Volker Reinhardt: Luther der Ketzer

 

Dieses Buch will das Wirken des „Ketzers“ Luther und den dadurch ausgelösten konfliktträchtigen Prozess der Glaubensspaltung gleichberechtigt und simultan von beiden Seiten aus nachzeichnen. „Gleichberechtigt“ ist die hier angewandte Perspektive, weil sie die Argumente, Wahrnehmungen, Werturteile und Weichenstellungen auf beiden Seiten einander gegenüberstellt aber nicht gegeneinander aufrechnet. „Simultan“ ist die Betrachtung insbesondere dann, wenn es Glücksfälle der Überlieferung erlauben, ein und dasselbe Ereignis ganzheitlich von beiden Standpunkten aus zu betrachten: und das ist hier erfreulich oft der Fall. So lässt sich exemplarisch zeigen, wie diametral entgegengesetzt die Schlüsselepisoden des kirchlich-religiösen Ablösungs- und Spaltungsprozesses aufgenommen und verarbeitet, bezeichnet und verfälscht wurden.

Eine gleichberechtigte „Simultanerzählung“ ist damit eine Absage an die Geschichte Luthers als Triumph oder Verrat. Im Gegenteil dazu sollen hier die Geschicke und Geschichte sowie der Glaubensspaltung als Interaktion zwischen den Polen Wittenberg und Rom, Deutschland und Italien erfasst und erzählt werden. Dieses Modell ist auch nicht als „Ehrenrettung“ des Renaissancepapsttums zu verstehen, zu dessen weltweit besten Kennern der Autor gehört, sondern als der Versuch, einen komplexen historischen Prozess ganzheitlich nachzuvollziehen und adäquat nachzuzeichnen. Es heißt auch nicht, Luthers Bedeutung in Frage zu stellen, im Gegenteil: Die historische Dimension seines Wirkens und Wesens tritt erst angemessen hervor, wenn auch die Ressourcen, Argumente, Handlungsmotive und Vorstellungen der Gegenseite angemessen gewürdigt werden.

Volker Reinhardt, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg, zeigt anhand bisher vernachlässigter und nie systematisch untersuchter (zahlreicher) römischer Quellen zur Luther-Sache, dass die wahren Gründe für die Glaubensspaltung jenseits der Glaubensfragen liegen. In diesem Grundsatz-Streit ging es nicht nur um unvereinbare theologische Lehrsätze, sondern von Anfang an auch um (politische) Machtfragen.

Hinzu kommen der Hass und das Unverständnis zwischen „kultivierten Italienern“ und „barbarischen Deutschen“. Und keine Seite ließ von ihrer Überzeugung ab, die Gegenseite sei des Teufels und müsse vernichtet werden. Hier standen sich letztlich nicht Gegner, sondern Feinde gegenüber. So wurde die Auseinandersetzung von Anfang an nicht zum Gedankenaustausch, sondern zum reinen, unersprießlichen Schlagabtausch.

Volker Reinhardt rekonstruiert also erstmals die großen, von Protestanten – wie er meint – „mythisch“ verklärten Begegnungen zwischen Luther und dem Papsttum aus römischer Sicht („Geheimakte Luther“). Er zeigt, warum die Päpste das „Geschrei“ im fernen Deutschland oft nicht ernst nahmen und zeichnet ein erstaunlich neues Bild von dem Kampf und dem Konflikt der Mentalitäten und Interessen, Einstellungen und Wahrnehmungen, kulturellen Prägungen und Handlungsmotiven, Ordnungsvorstellungen, Denkstilen und Glaubensweisen sowie politischen und gesellschaftlichen Konfliktbahnen, der die damalige Welt bis heute verändert hat.

Luther erscheint dabei immer wieder als ein „Genie der Netzverknüpfung und der Mediennutzung“, ein „gelehrter Theologe ohne jede Toleranz“ und „der Bapst zu Rom“ als der „altböse Feind“, ob er nun Leo X., Clemens VII. oder Paul III. hieß. Das Feindbild des Papsttums vergewisserte Luther zudem zunehmend über seinen eigenen Standort, lieferte Selbstbestätigung und die nötigen Energien für den unausweichlichen Endkampf gegen den Antichrist. Eine ungewohnte und unverstellt neue Zugangs- und Sichtweise zu dem kämpferischen „Ketzer“ Martin Luther sowie den „Kämpfern“ von Rom und der Reformation. Und dies alles lebendig-investigativ und spannend erzählt.

Walter Schmidt.