Peter Zimmerling: Evangelische Mystik

 

Ein biographisch geprägter Zugang adelt dieses Werk: „Ich begann mich zu fragen, ob es eine intensivere Form des Glaubens gab, als ich sie bis dahin kennengelernt hatte. Ich sehnte mich nach vertiefter Erkenntnis Gottes.“ (S.9) Peter Zimmerling, seine Suche nach Erkenntnis und seine Art Theologie zu treiben, durfte ich im Doktoranten- und Habilitandenseminar bei Christan Möller in Heidelberg erleben. Er will nun in seinem Buch die Mystik, die erfahrungsbezogene Seite der Theologie für den Protestantismus beleuchten.

Unter Mystik werden Formen von spiritueller Erfahrung, mit dem Ziel der Gottesbegegnung, verstanden. Mystik und Protestantismus sind lange Zeit als Gegensätze gesehen worden, ein Wechsel zwischen Hochschätzung und Ablehnung kennzeichnet das Verhältnis durch die Jahrhunderte. Die ambivalente Haltung zeigt sich bis in die letzten 100 Jahre, denn Bonhoeffers Theologie ist durchaus mystisch durchzogen, er selbst war aber immer bemüht, sich von der Mystik abzugrenzen.

Die Theologie nach Karl Barth entdeckt den Heiligen Geist wieder, was der Mystik neue Räume eröffnet. Auch soziologische Faktoren spielen eine Rolle, sowohl die Individualisierung als auch die Erlebnisorientierung der postmodernen Gesellschaft, sowie das Interesse am Buddhismus und Hinduismus spielen einer Neubelebung der Mystik in die Hände.

Unter dem Motto: „Und es gab sie doch“, blättert Zimmerling durch die Jahrhunderte und findet die Mystik bei Martin Luther bis Dorothee Sölle. Anschließend entwickelt er eine “kleine Theologie evangelischer Mystik“. Neutestamentliche und Alttestamentliche Grundmuster von erfahrungsbezogener Gottesbegegnung werden zusammengestellt.

„Es gehört zu den Grundüberzeugungen der Mystik, dass mystische Erfahrungen dem Menschen passiv zuteil werden, er sie also nicht aktiv herbeiführen, „machen“ kann.“ Eventuell kann man durch regelmäßiges Gebetsleben oder ähnliches auf mystisches Erleben vorbereitet sein. Aber: „die Konstitutionsbedingungen mystischer Erfahrungen sind so unterschiedlich wie die Menschen, denen sie zuteil werden.“ ( S. 215)

Mystik und Esoterik

Der Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Mystik und Esoterik widmet Zimmerling ein Kapitel. „Beide Bewegungen bemühen sich um einen Zugang zur Welt des Geistes und der Seele, die über die materielle Welt hinausreicht.“ (S. 237). Seine Beschreibung der Unterschiede zwischen Mystik und Esoterik fällt mit sieben Punkten deutlich intensiver aus, als die Betonung der Gemeinsamkeiten. Aus meiner Sicht sind einige dieser Differenzen diskussionswürdig, zum Beispiel, dass evangelische Mystik nicht ohne Bezogensein auf die Kirche denkbar ist.

Zustimmen kann ich allerdings seiner Auffassung, dass evangelische Mystik  Menschen in Richtung auf Gottes- und Nächstenliebe verwandelt, was diakonisches und politisches Engagement nach sich zieht. Esoterisch geprägtes Erleben ist dagegen oft von Bewusstseinserweiterung, Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung geprägt.

Dieses Buch eröffnet den Fragen und Überlegungen zu einer Evangelischen Mystik neue Möglichkeiten, wie sinnvoll und nötig das ist, zeigt sich in Karl Rahners Zitat: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein. Einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Die Mystik stellt für Zimmerling ein Bollwerk gegen Vereinnahmung von Glauben und Funktionalisierung von Gott dar. „Die Mystik zeigt, dass Gott, Mensch und Welt nur als „offene Systeme“ angemessen erfassbar sind.“ (S.262)

Ich hoffe, das im kirchlichen Bereich und im theologischen Kontext dieser Faden, den Zimmerling zu spinnen begann, aufgenommen wird und die gemeinsame Fährte, die einsame Spur aufgenommen wird, um IHM zu folgen.

 

Dr. Heiderose Gärtner-Schultz.