Rüdiger Voigt: Staatsenken – Zum Stand der Staatstheorie heute

 

Man muss kein Staatsrechtler sein, um mit Spannung in dieses Buch zu schauen. Was wir haben, erscheint uns oft selbstverständlich. Aber es gibt andere Möglichkeiten, nämlich: den Staat zu denken. Davon handelt Rüdiger Voigts „Staatsenken“.

Natürlich beginnt alles mit Athen, mit Thukydides, Platon und Aristoteles. Und es endet mit dem postmodernen Staat. Was immer das sei. Aber das erfährt man ja hier. Und was gibt es nicht alles an Adjektiven für das Staatsdenken: klassisch und modern; konservativ und revolutionär; anarchistisch und utopisch; radikal und liberal; reaktionär und religiös; und natürlich: feministisch.

Der anarchistische und der feministische Staat

Klar, man schaut zuerst nach den Rändern. Was also ist ein anarchistischer Staat und was ein feministisch gedachter?

Der Laie denkt ja, Anarchie und Staat schlössen sich aus. Aber so ist es nicht. Die angeführten Denker sind Proudhon; Max Stirner; Bakunin; Kropotkin und Landauer. Ihre Kritik am Staat und seinen Einrichtungen bewegt sich im Rahmen eines radikal-rationalen Diskurses. Aber das Ziel bedarf eines neuen Menschen, der sich, so Bakunin, durch Reflexion und Empörung zum freiesten, individuellsten und zugleich sozialsten Wesen gewandelt hat. Natürlich geht das nicht ohne Vernichtung der alten Zwänge in Gesellschaft und Religion und ihrer Träger. Die alte Verbindung von Utopie und Schrecken wie sie sich schon in der Offenbarung des Johannes findet. Und ebenso bei Marx und den marxistischen Denkern soweit sie nicht mäßigende Vermittler sind.

Das feministische Staatsdenken wird gezeigt an Kate Millet, Carole Pateman, Nancy Frazer, Wendy Brown und Judith Butler. Es gibt bei den Protagonistinnen des Feminismus wenig ausdrückliches Staatsdenken. Es gibt aber eine Menge Nachdenken über Sozialisation in der Gesellschaft und die daraus folgende Verteilung und Zuordnung von Macht. Und das ist letztlich Staatsdenken.

Hausapotheke für den politisch interessierten Bürger

Das Buch ist extrem leserfreundlich gestaltet. Kurze Kapitel von im Durchschnitt 30 Seiten, die vom Herausgeber auf jeweils etwa einer Seite eingeleitet werden. Dann folgen zweispaltig nach Lexikonmanier die namentlich gezeichneten Beiträge zu 81 einzelnen Denkerinnen (7) und Denkern (74) plus Mao Zedong, jeweils gegliedert nach „Leben und Werk“, Überschriften zum Inhalt, „Rezeption und Wirkung“ und einem Verzeichnis verwendeter Literatur. Weiter wird das Buch erschlossen durch ein Stichwort- und ein Namensregister.

Abgeschlossen wird das Buch durch ein Kapitel über „Staatsdenken in anderen Kulturen“ (China, Indien, Japan, Arabische Welt, vorkoloniales und nachkoloniales Afrika) und ein  Kapitel über den Staat der Zukunft“ mit den Artikeln „Globalisierung“; „Souveränitätsverlust?“; „Staatenbildung und Staatszerfall“; „Der Staat in der Postdemokratie“ und „Staatsrenaissance“.

Das Buch ist geeignet zum Lesen, Blättern, Schmökern, Nachschlagen. Es ist eine Art Hausapotheke für den politisch interessierten Bürger. Das letzte Wort hat der Herausgeber mit einem Artikel „Staatsrenaissance“, und der endet mit dem Satz „Eine wichtige Aufgabe der Staatstheorie wäre es, Modelle zu entwickeln, wie der moderne Rechts- und Sozialstaat so krisenfest gemacht werden kann, dass der den zahlreichen neuen und alten Herausforderungen standhält.“ So ist es. Unsere Demokratie ist ein zartes Blatt im Wind der Geschichte.

Und ein allerletzter Gedanke: Sieht man die Vielfalt der Möglichkeiten den Staat zu denken, zu gestalten und zu sichern, wundert man sich über die leichte Selbstverständlichkeit, mit der wir Westler zu wissen glauben, was für andere Teile der Welt gut, richtig und angemessen wäre.

 

Helmut Falkenstörfer.