{"id":647,"date":"2021-04-23T16:59:06","date_gmt":"2021-04-23T14:59:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=647"},"modified":"2021-04-24T00:56:46","modified_gmt":"2021-04-23T22:56:46","slug":"aufgeklaerte-remythologisierung-versuch-einer-minimaltheologie-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/aufgeklaerte-remythologisierung-versuch-einer-minimaltheologie-2\/","title":{"rendered":"Aufgekl\u00e4rte Remythologisierung: Versuch einer Minimaltheologie"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Essay von Helmut Falkenst\u00f6rfer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein popul\u00e4res Verst\u00e4ndnis, in dem Glaube an Gott und Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod eine Einheit sind. Das ist eine sehr ungenaue Verbindung. Denn Leben \u201enach\u201c dem Tod ist schon verquer gedacht. Denn Leben ist in der Zeit. Der Tod f\u00e4llt aus der Zeit heraus, in das was man ohne eine Anschauung haben zu k\u00f6nnen Ewigkeit nennt. Diese Distanzierung wird in Theologie und Predigt selten zur Sprache gebracht, ist aber in eher d\u00fcnnen Linien durchaus vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Angefangen im Alten Testament beim Prediger Salomo, der in Kapitel 3, Vers 19-21 schreibt: \u201cDenn es geht dem Menschen wie dem Vieh; denn wie dieses stirbt, so stirbt auch er, aber sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh, denn es ist alles eitel. Es f\u00fchrt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub.\u201c Ebenfalls im Alten Testament gibt es die sch\u00f6ne Wendung, jemand starb alt und lebenssatt. W\u00f6rtlich im Hebr\u00e4ischen: \u201esatt an Tagen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Langeweile in der Ewigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und ganz prominent in der Gegenwart. Altpapst Benedict schrieb 2007 in seiner Enzyklika \u201eSPES SALVI \u2013 durch Hoffnung gerettet\u201c voll Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Vorstellungen und W\u00fcnsche des modernen Menschen: aber da stehe nun die Frage auf: \u201eWollen wir das eigentlich \u2011 ewig leben? Vielleicht wollen viele Menschen den Glauben einfach deshalb nicht, weil ihnen das ewige Leben nichts Erstrebenswertes zu sein scheint. Sie wollen gar nicht das ewige Leben, sondern dieses jetzige Leben, und der Glaube an das ewige Leben scheint da eher hinderlich zu sein. Ewig \u2011 endlos \u2011 weiterzuleben scheint eher Verdammnis als ein Geschenk zu sein.\u201c Benedikt schlie\u00dft sich da an, und schreibt: \u201eAber immerfort und ohne Ende zu leben, das kann doch zuletzt nur langweilig und schlie\u00dflich unertr\u00e4glich sein.\u201c Das gilt auch f\u00fcr den Papst selbst. Aber er wei\u00df die L\u00f6sung: Der Kirchenvater Ambrosius habe \u00c4hnliches gedacht und dann hinzugef\u00fcgt: Unsterblichkeit w\u00e4re mehr Last als Gabe \u2011 wenn nicht die Gnade hineinleuchten w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><img decoding=\"async\" title=\"Foto: Helmut Falkenst\u00f6rfer.\" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/07\/HF2-K.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/td><td width=\"75%\">Helmut Falkenst\u00f6rfer ist Mitglied im Redaktionsteam von <strong>proprium | sinn schaffen \u2013 horizonte \u00f6ffnen<\/strong>.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Gnade \u2011 das kann nun alles oder nichts hei\u00dfen. Man f\u00fchlt sich erinnert an einen Vers von Gottfried Benn in seinem Gedicht \u201eEpilog 1949\u201c, wo er von einem Spruch schreibt \u201eder alles sagt, da er dir nichts verhei\u00dft\u201c. Man k\u00f6nnte sagen, die Gnade, des zeitlichen Seins enthoben zu sein. Man k\u00f6nnte auch einfach sagen, die Gnade des Nichts. Die Gnade des Lebensfeierabends. Der traditionssch\u00f6ne Spruch \u201eRequiescat in pace \u2013 Er oder sie ruhe in Frieden\u201c kann so verstanden werden. Oder flapsig gesagt: Gottes Kind darf einschlafen, ohne wieder aufstehen zu m\u00fcssen. Ernsthafter und sch\u00f6ner sagt das der katholische Schriftsteller Reinhold Schneider (zitiert nach m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung): Gott k\u00f6nne nicht so grausam sein, einen endlich eingeschlafenen Kranken wieder aufzuwecken. Das hat eine lange theologische Tradition, die aber eher verborgen und unter der Decke mitl\u00e4uft neben den popul\u00e4ren Vorstellungen vom unendlichen Leben, die man glaubt oder eben nicht glaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1300 schrieb der Mystiker Eckart von Hochheim, genannt Meister Eckart: \u201eWas kommt danach? Oft stelle ich mir vor, mein EGO werde sich alsdann in Gottes Ewigkeit verlieren, vielleicht sogar aufl\u00f6sen. Was immer zu Gott kommet, entf\u00e4llt sich selbst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder alles offen. Und das an Gr\u00e4bern gern gesprochene \u201eGott wird dich auferwecken am J\u00fcngsten Tage\u201c erscheint dagegen krude und wenig geeignet zur Aufnahme bildhafter symbolischer Wahrheit. Man mag annehmen oder doch wenigstens hoffen, dass die meisten Trauerpredigten sensibler sind und offener f\u00fcr das Unaussprechliche.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schweizer Theologe und Dichter Kurt Marti hat vor etwa zehn Jahren eine Sammlung von Aphorismen und Gedichten ver\u00f6ffentlicht mit dem Titel \u201eHeilige Verg\u00e4nglichkeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bezieht sich auf folgenden Text: \u201eErw\u00fcnscht w\u00e4re im Alter wahrscheinlich: Heitere Resignation. Noch besser ist allerdings \u2013 wom\u00f6glich dankbare Bejahung unserer Verg\u00e4nglichkeit. Sie ist vom Sch\u00f6pfer gewollt und deshalb Heilige Verg\u00e4nglichkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>All das, was Benedict, Eckart, Marti und viele andere sagen und noch viele mehr denken entwirft nicht eine Zukunft jenseits unserer Zeitlichkeit \u2011 was ja auch ein Widerspruch in sich selbst w\u00e4re \u2011, sondern wirft, wenn man so will platonischen Glanz \u00fcber unser Leben in der Zeit. Oder, mit Genesis 1, 27 \u201eGott schuf den Menschen als sein Bild\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mehr: Es entlastet unsere Vorstellung von Gott von einer Zuk\u00fcnftigkeit, die es au\u00dferhalb der Zeit nicht gibt und nicht geben kann. Es zieht Gott in die Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<hr>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-313\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/04\/NU-210423-2-HF-quer.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\">\n<hr>\n&nbsp;\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft in die Welt des Ethischen und des \u00c4sthetischen. Im Ethischen hat er die Gestalt von Gerechtigkeit, Solidarit\u00e4t, Toleranz, Fairness, R\u00fccksicht und eben allem, was unter das gro\u00dfe Dach der N\u00e4chstenliebe gelegt werden kann. Dazu geh\u00f6rt auch ganz vorn die Vernunft, die Hegel in der Vorrede zur \u201ePhilosophie des Rechts\u201c \u201edie Rose im Kreuze der Gegenwart\u201c nennt, deren der Mensch sich erfreuen solle. Er kann sich ihrer erfreuen, indem er sie zum Guten nutzt: widerstreitende Interessen auf gerechtem Boden zusammenzubringen zum einen, und die Religion vor den inh\u00e4renten Gefahren der Borniertheit einerseits und des Fanatismus andererseits zu sch\u00fctzen. Die Religion kann vor der Vernunft fremd und anders erscheinen. Niemals aber sollte sie l\u00e4cherlich wirken. Aber: Die Vernunft sch\u00fctzt die Religion vor Obskurantismus und die Religion die Vernunft davor, zum Instrument beliebiger Zwecke zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Religion als Kunst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00c4sthetische leuchtet in Bildern und Geschichten. Es lebt in dem, was wir Mythos nennen und \u00fcber das wir seit 80 Jahren in Rudolf Bultmanns Programm der Entmythologisierung hinauswollen. Man kann aber auch zum Mythos zur\u00fcckkehren, ihn mit aufgekl\u00e4rtem Blick neu gewinnen. Ihn so nehmen wie wir es bei den griechischen Mythen seit langem tun, sozusagen eine aufgekl\u00e4rte Remythologisierung betreiben. Der Mythos hat eigene ontologische Qualit\u00e4t und ist der Kunst nah. Wie die Religionen \u00fcberhaupt in Bild, Musik, Architektur sowie im Islam in der Kalligraphie. In gro\u00dfen Worten der Bibel wie \u201eIn der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden\u201c im 16. Kapitel des Johannesevangeliums. Oder bei Paulus im 12. Kapitel des 2. Briefes nach Korinth: \u201eLass dir an meiner Gnade gen\u00fcgen, denn meine Kraft ist in den Schwachen m\u00e4chtig.\u201c Oder, ganz anders in Johannes 8: \u201eDie Wahrheit wird euch frei machen.\u201c Hier fallen Kunst und Religion einfach zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der russische Ingenieur und Theologe Pawel Florowsky, verschwunden in Stalins GULAG, verglich die orthodoxe Liturgie mit der abstrakten Kunst. Beide stellen nichts dar, sondern sagen sich selbst. In ganz anderem Zusammenhang schreibt Gottfried Benn in seinem Essay \u201cPallas\u201c \u00c4hnliches: \u201eEs gelten nur die Statuen, die Friese, der Schild des Achill, Diese sind ohne Ideen, sagen nur sich selbst und sind vollendet,\u201c Ein \u00e4lterer Theologe der historisch-kritischen Schule sagte mir, jenseits aller Theologie seien ihm heute die gro\u00dfen Worte der Bibel wichtig. Eben die Bilder, die sich selbst sagen. Denn auch Worte k\u00f6nnen Bilder sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die historisch-kritische Theologie kommt aus der Aufkl\u00e4rung und geht davon aus, dass alle Texte der Bibel ohne Vorbehalt auf ihre historische Wahrheit befragt werden k\u00f6nnen. Von der Sch\u00f6pfungsgeschichte \u00fcber die Sintflut, \u00fcber den Durchzug der Israeliten durchs Schilfmeer, \u00fcber das Weinwunder von Kana bis zur Auffahrt Jesu vom \u00d6lberg in Jerusalem in eines der oberen Stockwerke des Himmels. Und sie geht weiter davon aus, dass die Wahrheit der Bibel und ihrer Teile nicht an deren Historizit\u00e4t h\u00e4ngt, sondern an der inneren \u00dcberzeugungskraft der Texte. An ihrer Kraft, Phantasie und Assoziation auszul\u00f6sen. Davon lebt jede Predigt, die diesen Namen verdient. F\u00fcr den westlich aufgekl\u00e4rten Menschen ist die historisch-kritische Theologie eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit und eine Notwendigkeit. Der Theologe wie die Theologin will vor sich selbst und vor der Community der Aufgekl\u00e4rten nicht als Dunkelmann oder Dunkelfrau dastehen, die oder der die Augen vor dem rational Offensichtlichen verschlie\u00dft. Vor der Evolution und Kosmologie unter anderem.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann aber die Erfahrung machen, dass der Menschen h\u00f6chster Bildungsstufe, Professoren zum Beispiel, sehr erstaunt sind, wenn man ihnen sagt, dass die Kirche nicht auf einem w\u00f6rtlichen Verst\u00e4ndnis der Sch\u00f6pfungsgeschichte besteht, um nur ein Beispiel zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits sind nicht alle Christen westlich aufgekl\u00e4rtem Denken verpflichtet. Kreationisten, konservative Kreise aller Konfessionen, Orthodoxe Kirchen und schon gar nicht die Kirchen in Afrika. Yonas Deressa, Leiter des Theologischen College der lutherischen Mekane Yesus Kirche in Addis Abeba sagte mir in einem Interview: \u201cWestern Historical Critical Theology is not relevant to our situation to a great extent. We have not reached the stage where we discuss critical positions in theology. For Europeans and Americans. I believe this discussion is a luxury, while here our priority is to get the plain gospel to the believers and we have not finished with that.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Luxus f\u00fcr den Westen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den der Aufkl\u00e4rung verpflichteten Westler ist sie kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit (siehe Dunkelfrauen und Dunkelm\u00e4nner). Sie ist \u00dcberwindung des \u201efalschen \u00c4rgernisses\u201c (ein Ausdruck von Rudolf Bultmann), das vom Christen verlangt, an die Faktizit\u00e4t von Ereignissen zu glauben, die nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben so offenbar nicht passiert sein k\u00f6nnen. Im Gegensatz zum echten \u00c4rgernis des Christentums, welches darin liegt, dem Menschen statt seiner allt\u00e4glichen Existenz eine eigentlichere Existenz mit entsprechender W\u00fcrde und entsprechenden Aufgaben zuzusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist die historisch kritische Theologie nicht das Ziel. Sie ist ein&nbsp; Zwischenschritt auf dem Weg zur Wahrheit des Mythos, und die ist eine andere als die des faktischen Geschehenseins, auch Historizit\u00e4t genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt ein erhellendes Gedankenexperiment von Ernst J\u00fcnger: H\u00e4tte Pilatus Jesus als interessanten Au\u00dfenseiter an seine Tafel geladen, anstatt ihn vor Gericht zu stellen \u2013 kein Mensch spr\u00e4che mehr von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>So aber gibt es den Leidensweg. Das Kreuz beglaubigt Lehre und Leben. Die Geschichte von der Auferstehung, was immer sich real dahinter verbirgt, beglaubigt das Kreuz und der Mythos von der Himmelfahrt gibt dem Ganzen mythische Dignit\u00e4t in der Einheit von Leiden, W\u00fcrde und \u00dcberwindung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ganze ist durchdrungen und \u00fcberw\u00f6lbt vom Gedanken des Opfers. Neunmalgescheite sagen, Gott brauche doch kein Opfer, um zufrieden gestellt zu werden. Nein, das H\u00f6here braucht nat\u00fcrlich kein Opfer. Der Mensch braucht das Opfer, um seine Schuld zu neutralisieren. Psychologisch gesagt: um Ich und \u00dcberich zu vers\u00f6hnen. Das Opfer braucht aber ein Gegen\u00fcber. Das Opfer braucht einen Empf\u00e4nger, und der hei\u00dft landl\u00e4ufig Gott. Sigmund Freud beleuchtet das von der R\u00fcckseite in einem Brief an den Schweizer Pfarrer Oskar Pfister. Am 15.11.1928 schreibt er: \u201cUnd nun stellen Sie sich vor, ich sage zu einem Kranken: Ich, der ordentliche Titularprofessor Sigmund Freud, vergebe ihnen ihre S\u00fcnden. Welche Blamage in meinem Falle!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Rang der Vernunft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aufhebung von Schuld bedarf des Mythos, und auch der Ritus ist hilfreich. Das Ethische und das \u00c4sthetische wirken nebeneinander. Das Ethische liegt auf der Hand: Gebote, die Gleichnisse, die Bergpredigt, die Mahnungen der Briefe. Das \u00c4sthetische kommt aus dem Mythos.<\/p>\n\n\n\n<p>Weihnachtsgeschichte und Ostergeschichte ber\u00fchren sich. Nicht so sehr die poetische Geschichte von der Geburt im Stall. Wohl aber das Bild vom Licht, das in der Finsternis scheint im Johannesevangelium. Es ist mythisch und zugleich \u00dcberschrift \u00fcber die ganze Ethik. Es ist als Bild sch\u00f6n und eindrucksvoll. Zugleich fordert es auf, wirksam zu werden in der Erhellung der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Licht in der Finsternis ist die mythische Seite des Weihnachtsfestes, und mir f\u00e4llt dann immer ein, wie falsch das auch in kirchlichen Kreisen zitierte Adorno-Dictum ist, dass es kein Richtiges im Falschen gebe. Richtiges gibt es nur im Falschen. Oder: Das Richtige ist immer vom Falschen umgeben und mit ihm konfrontiert. Im Mythos wie in der Geschichhte sind Licht und Finsternis ineinander verschlungen, sei es k\u00e4mpfend oder in Ampassung. Adorno hat das auch gar nicht so umfassend gemeint wie es von Weltumst\u00fcrzlern gern zitiert wird. Bei ihm findet es sich in einem kurzen Text in den \u201eMinima Moralia\u201c, der sich mit dem Wohnen befasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfe mythologische Bilder in Form von Sprache sind \u201eOffenbarung\u201c und \u201eWort Gottes\u201c. Im Gegen\u00fcber zum H\u00f6rer, sozusagen an ihrer Benutzeroberfl\u00e4che, bezeichnen sie Wichtigkeit, Verbindlichkeit, Stiftung von Gemeinschaft. Ihr Gewicht entsteht im gegen\u00fcber von H\u00f6rer und Bild. Hier entsteht existentieller Bezug. Er besteht nicht im Nachdenken \u00fcber die blanke Existenz Gottes. Da gibt es das Spiel der Argumente. Es gibt das ontologische Argument; es gibt das teleologische Argument aus dem Staunen \u00fcber die Passgenauigkeit der Naturkonstanten; es gibt den Pantheismus, der Gott mit der Welt identifiziert und dem Panentheismus, der Gott von der Welt trennt, aber \u00fcberall in ihr vermutet. So wie das Bewusstsein im Gehirn ist, aber dort nicht lokalisiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann dies ein ganzes St\u00fcck weiterdenken. Er (oder sie oder es nat\u00fcrlich) ist nirgends lokalisierbar, aber doch unverkennbar wirksam. Und dass es eine wie auch immer zu benennende Wirksamkeit in der Natur und im Weltall gibt, ist offensichtlich. Es gibt die Naturgesetze, es gibt die Naturkonstanten, es gibt die Mathematik, nach deren Regeln sich selbst ferne Galaxien richten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was sagt uns das? Es ist ein Spiel, es macht Spa\u00df, es ist faszinierend. Aber es betrifft uns nicht eigentlich. Das, was uns betrifft ist, die Vorderseite des Spiegels, ist das was uns unbedingt angeht, um eine Wendung des Theologen Paul Tillich zu gebrauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind die gro\u00dfen Bilder des Mythos und die einleuchtenden Worte einer vern\u00fcnftigen Ethik. Diese sagen sich selbst und brauchen keine hinter ihnen stehende Autorit\u00e4t au\u00dfer der der mythischen Bilder von Offenbarung oder Gottes Wort. Das ist nat\u00fcrlich auch in andren Zusammenh\u00e4ngen m\u00f6glich, zum Beispiel im Judentum, im Islam oder bei den Zartoshti, wie die Gemeinde der altpersischen Religion des Zarathustra im Iran genannt wird und lebt. Religion hat viele Gestalten und kann in allen der Wahrheit n\u00e4her oder ferner sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die offene Seite<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Glanz der Bilder gibt es den sehr elementaren Begriff des Heiligen. Er korrespondiert mit der offenen Seite des Menschen jenseits von Rationalit\u00e4t und Emotionalit\u00e4t. Auf der letzten Seite seiner Philosophiegeschichte von 2018 bringt J\u00fcrgen Habermas diese offene Seite in Verbindung mit der Wahrnehmung des Seienden im Ganzen und seine \u00dcberschreitung: \u201eDie s\u00e4kulare Moderne hat sich mit guten Gr\u00fcnden vom Transzendenten abgewendet, aber die Vernunft w\u00fcrde mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verk\u00fcmmern. Die Abwehr dieser Entropie ist ein Punkt der Ber\u00fchrung des nachmetaphysischen Denkens mit dem religi\u00f6sen Bewusstsein, solange sich dieses in der liturgischen Praxis einer Gemeinde von Gl\u00e4ubigen verk\u00f6rpert und damit als eine gegenw\u00e4rtige Gestalt des Geistes behauptet.\u201c Das Heilige sagt sich selbst und ist vollendet ohne Erl\u00e4uterung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Extreme ber\u00fchren sich. Am Ende sehen die naive und die reflektierte Anschauung mit dem gleichen Blick auf die Mythen und Bilder. Sich auf diese Bilder einzulassen ist das, was man Glaube nennen kann.<\/p>\n\n\n\n<hr>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-313\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/04\/NU-210423-1-HF.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\">\n<hr>\n&nbsp;\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Helmut Falkenst\u00f6rfer Es gibt ein popul\u00e4res Verst\u00e4ndnis, in dem Glaube an Gott und Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod eine Einheit sind. Das ist eine sehr ungenaue Verbindung. Denn Leben \u201enach\u201c dem Tod ist schon verquer gedacht. Denn Leben ist in der Zeit. 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