Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt – Globalgeschichte der Europäischen Expansion 1415 bis 2015

 

Reinhard beschreibt Kolonialherrschaft als „Fremdherrschaft unter Ausnutzung einer partiellen oder generellen Entwicklungsdifferenz zwischen Herren und Beherrschten“. Er fügt hinzu, dass dieser Begriff zwar Anstoß erregen und rassistisch missverstanden werden könne, er müsse aber „rein beschreibend und streng wertfrei verstanden werden“. Schließlich sei es keine erfreuliche Entwicklung, „Atombomben zu besitzen statt Pfeil und Bogen“. Kurz: Wolfgang Reinhards Buch ist sine ira et studio geschrieben, es benennt Verbrechen ebenso kühl wie positive Ergebnisse jenes Riesenvorgangs, den ´der Autor „Die Unterwerfung der Welt“ nennt.

Wolfgang Reinhard sieht sich an einer Wende der Geschichtschreibung zum Thema. Er spricht von einer „radikal kolonialkritischen Wende, die mit der großen Dekolonisation seit 1945 einherging“. Er selbst leitet eine neue Wende ein zu unbefangener Prüfung der Phänomene im Guten wie im Bösen und steht damit in einer vielfach vorhandenen Bewegung, die ideologische und moralistische Übertreibungen im Zuge der 68er Zeiten durch neuen Blick auf die Fakten auf eine höhere Ebene bringt. Man mag da an Hegels These – Antithese – Synthese“ denken. In Reinhards Worten: „Aus theoretischen wie empirischen Gründen ist es unmöglich, wissenschaftliche, das heißt nachprüfbare Aussagen darüber zu machen, ob der europäische Kolonialismus für die Welt als Ganzes oder auch nur einen Teil von ihr gut oder schlecht gewesen ist […]“ (S. 1315) Man kann das auch Paradigmenwechsel nennen.

Ambivalenzen in der Beurteilung von Kolonialismus

Vor allem erfährt der Leser „wie es denn gewesen sei“. Typisch eine Feststellung zur Kolonisierung Afrikas: „Erstens war Afrika nicht, wie oft unterstellt wird, Wachs in der Hand des Kolonialismus. Er hat es verändert, aber nicht total.“ Und „Zweitens waren seine Wirkungen weder eindeutig gut noch eindeutig schlecht, wie sowohl seine Apologeten als auch seine Kritiker allzu häufig unterstellen.“ (S.106) „Weder hat die Kolonialherrschaft Afrika […] zu einem vollwertigen Mitglied der Weltwirtschaft gemacht, noch hat sie die afrikanische Wirtschaft durch Unterentwicklung in ausweglose Abhängigkeit von den Metropolen gebracht.“ (S. 1.017)

Entsprechend kritisch sieht Reinhard die einst den Diskurs beherrschende Dependenztheorie. Manches, was diese zu erklären vorgebe, sei auf Entscheidungen nachkolonialer Regierungen zurückzuführen, die sich nachträglich als verhängnisvoll erwiesen. „Bereits der Entschluss der unabhängig gewordenen Lateinamerikaner im 19. Jahrhundert, sich in der komfortablen Rolle von Rohstofflieferanten und Fertigwarenkäufern […] einzurichten, konnte damals durchaus vernünftig erscheinen.“ Er war es auf lange Sicht eben nicht. Aber es war ein eigener Entschluss, von keiner Kolonialmacht aufoktroyiert. Reinhard spricht von „nachkolonialem Optimismus“, der dazu verleiten konnte, sich vom Weltmarkt abzukoppeln, was im schlechteren Falle zur Verarmung von Ländern wie Haiti und Birma führte.

Eine fast ironische Pointe der ganzen Kolonialgeschichte ist es, dass heute die ganze Welt das will, was man den technischen Teil der westlichen Zivilisation nennen könnte. In Reinhards Worten: „Ohne Dampfmaschine und Dieselmotor, ohne Elektrizität und Elektronik, ohne die naturwissenschaftlichen und technischen Entwicklungen des Westens gäbe es keine Globalität. Die naturwissenschaftlich-technische Kultur des Westens hat die ganze Erde erfasst uns ist dabei westlich geblieben […]“ (S. 1094)

Reinhard erzählt umfassend und geht manchmal erstaunlich ins Detail. Der Leser erfährt die Formel nach der man durch Amalgamierung mit Quecksilber Silber gewinnt und dass Cortez von Mexiko und Pizarro von Peru Vettern waren. Bedenkt man, dass Francisco Pizarro mit vier Brüdern zugange war, kann man die Eroberung Südamerikas fast für ein Familienunternehmen halten. An manchen Stellen bietet Reinhard eine Fülle von Zahlen und Statistiken, nicht ohne gegebenen Falls auf deren Unsicherheit hinzuweisen. Das kann man je nach Bedarf studieren oder überblättern.

Kolonialismus als ausgewiesenes Verbrechen

Ambivalente Wirkungen gibt es selbst beim Sklavenhandel. Zwar ist er „eines der großen Ärgernisse der an Peinlichkeiten nicht armen Geschichte der europäischen Expansion“ (S. 453) und einer der großen Unrechtsvorgänge der Weltgeschichte. Wenn dies gesagt und akzeptiert ist, muss man aber feststellen, dass der Verkauf von Slaven an europäische Händler einer der großen Devisenbringer Afrikas war. Denn anders als die arabischen Händler jagten die europäischen Sklavenkapitäne die Menschen ja nicht selbst, sondern kauften sie von afrikanischen Geschäftspartnern. Der innerafrikanische Sklavenhandel war alt, und als sich im Rahmen der Frühglobalisierung im 16.Jahrhundert die Gelegenheit bot, erweiterte man ihn um das Exportgeschäft.

Die Kritik an den Praktiken des Kolonialismus ist alt, und Bartolomé de las Casas keine Einzelerscheinung. Der französische Abbé Guillaume Raynal schreibt 1770 über die „habsüchtigen und blutdürstigen Christen, die ein unglücklicher Zufall […] an die Ufer der anderen halben Erdkugel brachte“ (S. 608) und Adam Smith bemerkt, dass zur Zeit der Entdeckungen das Übergewicht der Europäer so groß war, „dass sie sich jede Art Ungerechtigkeit in diesen fernen Gebieten erlauben konnten.“ (S.609)

Die Spanische Krone und die Spanische Theologie haben versucht, dagegen zu halten. Aber angesichts der Entfernungen mit begrenztem Erfolg. Reinhard: „Es ist zwar richtig, dass keine Kolonialmacht so früh so viel Selbstkritik und so viel Demonstration guten Willens seitens der Regierung hervorgebracht hat wie die spanische Gesetzgebung 1542 bis 1573 und die theologische Diskussion der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts zeigt.“ (S.320).

Es ist aber eben auch richtig, dass die Verwirklichung sehr zu wünschen übrig ließ. Aber immerhin sind die Indigenas Südamerikas weit besser gefahren als die First Nations, wie der heutige Euphemismus heißt, in Nordamerika. Hier fließt Vieles in einem Satz zusammen: Die weitere Besiedlung „ging natürlich auf Kosten der Indianer, auf die man nach deren Niederlage im letzten großen Krieg 1644 keine Rücksicht mehr zu nehmen brauchte“. (S. 515) So war das oft in Nordamerika und überhaupt in Siedlungskolonien. Die Essenz der Sache findet sich in dem Satz: „Das Recht des Indianers hatte sich der Macht zu beugen.“ (S. 711)

Facetten des Kolonialismus

Kolonialismus als Verbrechen anzusehen legt sich zuerst für die Siedlungskolonien nahe: für Nordamerika, für Teile Südamerikas, für Sibirien, für Australien, für Neuseeland und für die letzte der Siedlungskolonien, Israel, dem Reinhard ein eigenes Kapitel widmet. Mit der praktischen Annexion der Westbank durch Ignorierung der Rückzugsaufforderung der Uno in ihrer Resolution 242 sei Israel, wie bei er Gründung abermals durch Gewalt von der Siedlerkolonie zur Kolonialmacht geworden. (S.1245) Zur Überwindung des kolonialen Antagonismus in Israel macht Reinhard einen Vorschlag: Israelis und Araber könnten friedlich zusammen finden, wenn die junge Generation beide Seiten die Shoah wie die Nakbah aus dem wirkmächtigen Teil ihres kollektiven Gedächtnisses striche (S.1291) oder doch beide nebeneinander stellte, könnte man abschwächend sagen. Ein Mahnmal für die Opfer der Nakbah neben Yad wa Schem.

Freilich: der Vorgang, Vorbevölkerungen zu verdrängen, aufzusaugen oder zu vernichten ist ein Grundphänomen der Geschichte, dem sich auch die Kolonisierten zu ihrer Zeit gewidmet haben. Die Geschichte ist eben keine moralische Angelegenheit.

Anderes gilt für Herrschafts- und Wirtschaftskolonien wie Indien oder in Afrika Nigeria, Ghana oder den Sudan und manche frankophone Länder. Natürlich hat das Mutterland nach Möglichkeit wirtschaftliche Vorteile aus dem Kolonialverhältnis gezogen. Es lässt sich aber auch mit Grund eine Linie ziehen, nach der die Kolonialzeit für die Kolonie eine wirtschaftliche, bildungsmäßige und politische Einführung in die vom Westen initiierte moderne Welt gewesen ist, zu der ja heute alle gehören wollen.

Für die Zeit um 1900 spricht Reinhard für die Niederlande sogar von sogar von einer „Wendung zu ethischer Politik“: (S. 891) Es „sollte das liberale Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten der Fürstentümer aufgegeben und stattdessen zum Wohl der Eingeborenen die Misswirtschaft ihrer Herrscher entweder ganz beseitigt oder durch niederländische Kontrolle bereinigt werden“. Ähnliches geschieht heute, wenn westliche Länder über den Einfluss politischer Stiftungen oder Konditionierung der Entwicklungshilfe versuchen, „Good Governance“ herbeizuführen.

Es geht nicht nur um Unterwerfung und Einfluss zum wirtschaftlichen Vorteil. Es geht auch um die Akzeptanz und Übernahme von Möglichkeiten in Wissenschaft und Technik, die der Westen zu bieten hat. Japan und China haben sich dabei offen und klug verhalten. Japan aber war über lange Zeit erfolgreicher, weil es im politischen Begleitprozess mit Reformen arbeitete, während in China viel Blut floss, um die verfestigten Strukturen der Gesellschaft aufzubrechen. Allein der Taiping-Revolution des Hong Yiuquan Mitte des 19.Jahrhunderts werden 20 bis 30 Millionen Tote zugeschrieben. Auch enorme Anleihen an politischem Kapital mussten im Ausland gemacht werden. Hong Xiuquan erklärte sich zum jüngeren Bruder Jesu Christi so wie ein Späterer im übertragenen Sinn zum jüngeren Bruder von Karl Marx. Japan hatte dergleichen nicht nötig.

Kolonialismus und Globalisierung

Bei allen Übertragungen ist freilich „die von manchen erhoffte, von anderen befürchtete Homogenisierung der Welt durch Globalsierung nicht eigetreten“. (S.1261) Auch können kulturelle und technische Assimilierung sehr getrennte Wege gehen. Der Islamische Staat ist kulturell sehr fern, aber in der Technik der Waffen und Kommunikationsmittel voll auf westlicher Höhe.

Auf er vorletzten Seite schreibt Reinhard: „Denn auch Dekolonisation hat die Regel bestätigt, dass Opfer regelmäßig zu Tätern werden, sobald sich die Machtverhältnisse ändern.“ (S. 1.320) Sicher nicht immer. Aber generell kann man sagen, dass die Kolonisierten vor und nach ihrer Kolonisation moralisch nicht besser waren als ihre Kolonisatoren. Reinhard hat recht, wenn er unparteiisch beschreibt, was war und oft genug schrecklich war. Was aber eben auch die Welt neu geformt hat, indem es ihr den Stempel der westlichen Zivilisation aufgedrückt hat.

Und zum Schluss: Reinhard setzt den Rahmen seiner Darstellung auf die sechs Jahrhunderte von 1415 bis 2015. Und das meint er ernst. Auch der VW-Skandal vom Herbst 2015 kommt vor. Als Beispiel für eine globale Umweltsensibilisierung, ohne die der Vorgang nicht zum Skandal geworden wäre. (S. 1.262)

 

Helmut Falkenstörfer.