{"id":1126,"date":"2025-11-06T18:28:53","date_gmt":"2025-11-06T17:28:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=1126"},"modified":"2025-11-06T18:28:53","modified_gmt":"2025-11-06T17:28:53","slug":"heutige-vorstellungen-ueber-wikinger-wissenschaftlich-oft-nicht-belegbar","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/heutige-vorstellungen-ueber-wikinger-wissenschaftlich-oft-nicht-belegbar\/","title":{"rendered":"Heutige Vorstellungen \u00fcber Wikinger wissenschaftlich oft nicht belegbar"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Skandinavisten am Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Uni M\u00fcnster untersuchen Erinnerungskulturen an das vorchristliche skandinavische Heidentum vom Mittelalter bis heute. \u201eMutige Entdecker, starke Krieger: Heutige Vorstellungen \u00fcber heidnische Wikinger basieren auf weit \u00fcber hundert Jahre sp\u00e4ter entstandenen christlichen Berichten.\u201c Der Skandinavist Roland Scheel betont, die unsichere Quellenlage werde oft verschleiert. Stereotype \u00fcber nordische Mythologie wurden auch vielfach politisch vereinnahmt, etwa in der NS-Zeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"616\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2025\/11\/251106-Nordic-Paganism-1024x616.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1122\" title=\"Bild: Exzellenzcluster Religion und Politik\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>(M\u00fcnster, 4. November 2025)<\/strong> Heutige Vorstellungen von den Wikingern und der heidnischen nordischen Mythologie lassen sich Skandinavisten zufolge wissenschaftlich vielfach nicht belegen. \u201eSie fu\u00dfen im Kern auf weit \u00fcber hundert Jahre sp\u00e4ter entstandenen Berichten christlicher Gelehrter im Hochmittelalter, da au\u00dfer kurzen Runeninschriften keine geschriebenen Texte aus der Ursprungszeit \u00fcberliefert sind\u201c, sagt der Skandinavist Roland Scheel vom Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Uni M\u00fcnster zur Ank\u00fcndigung der internationalen Konferenz \u201eImagining Nordic Paganism\u201d (\u201eImaginationen des nordischen Heidentums\u201c) vom 6. bis 7. November 2025. \u201eMit der Wikingerzeit, die nach heutiger Definition vom 8. bis 11. Jahrhundert dauerte, und der vorchristlichen nordischen Mythologie verbinden viele Menschen heute ein relativ klares Bild, das etwa aus den zahlreichen Wikinger-Filmen, Serien, Videospielen oder Museen stammt. Dazu geh\u00f6rt das Stereotyp des mutigen Entdeckers, starken Kriegers und Seefahrers. Doch so klar ist das, was wir \u00fcber diese Zeit wissen, nicht.\u201c Gro\u00dfe Forschungserz\u00e4hlungen zum Heidentum verschleiern laut Scheel bis heute, auch in manchen Ausstellungen und Medienbeitr\u00e4gen, dass die Texte, auf die sie sich beziehen, nur \u201eerinnerte Geschichte\u201c enthalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff \u201eWikinger\u201c wird heutzutage \u00fcberwiegend mit positiven Vorstellungen verbunden, wie Roland Scheel sagt. \u201eDer vorchristlichen skandinavischen Gesellschaft wird etwa eine besondere Kriegerkultur, eine au\u00dfergew\u00f6hnlich gute Stellung der Frau im Vergleich zum Mittelalter und die Freiheit von religi\u00f6sen Zw\u00e4ngen zugeschrieben.\u201c Das positive Bild des skandinavischen Heidentums pr\u00e4gt Identit\u00e4ten bis heute, so der Forscher. \u201eEin Beispiel sind neuheidnische Gruppen, eine religi\u00f6se und kulturelle Str\u00f6mung, die sich am vorchristlichen Heidentum orientiert und deren Anh\u00e4nger in ihrer Selbstwahrnehmung das skandinavische Heidentum leben \u2013 oft in Abgrenzung zu monotheistischen Religionen wie dem Christentum.\u201c Negative Aspekte wie die Brutalit\u00e4t der Pl\u00fcnderungsz\u00fcge der Wikinger spielen f\u00fcr die heutige Rezeption des vorchristlichen Heidentums eine weniger prominente Rolle, wie Scheel ausf\u00fchrt. Diese auffallend positive Bedeutungsaufladung stehe im Kontrast zur Rezeption anderer mittelalterlicher Ph\u00e4nomene wie den Kreuzz\u00fcgen, die heute Bilder von Gewalt und religi\u00f6ser Unterdr\u00fcckung hervorriefen. \u201eVorstellungen \u00fcber die Wikinger sind in Popkultur, Werbung und sogar in politisch motivierten Vorhaben anzutreffen. Ein Beispiel ist die vom Europarat zertifizierte Wikinger-Kulturroute, die zahlreiche historische Sehensw\u00fcrdigkeiten umfasst und das \u201aErbe der Wikinger\u2018 als einendes Element in Europa inszeniert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAuch Richard Wagners Figur der Walk\u00fcre ist ein Stereotyp\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Skandinavisten Roland Scheel und Simon Hauke untersuchen am Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Uni M\u00fcnster, wie das heutige Bild vom \u201aheidnischen Norden\u2018 im Mittelalter entstand und sich \u00fcber die Zeit entwickelte. Vorstellungen \u00fcber das skandinavische Heidentum seien \u00fcber die Jahrhunderte weitergegeben und aus verschiedenen Blickwinkeln und Motiven immer neu verarbeitet worden, so der Forscher. Das reiche von literarischen Werken wie der \u201eEdda\u201c des isl\u00e4ndischen Gelehrten Snorri Sturluson aus dem 13. Jahrhundert, die G\u00f6tter- und Heldensagen nacherz\u00e4hlt, \u00fcber Jacob Grimm, der die mittelalterlichen skandinavischen Texte nutzte, bis zu Reichskanzler Otto von Bismarck (1815\u20131898), der sich in Reichstagsreden auf die \u201eEdda\u201c bezog. \u201eF\u00fcr alle Epochen gilt: Wie Menschen zu ihrer jeweiligen Zeit das skandinavische Heidentum imaginierten und anderen vermitteln wollten, sagt viel \u00fcber deren Ziele und Mentalit\u00e4ten aus. Unsere Forschung erm\u00f6glicht einen Blick hinter die Kulissen unseres eigenen Wissens \u2013 oder dessen, was wir zu wissen meinen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Historisch betrachtet wurde das Bild des \u201aheidnischen Nordens\u2018 nach den Worten des Wissenschaftlers vielfach politisch vereinnahmt. \u201eDas prominenteste Negativbeispiel ist die Instrumentalisierung der nordischen Mythologie durch die v\u00f6lkische Bewegung und die Nationalsozialisten. Sie missbrauchten die mittelalterlichen Schriftquellen massiv zur Fundierung der Rasse-Ideologie.\u201c Ankn\u00fcpfungspunkte zum Rechtsextremismus gebe es bis in die Gegenwart, insgesamt sei die Rezeption aber heute viel heterogener und decke ein sehr weites Spektrum an Interessen und Formen ab. Auch das Feld der neuheidnischen Gruppen sei heterogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorstellungen \u00fcber die nordische Mythologie wurden und werden den Forschern zufolge also auch in Kunst und Literatur verarbeitet. \u201eEin weiteres Beispiel daf\u00fcr ist Richard Wagners Oper \u201aRing des Nibelungen\u2018\u201c, erl\u00e4utert Simon Hauke. \u201eViele heutige Vorstellungen \u00fcber die nordische Mythologie stammen aus der Inszenierung der Urauff\u00fchrung. Dazu z\u00e4hlt die Figur der Walk\u00fcre, der Wagner das Kost\u00fcm der betont femininen Kriegerin verleiht. Heute wird dieses Walk\u00fcrenbild h\u00e4ufig \u00fcbernommen, etwa auf Albencovern von Metalbands oder Yu-Gi-Oh!-Karten.\u201c Der eigentlichen Quellenlage entspreche dieses Bild aber nur bedingt, so Hauke. \u201eWalk\u00fcren \u00fcbernehmen in den altnordischen Quellen sehr unterschiedliche Rollen: die Auswahl der Schlachtentoten, deren Transport nach Valh\u00f6ll (Walhalla), die Rolle der Geliebten eines menschlichen Helden, aber auch der jenseitigen Schankmaiden. \u201eWalk\u00fcren greifen in den Textquellen oft in die K\u00e4mpfe der Menschen ein, was ihre Figur aber in der urspr\u00fcnglichen Mythologie genau ausmacht und ob sie als Kriegerin gesehen wurde, ist unklar \u2013 sicher ist heute nur, dass dies lediglich eine von vielen Facetten einer Figur war, die in der sp\u00e4teren Rezeption auf ihre Weiblichkeit und ihr Kriegertum reduziert wurde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Forschungsprojekt von Roland Scheel und Simon Hauke tr\u00e4gt den Titel \u201ePaganisierungen: Erinnertes Heidentum als Element skandinavischer und europ\u00e4ischer Identit\u00e4ten\u201c. Der Fokus der Konferenz \u201eImagining Nordic Paganism. Cultural Memories and Scholarly Thought Since the Middle Ages\u201d liegt auf der historischen Rezeption des skandinavischen Heidentums. \u201eWir decken ein breites Themenfeld ab, etwa die Beziehung von Geschlecht und Heidentum, die r\u00e4umliche Dimension seiner Rezeption und nicht zuletzt den identit\u00e4tsstiftenden R\u00fcckgriff auf das Heidentum in der Geschichtsschreibung und der Geschichte der Skandinavistik. Das zeigt eine gro\u00dfe zeitliche Tiefe der Rezeption des skandinavischen Heidentums von den ersten Quellen im Mittelalter bis zur modernen Forschung und Literatur auf\u201c, erl\u00e4utert Scheel.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"931\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2025\/11\/Roland-Scheel-uni-muenster-931x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1123\" title=\"Foto: Exzellenzcluster Religion und Politik\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Roland Scheel vom Institut f\u00fcr Skandinavistik, Universit\u00e4t M\u00fcnster.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"881\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2025\/11\/Simon-Hauke-Exzellenzcluster-Religion-und-Politik-von-Richard-Sliwka-881x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1124\" title=\"Foto: Exzellenzcluster Religion und Politik\/Richard Sliwka\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Skandinavist Simon Hauke vom Exzellenzcluster &#8222;Religion und Politik&#8220; der Universit\u00e4t M\u00fcnster.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Skandinavisten am Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Uni M\u00fcnster untersuchen Erinnerungskulturen an das vorchristliche skandinavische Heidentum vom Mittelalter bis heute. \u201eMutige Entdecker, starke Krieger: Heutige Vorstellungen \u00fcber heidnische Wikinger basieren auf weit \u00fcber hundert Jahre sp\u00e4ter entstandenen christlichen Berichten.\u201c Der Skandinavist Roland Scheel betont, die unsichere Quellenlage werde oft verschleiert. 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