias neu erschienene Anzeige wundert mich nun auch nicht mehr.