{"id":1249,"date":"2026-07-18T19:25:47","date_gmt":"2026-07-18T17:25:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=1249"},"modified":"2026-07-18T19:25:48","modified_gmt":"2026-07-18T17:25:48","slug":"keine-angst-vor-einem-lied-aber-vielleicht-vor-der-wirklichkeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/keine-angst-vor-einem-lied-aber-vielleicht-vor-der-wirklichkeit\/","title":{"rendered":"Keine Angst vor einem Lied \u2013 aber vielleicht vor der Wirklichkeit?"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2026\/07\/260718-Rudi-1024x683.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1247\" title=\"Grafik: HH\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein Essay von Rudolf Tillig, 17. Juli 2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Lied <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Gg-SCpXba64\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eKeine Angst\u201c von Danger Dan<\/a> sollte in der 100. Ausgabe der ZDF-Satiresendung \u201eDie Anstalt\u201c erstmals \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert werden, begleitet von Igor Levit. Die Sendung befasst sich mit politischer Radikalisierung und der Wehrhaftigkeit der Demokratie. Nach der Auff\u00fchrung sollte \u00fcber das Lied gesprochen werden. Kurz vor der Aufzeichnung sagte das ZDF den Auftritt jedoch ab. Der Text k\u00f6nne als Aufruf zu Gewalt verstanden werden und stehe deshalb m\u00f6glicherweise im Widerspruch zu den Programmrichtlinien des Senders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Team der \u201eAnstalt\u201c bezeichnete diese Entscheidung als mutlos und erkl\u00e4rte, es h\u00e4tte gerade die Pr\u00e4sentation mit anschlie\u00dfender Diskussion als \u00f6ffentlich-rechtliche Pflicht angesehen. Das ZDF k\u00fcndigte inzwischen an, sich an anderer Stelle dokumentarisch-journalistisch mit dem Lied zu befassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Lied ist trotzdem in der Welt. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Gg-SCpXba64\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Es wurde ver\u00f6ffentlicht und kann nun von jedem geh\u00f6rt werden<\/a> \u2013 allerdings ohne den urspr\u00fcnglich vorgesehenen Rahmen, ohne unmittelbare Diskussion und ohne jene journalistische Einordnung, die ein \u00f6ffentlich-rechtlicher Sender gerade bei einem provozierenden Text leisten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit stellt sich nicht nur die Frage, was in diesem Lied gesagt wird. Es stellt sich ebenso die Frage, was das ZDF mit seiner Entscheidung verhindert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe mir den Liedtext mehrfach angesehen und eine Abschrift sprachlich \u00fcberarbeitet, soweit das wegen undeutlicher oder vernuschelter Stellen erforderlich war. Manche Formulierungen bleiben erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, manche sind bewusst mehrdeutig. Auch ich empfinde nicht alles als unproblematisch. Das Lied beschreibt Aktionen, die rechtswidrig sein k\u00f6nnen: W\u00e4nde oder andere Fl\u00e4chen bespr\u00fchen, Aufkleber anbringen, Personen beobachten, Informationen \u00fcber rechte Strukturen zusammentragen und \u00f6ffentlich machen. Es r\u00e4t dazu, keine Spuren zu hinterlassen, Kommunikationswege zu sichern und sich nicht allein auf die Sicherheitsbeh\u00f6rden zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann das kritisieren. Man muss es sogar diskutieren. Man sollte dabei aber nicht mehr in den Text hineinlesen, als tats\u00e4chlich darin steht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In keiner Passage wird ausdr\u00fccklich dazu aufgefordert, Menschen k\u00f6rperlich anzugreifen. Es werden weder konkrete Gewalttaten angeordnet noch Waffen benannt noch bestimmte Personen als Ziele eines \u00dcberfalls bezeichnet. Auch die Zeile, man werde die gef\u00e4hrlich Aussehenden \u201elanglegen\u201c, ist nicht zwingend k\u00f6rperlich zu verstehen. Menschen k\u00f6nnen politisch entlarvt, gesellschaftlich isoliert, durch Recherchen blo\u00dfgestellt oder durch \u00f6ffentliche und rechtliche Konsequenzen \u201ezur Strecke gebracht\u201c werden. Das Lied selbst beschreibt ausf\u00fchrlich solche Formen des Vorgehens: recherchieren, dokumentieren, informieren, Strukturen sichtbar machen, die Presse einschalten und das gesellschaftliche Umfeld damit konfrontieren, mit wem es zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich ist die Formulierung mehrdeutig. Sie soll es offensichtlich sein. Kunst lebt von Mehrdeutigkeit, Andeutung und Zuspitzung. Gerade politische Kunst sagt nicht immer in einem juristisch gepr\u00fcften Hauptsatz, was sie meint. Sie arbeitet mit Bildern, \u00dcbertreibungen und offenen Bedeutungsr\u00e4umen. Wer aus jeder denkbaren aggressiven Lesart bereits einen Aufruf zur Gewalt macht, verk\u00fcrzt nicht nur den Text. Er verengt auch den Raum der Kunstfreiheit auf das Eindeutige, Ungef\u00e4hrliche und Folgenlose.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Rat, keine Fingerabdr\u00fccke, Bewegungsprofile oder digitalen Spuren zu hinterlassen, ist f\u00fcr sich genommen keine Straftat. Es gibt keine Rechtspflicht, sich selbst \u00fcberwachbar zu machen. Erst der Zusammenhang mit einer konkreten Straftat k\u00f6nnte daraus eine strafrechtlich relevante Handlung werden. Genau diese Konkretion verweigert das Lied jedoch weitgehend. Es bleibt absichtsvoll im Nebul\u00f6sen und bewegt sich zwischen politischer Organisierung, zivilem Ungehorsam, Selbstschutz und dem Misstrauen gegen\u00fcber staatlichen Institutionen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Misstrauen ist nicht aus der Luft gegriffen. Rechte Netzwerke und Chatgruppen in Sicherheitsbeh\u00f6rden, verschwundene Munition, rechtsextreme Drohschreiben, die Mordserie des NSU, das Versagen staatlicher Stellen bei ihrer Aufkl\u00e4rung und die Erfahrung Betroffener, nicht ernst genommen oder nicht ausreichend gesch\u00fctzt zu werden, geh\u00f6ren zur bundesdeutschen Wirklichkeit. Wer Menschen, die von Rechtsextremen bedroht werden, zum Selbstschutz, zur Vernetzung und zum gemeinsamen Training r\u00e4t, ruft damit noch nicht zu Angriffen auf. Er kann ebenso dazu auffordern, nicht allein zu bleiben, nicht wehrlos zu sein und sich auf m\u00f6gliche \u00dcbergriffe vorzubereiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diejenigen, die von rechten Schl\u00e4gertrupps angegriffen werden, wissen, dass eine abstrakte Versicherung staatlichen Schutzes nicht immer gen\u00fcgt. F\u00fcr sie ist die Gewalt keine zuk\u00fcnftige M\u00f6glichkeit, die erst durch ein Lied in die Welt k\u00e4me. Sie ist l\u00e4ngst Teil der politischen Realit\u00e4t. Danger Dan selbst hat erkl\u00e4rt, er verabscheue Gewalt, zugleich aber darauf hingewiesen, dass sie bereits vorhanden sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Lied hei\u00dft nicht \u201eSchlagt zu\u201c. Es hei\u00dft \u201eKeine Angst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man k\u00f6nnte diesen Refrain auch mit \u201eHabt Mut\u201c \u00fcbersetzen. Darin liegt eine historische Dimension, die \u00fcber die aktuelle Auseinandersetzung hinausweist. Demokratische Rechte sind selten allein dadurch entstanden, dass Menschen geduldig darauf warteten, bis die jeweils geltende Obrigkeit sie ihnen freiwillig gew\u00e4hrte. Die liberalen und demokratischen Bewegungen des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts, die Revolution von 1848, die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, die Frauenbewegung und sp\u00e4ter die B\u00fcrgerrechtsbewegungen mussten bestehende Grenzen \u00fcberschreiten. Ihr Handeln war nach dem jeweils geltenden Recht keineswegs immer erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziviler Ungehorsam impliziert regelm\u00e4\u00dfig einen bewussten Rechtsbruch. Gerade darin unterscheidet er sich von einer blo\u00dfen Meinungs\u00e4u\u00dferung. Aber er richtet sich nicht notwendig gegen die demokratische Rechtsordnung als solche. H\u00e4ufig beruft er sich vielmehr auf deren noch nicht eingel\u00f6ste Versprechen. Er kann Regeln verletzen, um auf ein gr\u00f6\u00dferes Unrecht aufmerksam zu machen, ohne Menschen anzugreifen und ohne die Demokratie abschaffen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jeder Rechtsbruch ist deshalb legitim. Nicht jede Aktion, die sich antifaschistisch nennt, ist demokratisch, klug oder moralisch gerechtfertigt. Eine demokratische Gesellschaft darf jedoch auch nicht so tun, als seien Recht und Gerechtigkeit zu jedem Zeitpunkt vollst\u00e4ndig deckungsgleich. Sonst m\u00fcsste sie im R\u00fcckblick viele jener Menschen verurteilen, deren Mut heute als Voraussetzung unserer Freiheit gefeiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wann h\u00e4tten die Menschen im Vorm\u00e4rz mutig werden d\u00fcrfen? Wann h\u00e4tten sie sich gegen Zensur, F\u00fcrstenwillk\u00fcr und fehlende politische Teilhabe organisieren d\u00fcrfen? Erst nachdem alle legalen M\u00f6glichkeiten ausgesch\u00f6pft waren? Welche legalen M\u00f6glichkeiten waren das in einem System, das diese M\u00f6glichkeiten gerade verweigerte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Grundgesetz enth\u00e4lt mit Artikel 20 Absatz 4 ein ausdr\u00fcckliches Widerstandsrecht gegen jeden, der es unternimmt, die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung zu beseitigen, wenn andere Abhilfe nicht m\u00f6glich ist. Dieses Recht ist als \u00e4u\u00dferste Ausnahme, als ultima ratio, gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist aus rechtsstaatlicher Sicht verst\u00e4ndlich. Ein allgemeines Recht, sich bei jeder politischen Unzufriedenheit zum Widerstand erm\u00e4chtigt zu erkl\u00e4ren, w\u00fcrde die demokratische Ordnung selbst gef\u00e4hrden. Zugleich enth\u00e4lt die Konstruktion ein kaum aufl\u00f6sbares Dilemma: Wenn Gerichte ausgeschaltet, Medien gleichgeschaltet, Oppositionelle verfolgt und Sicherheitsapparate vollst\u00e4ndig unterwandert sind, kann organisierter Widerstand bereits nahezu unm\u00f6glich geworden sein. Wenn der verfassungsrechtlich zweifelsfreie Widerstandsfall eingetreten ist, k\u00f6nnte der praktische Zeitpunkt erfolgreichen Widerstands l\u00e4ngst verstrichen sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Iran zeigt, wie schwer es ist, gegen einen konsolidierten Machtapparat anzukommen. Die T\u00fcrkei zeigt, wie demokratische und rechtsstaatliche Institutionen schrittweise entleert werden k\u00f6nnen, w\u00e4hrend Wahlen, Parlamente und Gerichte formal noch bestehen. Autorit\u00e4re Systeme entstehen nicht immer durch einen einzigen Staatsstreich. Sie k\u00f6nnen langsam wachsen, begleitet von Gew\u00f6hnung, Verharmlosung und der Hoffnung, es werde schon nicht so schlimm kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit behaupte ich nicht, Artikel 20 Absatz 4 sei in Deutschland bereits anwendbar. Daran w\u00fcrde auch ich erheblich zweifeln. Aber seine Voraussetzung steht als \u00e4u\u00dferste Warnung im Raum. Eine wehrhafte Demokratie darf nicht erst handeln, wenn die Bedingungen des Widerstandsrechts unbestreitbar erf\u00fcllt sind. Ihre eigentliche Aufgabe besteht darin, zu verhindern, dass dieser Zustand jemals eintritt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb muss man die Stimmung ernst nehmen, die in diesem Lied zum Ausdruck kommt: Wir sehen die Entwicklung. Wir erleben, dass rechte Strukturen st\u00e4rker werden. Wir sehen, dass demokratische Institutionen z\u00f6gern, dass Teile staatlicher Strukturen nicht zuverl\u00e4ssig erscheinen und dass diejenigen, die am Ende bedroht, verfolgt oder geschlagen werden, sich nicht mehr allein auf beruhigende Erkl\u00e4rungen verlassen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kann man f\u00fcr \u00fcberzogen halten. Man kann einzelne Aussagen des Liedes zur\u00fcckweisen. Aber man darf diese Stimmung nicht einfach durch Absetzung aus dem Programm entfernen. Sie verschwindet dadurch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier liegt das eigentliche Vers\u00e4umnis des ZDF.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk soll informieren, bilden, beraten, Kultur erm\u00f6glichen und auch unterhalten. Seine Angebote sollen zur demokratischen Meinungsbildung beitragen und ein umfassendes Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit vermitteln. So beschreibt es das ZDF selbst; auch der Medienstaatsvertrag nennt Kultur, Bildung, Information, Beratung und \u00f6ffentlich-rechtlich profilierte Unterhaltung als Teile des Auftrags.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein solcher Auftrag erf\u00fcllt sich nicht dadurch, dass man nur jene Aussagen ausstrahlt, die schon vor ihrer Ver\u00f6ffentlichung von allen Seiten als unbedenklich anerkannt worden sind. Er erf\u00fcllt sich gerade darin, gesellschaftliche Konflikte sichtbar zu machen, ihre Ursachen zu untersuchen und dem Publikum eine begr\u00fcndete Auseinandersetzung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Lied sollte nicht unkommentiert zwischen zwei Unterhaltungselementen laufen. Es war f\u00fcr eine Sendung \u00fcber politische Radikalisierung und die Wehrhaftigkeit der Demokratie vorgesehen. Anschlie\u00dfend sollte dar\u00fcber diskutiert werden. Besser h\u00e4tte der Rahmen kaum gew\u00e4hlt sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man h\u00e4tte nachfragen k\u00f6nnen, was mit \u201elanglegen\u201c gemeint ist. Man h\u00e4tte \u00fcber die Grenzen des zivilen Ungehorsams sprechen k\u00f6nnen. Man h\u00e4tte Verfassungsrechtler, Opfer rechter Gewalt, Vertreter antifaschistischer Initiativen, Polizeiforscher oder Menschen einladen k\u00f6nnen, die rechte Strukturen vor Ort dokumentieren. Man h\u00e4tte den oft undifferenziert verwendeten Begriff \u201eAntifa\u201c untersuchen k\u00f6nnen. Es gibt schlie\u00dflich nicht \u201edie Antifa\u201c als zentral gesteuerte Organisation mit Vorstand, Mitgliedsausweisen und einheitlichem Aktionsplan. Es gibt unterschiedliche Gruppen, B\u00fcndnisse, Recherchekollektive, lokale Initiativen und Menschen, die sich schlicht als Antifaschisten verstehen \u2013 von gewaltfreien B\u00fcrgerb\u00fcndnissen bis zu militanten Strukturen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man h\u00e4tte aktuelle Umfragen dazu erheben k\u00f6nnen, wie gro\u00df das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in die F\u00e4higkeit des Staates ist, Rechtsextremismus wirksam zu bek\u00e4mpfen. Man h\u00e4tte untersuchen k\u00f6nnen, wie viele Menschen den Eindruck haben, demokratische Mittel reichten nicht mehr aus oder w\u00fcrden nicht konsequent angewandt. Man h\u00e4tte eine Reportage dar\u00fcber senden k\u00f6nnen, warum sich gerade junge Menschen antifaschistisch organisieren und welche Erfahrungen sie mit Polizei, Justiz, Schulen, Verwaltungen und kommunaler Politik machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das w\u00e4re Kuratierung gewesen: nicht das Lied als unantastbare Wahrheit pr\u00e4sentieren, sondern es als Zeitdokument ernst nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stattdessen hat das ZDF gerade jene Mehrdeutigkeit, \u00fcber die zu sprechen gewesen w\u00e4re, zum Anlass genommen, das Gespr\u00e4ch zu verhindern. Seine Begr\u00fcndung, der m\u00f6gliche Eindruck eines Gewaltaufrufs lasse sich nach einer mehr als siebenmin\u00fctigen Auff\u00fchrung nicht mehr aufl\u00f6sen, ist bemerkenswert. Denn t\u00e4glich treten in politischen Talkshows Personen auf, die Tatsachen verdrehen, Zusammenh\u00e4nge verk\u00fcrzen, Minderheiten diffamieren oder nachweislich falsche Behauptungen verbreiten. Diese Aussagen sind nach ihrer Sendung ebenfalls in der Welt. Sie werden ausgeschnitten, \u00fcber soziale Netzwerke verbreitet und als Propagandamaterial weiterverwendet. Ein sp\u00e4ter Faktencheck erreicht regelm\u00e4\u00dfig nur einen Bruchteil des urspr\u00fcnglichen Publikums.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten scheuen diese Gefahr offenbar weit weniger, wenn rechte Politiker ihre Botschaften vortragen. Dann hei\u00dft es, eine Demokratie m\u00fcsse unterschiedliche Positionen aushalten, man m\u00fcsse die Menschen selbst urteilen lassen oder problematische Aussagen im Gespr\u00e4ch widerlegen. Bei einem antifaschistischen Kunstwerk gen\u00fcgt hingegen bereits die M\u00f6glichkeit einer aggressiven Interpretation, um es aus dem Programm zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese unterschiedliche Risikobewertung ist schwer verst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer ein Lied mit dem Hinweis absetzt, es k\u00f6nne als Gewaltaufruf verstanden werden, m\u00fcsste erst recht verhindern, dass nachweisbare Unwahrheiten, Verleumdungen und menschenfeindliche Erz\u00e4hlungen in Talkshows zun\u00e4chst minutenlang unwidersprochen verbreitet werden. Denn auch sie k\u00f6nnen konkrete Folgen haben. Sie ver\u00e4ndern gesellschaftliche Wahrnehmungen, markieren Gruppen als angebliche Bedrohung und bereiten den Boden, auf dem Ausgrenzung und Gewalt wachsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk darf und soll unterhalten. Aber er besitzt dar\u00fcber hinaus eine Aufgabe, die private Medien nicht in gleicher Weise erf\u00fcllen m\u00fcssen. Man kann sie Bildungsauftrag, demokratische Orientierung oder auch \u2013 trotz der historischen Belastung des Wortes \u2013 eine erzieherische Funktion nennen. Gemeint ist keine parteipolitische Indoktrination und kein betreutes Denken. Gemeint ist die Wiederert\u00fcchtigung zur Demokratie: die F\u00e4higkeit, Tatsachen von Behauptungen zu unterscheiden, Widerspruch auszuhalten, Manipulation zu erkennen, sich zu informieren, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und notfalls auch unbequem zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach 1945 mussten demokratische Haltungen in Deutschland neu gelernt werden. Das geschah nur unvollkommen. Zu viele alte Eliten, Beamte und Juristen wirkten weiter, zu viele autorit\u00e4re Denkweisen blieben erhalten. Die fr\u00fche Bundesrepublik wurde nicht allein durch ihre Institutionen demokratisch. Es bedurfte einer neuen, weniger belasteten und von \u00fcberliefertem Untertanenstolz befreiten Generation. Es bedurfte Menschen wie Willy Brandt und Gustav Heinemann, die B\u00fcrgerrechte, Beteiligung und die M\u00fcndigkeit der B\u00fcrger in den Vordergrund r\u00fcckten. \u201eMehr Demokratie wagen\u201c war kein Aufruf zum Gehorsam, sondern zur Teilnahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von diesem Aufbruch zehren wir noch heute, obwohl es immer wieder Versuche gibt, erreichte B\u00fcrgerrechte zur\u00fcckzudr\u00e4ngen oder demokratisches Engagement als verd\u00e4chtig erscheinen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ehrenamt wird gern gelobt, solange es unpolitisch wirkt. Feuerwehr, Sportverein und Nachbarschaftshilfe gelten als gesellschaftlicher Kitt. Sobald zivilgesellschaftliche Initiativen jedoch offensiv f\u00fcr Demokratie, Menschenrechte oder gegen Rechtsextremismus eintreten, geraten sie schnell unter Ideologieverdacht. Dann werden F\u00f6rderprogramme wie \u201eDemokratie leben!\u201c angegriffen, Initiativen als zu links bezeichnet oder selbst gemeinsame Feiern zum Grundgesetz durch parteipolitische Vorbehalte erschwert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das habe ich selbst erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demokratie ben\u00f6tigt jedoch nicht nur helfende H\u00e4nde. Sie ben\u00f6tigt widersprechende B\u00fcrger. Sie braucht Menschen, die sich einmischen, bevor die Lage unumkehrbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese demokratische Wiederert\u00fcchtigung kann der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk nicht allein leisten. Sie setzt die Teilnahme der Menschen voraus. Genau daran mangelt es. Ein ausreichend gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung hat sich aus dem gemeinsamen politischen Raum zur\u00fcckgezogen. Er flieht in Privatfernsehen, Streamingdienste, soziale Medien, Campingpl\u00e4tze und pers\u00f6nliche Komfortzonen. Das ist individuell verst\u00e4ndlich. Politisch entsteht dadurch jedoch ein Raum, in dem mit \u00c4ngsten, Ressentiments und Halbwissen gespielt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Politische Apathie muss nicht die gesamte Gesellschaft erfassen. Es gen\u00fcgt, wenn sie gro\u00df genug ist, um manipulierbar zu werden und demokratische Gegenwehr zu schw\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb h\u00e4tte das ZDF dieses Lied zeigen sollen. Nicht, weil jede darin beschriebene Aktion gutzuhei\u00dfen w\u00e4re. Nicht, weil antifaschistisches Handeln von Kritik befreit sein d\u00fcrfte. Und auch nicht, weil der Zweck jedes Mittel heiligte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es h\u00e4tte das Lied zeigen sollen, weil es etwas \u00fcber den Zustand unserer Gesellschaft erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es erz\u00e4hlt von Angst vor einer erstarkenden Rechten. Von Misstrauen gegen\u00fcber staatlichen Institutionen. Von der Erfahrung, dass Gespr\u00e4che und Appelle nicht jeden erreichen. Von Menschen, die sich nicht mehr mit der Versicherung zufriedengeben, die Demokratie werde sich schon irgendwie selbst retten. Von der Bereitschaft, sich zu organisieren, sichtbar zu werden, Grenzen zu \u00fcberschreiten und sich gegen m\u00f6gliche Angriffe zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann davor erschrecken. Vielleicht sollte man es sogar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber dann muss man \u00fcber die Ursachen dieses Erschreckens sprechen und nicht das Lied absetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ZDF hat eine Gelegenheit vertan, Kunst, Information, politische Bildung, Unterhaltung und demokratische Auseinandersetzung miteinander zu verbinden. Es hat einen Text aus dem vorgesehenen Zusammenhang entfernt und dadurch genau jene unbegleitete Verbreitung beg\u00fcnstigt, vor der es angeblich sch\u00fctzen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKeine Angst\u201c ist nun in der Welt. Die Frage ist nicht mehr, ob wir es h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage ist, ob wir bereit sind, zu verstehen, warum es geschrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Nachtrag:<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Grenze muss ich allerdings selbst deutlicher ziehen, als es das Lied tut. Angedeutete Sachbesch\u00e4digungen, unerlaubtes Plakatieren oder andere Formen zivilen Ungehorsams sind rechtswidrig und k\u00f6nnen strafw\u00fcrdig sein. Sie sind dennoch nicht mit Aktionen gleichzusetzen, die Leib und Leben von Menschen gef\u00e4hrden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade die abschlie\u00dfenden Gr\u00fc\u00dfe an \u201eLina, Gucci, Maja und Nanuk\u201c k\u00f6nnen kaum anders denn als Anspielung auf militante Angriffe verstanden werden, bei denen tats\u00e4chliche oder vermeintliche Rechtsextremisten k\u00f6rperlich attackiert wurden. Diese Andeutung halte ich nicht nur moralisch und rechtlich f\u00fcr problematisch, sondern auch politisch f\u00fcr kontraproduktiv.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer eine breite gesellschaftliche Front gegen den Rechtsextremismus gewinnen will, darf den notwendigen Widerstand nicht mit der Billigung schwerer K\u00f6rperverletzungen belasten. Die gro\u00dfen Protestbewegungen von Wyhl \u00fcber Brokdorf und die Startbahn West bis zum Bonner Hofgarten wurden gerade deshalb gesellschaftlich wirksam, weil sie weit \u00fcber kleine militante Kerne hinausreichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Formulierung, die Sympathie mit gezielten k\u00f6rperlichen Angriffen nahelegt, verschreckt jene, die zu mutigem, beharrlichem und gegebenenfalls auch regelverletzendem Widerstand bereit w\u00e4ren, Gewalt gegen Menschen aber zu Recht ablehnen. Sollte das Lied eine m\u00f6glichst breite antifaschistische Organisierung ansto\u00dfen wollen, schie\u00dft es an dieser Stelle \u00fcber sein Ziel hinaus und gef\u00e4hrdet damit seine eigene politische Sto\u00dfrichtung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Rudolf Tillig, 17. Juli 2026 Das Lied \u201eKeine Angst\u201c von Danger Dan sollte in der 100. Ausgabe der ZDF-Satiresendung \u201eDie Anstalt\u201c erstmals \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert werden, begleitet von Igor Levit. Die Sendung befasst sich mit politischer Radikalisierung und der Wehrhaftigkeit der Demokratie. Nach der Auff\u00fchrung sollte \u00fcber das Lied gesprochen werden. Kurz vor &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/keine-angst-vor-einem-lied-aber-vielleicht-vor-der-wirklichkeit\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eKeine Angst vor einem Lied \u2013 aber vielleicht vor der Wirklichkeit?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1249","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1249","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1249"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1249\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1250,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1249\/revisions\/1250"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}