{"id":55,"date":"2018-08-16T12:50:52","date_gmt":"2018-08-16T10:50:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=55"},"modified":"2020-09-09T19:48:28","modified_gmt":"2020-09-09T17:48:28","slug":"hambacher-thesen-journalismus-in-der-beschleunigungsgesellschaft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/hambacher-thesen-journalismus-in-der-beschleunigungsgesellschaft\/","title":{"rendered":"&#8222;Hambacher Thesen&#8220;: Journalismus in der Beschleunigungsgesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>In den Sozialen Medien verbreiten sich unzuverl\u00e4ssige, halbrichtige, falsche und manipulative Nachrichten schneller als gut recherchierte. Der damit verbundene Vertrauensverlust in die Glaubw\u00fcrdigkeit von Informationen gef\u00e4hrdet die Demokratie. Es gen\u00fcgt nicht, der medialen Beschleunigung vorrangig mit Strategien zur Entwicklung technischer Medienkompetenz zu begegnen, zu f\u00f6rdern ist in einem ganz umfassenden Sinn \u201cdigitale Lebenskompetenz\u201d.<\/em><\/p>\n<p><strong>(Landau in der Pfalz, 16. August 2018)<\/strong> Verbindliche ethische Regeln f\u00fcr die digitale Kommunikation, \u00f6ffentlich-rechtlich verantwortete Internetplattformen und digitale Lebenskompetenz statt Beschr\u00e4nkung auf rein technisch verstandene Medienkompetenz \u2011 das waren Forderungen, die auf den Dritten S\u00fcdwestdeutschen Medientagen 2018 in Landau in der Pfalz erhoben wurden. Die Ergebnisse sind geb\u00fcndelt in den \u201eHambacher Thesen\u201c:<\/p>\n<p><strong>Ambivalenzen der digitalen Medienwelt<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Tempo ist ein Wesensmerkmal des Journalismus. Guter Journalismus muss aktuell sein \u2013 auch unter den Bedingungen medialer Beschleunigung.<\/li>\n<li>Haupttreiber der Beschleunigung sind die Digitalisierung und die Konkurrenz durch die Kommunikation in den Sozialen Medien.<\/li>\n<li>Die beschleunigten Nachrichtenm\u00e4rkte lassen sich nicht ausbremsen. Vor dem Hintergrund zunehmend mobiler Mediennutzung f\u00fchrt an schnellen, digitalen Angeboten kein Weg vorbei.<\/li>\n<li>Die Trennung zwischen einer analogen und einer digitalen Welt wird zunehmend obsolet. Dem entsprechen multimediale Angebote und die koordinierte Verbreitung \u00fcber unterschiedliche Plattformen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Herausforderungen f\u00fcr den Journalismus<\/strong><\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Unter den Bedingungen von Digitalisierung und Beschleunigung werden die traditionellen handwerklichen und ethischen Standards journalistischen Arbeitens nicht immer hinreichend ernst genommen. Umso mehr kommt es auf sorgf\u00e4ltige Recherche, kritische Distanz, die Bereitschaft zu Selbstkorrektur, die Wahrung von Pers\u00f6nlichkeitsrechten und Nichtdiskriminierung an.<\/li>\n<li>Wer nichts zu berichten hat, sollte nicht berichten.<\/li>\n<li>Zeitaufw\u00e4ndige, langsame journalistische Formate sind f\u00fcr eine aufgekl\u00e4rte \u00d6ffentlichkeit unabdingbar. Dazu geh\u00f6ren Hintergrundberichte und ein langfristig recherchierender Investigativjournalismus. Die Absicherung entsprechender Formate gegen den medialen Beschleunigungsdruck ist eine unternehmerische, politische, p\u00e4dagogische und kulturelle Aufgabe.<\/li>\n<li>Neben die journalistische Aufgabe des Gate Keeping tritt die des Gate Reporting (Hanne Detel). Journalisten m\u00fcssen Recherchewege offenlegen, die Auswahl von Informationen erkl\u00e4ren \u2013 und darstellen, was sie aus welchen Gr\u00fcnden nicht aufgreifen. Ohne diese Transparenz schwindet die Glaubw\u00fcrdigkeit als kostbarste W\u00e4hrung des Journalismus und der Demokratie.<\/li>\n<li>Der Beruf der Journalistin und des Journalistin wird anspruchsvoller. Neben Information geht es um Einordnung und Orientierung. Die Pers\u00f6nlichkeit des Journalisten wird bedeutsamer. Zugleich gewinnt die Arbeit in redaktionellen Netzwerken an Gewicht. Gesellschaftliche und sozialtherapeutische Aufgabenzuschreibungen nehmen zu. Technische Anforderungen steigen. Vor allem aber ist von Journalistinnen und Journalisten zu erwarten, dass sie verstehen, wovon sie berichten.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Herausforderungen f\u00fcr Politik und Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<ol start=\"10\">\n<li>Um die F\u00e4higkeit, Informationen aus dem Netz zu beurteilen, ist es gegenw\u00e4rtig nicht gut bestellt. In den Sozialen Medien verbreiten sich unzuverl\u00e4ssige, halbrichtige, falsche und manipulative Nachrichten schneller als gut recherchierte. Der damit verbundene Vertrauensverlust in die Glaubw\u00fcrdigkeit von Informationen gef\u00e4hrdet die Demokratie. Die Kompetenz der Informationsbewertung gewinnt zentrale Bedeutung.<\/li>\n<li>Die wichtigsten Plattformen der schnellen, digitalen Kommunikation befinden sich in der Hand von global operierenden Wirtschaftsunternehmen in Monopolstrukturen. Einzelpersonen, Organisationen, Medienh\u00e4user und Verlage, die Facebook und Co. nutzen, treten die Entscheidung \u00fcber Verwendung und Kontextualisierung ihrer Inhalte an diese Akteure ab. Hier besteht medienpolitischer Regulierungsbedarf.<\/li>\n<li>Prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse und mediale Gratismentalit\u00e4t im Netz sind die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr den Qualit\u00e4tsjournalismus. Aufzukl\u00e4ren ist dar\u00fcber, dass die Nutzung vermeintlich kostenfreier Angebote mit der kommerziellen Weiterverwertung von Nutzerdaten bezahlt wird.<\/li>\n<li>Ethische Verantwortung tragen sowohl Medienmacher als auch Mediennutzer. Diese Verantwortung jeweils dem anderen zuzuschieben, ist illegitim.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Journalistische Berufsethik und Mediennutzerethik sind komplement\u00e4r, nicht alternativ. Kriterien sind Wahrhaftigkeit, Meinungsfreiheit, Menschenw\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<ol start=\"14\">\n<li>Ungen\u00fcgend ist es, der medialen Beschleunigung vorrangig mit Strategien zur Entwicklung technischer Medienkompetenz zu begegnen. Zu f\u00f6rdern ist in einem ganz umfassenden Sinn \u201edigitale Lebenskompetenz\u201c (Caja Thimm).<\/li>\n<li>Der Umgang mit der medialen Beschleunigung ist eine individuelle, erzieherische, regulatorische und kulturelle Aufgabe. Die gesellschaftspolitische Verantwortung daf\u00fcr tragen Individuen, Politik, Schulen, politische Bildung, Medienwissenschaften, Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Gruppen gemeinsam.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Dr. Christoph Picker (Evangelische Akademie der Pfalz), Prof. Dr. Ulrich Sarcinelli (Universit\u00e4t Koblenz-Landau), Thomas Bimesd\u00f6rfer (Saarl\u00e4ndischer Rundfunk), Karsten Evers (S\u00fcdwestrundfunk), Dr. Timo Werner (Frank-Loeb-Institut an der Universit\u00e4t Koblenz-Landau), Prof. Dr. Clemens Zimmermann (Universit\u00e4t des Saarlandes).<\/em><\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.eapfalz.de\/organisation\/team\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2018\/08\/ChristophPicker.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\">Dr. Christoph Picker leitet die <a href=\"https:\/\/www.eapfalz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Evangelische Akademie der Pfalz<\/a>.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"https:\/\/www.eapfalz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2018\/08\/EvAkadPfalzLogo.png\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<figure class=\"wp-block-table\">\nBei den S\u00fcdwestdeutschen Medientagen treffen sich auf Einladung der Evangelischen Akademie der Pfalz, des S\u00fcdwestrundfunks, des Saarl\u00e4ndischen Rundfunks, des Frank-Loeb-Instituts an der Universit\u00e4t Koblenz-Landau, der Universit\u00e4t des Saarlandes und des Deutschen Journalistenverbandes Rheinland-Pfalz Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler, Kommunikationswissenschaftler, Theologen, Journalisten, Medienpolitiker und engagierte B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zum Gespr\u00e4ch \u00fcber medienethische und medienpolitische Orientierungsfragen. Die S\u00fcdwestdeutschen Medientage 2018 standen unter Titel &#8222;Tempo \u2013 Journalismus in der Beschleunigungsgesellschaft&#8220;. Sie fanden am 3. und 4. Mai 2018 in Landau in der Pfalz statt.<\/p>\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody><\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Sozialen Medien verbreiten sich unzuverl\u00e4ssige, halbrichtige, falsche und manipulative Nachrichten schneller als gut recherchierte. Der damit verbundene Vertrauensverlust in die Glaubw\u00fcrdigkeit von Informationen gef\u00e4hrdet die Demokratie. Es gen\u00fcgt nicht, der medialen Beschleunigung vorrangig mit Strategien zur Entwicklung technischer Medienkompetenz zu begegnen, zu f\u00f6rdern ist in einem ganz umfassenden Sinn \u201cdigitale Lebenskompetenz\u201d. 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