{"id":1234,"date":"2026-07-13T18:15:50","date_gmt":"2026-07-13T16:15:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=1234"},"modified":"2026-07-13T18:17:07","modified_gmt":"2026-07-13T16:17:07","slug":"amos-neu-lesen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/amos-neu-lesen\/","title":{"rendered":"Amos neu lesen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2026\/07\/260713-NU-Thomas-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1232\" title=\"Foto: Nata Uchava\/ChatGPT\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein Essay von Thomas Bettinger<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Prophet des achten Jahrhunderts vor Christus h\u00e4lt uns den Spiegel vor: Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erf\u00fcllen. Es ist das Buch, das ich mehrfach im Original, also in Hebr\u00e4isch, gelesen habe: Das Buch Amos. Mit ihm habe ich mein theologisches Examen im \u201eAlten Testament\u201c bestanden bei einem Lehrer, den ich hoch verehrt habe, von dessen Theologie ich heute noch zehre. Auf den Vorwurf, Gott gehe es doch nicht prim\u00e4r um soziales Handeln, antwortete er: Um was denn sonst? Alfons Deissler, der bedeutende Freiburger Alttestamentler, hat uns Studenten und Studentinnen immer wieder eingesch\u00e4rft: Gott geht es um das Menschsein des Menschen. Und daf\u00fcr steht der Prophet Amos.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bedrohung von Recht und Demokratie, von Menschenw\u00fcrde und Menschenrechten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wir sollten ihn h\u00f6ren, heute, wo in vielen L\u00e4ndern, auch bei uns, die Menschenjagd wieder er\u00f6ffnet ist, Rassismus und Antisemitismus allt\u00e4glich geworden sind und der \u00f6ffentliche Diskurs \u00fcber die sozialen Medien von L\u00fcgen und Hass gepr\u00e4gt ist. Menschen werden mit Stigmata belegt und ausgegrenzt, Gewalt bis hin zum Mord gegen sie sind keine Ausnahmef\u00e4lle mehr, Beh\u00f6rden verhalten sich respektlos und dem\u00fctigend gegen\u00fcber Migranten, auch solchen, die legal nach Deutschland kommen, der Staat macht seine Grenzen immer dichter, die Europ\u00e4ische Union errichtet Mauern, und Menschen ertrinken auf der Flucht im Mittelmeer. Privatinitiativen versuchen, mit gecharterten Schiffen das Schlimmste zu verhindern und Menschen zu retten. Die Europ\u00e4ische Union mit ihrer Menschenrechtscharta versagt hier in G\u00e4nze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die politische Sprache verroht, verursacht durch rechtspopulistische und linksextreme Demagogen, die unsere Gesellschaft spalten und den demokratischen Rechtsstaat austesten wollen, wie weit sie gehen k\u00f6nnen. Wer sich das Parteiprogramm der AfD, ihre aktuellen Wahlprogramme f\u00fcr die Landtagswahlen im Herbst 2026 anschaut und die m\u00fcndlichen \u00c4u\u00dferungen einflussreicher Politiker der Rechten wahrnimmt, kann sich ausmalen, was geschehen k\u00f6nnte, wenn diese Leute an die Macht kommen. Menschenverachtung als Grundsatz der Politik! Schwarze Listen sind schon geschrieben, es fehlen noch die ausf\u00fchrenden Machtinstrumente.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir nach USA schauen, k\u00f6nnen wir sehen, wie das geht: Vom Wei\u00dfen Haus aus, mit Unterst\u00fctzung der Techmilliard\u00e4re, der antidemokratischen Libert\u00e4ren und Transhumanisten, wird die Gewaltenteilung ausgehebelt, das Recht missachtet, die Geschichte umgeschrieben, white supremacy propagiert, Rassismus, Hass und Gewalt gegen Schwarze und andere nichtwei\u00dfe B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, Migranten und Indigene gef\u00f6rdert. Die wei\u00dfe Rasse wird als \u00fcberlegen \u00fcber nichtwei\u00dfe Menschen behauptet. Die B\u00fcrgerrechtsgesetzgebung von 1964, mit der die USA endg\u00fcltig den Status eines Apartheidstaates hinter sich gelassen hat, wird ausgehebelt, auch mit Hilfe des Supreme Court. In den bewaffneten Truppen der ICE, der US Immigration and Customs Enforcement, hat sich das Wei\u00dfe Haus eine Sturmtruppe geschaffen, die wie Rollkommandos Stra\u00dfen und Wohnungen st\u00fcrmt, um Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus festzunehmen und abzuschieben. Dies tut sie mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t. Dabei starben auch Menschen mit B\u00fcrgerrecht. Wir kennen das in Deutschland. Von den Amerikanern haben wir nach 1945 Demokratie und Menschenrechte gelernt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Amos \u2013 ein \u201eberufener Rufer\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was k\u00f6nnen wir von dem Propheten Amos lernen? Er ist der erste Schriftprophet und einer der ersten historisch fassbaren Zeugen eines j\u00fcdischen Volkes im Land Kanaan. Er lebte in der Mitte des achten Jahrhunderts vor Christus (!), also vor fast 3000 Jahren. Das war die Zeit Homers, Rom wurde gerade gegr\u00fcndet. Und dieser Zeuge aus einer weit zur\u00fcckliegenden Vergangenheit hat uns was zu sagen? Ja! Er verk\u00fcndet einen Gott, der radikal und kompromisslos, ohne Wenn und Aber, f\u00fcr die W\u00fcrde, das Leben und die Rechte der Menschen eintritt, das hei\u00dft f\u00fcr das Menschsein des Menschen. Denn seine Ehre, sein Ruhm ist der \u201egelingende Mensch\u201c (Iren\u00e4us von Lyon, 2. Jh. n.Chr.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dieser Gott mit Namen Jahweh, der von sich selbst sagt: Ich bin der Gott, der f\u00fcr Dich da ist, gestern, heute und morgen (siehe Genesis 3,14), er ist der Gott, der sein Volk Israel aus dem Sklavenhaus \u00c4gypten befreit hat. Er hat seinen Bund mit Israel geschlossen, seinem auserw\u00e4hlten Volk, und ihm \u201eWegweisungen\u201c mitgegeben: die Tora mit den Zehn \u201eGeboten\u201c. Sie sind Ausdruck und Lebensregel f\u00fcr ein Volk, das von seinem Gott befreit ist zu einem gelingenden Leben im \u201eLand, in dem Milch und Honig flie\u00dfen\u201c (Exodus 33,3): Du bist von mir befreit, lebe jetzt als ein Befreiter! Die Zehn Gebote sind mehr Indikative als Gebote. Sie beginnen mit \u201eDu wirst\u201c \/ \u201eDu wirst nicht\u201c, nicht mit \u201eDu sollst!\u201c \/ \u201eDu sollst nicht.\u201c So lesen sich die Gebote f\u00fcr ein \u201ebefreites Dasein\u201c (n. Deuteronomium 5,6-11):<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><tbody><tr><td>Erstes Gebot:&nbsp;&nbsp;<\/td><td><strong>Du wirst keine<\/strong> anderen G\u00f6tter haben mir ins Angesicht!<\/td><\/tr><tr><td>Zweites Gebot:<\/td><td><strong>Nicht wirst du<\/strong> machen ein Bild irgendwelcher Gestalt von dem, was im Himmel droben oder unten auf der Erde oder im Wasser unter der Erde ist. Du wirst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. \u2026<\/td><\/tr><tr><td>Drittes Gebot:&nbsp;<\/td><td><strong>Du wirst<\/strong> den Namen JAHWEHs, deines Gottes,<strong> nicht<\/strong> zu Frevlem erheben!<\/td><\/tr><tr><td>Viertes Gebot:<\/td><td>Halte (<strong>Du wirst halten<\/strong>) den Sabbattag, um ihn zu heiligen, wie JAHWEH, dein Gott, dir geboten hat. \u2026<\/td><\/tr><tr><td>F\u00fcnftes Gebot:<\/td><td>Erweise (<strong>Du wirst erweisen<\/strong>)Ehre deinem Vater und deiner Mutter, wie JAHWEH, dein Gott, dir geboten hat, damit deine Tage dir lange w\u00e4hren und es dir wohlergehe \u2026<\/td><\/tr><tr><td>Sechstes Gebot:<strong>&nbsp;<\/strong><\/td><td><strong>Du wirst nicht<\/strong> morden!<\/td><\/tr><tr><td>Siebtes Gebot: <strong>&nbsp;<\/strong><\/td><td><strong>Du wirst nicht<\/strong> die Ehe brechen!<\/td><\/tr><tr><td>Achtes Gebot:<strong>&nbsp;<\/strong><\/td><td><strong>Du wirst nicht<\/strong> stehlen!<\/td><\/tr><tr><td>Neuntes Gebot:<strong>&nbsp;<\/strong><\/td><td><strong>Du wirst nicht<\/strong> als falscher Zeuge aussagen gegen deinen N\u00e4chsten!<\/td><\/tr><tr><td>Zehntes Gebot:<strong>&nbsp;<\/strong><\/td><td><strong>&nbsp;Du wirst nicht<\/strong> trachten nach der Frau deines N\u00e4chsten und nicht begehren nach deines N\u00e4chsten Haus, Feld, Knecht, Magd, Rind, Esel oder sonst nach irgend etwas, was deinem N\u00e4chsten geh\u00f6rt.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Israel wird diesem Anspruch nicht gerecht: \u201eDieses Volk aber hat ein st\u00f6rrisches, trotziges Herz. Sie wichen vom Weg ab und gingen davon\u201c (Jeremia 5,23). Die Botschaft der Propheten ist notwendig, weil das Volk Israel sich anderen G\u00f6ttern zugewandt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das achte Jahrhundert v.Chr. ist Zeuge von zwei j\u00fcdischen Staaten, dem sogenannten Nordreich Israel mit dem Reichsheiligtum Bet-El, und dem S\u00fcdreich Juda mit dem Tempel in Jerusalem. Amos stammt aus Tekoa, s\u00fcd\u00f6stlich von Betlehem, er ist kein Berufsprophet, wie es sie an den Heiligt\u00fcmern gab, sondern ein Viehz\u00fcchter und ein Veredler von Maulbeerfeigenb\u00e4umen. Er wird ins Nordreich geschickt. Er ist ein \u201enabi\u201c, ein von Jahweh \u201eberufener Rufer\u201c. Er verk\u00fcndet nicht eigene Botschaft, sondern das Wort, das Jahweh ihm eingibt. Die Propheten des \u201ealten\u201c Bundes wissen das genau zu unterscheiden. Und die Glaubw\u00fcrdigkeit seiner Botschaft wird selbst vom Hohenpriester Amazja am Tempel in Bet-El nicht bestritten. Weil sie gef\u00e4hrlich ist f\u00fcr Religion und Staat, schickt er Amos \u201enach Hause\u201c (Am 7,12).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch Amos hat eine lange Entstehungsgeschichte. Die \u00fcberlieferten Prophetenworte wurden mit der Zeit erg\u00e4nzt, seine Endredaktion ist wohl in der Zeit des Babylonischen Exils (587-538 v.Chr.) erfolgt. Im Text spiegeln sich die Erfahrungen der Zerst\u00f6rung des Nordreichs durch die Assyrer (721 v.Chr.) und des S\u00fcdreichs durch die Babylonier mit der Zerst\u00f6rung des Tempels in Jerusalem und der Deportation nach Babylon (587 v.Chr.) wider. Das Exil zwingt zur theologischen Reflexion und Neudeutung der Gotteserfahrung mit Jahweh. Die Botschaft des Amos und anderer Propheten (Hosea, Jesaja, Jeremia) werden nun als Prophezeiungen und Gerichtspredigt verstanden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der gerechte Gott<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amos verk\u00fcndet keinen \u201elieben Gott\u201c. Seine Botschaft ist radikal, kompromisslos und hart: Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erf\u00fcllen. Jahweh klagt Israel an. Er verfolgt \u2013 man kann es kaum aussprechen \u2013 erbarmungslos Unmenschlichkeit, Mitleidlosigkeit, Unanst\u00e4ndigkeit. Er prangert Ausbeutung, betr\u00fcgerische wirtschaftliche Praktiken, L\u00fcgen, die Gewalt gegen die Schwachen, Armen und Ohnm\u00e4chtigen an, ganz besonders aber die Beugung des Rechts, die Verachtung des Rechts. Es ist das Gottesrecht, im Bund Gottes seinem Volk Israel \u201egeschenkt\u201c als Leitlinien zum gelingenden Leben. <strong>Gottesrecht ist Menschenrecht!<\/strong> Jahweh ist der gerechte Gott! Und er fordert Recht und Gerechtigkeit ein (siehe Amos 5,24). Gott will, dass auch der Arme lebt \u2013 und das in W\u00fcrde. Er tritt f\u00fcr die Lebensrechte der Habenichtse ein und verfolgt die Ausbeuter, die reichen Prasser ohne Gewissen, ohne Verantwortung f\u00fcr die anderen, die N\u00e4chsten. Im Skandal des \u00fcberquellenden Reichtums weniger gegen\u00fcber der krassen Armut der vielen ergreift Jahweh Partei f\u00fcr die Schwachen und Ohnm\u00e4chtigen, die Hungernden, Ausgebeuteten und Betrogenen, die Hoffnungslosen und Verlorenen. Er tritt f\u00fcr ihr Menschsein ein, f\u00fcr ihre W\u00fcrde als Menschen und f\u00fcr ihre Rechte als Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und er verfolgt die, die die Armen missachten, sie mit F\u00fc\u00dfen treten. Jahweh tritt gegen jede Form der Menschenverachtung auf. Mit Feuer \u2013 ja apokalyptischem Feuer! \u2013 geht er gegen die \u201eherrschende Klasse\u201c vor, gegen die Reichen und M\u00e4chtigen, gegen die Ausbeuter, Betr\u00fcger, R\u00e4uber und M\u00f6rder, auch gegen die \u201eBaschank\u00fche auf dem Berg von Samaria\u201c (Amos 4,1-3), die Frauen der Oberklasse, die in Luxus und Ausschweifung leben. Sie alle verweigern Menschlichkeit und Solidarit\u00e4t, sie alle stellen sich gegen das Gottesprojekt, das ist der lebendige, gelingende Mensch in Freiheit vor dem Angesicht Gottes! Der Mensch, der ganz lebt aus der liebenden Zuwendung Gottes, in N\u00e4chstenliebe dem anderen Menschen zugewandt, \u201edenn er ist wie Du!\u201c (Martin Buber). Die Konsequenz ist Vernichtung und Verbannung, eine geradezu apokalyptische, auch \u00f6kologische Katastrophe. Die Bilder, die der Prophet daf\u00fcr hat, sind auf jeder Seite seines Buches zu finden (zum Beispiel Amos 4,4-12). Wer es liest, erahnt das Grauen. \u201eAlle S\u00fcnder meines Volkes sollen durch das Schwert umkommen, alle die sagen, das Unheil erreicht uns nicht, es holt uns nicht ein\u201c (Amos 9,10). Mich erinnert dieser Satz an unser Verhalten gegen\u00fcber dem Klimawandel, der schon da ist und den wir nicht wahrhaben wollen. Der alte wei\u00dfe Mann mit dem deutschen Namen im Wei\u00dfen Haus hat einfach dekretiert: Klimawandel gibt es nicht! Das sind fake news der Kommunisten!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amos nimmt sich die T\u00e4ter vor. Ihre Untaten, aber auch ihren Gottesdienst: \u201eIch hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem L\u00e4rm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht h\u00f6ren, sondern <strong>das Recht str\u00f6me wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach<\/strong>\u201c (Amos 5,21-24). Beim Gottesdienst sind sie nicht mit dem Herzen dabei, ihre innere Haltung entspricht nicht ihrem Tun. <strong>\u201eRecht und Gerechtigkeit will ich, nicht Opfer\u201c<\/strong> (Buch der Spr\u00fcche 21,3). <strong>Gottesdienst ist Menschendienst!<\/strong> Eine f\u00fcr die damalige Zeit ungeheure, heute noch aktuelle Aussage!<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Appell: Kehrt um!<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle diese Drohungen w\u00e4ren sinnlos, wenn in ihnen nicht ein Appell zu vernehmen w\u00e4re: Der prophetische Appell: Kehrt um! Wendet Euch wieder Jahweh zu, der will, dass ihr lebt! Erkennt die Weisheit seines Rechts, strebt nach Erkenntnis und wahrer Gerechtigkeit! Liebt Jahweh im Gottesdienst mit Eurem ganzen Herzen und liebt den N\u00e4chsten, den Nachbar, den Fremden, den Mitmenschen, denn er ist euer Bruder, eure Schwester. Liebt den, der in Not ist, helft ihm auf, dass er ein aufrechter Mensch sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Jahweh zeigt selbst bei Amos Geduld und Mitleid (Amos 7,4-9). Und er zeigt Israel den Weg auf, den es gehen soll: \u201e<strong>Sucht das Gute, nicht das B\u00f6se; dann werdet ihr leben<\/strong> und dann wird, wie ihr sagt, der HERR, der Gott der Heerscharen, bei euch sein. <strong>Hasst das B\u00f6se, liebt das Gute und bringt im Tor das Recht zur Geltung! <\/strong>Vielleicht ist der HERR, der Gott der Heerscharen, dem Rest Josefs dann gn\u00e4dig\u201c (Amos 5,14f). Und das Buch endet mit dem Hoffnungsbild von Erneuerung und Fruchtbarkeit: \u201eSeht, es kommen Tage &#8211; Spruch des HERRN -, da folgt der Pfl\u00fcger dem Schnitter auf dem Fu\u00df und der Keltertreter dem S\u00e4mann; da triefen die Berge von Wein und alle H\u00fcgel flie\u00dfen \u00fcber. Dann wende ich das Geschick meines Volkes Israel. Sie bauen die verw\u00fcsteten St\u00e4dte wieder auf und wohnen darin; sie pflanzen Weinberge und trinken den Wein, sie legen G\u00e4rten an und essen die Fr\u00fcchte. Und ich pflanze sie ein in ihren Boden und nie mehr werden sie ausgerissen aus ihrem Boden, den ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott\u201c (Amos 9,13-15). Das ist das Ziel prophetischen Rufens: Nicht, dass das angek\u00fcndigte Unheil eintrifft, sondern dass Umkehr geschieht, Umkehr zu Jahweh, dem Sch\u00f6pfer und Freund allen Lebens, der neues Leben, furchtbares, lebendiges ja paradiesisches Wachstum schenkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und der Aufruf zur Umkehr gilt \u2013 unverk\u00fcrzt \u2013 auch uns heute. \u201eWas damals im regionalen Ma\u00dfstab geschah, l\u00e4sst sich heute im globalen Zusammenhang beobachten: Gier wurde zum Motor der Wirtschaft; verlacht werden die, die die Behauptung in Frage stellen, Leben sei nur m\u00f6glich, wenn Wachstum gesichert und Gewinne maximiert werden. Und immer mehr geraten in elende Abh\u00e4ngigkeiten. Erst recht aktuell klingt es, wenn Amos voraussagt, dass dieses System der Gier schlie\u00dflich zur \u00f6kologischen Katastrophe f\u00fchre. Und alles nimmt ein `bitteres Ende\u00b4\u201c (Benedict Schubert).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man k\u00f6nnte jetzt sagen: Die Botschaft des Propheten richte sich nur an Israel, sogar nur an das Nordreich. Aber die Redaktion hat durch Erg\u00e4nzungen auch Juda, das S\u00fcdreich, eingeschlossen. Und der Gedanke des Universalismus, dass Gottes Botschaft f\u00fcr alle Menschen, alle V\u00f6lker offen ist, und diese V\u00f6lker zum Zion, zum Tempel wallfahren werden (Sacharja 8,22 u.a.), beginnt bereits bei dem Propheten Jesaja deutlich zu werden. Selbst wenn er erst nachexilisch ausformuliert sein sollte, hier ist bereits der Gedanke von der einen Menschheit, die aus Gott dem Sch\u00f6pfer hervorgegangen ist, von der Gleichheit aller Menschen grundgelegt. Wo stehen wir heute, nach 2500 Jahren, wenn wir den Zustand unserer Welt betrachten? Hat sich der Mensch wirklich ge\u00e4ndert? Sitzt er intellektuell nicht immer noch auf den B\u00e4umen? Mit Kn\u00fcppeln in der Hand? Anders gefragt: Was w\u00e4ren wir ohne die prophetische Botschaft heute? Ohne die Botschaft des Amos, ohne die Botschaft des Propheten und Wanderpredigers aus Nazareth? Wie w\u00fcrde die Welt aussehen ohne Judentum, ohne Christentum? Und unser Menschenbild? Wie s\u00e4hen wir den Menschen? Liebe Deinen N\u00e4chsten wie Dich selbst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es bleibt: \u201eSucht das Gute, nicht das B\u00f6se; dann werdet ihr leben und dann wird, wie ihr sagt, der HERR, der Gott der Heerscharen, bei euch sein. Hasst das B\u00f6se, liebt das Gute und bringt im Tor das Recht zur Geltung! Vielleicht ist der HERR, der Gott der Heerscharen, dem Rest Josefs dann gn\u00e4dig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kaiserslautern, den 8. Juli 2026, Thomas Bettinger.<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bibelzitate nach der katholischen Einheits\u00fcbersetzung von 2016<\/li>\n\n\n\n<li>\u00dcbersetzung der Zehn Gebote: Alfons Deissler<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Thomas Bettinger Der Prophet des achten Jahrhunderts vor Christus h\u00e4lt uns den Spiegel vor: Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erf\u00fcllen. Es ist das Buch, das ich mehrfach im Original, also in Hebr\u00e4isch, gelesen habe: Das Buch Amos. 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