{"id":1136,"date":"2025-11-15T14:44:34","date_gmt":"2025-11-15T13:44:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=1136"},"modified":"2025-11-15T14:44:34","modified_gmt":"2025-11-15T13:44:34","slug":"vom-unclaimed-land-zur-digitalen-verantwortung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/vom-unclaimed-land-zur-digitalen-verantwortung\/","title":{"rendered":"Vom &#8222;unclaimed land&#8220; zur digitalen Verantwortung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Essay von Rudolf Tillig<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist eine merkw\u00fcrdige Dialektik: Weil Daten angeblich &#8222;nicht besessen&#8220; werden k\u00f6nnen, d\u00fcrfen sie von jedem besessen werden, der schnell genug ist. Weil sie &#8222;keinen Tr\u00e4ger&#8220; haben, darf jeder sie tragen. Weil sie &#8222;nicht rivalisierend&#8220; sind, darf man sie rivalit\u00e4tslos ausbeuten. Das Ergebnis ist eine juristische Enteignung der vielen durch die Entfesselung der wenigen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"801\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2025\/11\/251115-NU-rudi-dateneigentum.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1134\" title=\"Foto: Nata Uchava, Magdeburg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es ist eine der gro\u00dfen Ironien des Rechts, dass es stets den Anspruch erhebt, mit der Wirklichkeit Schritt zu halten \u2013 und doch immer dort stehen bleibt, wo es sich am sichersten f\u00fchlt: in der Vergangenheit. Juristen sind H\u00fcter der Ordnung, und Ordnung liebt den Stillstand. Sie neigen dazu, die Welt in jene Formen zu pressen, die sie kennen, und das Unbekannte so lange zu verneinen, bis es ihnen in die B\u00fccher geschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann es ihnen nicht verdenken. Das Recht ist konservativ, weil es konservieren soll. Doch manchmal verwandelt sich diese Tugend in Tr\u00e4gheit \u2013 und dann geschieht, was jetzt im digitalen Zeitalter geschieht: Die Welt ver\u00e4ndert sich, aber das Recht weigert sich, hinzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es behauptet, Daten seien keine \u201eSachen\u201c. Es sagt, sie h\u00e4tten \u201ekeinen Tr\u00e4ger\u201c. Es erkl\u00e4rt, sie seien \u201enicht rivalisierend\u201c, \u201enicht beherrschbar\u201c, \u201enicht abgrenzbar\u201c. Und daraus zieht es den Schluss, dass Eigentum an Daten ein Widerspruch in sich sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit liegt es falsch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I. Das falsche Fetischobjekt: K\u00f6rperlichkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das klassische Eigentumsrecht entstand in einer Welt, in der Besitz greifbar war. Eigentum bedeutete Herrschaft \u00fcber Dinge: Land, Vieh, Hausrat. Der Eigent\u00fcmer konnte zeigen, was ihm geh\u00f6rte; er konnte es anfassen, bewachen, vererben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Fortschritt hat diese Welt l\u00e4ngst hinter sich gelassen. Wir haben geistiges Eigentum geschaffen, Patente, Marken, Rechte am eigenen Bild. Wir haben gelernt, dass auch das Unsichtbare und das Geistige Schutz verdient \u2013 weil es Ausdruck des Handelns, des Sch\u00f6pfens, der Identit\u00e4t ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum also h\u00e4lt das Recht an der K\u00f6rperlichkeit fest, als w\u00e4re sie der letzte Rettungsanker gegen das Unbegreifliche? Daten sind keine Materie, gewiss. Aber sie sind <em>Realit\u00e4t<\/em> \u2013 Ausdruck von Verhalten, Entscheidung, Gesundheit, Bewegung. Sie sind keine blo\u00dfen Zeichen, sie sind <em>Spuren von Sein<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Recht, das sie als \u201etr\u00e4gerlos\u201c bezeichnet, verwechselt Materialit\u00e4t mit Existenz.<br>So wie die Philosophie des 19. Jahrhunderts in der Seele nur ein chemisches Produkt sah, so sieht das heutige Recht in Daten nur Signale.<br>Es vergisst, dass sie Ursprung haben \u2013 und dass Ursprung Beziehung bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>II. Die Ursprungsblindheit des Rechts<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Datum hat einen Autor, auch wenn dieser unbewusst handelt. Es entsteht aus einer Handlung, einer Wahrnehmung, einem physischen oder sozialen Zustand. Daten sind daher <em>ursprungsgebundene Informationen<\/em>. Sie sind nicht herrenlos, sondern zuordenbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das aber will das Recht nicht sehen. Denn es m\u00fcsste dann anerkennen, dass der Mensch <em>nicht nur Objekt<\/em>, sondern <em>Urheber<\/em> des digitalen Raumes ist.<br>Stattdessen zieht es sich auf die bequeme Lehre zur\u00fcck, dass Daten keine Eigentumsobjekte sein k\u00f6nnten \u2013 und \u00fcberl\u00e4sst sie damit jenen, die sie sammeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine merkw\u00fcrdige Dialektik:<br>Weil Daten angeblich \u201enicht besessen\u201c werden k\u00f6nnen, d\u00fcrfen sie von jedem besessen werden, der schnell genug ist.<br>Weil sie \u201ekeinen Tr\u00e4ger\u201c haben, darf jeder sie tragen.<br>Weil sie \u201enicht rivalisierend\u201c sind, darf man sie rivalit\u00e4tslos ausbeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis ist eine juristische Enteignung der vielen durch die Entfesselung der wenigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>III. Die Wiederkehr des <em>terra nullius<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In alten Atlanten des 18. Jahrhunderts konnte man sie finden: jene weiten Fl\u00e4chen, auf denen in feiner Schrift stand \u201e<em>unclaimed\u201c<\/em>. Man meinte damit Gebiete, die angeblich niemandem geh\u00f6rten. Dass dort Menschen lebten, spielte keine Rolle, denn sie kannten das europ\u00e4ische Eigentumsrecht nicht. Ihre Lebensform passte nicht in die Paragraphen der Entdecker \u2013 und wurde daher rechtlich ausgel\u00f6scht.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute wiederholt sich dieses Muster im Digitalen. Die gro\u00dfen Plattformen haben aus dem Internet ein <em>terra nullius<\/em> gemacht. Sie bezeichnen es nicht so, aber sie handeln danach. Jedes Klickverhalten, jede Kommunikation, jede Bewegung gilt als unbeanspruchtes Land. Wer sie zuerst erhebt, besitzt sie. Wer sie auswertet, veredelt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was w\u00e4re das f\u00fcr ein Eigentum, das sich auf die Abwesenheit seiner eigentlichen Eigent\u00fcmer gr\u00fcndet? Es ist Kolonialismus im Gewand der Datentechnik \u2013 die Fortsetzung der Eroberung mit anderen Mitteln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>IV. Die Furcht vor dem Kontrollverlust<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Juristen f\u00fcrchten Chaos. Sie f\u00fcrchten, dass ein Dateneigentum unz\u00e4hlige Miteigent\u00fcmer schafft, dass Lizenzen, Anspr\u00fcche, Klagen das System \u00fcberfluten. Doch diese Angst ist ein Phantom, geboren aus der eigenen Ordnungssehnsucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die Komplexit\u00e4t existiert l\u00e4ngst \u2013 sie wird nur nicht anerkannt. Schon heute teilen sich Dutzende Akteure (Plattformen, Dienstleister, Datenh\u00e4ndler) ein und dasselbe Informationsgut, ohne dass der urspr\u00fcngliche Tr\u00e4ger auch nur wei\u00df, dass er beteiligt ist. Das Recht hat diese Realit\u00e4t nicht beseitigt, sondern unsichtbar gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein modernes Dateneigentum w\u00fcrde sie lediglich sichtbar, \u00fcberpr\u00fcfbar und verhandelbar machen.<br>Es w\u00fcrde die Rechte, die heute informell und einseitig existieren, in ein geregeltes Verh\u00e4ltnis setzen.<br>Es w\u00fcrde Ordnung schaffen, wo jetzt Anarchie herrscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Angst vor der Ordnung ist also eine Angst vor der eigenen Pflicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>V. Vom Besitz zur Verantwortung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist h\u00f6chste Zeit, das Eigentum wieder als Beziehung zu begreifen. Eigentum war nie nur Ausschluss, sondern immer auch Verantwortung. Wer etwas besitzt, steht in einer Beziehung zu anderen \u2013 und wird an ihr gemessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Digitalen hei\u00dft das: Wer Daten nutzt, \u00fcbernimmt Verantwortung gegen\u00fcber deren Ursprung. Das gilt f\u00fcr Unternehmen ebenso wie f\u00fcr Staaten, Wissenschaft oder KI-Systeme. Denn jede Nutzung erzeugt Folgen \u2013 soziale, wirtschaftliche, psychologische.<\/p>\n\n\n\n<p>Das neue Eigentum an Daten w\u00e4re daher kein R\u00fcckfall in Privatbesitz, sondern ein Schritt zu <strong>verantwortlicher Teilhabe<\/strong>. Nicht \u201eIch besitze\u201c, sondern \u201eIch erkenne an, dass dies nicht mir allein geh\u00f6rt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist kein R\u00fcckschritt, sondern die R\u00fcckkehr zur Idee des Eigentums als sittlicher Institution \u2013 so, wie es das europ\u00e4ische Denken immer verstanden hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>VI. Der Preis des Beharrens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wer weiter behauptet, Daten seien eigentumsunf\u00e4hig, zementiert ein System, in dem die Macht \u00fcber Menschen aus ihrer rechtlichen Unsichtbarkeit gewonnen wird. Das ist nicht Neutralit\u00e4t, das ist Parteinahme \u2013 zugunsten derjenigen, die aus dieser Unsichtbarkeit Kapital schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Recht darf sich nicht l\u00e4nger darauf berufen, dass seine Begriffe unpassend seien. Es ist seine Aufgabe, neue zu schaffen. Denn das Eigentum hat sich immer weiterentwickelt: vom Besitz \u00fcber Land, zu geistigem Schaffen, zu Erfindungen und Marken. Warum also sollte es beim Menschen aufh\u00f6ren, sobald er digital handelt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>VII. Die europ\u00e4ische Antwort<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Europa k\u00f6nnte diese Wende vollziehen. Nicht, indem es den anglo-amerikanischen Marktbegriff von \u201eproperty\u201c kopiert, sondern indem es sich auf seine eigene Tradition besinnt: Eigentum als Ausdruck von W\u00fcrde, Freiheit und Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Dateneigentum europ\u00e4ischen Zuschnitts w\u00e4re kein Patent auf Bits, sondern ein <strong>Recht auf Beziehung<\/strong> \u2013 auf Kontrolle, Teilhabe, Transparenz. Es w\u00fcrde den Ursprung der Daten anerkennen, ohne Innovation zu ersticken. Es w\u00fcrde das digitale Niemandsland in eine Rechtsgemeinschaft verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist das die tiefste Aufgabe des Rechts in unserer Zeit: nicht die Vergangenheit zu sch\u00fctzen, sondern das Unsichtbare sichtbar zu machen. Die Juristen werden sagen, das sei zu viel verlangt. Aber man k\u00f6nnte ihnen antworten:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zu ihrer Zeit galten auch B\u00fccher als gef\u00e4hrlich, Maschinen als unbeherrschbar und Gedanken als nicht justiziabel.<\/em> Und doch hat sich das Recht jedes Mal gewandelt \u2013 nicht, weil es wollte, sondern weil es musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal steht mehr auf dem Spiel.<br>Nicht nur Besitz, sondern Selbstbestimmung.<br>Nicht nur Markt, sondern Menschsein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nachbemerkung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text ist den Juristen gewidmet \u2013 und all jenen, die glauben, dass das Recht nur bewahren, nicht gestalten d\u00fcrfe. M\u00f6ge er sie daran erinnern, dass jedes Eigentum mit einem Akt der Anerkennung begann. Und dass auch im digitalen Zeitalter niemand \u201eunclaimed\u201c ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Rudolf Tillig Es ist eine merkw\u00fcrdige Dialektik: Weil Daten angeblich &#8222;nicht besessen&#8220; werden k\u00f6nnen, d\u00fcrfen sie von jedem besessen werden, der schnell genug ist. Weil sie &#8222;keinen Tr\u00e4ger&#8220; haben, darf jeder sie tragen. Weil sie &#8222;nicht rivalisierend&#8220; sind, darf man sie rivalit\u00e4tslos ausbeuten. 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