Raphael M. Bonelli: Männlicher Narzismus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist

 

Den Narzissten, den traurigen Helden der griechischen Mythologie, gibt es bis heute, und er leidet an sich und der Welt. Der Psychotherapeut und Neurowissenschaftler Bonelli beschreibt das Dilemma des narzisstischen Mannes, der in Eigenliebe und Geltungssucht gefangen ist. Bonelli weiß, wovon er redet, denn er hat viele Patienten mit diesen Problemen begleitet. Viele Fallbeispiele machen das Verstehen der Symptomatik anschaulich und leicht verständlich. Auch werden Wege und Möglichkeiten aufgezeigt, aus der Selbstbezogenheit in die Freiheit zu starten.

In diesem Buch geht es um den Mann: „Der eitle Pfau ist männlich, der selbstverliebte Gockel auch. Und tatsächlich tritt Narzissmus auch im menschlichen Gewande wesentlich häufiger bei den Herren der Schöpfung auf. Das ist heute gesichertes Wissen, kein stereotypes Vorurteil.“ (S. 23). Bonelli beruft sich auf namhafte anerkannte Studien. Frauen neigen zu anderen Störungen. „Dass der männliche Narzisst männlich ist, ist keine Nebensächlichkeit. Seine Männlichkeit prägt seinen Narzissmus; und die narzisstische Trias – Selbstidealisierung, Fremdabwertung und Selbstimmanenz – prägt wiederum seine Männlichkeit.“ (S. 200) Dies Buch will helfen, die drei Fesseln des Narzissmus zu erkennen und zu lösen. Bonelli spricht von einem überzogenen Selbstwertgefühl, diese Selbstidealisierung führt zu mangelhafter Beziehungsfähigkeit. „Je mehr ein Mensch von sich selbst eingenommen ist, umso weniger Platz für jemand anderen ist in seinem Herzen.“ (S. 117) Die Gier nach Bewunderung, das Anspruchsdenken, Empathiemangel, Arroganz und Neid verhindern die Nähe zu anderen Menschen. Als dritte Fessel nennt Bonelli die mangelnde Selbsttranszendenz ‑ gemeint ist die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen, weil es etwas Größeres, Anderes gibt als das eigene Selbst. Mit den Begriffen Hochmut und Stolz werden diese Verhaltensweise beschrieben, die in vielen Religionen als Todsünden gegen Gott gelten.

Wie können die Fesseln abgestreift werden, wie kann Hilfe aussehen, wie kann Heilung geschehen? „Der Narzisst kann durch den gezielten Erwerb von Tugenden seine Defizite (in der Selbstkontrolle, Kooperationsfähigkeit und Selbsttranszendenz) auffüllen und eine neue, menschenfreundliche Haltung einüben.“ (S. 190/191) Mithilfe von Begleitung, von Psychotherapie ist ein „Nachlernen“ möglich. Eine interessante These von Bonelli beschreibt, wie „Narcissus zum Ritter“ wird. Ein geschichtlicher Einblick in die Entstehung der Ritterlichkeit verrät, dass die Eroberung zum Beispiel von Frauen durch Gewalt mit Hilfe des Minnegesangs, durch die Verehrung der Begehrten abgelöst wurde. „Die ritterliche Tugend der Seelengröße ist enger mit der Demut verbunden, als man meint. […] Der Hochgemute ist – im schroffen Gegensatz zum Narzissmus – nicht „stolz“ auf seine vielen Vorzüge. Er ist zu stark mit dem Schönen, Wahren und Guten beschäftigt und mit der Verwirklichung, als dass ihm für eine narzisstische Selbstbespiegelung noch Zeit bliebe.“ (S. 218) „Eine psychohygienisch wichtige Aufgabe, vor der jeder Mann steht, ist, im Rahmen seiner Persönlichkeitsbildung seine narzisstischen Anteile zu erkennen, nicht davor zu erschrecken und dieser Tendenz entgegenzuwirken.“(S. 257)

Der Autor schreibt für Betroffene, Angehörige und auch Beratende in einer verständlichen Sprache, die anderen Fachbüchern oft fehlt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Die Lektüre ist auch insofern lohnenswert, weil in unserer Gesellschaft die Selbstbezogenheit als Selbstverwirklichung getarnt zum neuen Lebensmuster vorgeschlagen wird: „Und heute ist der Narzissmus plötzlich Zeitgeist“ (S. 163,164); damit räumt Bonelli dankenswerterweise auf.

Heiderose Gärtner-Schultz.