{"id":673,"date":"2021-05-03T16:48:10","date_gmt":"2021-05-03T14:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=673"},"modified":"2021-05-03T16:55:33","modified_gmt":"2021-05-03T14:55:33","slug":"selbstlob-stinkt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/selbstlob-stinkt\/","title":{"rendered":"Selbstlob stinkt \u2026"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Kritische Anmerkungen zu den <\/strong><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/05\/210430-Hans-Ganss.pdf\" target=\"_blank\" aria-label=\" (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\"><strong>Entschlie\u00dfungsantr\u00e4gen der Fraktionen von SPD, FDP und B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN <\/strong>zu dem Gesetzentwurf der rheinland-pf\u00e4lzischen Landesregierung, Drucksache 17\/13200<\/a>, vom 11. Dezember 2020<\/p>\n\n\n\n<p><em>In den &#8222;Aufforderungen&#8220; aus dem Landtag an die rheinland-pf\u00e4lzische Landesregierung zur Digitalisierung an den Schulen sind die verwendeten Verben so relativierend, dass ein Nichtstun niemals auffallen w\u00fcrde: vorantreiben, gestalten, weiter verfolgen, nachhaltig unterst\u00fctzen, anbieten, vertraut machen. Das alles sind Worth\u00fclsen, leere Phrasen, weil ohne inhaltlichen und zeitlichen Handlungsrahmen \u00fcberhaupt nicht evaluierbar. Wir w\u00fcnschen uns eine verantwortungsbewusste Bildungspolitik in diesem Land, die auch den Mut aufbringt, die Realisierung ihrer Ziele einer objektiven Evaluation zu unterziehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-313\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/05\/NU-210503-hans-ganns.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\">\n<hr>\n&nbsp;\n\n\n\n<p><strong>Selbstlob stinkt \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 hat man fr\u00fcher mal gesagt. Vor allem wenn es zu viel ist, und erst recht, wenn das Selbstlob sich auf \u201eErfolge\u201c bezieht, f\u00fcr deren Gew\u00e4hrleistung man als Regierungskoalition eigentlich bereits seit Jahren die Verantwortung tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit sollen die erzielten Verbesserungen \u2013 soweit sie messbar sind \u2013 nicht kleingeredet werden. Selbstverst\u00e4ndlich registrieren wir die Steigerung der Ausgaben im Bildungsbereich um 700 Millionen Euro, die im Haushaltsjahr 2021 vorgesehenen (!) zus\u00e4tzlichen 378 Planstellen f\u00fcr Lehrkr\u00e4fte sowie den geplanten (!) Ausbau des Vertretungspools auf 1625 beamtete Lehrkr\u00e4fte sowie die geplante (!) Schaffung weiterer 100 neuer Stellen hierf\u00fcr \u2013 alles positive Signale, wenn die Ma\u00dfnahmen denn umgesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich registrieren wir, dass die Landesregierung f\u00fcr die digitale Bildung und den Ausbau der digitalen Infrastruktur viel Geld zur Verf\u00fcgung stellt. Man sollte sich jedoch nichts vormachen: Nur, weil man Geld ins Schaufenster legt, sind die Vorhaben noch lange nicht verwirklicht. Wenn alle Schulen pl\u00f6tzlich Endger\u00e4te haben sollen, kommt die Produktion nicht hinterher, die Auslieferung wird sich noch weit ins Jahr 2021 hineinziehen. Wenn alle Schulen gleichzeitig ans schnelle Internet angeschlossen und die WLAN-Netze der Schulen ausgebaut werden sollen, gibt es nicht von eben auf gleich die ben\u00f6tigten Fachfirmen in entsprechender Zahl. Auch hier d\u00fcrfte noch langes Warten angesagt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und von tragf\u00e4higen Internet-Plattformen sind wir auch in Rheinland-Pfalz noch weit entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SMART-Ziele<\/strong> \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 statt vager, unpr\u00e4ziser Absichtserkl\u00e4rungen! In den \u201eAufforderungen\u201c des rheinland-pf\u00e4lzischen Landtags an die Landesregierung werden keine klaren Ziele formuliert, sondern eher Absichten, W\u00fcnsche oder Hoffnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die rheinland-pf\u00e4lzischen Schulen sind gezwungen \u2013 teils gegen gro\u00dfe traditionelle Widerst\u00e4nde und mit vielen Anstrengungen \u2013, f\u00fcr die geforderte Qualit\u00e4tsentwicklung \u201eZiele\u201c von gut gemeinten Absichten, sch\u00f6nen W\u00fcnschen und vagen Hoffnungen unterscheiden zu lernen; sie mussten lernen, was ein Ziel zum Ziel macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lernten, dass die Buchstaben \u00abSMART\u00bb f\u00fcr \u00ab<strong>s<\/strong>pezifisch, <strong>m<\/strong>essbar, <strong>a<\/strong>kzeptiert, <strong>r<\/strong>ealistisch und <strong>t<\/strong>erminiert\u00bb stehen und welche Bedeutung und Relevanz die einzelnen Begriffe f\u00fcr eine effektive und nachpr\u00fcfbare Weiterentwicklung der Schulen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir w\u00fcnschen uns, dass auch in der Politik dieselben Ma\u00dfst\u00e4be an die Absichtserkl\u00e4rungen f\u00fcr die kommende Legislaturperiode angelegt werden! Stattdessen sind die verwendeten Verben so relativierend, dass ein Nichtstun niemals auffallen w\u00fcrde: <em>vorantreiben, gestalten, weiter verfolgen, nachhaltig unterst\u00fctzen, anbieten, vertraut machen<\/em> \u2013 das alles sind Worth\u00fclsen, leere Phrasen, weil ohne inhaltlichen und zeitlichen Handlungsrahmen \u00fcberhaupt nicht evaluierbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir w\u00fcnschen uns eine verantwortungsbewusste Bildungspolitik in diesem Land, die auch den Mut aufbringt, die Realisierung ihrer Ziele einer <strong>objektiven<\/strong> Evaluation zu unterziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die geschaffene Bildungsungleichheit durch eine skandal\u00f6se Abh\u00e4ngigkeit des Bildungserfolgs von sozialer Herkunft (vergleiche FES-Studie \u201eLehren aus der Pandemie. Gleiche Chancen f\u00fcr alle Kinder und Jugendlichen sichern\u201c) soll durch eine <strong>materielle<\/strong> Ma\u00dfnahme (Bereitstellung digitaler Endger\u00e4te f\u00fcr alle Schulkinder und Lehrkr\u00e4fte) beseitigt werden. Vernachl\u00e4ssigt beziehungsweise nicht beachtet wurde und wird,<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>dass der b\u00fcrokratische Aufwand zur Generierung zugesagter F\u00f6rdermittel zu massiven Realisierungsbehinderungen f\u00fchrte;<\/li><li>dass im Rahmen einer <strong>auf Freiwilligkeit beruhenden <\/strong>Lehrkr\u00e4ftefortbildung (mit einer gro\u00dfen Zahl vor dem Ruhestand stehender Lehrkr\u00e4fte) massive Defizite in der digitalen Kompetenz innerhalb der Lehrerschaft nicht behoben werden;<\/li><li>dass die Beseitigung grunds\u00e4tzlicher Defizite in unserem Bildungssystem nicht durch eine als Allheilmittel pl\u00f6tzlich auftauchende Digitalisierungswelle gelingen kann;<\/li><li>dass bereits <strong>eine Vielzahl wissenschaftlich gesicherter und belastbarer Erkenntnisse zu den Ursachen f\u00fcr die<\/strong> immer noch <strong>unertr\u00e4glich hohe und bereichsweise menschenrechtswidrige Abh\u00e4ngigkeit zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft<\/strong> vorliegen, sodass ein begr\u00fcndetes und verantwortungs-bewusstes Politikhandeln <strong>l\u00e4ngst geboten<\/strong> ist!<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Zu nennen sind hier die in unserer Schulstruktur <strong>vielf\u00e4ltigsten Mechanismen <\/strong>(Zur\u00fcckstellung vom Schulbesuch; hartn\u00e4ckige Verwendung eines Zensurensystems, das weder valide noch reliabel ist, entsprechend auch keine Prognoseg\u00fcltigkeit aufweist; Grundschulempfehlung mit anschlie\u00dfender Verhinderung von l\u00e4ngerem gemeinsamen Lernen; Zur\u00fcckstellung in die n\u00e4chstniedrigere Klassenstufe; Nichtversetzung; Abschulung; Ausschulung; Selektion in die F\u00f6rderschule \u2026), mit denen unsere Sch\u00fcler*innen nach ihren vermuteten Leistungsf\u00e4higkeiten sortiert werden, um sie in dementsprechend vermeintlich homogenen Schularten \/ Lerngruppen angeblich besser f\u00f6rdern zu k\u00f6nnen, statt sie von den deutlich positiveren Effekten einer heterogenen Lerngemeinschaft profitieren zu lassen. Letzteres f\u00fchrt nachweislich zu besseren Lernergebnissen (vgl. Ergebnisse des kooperativen Lernens in den PRIMUS-Schulen, vor allem der PRIMUS-Schule Berg Fidel in M\u00fcnster; vgl. Ergebnisse der IQB-Studie. In: S\u00fcddeutsche.de v. 7.5.2014; vgl. Feyerer 1998; Preuss-Lausitz 2009; Wocken 1999; &#8222;Integration macht schlau!&#8220;(H\u00fcther)) und st\u00e4rkt zudem angesichts bedrohlicher Zersplitterungstendenzen in unserer demokratischen Gesellschaft die <strong>notwendige positive Erfahrung von Gemeinschaft<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Erforderliche Konsequenzen wurden jedoch weitgehend unterlassen, weil die Befunde in Frage gestellt werden oder man krampfhaft am Status quo festhalten will, um Besitzst\u00e4nde zu wahren. (Allerdings gibt es keine erkennbaren politischen Initiativen f\u00fcr eine erneute \u00dcberpr\u00fcfung der vorliegenden Befunde, um dann Ma\u00dfnahmen zur Verringerung von Bildungsungerechtigkeit einleiten zu k\u00f6nnen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen nicht aus dem Blick lassen, dass bei aller eventuellen Bem\u00fchtheit, auch materielle Bedingungen zu verbessern, der <strong>absolut zentrale Ver\u00e4nderungsbedarf <\/strong>bei der<strong> Lehrerkompetenz<\/strong> liegt: vor allem die \u00dcberwindung der auf Homogenit\u00e4t ausgerichteten Unterrichtsskripte zugunsten einer gesteigerten <strong>Professionalit\u00e4t im Umgang mit Heterogenit\u00e4t<\/strong>, um diese f\u00fcr den Lernerfolg und die Reduktion von Bildungsungerechtigkeit nutzbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unter der Pr\u00e4misse \u201cUngleiches ungleich behandeln\u201d fordern wir folgende Konsequenzen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>auf der Ebene der Schulen:<br><\/em>Schulen m\u00fcssen nach standardisierten Kriterien (zum Beispiel Migrationsanteil, Einkommens- und wohnliche Strukturen, Bildungsstand der Eltern und vieles andere mehr) mit einem Sozialindex versehen werden; dementsprechend werden die zur Verf\u00fcgung stehenden Ressourcen (um-)verteilt. Was bislang nur als Projekt mit nur einigen Schulen begonnen wurde, ist dringend auf alle Schulen in herausfordernder Lage zu \u00fcbertragen und als Konzept nachhaltig zu implementieren.<\/li><li><em>auf der Ebene der Kinder und Jugendlichen:<br><\/em>Mit der selbstverst\u00e4ndlichen Heterogenit\u00e4t kann nur angemessen umgehen, wer \u00fcber professionelle diagnostische Kompetenzen verf\u00fcgt. Diagnostik geh\u00f6rt in den Schulalltag, regelm\u00e4\u00dfige, individuelle, professionelle Diagnosen zusammen mit Lern- und Entwicklungsgespr\u00e4chen geh\u00f6ren zum Handwerkszeug einer jeden Lehrkraft. Gewonnene Erkenntnisse m\u00fcssen in F\u00f6rderpl\u00e4ne mit individuellen F\u00f6rderangeboten einflie\u00dfen und zu entsprechenden Lernsituationen (kleinere Lerngruppen, konstante Bezugspersonen, flexible Lernzeiten&#8230;) f\u00fchren.<\/li><li><em>auf der Ebene der Leistungsmessung und -bewertung:<br><\/em>Konsequenterweise kann es keine numerischen Messlatten (Ziffernnoten und \u00e4hnliches) mehr geben. Die individuellen Beitr\u00e4ge und Lernfortschritte der Sch\u00fcler*innen m\u00fcssen gew\u00fcrdigt und aufmerksam beobachtet werden, zahlreiche Gelegenheiten f\u00fcr die individuelle Leistungserbringung sind zu nutzen. An die Stelle von st\u00e4ndiger Bewertung tritt Beratung in offenen Entwicklungsgespr\u00e4chen. An die Stelle von Zeugnissen, die ausschlie\u00dflich auf Ziffernnoten setzen, treten Entwicklungsberichte und Kompetenzprofile. &#8218;Sitzenbleiben&#8216; wird \u00fcberfl\u00fcssig.<\/li><li><em>auf der Ebene der Lehrpl\u00e4ne \/ Curricula:<br><\/em>Es muss einen Paradigmenwechsel in den Lehrpl\u00e4nen geben. Sie sind fachwissenschaftlich \u00fcberfrachtet, weshalb eine Entr\u00fcmpelung notwendig ist. Sie m\u00fcssen f\u00e4cher\u00fcbergreifend st\u00e4rker an angestrebten Kompetenzen orientiert werden und auf einer inklusiven Didaktik basieren.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Die in den letzten drei Bereichen genannten Forderungen m\u00fcssen ad\u00e4quat in eine inklusive Lehrerbildung einflie\u00dfen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/eine-schule-fuer-alle-rlp.de\/index.php?id=69\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" width=\"180\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\"Foto: privat.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/05\/Bild-Hans-Ganss1-K.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/td><td width=\"75%\">Hans Gan\u00df ist Vorsitzender der <a href=\"https:\/\/eine-schule-fuer-alle-rlp.de\/index.php?id=69\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Unabh\u00e4ngigen rheinland-pf\u00e4lzischen Initiative EINE Schule f\u00fcr ALLE &#8211; l\u00e4nger gemeinsam lernen e.V.<\/td><\/tr><tr><td><\/td><td><a href=\"https:\/\/eine-schule-fuer-alle-rlp.de\/index.php?id=69\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/05\/eine-schule-fuer-alle.png\" alt=\"\" width=\"150\"><\/a><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kritische Anmerkungen zu den Entschlie\u00dfungsantr\u00e4gen der Fraktionen von SPD, FDP und B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN zu dem Gesetzentwurf der rheinland-pf\u00e4lzischen Landesregierung, Drucksache 17\/13200, vom 11. 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