{"id":340,"date":"2019-10-28T15:28:27","date_gmt":"2019-10-28T14:28:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=340"},"modified":"2020-09-09T19:11:15","modified_gmt":"2020-09-09T17:11:15","slug":"als-sich-das-recht-von-religion-und-politik-emanzipierte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/als-sich-das-recht-von-religion-und-politik-emanzipierte\/","title":{"rendered":"Als sich das Recht von Religion und Politik emanzipierte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der M\u00fcnsteraner Rechtshistoriker Nils Jansen legt die erste historische Gesamtschau zur Selbstbehauptung des Rechts gegen\u00fcber Religion, Politik und Wissenschaft vor. Er widmet sich besonders dem Naturrechtsdiskurs mit der Frage nach Inklusion des Rechts in das Lehrgeb\u00e4ude der Theologie: \u201cW\u00e4re das Naturrecht auf diese religi\u00f6se Logik umgestellt worden, h\u00e4tte dies die Autonomie des Rechts wieder in Frage gestellt. Schlie\u00dflich aber gingen Recht und Religion endg\u00fcltig getrennte Wege.\u201d<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-313\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/10\/NU-Emanzipation-Recht.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\">\n<hr>\n&nbsp;\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>(M\u00fcnster, 23. Oktober 2019)<\/strong> Der M\u00fcnsteraner Rechtshistoriker Prof. Dr. Nils Jansen hat die erste Gesamtschau zum historischen Prozess der Selbstbehauptung des Rechts gegen\u00fcber Religion, Politik und Wissenschaft vorgelegt. Seine Studie aus dem Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t zeichnet nach, wie sich das Recht vom Mittelalter bis heute von anderen gesellschaftlichen Bereichen emanzipierte und zum eigenst\u00e4ndigen Funktionsbereich wurde. Der verwickelte Differenzierungsprozess f\u00fchrte zum heute komplexen Verh\u00e4ltnis von Recht, Religion und Politik. \u201eHauptakteure waren dabei lange Zeit Professoren und sp\u00e4ter die Gerichte\u201c, so Nils Jansen, \u201edas Recht fand somit seine Autonomie urspr\u00fcnglich im Feld h\u00f6herer Bildung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.jura.uni-muenster.de\/de\/institute\/institut-fuer-rechtsgeschichte-lehrstuhl-jansen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/10\/Cover-Recht-und-gesellschaftliche-Differenzierung-T-641x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-338\" width=\"320\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Prozess der gesellschaftlichen Differenzierung f\u00fchrte im\nMittelalter zun\u00e4chst zur Trennung des Rechts von der Religion, wodurch erst\neine professionelle Juristenzunft und Rechtswissenschaft entstehen konnte. In\nder fr\u00fchen Neuzeit f\u00fchrte eine Vielzahl an Debatten zur heute \u201ekomplizierten\nDreiecksbeziehung\u201c zwischen Recht, Wissenschaft und Politik. Eine heutige Folge\nder Differenzierungsgeschichte, erl\u00e4utert Nils Jansen, sei die Trennung von\nRechtspraxis und Rechtswissenschaft, die die urspr\u00fcnglich enge Verflechtung des\nRechts und seiner Wissenschaft auseinanderbrechen lasse. Jansen sieht diese\nEntwicklung als Chance: Gerade in einer globalisierten Welt, in der das Recht\nnicht mehr an nationalen Grenzen ende, k\u00f6nne sich die Rechtswissenschaft\nk\u00fcnftig selbstbewusst von der nationalen Rechtspraxis emanzipieren. Das\ngelinge, indem sie nicht mehr kurzatmig Gerichtsbeschl\u00fcssen hinterhereile und\nsie kommentiere, sondern grunds\u00e4tzlichere Reflexionen \u00fcber Normen, Denkformen\nund Sprache des Rechts anstelle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eJuristenausbildung\nk\u00fcnftig weniger anwendungs- als erkenntnisorientiert\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Aufgabe der Rechtswissenschaft liegt darin, dogmatische\nFehlentwicklungen und Verkrustungen zu identifizieren. Das verspricht\ninnovative Impulse f\u00fcr Gerichte und Gesetzgeber.\u201c Nur wer so \u00fcber die nationale\nRechtspraxis hinausblicke, k\u00f6nne in einen internationalen Austausch \u00fcber\nverschiedene Rechtstraditionen treten, um sie \u2013 wie im europ\u00e4ischen Rechtsraum\ndringend n\u00f6tig \u2013 zusammenzuf\u00fchren. \u201eDarin liegt die Relevanz der\nRechtswissenschaft.\u201c Der Autor pl\u00e4diert daf\u00fcr, die Ausbildung von Juristen an\nUniversit\u00e4ten von Rechtsprechungswissen zu entlasten und st\u00e4rker\nmethodenorientiert zu gestalten. Dazu geh\u00f6re insbesondere auch die\njuristisch-kritische Urteilsf\u00e4higkeit. F\u00fcr die sp\u00e4tere Rechtspraxis seien diese\nmethodischen F\u00e4higkeiten wichtiger als Rechtsprechungskenntnisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nils Jansen und der Hamburger Rechtswissenschaftler Reinhard\nZimmermann haben als Mitherausgeber 2018 selbst ein Beispiel f\u00fcr die von ihm vorgeschlagene\nrechtsdogmatische Herangehensweise vorgelegt: Nachdem die Vereinheitlichung des\neurop\u00e4ischen Vertragsrechts in der EU nicht gelang, analysierten die\nWissenschaftler auf gut 2.000 Seiten in historisch-vergleichender Weise alle\nbisherigen Entw\u00fcrfe f\u00fcr ein EU-Vertragsrecht. Das als \u201eCommentaries on European\nContract Laws\u201c (Kommentare zum Europ\u00e4ischen Vertragsrecht) ver\u00f6ffentlichte\nErgebnis soll nicht zuletzt auch der Rechtsprechung und Politik k\u00fcnftig als\nOrientierung dienen, wenn es um eine europaweite Vereinheitlichung geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eSchlie\u00dflich gingen\nRecht und Religion getrennte Wege\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch \u201eRecht und gesellschaftliche Differenzierung\u201c\nbeleuchtet in f\u00fcnf Essays Wegmarken der Differenzierungsgeschichte des Rechts.\nDer erste Teil des Bandes widmet sich der Vormoderne. Er zeichnet zun\u00e4chst\nnach, wie sich im Mittelalter die Rechtswissenschaft gegen\u00fcber der Religion\nbehauptete, so dass nur noch rechtlich anerkannte Argumente, keine\nrechtsfremden galten. So entstanden die professionelle Juristenzunft und\nuniversit\u00e4re Rechtswissenschaft in Europa. In der Fr\u00fchneuzeit begannen\nJuristen, verschiedene Rechtsarten zu unterscheiden wie positives Recht und das\nNatur- beziehungsweise Vernunftrecht. Der Autor widmet sich besonders dem\nNaturrechtsdiskurs mit der Frage nach Inklusion des Rechts in das Lehrgeb\u00e4ude\nder Theologie. \u201eW\u00e4re das Naturrecht auf diese religi\u00f6se Logik umgestellt\nworden, h\u00e4tte dies die Autonomie des Rechts wieder in Frage gestellt.\nSchlie\u00dflich aber gingen Recht und Religion endg\u00fcltig getrennte Wege.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Teil des Buches wirft die\nmodernisierungstheoretische Frage auf, welche Rolle die Positivierung des\nRechts f\u00fcr die Aufteilung moderner Gesellschaften in Funktionsbereiche wie\nRecht, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft spielte. Jansen zeichnet hier\ngrundlegende Ver\u00e4nderungen in der \u201ekomplizierten Dreiecksbeziehung\u201c zwischen\nRecht, Wissenschaft und Politik seit dem 17. Jahrhundert nach. Dabei geht es um\npolitische Elitenkonflikte hinsichtlich der Herrschaft \u00fcber das Recht in der\nfr\u00fchen Neuzeit, um politisch-juristische Grenzkonflikte zur Zul\u00e4ssigkeit\nrichterlicher Verfassungskontrolle seit dem 19. Jahrhundert und schlie\u00dflich um\nden Aufstieg des Rechtssprechungsrechts im 20. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Epilog des Buches befasst sich mit den Chancen einer st\u00e4rkeren Trennung von Recht und Rechtswissenschaft. Die historische Rekonstruktion der Studie zeigt dem Autor zufolge, \u201edass \u00fcbliche Differenzierungs- und Modernisierungserz\u00e4hlungen f\u00fcr das Recht \u00fcber weite Strecken zu revidieren sind. Freilich \u00e4ndert die Kontingenz der Geschichte nichts daran, dass sich einmal etablierte Differenzierungen sp\u00e4ter kaum noch zur\u00fccknehmen lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.jura.uni-muenster.de\/de\/apps\/personenliste\/prof-dr-nils-jansen\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" width=\"180\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\"Foto: Exzellenzcluster &quot;Religion und Politik&quot;.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/10\/Nils-Jansen-M\u00fcnster.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/td><td width=\"75%\"><span class=\"p-honorific-prefix\">Professor Dr.<\/span> <span class=\"p-given-name\">Nils<\/span> <span class=\"p-family-name\">Jansen ist Sprecher des <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Exzellenzclusters &#8222;Religion und Politik&#8220; an der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster<\/a>.<\/td><\/tr><tr><td><\/td><td><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/04\/logoExcellenzcluster.png\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der M\u00fcnsteraner Rechtshistoriker Nils Jansen legt die erste historische Gesamtschau zur Selbstbehauptung des Rechts gegen\u00fcber Religion, Politik und Wissenschaft vor. 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