{"id":730,"date":"2022-01-26T18:25:00","date_gmt":"2022-01-26T17:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=730"},"modified":"2022-01-26T18:25:01","modified_gmt":"2022-01-26T17:25:01","slug":"rechte-christen-instrumentalisieren-theologie-fuer-ihre-gesellschaftsordnung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/rechte-christen-instrumentalisieren-theologie-fuer-ihre-gesellschaftsordnung\/","title":{"rendered":"Rechte Christen instrumentalisieren Theologie f\u00fcr ihre Gesellschaftsordnung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Innerhalb der Neuen Rechten bewegen sich religi\u00f6se Gruppierungen, die ihre politische Meinung auch theologisch zu unterf\u00fcttern versuchen. Neurechte Christen inszenieren sich als Widerstand gegen eine moderne, plurale und individualistische Gesellschaft. Ihre Kritik an modernen Gesellschaften begr\u00fcnden sie etwa mit der Vorstellung von einer festen Sch\u00f6pfungsordnung, dazu geh\u00f6ren neben dem klassischen Ehe- und Familienverst\u00e4ndnis die st\u00e4ndische Gliederung der Gesellschaft und die Einteilung der Menschen in unterschiedliche V\u00f6lker, fest verteilt \u00fcber den Erdball; dies alles sei von Gott gef\u00fcgt und damit unver\u00e4nderlich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"413\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/01\/NU-220127-Exzellenzcluster.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-727\" title=\"Foto: Nata Uchava Freiburg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>(M\u00fcnster, 25. Januar 2022) <\/strong>Neurechte Christen nutzen zur Begr\u00fcndung ihrer politischen Positionen Forschungen zufolge theologische Einsichten wie die des Pfarrers und NS-Widerstandsk\u00e4mpfers Dietrich Bonhoeffer. \u201eDamit legitimieren sie ihr Streben nach einer antipluralen Gesellschaftsordnung, die sie fr\u00fcheren Epochen zuschreiben. Diese Ordnung hat es aber so nie gegeben. Dass in der Politik von rechts solche religi\u00f6sen Impulse wirksam sind, findet bisher wenig Beachtung\u201c, sagt der Sozialethiker und evangelische Theologe Prof. Dr. Arnulf von Scheliha vom Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Universit\u00e4t M\u00fcnster. Die Vertreter der Neuen Rechten konstruierten Traditionslinien bis hin zu Martin Luther, der allerdings einseitig verstanden werde. Eine Schl\u00fcsselrolle spiele das Denken nationalkonservativer Theologen wie Emanuel Hirsch (1888-1972) und Paul Althaus (1888-1966), die in der Weimarer Republik eine verh\u00e4ngnisvolle Rolle gespielt und dazu beigetragen h\u00e4tten, dem Nationalsozialismus den Boden zu bereiten. \u201eDiese Rezeption ist alarmierend und darf, auch am bevorstehenden Gedenktag f\u00fcr NS-Opfer am 27. Januar, nicht unwidersprochen bleiben. Sie verlangt nach selbstkritischer Befassung mit solchen Traditionen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wissenschaftler hat das Buch \u201eChristentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik\u201c gemeinsam mit Johann Hinrich Claussen, Martin Fritz, Andreas Kubik und Rochus Leonhardt im Verlag Mohr Siebeck vorgelegt, das einer solchen \u201eSelbstpr\u00fcfung\u201c protestantischer Theologiegeschichte dienen soll. \u201eNeurechte Christen inszenieren sich als Widerstand gegen eine moderne, plurale und individualistische Gesellschaft\u201c, f\u00fchrt Arnulf von Scheliha aus. Sie berufen sich auf Theologen wie Hirsch und Althaus, die sich f\u00fcr eine St\u00e4ndegesellschaft und f\u00fcr ein autorit\u00e4res politisches Regime ausgesprochen h\u00e4tten: \u201eNach Emanuel Hirsch etwa dient Religion der Bindung der Menschen an das Volk, wobei jedem Volk ein fester Platz auf der Erde zugewiesen sei. Paul Althaus sieht in der Vielzahl der V\u00f6lker einen g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pferreichtum. Damit legitimieren rechte Christen ihren Ethnopluralismus, nach dem die in V\u00f6lker eingeteilten Menschen sich nicht vermischen sollen.\u201c Der Forscher sprach im Themenjahr \u201eTradition(en)\u201c am Exzellenzcluster, das den Wandel von Traditionen beleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neue Rechte seit 2015 zu beobachten \u2013 darunter christliche Gruppen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Kritik an modernen Gesellschaften begr\u00fcnden Rechte mit der Vorstellung von einer festen Sch\u00f6pfungsordnung, wie Arnulf von Scheliha darlegt. Dies habe in der evangelischen Theologie eine lange Tradition, von der auch der junge Dietrich Bonhoeffer nicht frei gewesen sei. \u201eRechte Christen eignen sich diese Vorstellungen heute an, rei\u00dfen sie aus dem damaligen Denkzusammenhang und empfehlen sie f\u00fcr die Gegenwart. Dazu geh\u00f6ren neben dem klassischen Ehe- und Familienverst\u00e4ndnis die st\u00e4ndische Gliederung der Gesellschaft und die Einteilung der Menschen in unterschiedliche V\u00f6lker, fest verteilt \u00fcber den Erdball.\u201c Dies alles sei von Gott gef\u00fcgt und damit unver\u00e4nderlich. Das Grundgesetz werde \u00e4hnlich ausgelegt: \u201eRechte lesen es als Gr\u00fcndungsdokument des deutschen Nationalstaates, dessen oberste Priorit\u00e4t die Wahrung der deutschen Identit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t sein soll. Grundrechte sind nachrangig\u201c, so Arnulf von Scheliha.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neue Rechte ist nach den Worten des Wissenschaftlers in Deutschland als Variante des europ\u00e4ischen Rechtspopulismus seit den Fl\u00fcchtlingszuwanderungen 2015\/16 erkennbar. \u201eSie bildet die Br\u00fccke zwischen Konservatismus und gewaltbereitem Rechtsextremismus.\u201c Innerhalb dieser Str\u00f6mung bewegten sich religi\u00f6se Gruppierungen, die ihre politische Meinung auch theologisch zu unterf\u00fcttern versuchten. \u201eDabei blenden sie den historischen Kontext der genannten Schriften und die zwischenzeitliche Lerngeschichte der Theologie aus. Neurechte vertreten eine v\u00f6llig \u00fcberholte Theologie\u201c, so der Sozialethiker. Das gelte es mit bew\u00e4hrten historisch, politologisch und soziologisch informierten Methoden der Theologie aufzudecken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eTraditionsneid gegen\u00fcber Muslimen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Islam gilt Neurechten als Feind des christlichen Abendlandes, das sich gegen ihn zur Wehr setzen muss\u201c, sagt Arnulf von Scheliha. Zugleich bewirke die neurechte Kritik am liberalen Verst\u00e4ndnis des Christentums, das in ihren Augen auch von den Amtskirchen vertreten wird, eine Art Traditionsneid gegen\u00fcber Muslimen, deren Religion zur Rollenverteilung in Ehe und Familie sowie zum Verh\u00e4ltnis von Religion und Politik aus ihrer Sicht klare Vorgaben mache. \u201eDer Ethnopluralismus kann also traditionelleren Gesellschaftsvorstellungen in anderen Kulturen etwas abgewinnen. Das ist aber nicht mit Toleranz zu verwechseln.\u201c F\u00fcr Rechte sei entscheidend, dass sich die V\u00f6lker und Religionen nicht vermischten: \u201eMigration gilt als Versto\u00df gegen die Sch\u00f6pfungsordnung. Menschenrechte werden zugunsten einer nationalistischen Staatsidee in Frage gestellt. Dadurch entstehen krasse Feindbilder.\u201c Allerdings spielten im Vergleich zur alten Rechten hegemoniale Fragen aktuell keine signifikante Rolle, sie wurden vom Konzept des Ethnopluralismus abgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Arnulf von Scheliha sieht zudem eine gewisse Koalition von katholischen und evangelischen Neurechten, die sich aus Modernit\u00e4tskritik und Islamophobie speise. \u201eRechte Katholiken lehnen etwa das Zweite Vatikanische Konzil ab, das in den 1960er Jahren die katholische Kirche modernisierte, und bef\u00fcrworten die lateinische Messe. Die evangelischen Christen st\u00fctzen sich auf die konservative Seite Martin Luthers.\u201c Zum Geschichtsbild von Neurechten f\u00fchrt der Forscher aus: \u201eSie orientieren sich an einem idealisierten Verst\u00e4ndnis des Mittelalters und an den autorit\u00e4ren Strukturen des Kaiserreiches im 19. Jahrhundert, in denen der deutsche Nationalstaat verwirklicht gewesen sei. Dabei ignorieren sie die damals herrschenden antagonistischen Kr\u00e4fte in der Gesellschaft, zu denen insbesondere die Schere zwischen den verm\u00f6genden B\u00fcrgern und verarmten Arbeitern, aber auch der konfessionelle Gegensatz zwischen evangelischen und katholischen Menschen geh\u00f6rte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Umgang mit rechten Christen empfiehlt Arnulf von Scheliha die diskursive Auseinandersetzung. \u201eEs gibt keine allgemeing\u00fcltige Instanz, die dar\u00fcber entscheidet, was als christlich zu bewerten ist und was nicht\u201c, so der Sozialethiker. \u201eDies kann nur in der kritischen Auseinandersetzung auch mit theologischen Positionen geschehen, die wir f\u00fcr \u00fcberwunden hielten. Ihrer Renaissance m\u00fcssen wir uns als wissenschaftliche Theologie stellen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der WWU M\u00fcnster<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik. Dynamiken von Tradition und Innovation\u201c der Universit\u00e4t M\u00fcnster untersucht seit 2007 das komplexe Verh\u00e4ltnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen. Die 140 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen F\u00e4chern und 10 L\u00e4ndern befassen sich in der F\u00f6rderphase von 2019 bis 2025 besonders mit \u201eDynamiken von Tradition und Innovation\u201c. In epochen\u00fcbergreifenden Untersuchungen von der Antike bis heute analysieren sie Faktoren, die Religion zum Motor politischen und gesellschaftlichen Wandels machen. Das Augenmerk gilt vor allem dem Paradox, dass Religionen ihr Innovationspotential regelm\u00e4\u00dfig im R\u00fcckgriff auf ihre Traditionen entwickeln. Die Forschenden konzentrieren sich auf die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam und ihre polytheistischen Vorl\u00e4ufer. Im Zentrum des Interesses stehen Europa und der Mittelmeerraum sowie deren Verflechtungen mit Vorderasien, Afrika, Nord- und Lateinamerika. Der Forschungsverbund ist der bundesweit gr\u00f6\u00dfte dieser Art und unter den Exzellenzclustern in Deutschland einer der \u00e4ltesten und der einzige zum Thema Religion. Das F\u00f6rdervolumen von 2019 bis 2025 liegt bei 31 Millionen Euro.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/EvTheol\/ifes\/mitarbeiter\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"386\" height=\"534\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2021\/04\/Prof.-Dr.-Arnulf-von-Scheliha-Foto-WWUIfES.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-662\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Prof. Dr. Arnulf von Scheliha ist Direktor des Instituts f\u00fcr Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften (IfES) der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster sowie Mitglied im  <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik&#8220;<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"34\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/04\/logoExcellenzcluster.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-182\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/en\/book\/christentum-von-rechts-9783161602047?no_cache=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"339\" height=\"540\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/01\/Buchcover-Christentum-von-rechts.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-728\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/en\/book\/christentum-von-rechts-9783161602047?no_cache=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eChristentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik\u201c<\/a> gemeinsam mit Johann Hinrich Claussen, Martin Fritz, Andreas Kubik und Rochus Leonhardt erscheint im Verlag Mohr Siebeck.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innerhalb der Neuen Rechten bewegen sich religi\u00f6se Gruppierungen, die ihre politische Meinung auch theologisch zu unterf\u00fcttern versuchen. Neurechte Christen inszenieren sich als Widerstand gegen eine moderne, plurale und individualistische Gesellschaft. 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