{"id":627,"date":"2021-02-04T15:03:03","date_gmt":"2021-02-04T14:03:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=627"},"modified":"2021-02-04T15:03:04","modified_gmt":"2021-02-04T14:03:04","slug":"jan-assmann-nationalismen-und-religion-verschmelzen-in-autoritaeren-regimen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/jan-assmann-nationalismen-und-religion-verschmelzen-in-autoritaeren-regimen\/","title":{"rendered":"Jan Assmann: Nationalismen und Religion verschmelzen in autorit\u00e4ren Regimen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann stellt fest, es sei ein Irrglaube, dass die Moderne die Religion hinter sich gelassen habe. Mit der S\u00e4kularisierung verschwinde das Heilige nicht aus der Welt. Der Nationalismus sei keine Ersatzreligion, die sich an die Stelle der Religion setze, vielmehr suche er sich mit der Religion zu verb\u00fcnden, ja zu verschmelzen, wie ein Blick auf Putins Russland, Erdogans T\u00fcrkei, Modis Indien, Netanyahus Israel, Dudas Polen, Orbans Ungarn, sogar Trumps USA zeige.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-313\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/02\/NU-210204-Assmann.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\">\n<hr>\n&nbsp;\n\n\n\n<p><strong>(M\u00fcnster, 3. Februar 2021)<\/strong> Nationalismus und Religion verb\u00fcnden sich nach den Worten des Kulturwissenschaftlers Jan Assmann immer mehr in autorit\u00e4r gef\u00fchrten Staaten weltweit. \u201ePutins Russland, Erdogans T\u00fcrkei, Modis Indien, Netanyahus Israel, Dudas Polen, Orbans Ungarn, sogar Trumps USA sind Beispiele dieser Tendenz in antidemokratischen, autorit\u00e4ren Regimen\u201c, sagte der \u00c4gyptologe am Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Uni M\u00fcnster. \u201eWeil der Nationalismus im Grunde religi\u00f6s ist, erliegt die traditionelle Religion solcher Indienstnahme.\u201c So sei es im Nationalsozialismus etwa der Str\u00f6mung der \u201eDeutschen Christen\u201c ergangen. In seinem Vortrag \u00fcber Religion und Kultur vom Alten \u00c4gypten bis heute f\u00fchrte Assmann aus: \u201eDem Nationalismus gilt die Nation als das Heiligste. Er ist keine Ersatzreligion, die sich, wie der Kommunismus, an die Stelle der Religion setzt. Im Gegenteil, er sucht sich mit ihr zu verb\u00fcnden, ja zu verschmelzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In modernen Gesellschaften st\u00fcnden Religion und Staat in vielfachen Wechselbeziehungen, sagte Assmann. Dass die Moderne die Religion hinter sich gelassen habe, sei ein Irrglaube. \u201eMit der S\u00e4kularisierung verschwindet das Heilige nicht aus der Welt.\u201c Die Europ\u00e4ische Union (EU) trage ebenfalls religi\u00f6se Z\u00fcge: \u201eAuch die EU hat eine Mission, auch ihr ist etwas heilig, n\u00e4mlich das zu verwirklichen, aus dessen Katastrophe sie hervorgegangen ist: Frieden, Freiheit und Menschenrechte\u201c, sagte Assmann. \u201eAuch sie beruht auf einem Bund: der europ\u00e4ischen V\u00f6lker, die sich diesem Ziel verschworen haben; einer Verhei\u00dfung: Frieden und Gerechtigkeit f\u00fcr alle, und einem Glauben: dem Glauben an den Menschen, seiner F\u00e4higkeit zu globaler Solidarit\u00e4t und zur Einsicht, das verhei\u00dfene Ziel erreichen zu m\u00fcssen, um auf diesem Planeten \u00fcberleben zu k\u00f6nnen.\u201c Assmann unterstrich, die Gegenwart kehre auf neuer Ebene zur\u00fcck \u201ezu den Ur-Themen der Religion: Sch\u00f6pfung, Frieden und Gerechtigkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit Israel im sechsten Jahrhundert vor Christus erstmals Trennung von Religion und Kultur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Assmann erforscht seit Jahrzehnten das Verh\u00e4ltnis von Religion und Politik von antiken Kulturen bis zu neuzeitlichen Gesellschaften und hat die Arbeiten am Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Uni M\u00fcnster ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt. <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/aktuelles\/2021\/PM_Jan_Assmann_ueber_Religion_und_Kultur.html#video\" target=\"_blank\" aria-label=\"Im Vortrag \u201eReligion und Kultur: \u00c4gypten \u2013 Israel \u2013 Europa\u201c Anfang Februar 2021 (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">Im Vortrag \u201eReligion und Kultur: \u00c4gypten \u2013 Israel \u2013 Europa\u201c Anfang Februar 2021<\/a> beleuchtete Assmann den Wandel im Verh\u00e4ltnis von Religion und Kultur seit der Antike bis heute. Im Alten \u00c4gypten war Religion demnach noch mit Kultur identisch. Religion sei allumfassend gewesen, so der Forscher, und mit dem \u00e4gyptischen Begriff \u201eMa&#8217;at\u201c wiederzugeben, der Kult, Recht und kosmische Ordnung umfasste. Ohne die Errungenschaften des Alten \u00c4gypten seien auch Athen und Jerusalem \u2013 die griechisch-r\u00f6mische Antike und der abrahamitische Monotheismus \u2013 nicht denkbar, auf denen wiederum unsere heutige westliche Kultur beruhe. \u201eAthen verdanken wir Philosophie, Wissenschaft und Demokratie, Jerusalem verdanken wir die monotheistisch-trinitarische Religion.\u201c Doch lange sei vergessen worden, wie sehr das Alte \u00c4gypten, das Athen und Jerusalem zweitausend Jahre voranging, diese gepr\u00e4gt habe. Der Forscher legte Errungenschaften wie Staat und Schrifttheorie des pharaonischen Staates dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine neue Form von Religion, die zwischen Religion und Kultur unterschied und die die Kultur der Religion unterstellte, entstand nach den Worten von Jan Assmann mit Israel im 6. Jahrhundert vor Christus. \u201eDiese neue Religionsform emanzipiert sich auch vom Staat. Sie unterscheidet zwischen Gott und Welt und f\u00fchrt den Begriff des Glaubens ein, der den Abstand zwischen Transzendenz und Immanenz \u00fcberwindet.\u201c Das Christentum wiederum habe das \u201eZeitalter des Glaubens\u201c heraufgef\u00fchrt, indem es die neue Religion allen V\u00f6lkern zug\u00e4nglich machte und durch rasche Ausbreitung die Alte Welt revolutionierte. Mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion sei ein Dualismus von weltlicher und geistlicher Macht entstanden, der auch im Mittelalter immer wieder zu Spannungen f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die Neuzeit sei die Emanzipation der Religion vom Staat bestimmend geblieben, so der Kulturwissenschaftler. \u201eDer R\u00fcckschlag, die Emanzipation des Staates von der Religion, die S\u00e4kularisierung, setzte mit Renaissance und Reformation ein und ist bis heute nicht abgeschlossen.\u201c Das Heilige sei nicht aus der Welt verschwunden, es habe sich aber verlagert: in die Nation in Form von Nationalismus und Zivilreligion, in die Kunst in Form der Kunstreligion, f\u00fcr die etwa Beethoven stand, sowie in die Natur in Gestalt des Pantheismus, der zwischen Gott und Welt nicht unterscheidet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.uni-heidelberg.de\/fakultaeten\/philosophie\/zaw\/aegy\/institut\/assmann.html\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" width=\"180\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\"Foto: Martin Kraft, WWU.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/02\/Jan-Assmann-Foto-Martin-Kraft-WWU-KT.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/td><td width=\"75%\">Jan Assmann ist \u00c4gyptologe, Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler und Emeritus der Ruprecht-Karls-Universit\u00e4t Heidelberg und im Wintersemester 2020\/21 Hans-Blumenberg Gastprofessor am <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Exzellenzcluster &#8222;Religion und Politik&#8220; der WWU M\u00fcnster<\/a>. Der Vortrag &#8222;Religion und Kultur: \u00c4gypten \u2013 Israel \u2013 Europa&#8220; von Jan Assmann kann auf der <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/aktuelles\/2021\/PM_Jan_Assmann_ueber_Religion_und_Kultur.html#video\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Homepage des Exzellenzclusters<\/a> angesehen werden.<\/td><\/tr><tr><td><\/td><td><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/04\/logoExcellenzcluster.png\" alt=\"\" width=\"160\"><\/a><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><h6>Der Exzellenzcluster &#8222;Religion und Politik&#8220; der Universit\u00e4t M\u00fcnster<\/h6>Der Exzellenzcluster &#8222;Religion und Politik. Dynamiken von Tradition und Innovation&#8220; der Universit\u00e4t M\u00fcnster untersucht seit 2007 das komplexe Verh\u00e4ltnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen. Die 140 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen F\u00e4chern und 10 L\u00e4ndern befassen sich in der F\u00f6rderphase von 2019 bis 2025 besonders mit &#8222;Dynamiken von Tradition und Innovation&#8220;. In epochen\u00fcbergreifenden Untersuchungen von der Antike bis heute analysieren sie Faktoren, die Religion zum Motor politischen und gesellschaftlichen Wandels machen. Das Augenmerk gilt vor allem dem Paradox, dass Religionen ihr Innovationspotential regelm\u00e4\u00dfig im R\u00fcckgriff auf ihre Traditionen entwickeln. Die Forschenden konzentrieren sich auf die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam und ihre polytheistischen Vorl\u00e4ufer. Im Zentrum des Interesses stehen Europa und der Mittelmeerraum sowie deren Verflechtungen mit Vorderasien, Afrika, Nord- und Lateinamerika. Der Forschungsverbund ist der bundesweit gr\u00f6\u00dfte dieser Art und unter den Exzellenzclustern in Deutschland einer der \u00e4ltesten und der einzige zum Thema Religion. Das F\u00f6rdervolumen von 2019 bis 2025 liegt bei 31 Millionen Euro.<\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann stellt fest, es sei ein Irrglaube, dass die Moderne die Religion hinter sich gelassen habe. Mit der S\u00e4kularisierung verschwinde das Heilige nicht aus der Welt. 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