{"id":689,"date":"2021-11-19T16:55:26","date_gmt":"2021-11-19T15:55:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=689"},"modified":"2021-12-03T16:19:13","modified_gmt":"2021-12-03T15:19:13","slug":"anbetung-des-digitalen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/anbetung-des-digitalen\/","title":{"rendered":"Anbetung des Digitalen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Essay von Werner Thiede<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Digitale Technologien zeitigen sch\u00e4dliche Ver\u00e4nderungen struktureller Art \u2013 und zwar nicht nur an den Oberfl\u00e4chen und Fassaden unseres Lebens, sondern auch im Alltag und im Wirtschaftsleben. Diese Entmachtungsvorg\u00e4nge werden sich in der Zukunft st\u00e4rker negativ auswirken als wir es im Moment sehen oder uns vorstellen k\u00f6nnen. Mittlerweile haben sich digitale Weltmonopole gebildet, die gerade erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen; in ihrer T\u00e4tigkeit werden sie immer radikaler werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die anhaltende Faszinationskraft der digitalen Transformation ist offenkundig. Immer mehr wird aber auch ihre religi\u00f6se oder pseudoreligi\u00f6se Dimension deutlich. Das kommt in B\u00fcchern wie beispielsweise \u201eDie Anbetung\u201c von Marie-Luise Wolff oder \u201eGoogle Unser\u201c von Christian Hoffmeister zum Ausdruck. Ich selbst habe bereits 2013 im Untertitel meines Buches \u201eDie digitalisierte Freiheit\u201c von einer \u201etechnokratischen Ersatzreligion\u201c gesprochen; ansonsten scheint man diese Problematik in den Kirchen zun\u00e4chst noch ziemlich wenig bemerkt zu haben..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wolff erkl\u00e4rt als Vorstandsvorsitzende eines gro\u00dfen deutschen Energieversorgers in \u00f6ffentlicher Hand, ihre Haltung zum Digitalen habe sich im vergangenen Jahrzehnt ver\u00e4ndert \u2013 insbesondere nach Besuchen im Silicon Valley, in China und in S\u00fcdkorea. Sie verdamme weder die Digitalisierung als solche, der sie zun\u00e4chst geradezu reformatorische Energie f\u00fcr die Wirtschaft zugetraut habe. Doch mit der Zeit h\u00e4tten sich im Digitalen gravierende Fehlentwicklungen Bahn gebrochen \u2013 in der digitalen Wirtschaft genauso wie bei den Nutzer-Anwendungen. Diese unguten Entwicklungen seien noch nicht im allgemeinen Bewusstsein angekommen \u2013 dazu w\u00fcrden die neuen Technologien immer noch zu sehr bewundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diesen Eindruck hat man auch, wenn man die einstigen Programme der f\u00fcr den Deutschen Bundestag kandidierenden Parteien analysiert. Fast ausnahmslos bewundern sie das Digitale und setzen auf die gro\u00dfartigen Chancen von High-Tech, ohne die damit verbundenen Risiken angemes\u00adsen mit in den Blick zu nehmen. W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler hatten 2021 in dieser Hinsicht eigentlich keine Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wolff betont in ihrem klugen Buch, die neuartigen Technologien h\u00e4tten \u201esch\u00e4dliche Ver\u00e4nderungen struktureller Art zur Folge\u201c \u2013 und zwar nicht nur an den Oberfl\u00e4chen und Fassaden unseres Lebens, sondern auch im Alltag und im Wirtschaftsleben: \u201eDiese Entmachtungsvorg\u00e4nge werden sich in der Zukunft st\u00e4rker negativ auswirken als wir es im Moment sehen oder uns vorstellen k\u00f6nnen.\u201c Deshalb spricht Wolff bilanzierend eine deutliche \u201eGewinnwarnung\u201c f\u00fcr das Digitale aus: \u201eWir d\u00fcrfen vor der Digitalisierung nicht weiter in Anbetung erstarren.\u201c Mittlerweile h\u00e4tten sich digitale Weltmonopole gebildet, die gerade erst am Anfang ihrer Entwicklung st\u00fcnden: \u201eIn ihrer T\u00e4tigkeit werden sie immer radikaler werden, was f\u00fcr den europ\u00e4ischen Handels- und Dienstleistungssektor mit vernichtenden Folgen verbunden sein wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch das Klima werde betroffen sein: \u201eDigitale Ger\u00e4te und ihre Dienstleistungen geh\u00f6ren heute zu den haupts\u00e4chlichen Strom- und Ressourcenverbrauchern der Welt. Rechenzentren ben\u00f6tigen doppelt so viel Energie wie die weltweite zivile Luftfahrt, mit stark steigender Tendenz.\u201c Z\u00e4hlen nicht in der Tat der f\u00fcr die digitalen Ger\u00e4te erforderliche Kobalt- und Lithiumsabbau zu den CO<sub>2<\/sub>-intensivsten F\u00f6rderarten der Welt? Als erfolgreiche Managerin wei\u00df Wolff: \u201eAuch die Datenhuberei der Digitalisierer sowie die gigantische Konsum- und Logistikmaschine, die in der Konzentration auf einen einzigen globalen Allesverk\u00e4ufer mit algorithmischer Macht liegt, stellen stellen ein Klimarisiko dar.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer noch viel zu wenig wird diese Seite der digitalen Transformation in der \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen und debattiert \u2013 und zu schnell \u201esmart\u201c entsch\u00e4rft, als k\u00f6nnte und w\u00fcrde die Digitalisierung selbst die von ihr mit erzeugten \u00f6kologischen Probleme bew\u00e4ltigen. Der Zeit\u00adgeist beg\u00fcnstigt solche Vernebelung. Wolff benennt eine einleuchtende Ursache daf\u00fcr: \u201eDie Erhebung der Digitalisierung zu einer Art Ideologie, die wir uns von den Digitalkonzernen haben einreden lassen, ist ein Grund f\u00fcr unsere Passivit\u00e4t.\u201c Diese \u201eSuperideologie\u201c h\u00e4ngt f\u00fcr sie zusammen mit einem \u00e4u\u00dferst aggressiven, von privat gemanagten Fonds ausgehenden Finanzkapitalismus, der l\u00e4ngst Teile der Welt dominiert. Von einer \u201eIdeologie\u201c spricht des \u00d6fteren auch der Digitalisierungsexperte Hoffmeister; er res\u00fcmiert: \u201eEin geschlossenes religi\u00f6se System ist etabliert, das sich wie ein virtuelles Gotteshaus um die Menschen schie\u00dft.\u201c Er nennt die Doppelz\u00fcngigkeit und Doppelmoral der Digitalkonzerne beim Namen. Auch laut Wolff gilt es, die systemimmanente Unehrlichkeit in der Digitalisierungswelt wahrzunehmen. Meint nicht etwa der g\u00e4ngige Begriff des Smarten beziehungsweise der Smartness bei n\u00e4herer Betrachtung eine Kombination aus Intelligenz und Cleverness, ja \u201eeine Schl\u00e4ue, mit der man jemand gerne auch mal \u00fcber den Tisch zieht\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Grunde geht es um digitale Ausbeutung auf verschiedenen Ebenen \u2013 erstaunlich, wie deut\u00adlich das manche B\u00fccher zur Digitalisierung mittlerweile sagen! Und noch erstaunlicher, dass trotz aller digitalisierungskritischen Literatur in Deutschland und international die digitale Transformation auf allen Ebenen energisch vorangetrieben wird! Smart home, smart traffic, Smart Metering und so fort \u2013 massenhaft fallen die Menschen der smarten Ver\u00e4nderung aller Dinge zum Opfer und merken dabei nicht einmal, dass mit alledem am Ende ihr Menschsein, ihre menschliche Existenz trans- und posthumanistisch zur Disposition gestellt wird. Das Denken wird oberfl\u00e4chlicher, das Hirn dementer, die Entscheidungen rascher, der Optimierungsdruck gr\u00f6\u00dfer, die Privatheit por\u00f6ser, das Individuum unfreier, das Leben b\u00fcrokratischer\u2026 Mit Recht fordern Wolff und andere, es m\u00fcssten strukturelle Wege gefunden werden, um die Massen\u00admanipulation und \u201eFallenstellerei\u201c im Internet zu beenden. Aber an wen richten sich derlei Forderungen konkret? Wo haben Appelle dieser Art angesichts der so bestechenden Faszi\u00adnationskraft der Technik und der Macht der Industrielobby \u00fcberhaupt eine Chance auf Geh\u00f6r? Und wann beleuchten Theologie und Kirche endlich gem\u00e4\u00df ihrem Auftrag, die Geister zu unterscheiden, diese ideologische und pseudoreligi\u00f6se \u201eTransformation\u201c unserer Gesellschaft wirklich kritisch?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Neuere Literatur:<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2019: <\/strong>Christian Hoffmeister: Google Unser, Hamburg 2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2020: <\/strong>Marie-Luise Wolff: Die Anbetung. \u00dcber eine Superideologie namens Digitalisierung, Frankfurt a.M.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2020: <\/strong>Ulrich Hemel: Kritik der digitalen Vernunft. Warum Humanit\u00e4t der Ma\u00dfstab sein muss, Freiburg i.Br.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2021<\/strong><strong><sup>2<\/sup><\/strong>: Werner Thiede: Digitaler Turmbau zu Babel. Der Technikwahn und seine Folgen, M\u00fcnchen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2021:<\/strong> Johannes Hoff: Verteidigung des Heiligen. Anthropologie der digitalen Transformation, Freiburg i.Br. 2021<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table is-style-regular\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/www.werner-thiede.de\/zurperson\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2018\/12\/Werner-Thiede.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td><td><a href=\"http:\/\/www.werner-thiede.de\/zurperson\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Prof. Dr. theol. habil. Werner Thiede<\/a> ist apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Werner Thiede Digitale Technologien zeitigen sch\u00e4dliche Ver\u00e4nderungen struktureller Art \u2013 und zwar nicht nur an den Oberfl\u00e4chen und Fassaden unseres Lebens, sondern auch im Alltag und im Wirtschaftsleben. Diese Entmachtungsvorg\u00e4nge werden sich in der Zukunft st\u00e4rker negativ auswirken als wir es im Moment sehen oder uns vorstellen k\u00f6nnen. Mittlerweile haben sich digitale &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/anbetung-des-digitalen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eAnbetung des Digitalen\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":49,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-689","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/689","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=689"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/689\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":726,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/689\/revisions\/726"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}