{"id":770,"date":"2024-07-24T16:56:09","date_gmt":"2024-07-24T14:56:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/agrar\/?page_id=770"},"modified":"2024-07-24T21:50:41","modified_gmt":"2024-07-24T19:50:41","slug":"neue-welthungerzahlen-globales-wirtschaftssystem-verursacht-hunger-und-unterernaehrung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/agrar\/neue-welthungerzahlen-globales-wirtschaftssystem-verursacht-hunger-und-unterernaehrung\/","title":{"rendered":"Neue Welthungerzahlen: &#8222;Globales Wirtschaftssystem verursacht Hunger und Unterern\u00e4hrung&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Rund 733 Millionen Menschen leiden weltweit unter chronischem Hunger. Der gesteigerte Vertrieb und Einsatz von kommerziellem Hochertragssaatgut, synthetischen D\u00fcngemitteln und Agrargiften sollte die afrikanische Landwirtschaft &#8222;modernisieren&#8220;; doch anstelle den Hunger zu reduzieren, profitierten nur die wohlhabendsten B\u00e4uer*innen. In den 13 afrikanischen Schwerpunktl\u00e4ndern mit einer entsprechenden Hungerbek\u00e4mpfung erh\u00f6hte sich die Zahl der Menschen, die unter extremem Hunger leiden, um 30 Prozent.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"413\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/agrar\/wp-content\/uploads\/sites\/15\/2024\/07\/240724-NU-welthungerzahlen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-766\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>(K\u00f6ln\/Aachen\/Berlin, 24. Juli 2024)<\/strong> Die Weltern\u00e4hrungsorganisation, <em>Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO),<\/em> hat heute die aktuellen Welthungerzahlen ver\u00f6ffentlicht. Demnach leiden rund 733 Millionen Menschen weltweit unter chronischem Hunger. 2,33 Milliarden Menschen \u2013 fast 30 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung \u2013 befinden sich in mittlerer bis schwerer Ern\u00e4hrungsunsicherheit. Mehr als 2,8 Milliarden Personen k\u00f6nnen sich keine gesunde Ern\u00e4hrung leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Philipp Mimkes, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Menschenrechtsorganisation FIAN Deutschland, fordert eine Kehrtwende in der Weltern\u00e4hrungspolitik: \u201eSchon lange produzieren wir mehr als genug Nahrung, um alle satt zu machen. Die gr\u00f6\u00dften Probleme liegen in der grassierenden Armut, der Verschuldung vieler Staaten sowie der massiven Ungleichheit beim Zugang zu Ackerfl\u00e4chen, Wasser und Saatgut \u2013 also den Grundvoraussetzungen f\u00fcr den Anbau von Nahrungsmitteln. Um den Hunger zu bek\u00e4mpfen, sind Landreformen und der Erlass von Schulden am wichtigsten. Kurzfristig sind auch Bargeldtransfers sehr effektiv\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Global werden immer mehr Ressourcen von einer kleinen Zahl von Agrarkonzernen und Investoren beansprucht. Die Ertr\u00e4ge der riesigen Monokulturen landen jedoch mehrheitlich in Futtertr\u00f6gen und Treibstofftanks. FIAN kritisiert, dass die FAO bei der Hungerbek\u00e4mpfung dennoch auf \u201einnovative Anreize\u201c f\u00fcr die Privatwirtschaft setzt. Die Ungleichheiten beim Zugang zu Ressourcen k\u00f6nnten sich dadurch weiter erh\u00f6hen. \u201eUnser Ern\u00e4hrungssystem dr\u00fcckt die am st\u00e4rksten von Hunger betroffenen Menschen immer weiter an den Rand. Dabei sind es genau die am meisten diskriminierten Gruppen \u2013 Frauen, kleinb\u00e4uerliche Gemeinden, Indigene, Fischerfamilien \u2013, die nach wie vor die Mehrheit der Weltbev\u00f6lkerung ern\u00e4hren, und nicht kapitalstarke Agrarkonzerne\u201c, so Mimkes weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>2024 markiert das 20. Jubil\u00e4um der Verabschiedung der FAO-Leitlinien zur Umsetzung des Menschenrechts auf Nahrung. Die Leitlinien waren das erste UN-Dokument, das unter aktiver Beteiligung marginalisierter Gruppen verhandelt wurde. Es schreibt einen menschenrechtsbasierten Ansatz bei der Ern\u00e4hrungssicherung fest. Dazu Jan Dreier, FIAN-Referent f\u00fcr das Recht auf Nahrung: \u201eMit den Leitlinien zum Recht auf Nahrung hat die FAO vor 20 Jahren einen Meilenstein f\u00fcr soziale Teilhabe in der UN gesetzt. Die Leitlinien waren das Grundger\u00fcst f\u00fcr viele weitere v\u00f6lkerrechtliche Instrumente zum Recht auf Nahrung, die seitdem durch das Engagement sozialer Bewegungen entstanden sind. Mit diesem menschenrechtlichen Rahmenwerk k\u00f6nnten wir so viel erreichen! Umso bedauerlicher, dass der Weltern\u00e4hrungsbericht auch in diesem geschichtstr\u00e4chtigen Jahr weiter auf die Steigerung der globalen Anbaumengen durch private Investitionen fokussiert, statt soziale Teilhabe durch \u00f6ffentliche F\u00f6rderung zu st\u00e4rken, um damit das tieferliegende Problem der Ungleichheit anzugehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Brasilien ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie die Anwendung eines Menschenrechtsansatzes den Hunger in die Schranken weist. Allein von 2022 auf 2023 konnte die Zahl der Menschen in Ern\u00e4hrungsunsicherheit um 13 Millionen verringert werden. Im Kern des brasilianischen Modells steht der nationale Ern\u00e4hrungsrat CONSEA \u2013 ein komplexes System sozialer Teilhabe, das der Zivilgesellschaft erm\u00f6glicht, an politischen Entscheidungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene mitzuwirken. Flankiert von weiteren menschenrechtlichen Mechanismen wie einer staatlichen sozialen Sicherung, der F\u00f6rderung der Agrar\u00f6kologie sowie Schulspeisungsprogrammen ist Brasilien auf einem guten Weg, von der Hungerkarte zu verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie mangelhaft eine mengenorientierte Hungerbek\u00e4mpfung ist, f\u00fchrt das Beispiel der Allianz f\u00fcr eine gr\u00fcne Revolution in Afrika (AGRA) vor Augen: Innerhalb von 15 Jahren sollte das von der Gates- und der Rockefeller Stiftung sowie von Staaten wie den USA und Deutschland gro\u00dfz\u00fcgig finanzierte Projekt die Ern\u00e4hrungsunsicherheit in 20 afrikanischen L\u00e4ndern halbieren. Der gesteigerte Vertrieb und Einsatz von kommerziellem Hochertragssaatgut, synthetischen D\u00fcngemitteln und Agrargiften sollte die afrikanische Landwirtschaft \u201emodernisieren\u201c. Doch anstelle den Hunger zu reduzieren, profitierten nur die wohlhabendsten B\u00e4uer*innen. In den 13 Schwerpunktl\u00e4ndern erh\u00f6hte sich die Zahl der Menschen, die unter extremem Hunger leiden, um 30 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Verantwortung der deutschen Politik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch die kirchlichen Hilfswerke Misereor, Brot f\u00fcr die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe nehmen Stellung zum heute ver\u00f6ffentlichten UN-Bericht \u201eThe State of Food Security and Nutrition in the World (SOFI)\u201c und sprechen dabei die Verantwortung der deutschen Politik an. Dagmar Pruin, Pr\u00e4sidentin von Brot f\u00fcr die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe sagt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist ein Skandal, dass noch immer bis zu 757 Millionen Menschen weltweit hungern. In Afrika leidet jeder f\u00fcnfte Mensch Hunger \u2013 Tendenz steigend. Der UN-Bericht zeigt, dass gerade die Unterst\u00fctzung von kleinen Familienbetrieben, die noch immer die Hauptlast der Weltern\u00e4hrung tragen, viel zu gering ist. Doch genau hier liegt der Schl\u00fcssel, um Millionen Menschen satt zu machen. Das zeigt S\u00fcdamerika, der einzige Kontinent, in dem es gelungen ist, den Hunger substanziell zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade mit Blick auf den Hunger in der Welt ist es vollkommen unverst\u00e4ndlich, dass die Bundesregierung den Haushalt f\u00fcr Entwicklungszusammenarbeit und Humanit\u00e4re Hilfe derart k\u00fcrzen will. Wir leisten es uns, dass die \u00e4rmsten Menschen wieder einmal die Leidtragenden sind. Selbst die Weltern\u00e4hrungsorganisation FAO muss nun konstatieren, dass eines der wichtigsten Nachhaltigen Entwicklungsziele, n\u00e4mlich den Hunger in der Welt bis 2030 zu besiegen, verfehlt wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Andreas Frick, neuer Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Misereor, fordert, K\u00fcrzungen bei der Hunger- und Armutsbek\u00e4mpfung r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e2015 hat die Weltgemeinschaft vereinbart, den Hunger weltweit bis 2030 zu beenden. Es braucht dringend ambitioniertere Anstrengungen, um dieses Ziel zu erreichen! Im Vergleich zu 2015 gibt es jetzt sogar 163 Millionen mehr Hungernde. Dabei ist die Welt seither reicher geworden, und es gibt gen\u00fcgend Lebensmittel f\u00fcr alle! Die Ursachen von Hunger \u2013 Ungleichheit, Kriege und durch die Klimakrise verst\u00e4rkte Naturkatastrophen \u2013 sind bekannt. Die G20 wollen den Kampf gegen Hunger und Armut priorisieren, aber die Bundesregierung k\u00fcrzt zeitgleich bei den \u00c4rmsten. Die humanit\u00e4re Hilfe wird mehr als halbiert, die Entwicklungszusammenarbeit um eine Milliarde gek\u00fcrzt. Den Versprechen an die von Hunger und Armut betroffenen Menschen, m\u00fcssen auch Taten folgen. Fortschritte beim Kampf gegen die Mangelern\u00e4hrung bei Kindern zeigen, dass politischer Wille und internationale Anstrengungen durchaus Wirkung zeigen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Partnerorganisationen von Misereor arbeiten weltweit daran, dass Menschen sich aus Hunger und Armut befreien k\u00f6nnen. Diese Menschen vertrauen f\u00fcr ihre gute und wichtige Arbeit auf unsere finanzielle und politische Unterst\u00fctzung. Die Bundesregierung muss sich fragen lassen, wie sie in Anbetracht der weltweiten Entwicklungen von Armut und Hunger die geplanten Haushaltsk\u00fcrzungen rechtfertigt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.fian.de\/wer-wir-sind\/fian-deutschland-geschaeftsstelle\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"100\" height=\"134\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/agrar\/wp-content\/uploads\/sites\/15\/2019\/10\/Philipp-Mimkes-K.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-166\" title=\"Foto: FIAN\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Philipp Mimkes ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Menschenrechtsorganisation <a href=\"https:\/\/www.fian.de\/\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.fian.de\/\" rel=\"noreferrer noopener\">FIAN Deutschland<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.fian.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/agrar\/wp-content\/uploads\/sites\/15\/2019\/03\/FIAN.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-83\" style=\"width:154px;height:auto\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/openknowledge.fao.org\/server\/api\/core\/bitstreams\/31af4e18-aaeb-4164-991e-2431fe9d41ca\/content\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"599\" height=\"846\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/agrar\/wp-content\/uploads\/sites\/15\/2024\/07\/UN-Bericht-SOFI-2024-T.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-767\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der UN-Bericht von 2024 &#8222;The State of Food Security and Nutrition in the World (SOFI)&#8220; steht <a href=\"https:\/\/openknowledge.fao.org\/server\/api\/core\/bitstreams\/31af4e18-aaeb-4164-991e-2431fe9d41ca\/content\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/openknowledge.fao.org\/server\/api\/core\/bitstreams\/31af4e18-aaeb-4164-991e-2431fe9d41ca\/content\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00fcber diesen Link zum Download als PDF-Datei<\/a> bereit.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rund 733 Millionen Menschen leiden weltweit unter chronischem Hunger. 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