{"id":250,"date":"2019-07-02T16:07:08","date_gmt":"2019-07-02T14:07:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=250"},"modified":"2020-09-09T19:23:51","modified_gmt":"2020-09-09T17:23:51","slug":"antisemitismus-ist-keine-black-box","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/antisemitismus-ist-keine-black-box\/","title":{"rendered":"Antisemitismus ist keine Black Box"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Helmut Falkenst\u00f6rfer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Parallel zum Dortmunder Kirchentag 2019 veranstaltete das KAIROS Pal\u00e4stina Solidarit\u00e4tsnetz einen Thementag zum Umgang mit Antisemitismus auf der einen und mit Israelkritik auf der anderen Seite. Im Hintergrund stand auch der BDS-Beschluss des Deutschen Bundestags vom 15. Mai 2019, der gewaltlosen Widerstand gegen die Pal\u00e4stinenserpolitik Israels gleichsetzt mit Antisemitismus. Eine \u00f6kumenische Arbeitsgruppe fasste k\u00fcrzlich ihren Widerstand gegen den Beschluss zusammen in einer \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung \u201czur Diffamierung gewaltfreien Widerstandes gegen V\u00f6lkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen in Pal\u00e4stina\/Israel durch den Deutschen Bundestag\u201d.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Parallel zum Dortmunder Kirchentag 2019 veranstaltete das KAIROS Pal\u00e4stina Solidarit\u00e4tsnetz einen Thementag zum Umgang mit Antisemitismus auf der einen und mit Israelkritik auf der anderen Seite. Es mute an wie eine Hexenjagd, wie Menschen wegen ihrer Kritik an der Politik des Staates Israel pauschal zu Antisemiten erkl\u00e4rt w\u00fcrden, sagte Gesine Jansen, Koordinatorin des Solidarit\u00e4tsnetzes, in ihrer Begr\u00fc\u00dfung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/07\/DSCF7071-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-249\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie bezog sich insbesondere auf\ndie kurzfristige Ausladung des muslimischen Befreiungstheologen Prof. Dr. Farid\nEsack aus Johannesburg und von Prof. Dr. Ulrich Duchrow aus Heidelberg aus dem\nProgramm des Kirchentags wegen N\u00e4he zu BDS. Jansen schilderte die Odyssee bei\nder Suche nach einem Raum und nach Diskussionspartnern f\u00fcr die Veranstaltung\nund dankte der Dortmunder Paul-Gerhardt-Gemeinde, dass sie der Veranstaltung trotz\nMissfallens der Kirchentagsleitung schlie\u00dflich eine Unterkunft gegeben habe.\nJansen nannte es \u201eeine b\u00f6swillige Diffamierung\u201c, wenn Kritik an der Politik\nIsraels und der Einsatz f\u00fcr die Rechte der Menschen Pal\u00e4stinas dem neuen\nAntisemitismus zugeordnet werde. Duchrow wird seinen Ausschluss demn\u00e4chst mit\ndem Pr\u00e4sidium des Kirchentags diskutieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hintergrund des Ausschlusses stand auch der BDS-Beschluss des Deutschen Bundestags vom 15. Mai dieses Jahres, der gewaltlosen Widerstand gegen die Pal\u00e4stinenserpolitik Israels gleichsetzt mit Antisemitismus. BDS steht f\u00fcr \u201eBoycott, Divestment and Sanctions\u201c unter anderem mit dem Ziel, die Besetzung des Westjordanlandes zu beenden und seiner Annexion entgegen zu wirken. Dieser Beschluss hat inzwischen viel Kritik auch von israelischen Wissenschaftlern gefunden und auch auf dem Kirchentag gab es Einw\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der BDS-Beschluss des Bundestags ginge zu weit, sagte Prof. Dr. Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin bei seinem Vortrag innerhalb des Kirchentagsprogramms und fand damit gro\u00dfen Beifall im Publikum. Perthes sagte auch, Angela Merkel habe zwar das Existenzrecht und die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsraison erkl\u00e4rt. Israel erwarte aber die Zustimmung zu seiner Politik. <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Eine \u00f6kumenische Arbeitsgruppe (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.evangelisch.de\/inhalte\/156541\/04-06-2019\/theologen-kritisieren-bundestags-beschluss-gegen-israel-boykott\" target=\"_blank\">Eine \u00f6kumenische Arbeitsgruppe<\/a> fasste k\u00fcrzlich ihren Widerstand gegen den Beschluss zusammen in einer <a href=\"http:\/\/kairoseuropa.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/%C3%96kumenische-Erkl%C3%A4rung-zur-Verteidigung-des-Grundgesetzes-und-des-V%C3%B6lkerrechts-gegen%C3%BCber-dem-Deutschen-Bundestag-1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"\u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung \u201ezur Diffamierung gewaltfreien Widerstandes gegen V\u00f6lkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen in Pal\u00e4stina\/Israel durch den Deutschen Bundestag\u201c (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">\u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung \u201ezur Diffamierung gewaltfreien Widerstandes gegen V\u00f6lkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen in Pal\u00e4stina\/Israel durch den Deutschen Bundestag\u201c<\/a> und behielt sich eine Verfassungsklage gegen den Beschluss des Bundestages vor.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gef\u00e4hrliche Hysterie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht die Kritiker seien die\nFeinde Israels, sondern jene Unterst\u00fctzer, die Israels Politik Narrenfreiheit\nverschafften, sagte Judith Bernstein von der J\u00fcdisch-Pal\u00e4stinensischen\nDialoggruppe in M\u00fcnchen beim Thementag. Man darf annehmen, dass unter den Hunderten\nvon Teilnehmern des Thementags weder Antisemiten noch Sympathisanten des\nislamischen Terrorismus waren. Es kam auch zur Sprache, dass die Pal\u00e4stinenser\nzur Zeit politisch schlecht aufgestellt sind. Es gab aber Unverst\u00e4ndnis daf\u00fcr,\ndass die Solidarit\u00e4t mit den Menschen Pal\u00e4stinas Antisemitismus sein solle. Es\ngebe da eine regelrechte D\u00e4monisierung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWissen Sie, wohin Sie da fahren?\u201c,\nhabe man ihm gesagt, erz\u00e4hlte Prof. Dr. Klaus M\u00fcller, Beauftragter der Badischen\nLandeskirche f\u00fcr das j\u00fcdisch-christliche Gespr\u00e4ch. Trotz vieler Bem\u00fchungen war\nM\u00fcller der Einzige aus diesem Kreis, der bereit war zum Thementag zu kommen. Er\nschlug vor, den Dialog zum Trialog zwischen Juden, Muslimen und Christen auszuweiten.\nUlrich Duchrow erg\u00e4nzte das um die prophetischen (israelkritischen) Juden, die\nsich l\u00e4ngst vom Dialog ausgeschlossen f\u00fchlten. Das sei f\u00fcr ihn Folgerung aus seiner\nlangen Erfahrung im j\u00fcdisch-christlichen Dialog. Es k\u00f6nne nicht Vers\u00f6hnung auf\nKosten Dritter geben. Es sei aus dem Dialog ein Deal geworden, bei dem Deutsche\nsich als Bu\u00dfe f\u00fcr ihre Vergangenheit gegen die Menschen Pal\u00e4stinas positionierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Antisemitismus ist keine Black\nBox. Er hat psychische Konnotationen und die sind in Deutschland spezifischer\nArt. Der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz verwies auf ein Defizit\naus der langen deutschen Aufarbeitung der Vergangenheit. Benz \u00e4u\u00dferte \u201etiefe\nSorge\u201c \u00fcber die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs in der heutigen\nGesellschaft. Heute sei dieser Vorwurf die sch\u00e4rfste Form der politischen Hinrichtung\nin Deutschland. Duchrow betonte, dass die verst\u00e4ndliche Empfindsamkeit der\ndeutschen Psyche dem Antisemitismus gegen\u00fcber von Einrichtungen der\nisraelischen Propaganda gezielt f\u00fcr Kampagnen missbraucht werde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><img decoding=\"async\" title=\"Foto: privat.\" width=\"180\" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/07\/HF2-K.jpg\" alt=\"\"><\/td><td width=\"75%\">Helmut Falkenst\u00f6rfer ist Mitglied im Redaktionsteam von proprium | sinn schaffen &#8211; horizonte \u00f6ffnen.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Der in Berlin lebende israelische\nPolitikwissenschaftler Dr. David Renan fragte rhetorisch, ob nicht die Islamophobie\nweit verbreiteter sei als der Antisemitismus. Ja, so ist es. Aber eine\nSchmiererei auf einer Synagoge erregt viel mehr Aufsehen als die auf einer\nMoschee. Und es gibt immer mehr Antisemitismusbeauftragte, wo es doch dem\nProblem weit angemessener w\u00e4re. wenn es Beauftragte f\u00fcr ein Ph\u00e4nomen g\u00e4be, dessen\nName das ganze Spektrum abdeckte, worauf ihr Augenmerk zu richten sie\nbeauftragt sein sollten: Fremdenhass, Rassismus, Intoleranz oder was auch\nimmer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sonderstellung des Antisemitismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Felde der ideologischen\nVerbohrtheit nimmt der Antisemitismus eine Sonderstellung ein, und die\nBetroffenen verlangen das auch. Das hat nat\u00fcrlich Gr\u00fcnde in der deutschen Geschichte.\nTrotzdem muss man fragen, ob das auf die Dauer fair und angemessen ist. Ob\nnicht diese Sonderstellung mehr oder weniger beschreibt, was Judith Bernstein hysterischen\nUmgang der Deutschen mit dem Antisemitismus nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zur Kritik an der Politik\nIsraels. Es gibt die Redewendung von Israelkritik als verkapptem Antisemitismus.\nDas mag manchmal so sein. Es gibt im Leben meist alles und auch das Gegenteil.\nUnd so gibt es auch eine Diffamierung von Israelkritik, die faktisch verkappte\nisraelische Regierungs-Propaganda ist. Zum Gl\u00fcck steht dem die innerj\u00fcdische\nKritik des Prophetischen Judentums gegen\u00fcber, organisiert unter anderem in der\nJewish Voice for Peace (JVP). Und wer Augen und Ohren aufmacht, findet eine\nMenge Deutsche, die weit entfernt sind von jedem Antisemitismus, die es aber\nnicht mehr h\u00f6ren oder lesen k\u00f6nnen, wenn Kritiker Israels als Israelhasser bezeichnet\nwerden. Viele, auch Journalisten, haben Angst, in die antisemitische Ecke gestellt\nzu werden. Man sollte das Damoklesschwert \u201eAntisemit\u201c wegh\u00e4ngen, das \u00fcber\nDiskussionen und Willens\u00e4u\u00dferungen zu Israel schwebt und ihre Offenheit\ngef\u00e4hrdet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Helmut Falkenst\u00f6rfer Parallel zum Dortmunder Kirchentag 2019 veranstaltete das KAIROS Pal\u00e4stina Solidarit\u00e4tsnetz einen Thementag zum Umgang mit Antisemitismus auf der einen und mit Israelkritik auf der anderen Seite. Im Hintergrund stand auch der BDS-Beschluss des Deutschen Bundestags vom 15. Mai 2019, der gewaltlosen Widerstand gegen die Pal\u00e4stinenserpolitik Israels gleichsetzt mit Antisemitismus. 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