{"id":735,"date":"2022-03-11T17:53:24","date_gmt":"2022-03-11T16:53:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=735"},"modified":"2022-03-11T17:54:31","modified_gmt":"2022-03-11T16:54:31","slug":"allianz-von-kirche-und-staat-in-russland-foerdert-die-akzeptanz-von-putins-krieg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/allianz-von-kirche-und-staat-in-russland-foerdert-die-akzeptanz-von-putins-krieg\/","title":{"rendered":"Allianz von Kirche und Staat in Russland f\u00f6rdert die Akzeptanz von Putins Krieg"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Russische orthodoxe Kirche kommt seit Jahren in den Genuss steuerlicher Privilegien und staatlicher Gelder und wird staatlicherseits gegen\u00fcber anderen Religionsgemeinschaften bevorzugt, immer wieder ist der Pr\u00e4sident neben dem Patriarchen zu sehen, der Putins Krieg gegen die Ukraine st\u00fctzt, indem er &#8222;b\u00f6se M\u00e4chte&#8220; daf\u00fcr verantwortlich macht. Diese un\u00fcbersehbare Allianz zwischen Kirche und Politik best\u00e4rkt eine religi\u00f6se Renaissance in Russland; laut dem Religionssoziologen Detlef Pollack treffen sich hier die Geisteshaltungen Putins und Kirills, denn nach orthodoxer Vorstellung sei Russland ein heiliges Land, das seit der Taufe der &#8222;Kiewer Rus&#8220; im Jahr 988 die Ukraine einschlie\u00dfe und durch &#8222;fremde Kulturen&#8220; nicht entweiht werden d\u00fcrfe. Die Zahl derer, die sich in Russland mit der Orthodoxie identifizieren, stieg von 1990 bis 2020 von einem Drittel auf mehr als zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung, die Zahl der Gl\u00e4ubigen gar von 44 auf 78 Prozent.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"413\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/03\/NU-220311-Pollack.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-732\" title=\"Grafik: Nata Uchava, Michael Wildberger\"\/><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>(M\u00fcnster, 11. M\u00e4rz 2022)<\/strong> Die enge Allianz von Kirche und Staat in Russland f\u00f6rdert Forschern zufolge die Akzeptanz f\u00fcr Putins Regime und Krieg. \u201eDie gro\u00dfe N\u00e4he von Pr\u00e4sident und Patriarch trifft auf eine Bev\u00f6lkerung, deren Religiosit\u00e4t in den vergangenen Jahren rasant gewachsen ist, verbunden mit gestiegenem Nationalstolz. Gemeinsame Auftritte von Putin und Kirill I. haben daher eine hohe symbolische Kraft\u201c, sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack vom Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Uni M\u00fcnster. Die Zahl derer, die sich mit der Orthodoxie identifizieren, stieg demnach von 1990 bis 2020 von einem Drittel auf mehr als zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung, die Zahl der Gl\u00e4ubigen gar von 44 auf 78 Prozent. \u201eNach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Kirche zum Hoffnungstr\u00e4ger einer gedem\u00fctigten Nation.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Heute st\u00fctze der Patriarch Putins Krieg gegen die Ukraine, indem er \u201eb\u00f6se M\u00e4chte\u201c f\u00fcr ihn verantwortlich mache, so Pollack. \u201eDer Angriff Russlands wird damit entpolitisiert und metaphysisch erh\u00f6ht. Mit der Rechtfertigung des Krieges als Kampf gegen Gay-Pride-Paraden konstruiert Kirill ein Argument, um konservative Gl\u00e4ubige f\u00fcr einen ideologischen Kulturkampf zu gewinnen.\u201c Zugleich unterst\u00fctze Putin die Russisch-Orthodoxe Kirche auch finanziell. \u201eGemeinsam k\u00e4mpfen sie gegen westliche Werte wie Demokratie und plurale Lebensformen. Sie instrumentalisieren sich gegenseitig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer starke Anstieg der Religiosit\u00e4t in Russland geht nicht auf tradierte Volksreligiosit\u00e4t, famili\u00e4re Sozialisation oder soziale Angebote der Kirche zur\u00fcck\u201c, erl\u00e4utert Detlef Pollack, \u201esondern darauf, dass die orthodoxe Kirche nach 1992 zum Tr\u00e4ger nationaler Identit\u00e4t aufstieg. Seit Jahrzehnten meint eine Mehrheit, um ein wahrer Russe zu sein, m\u00fcsse man orthodox sein.\u201c Das religi\u00f6s aufgeladene Nationalbewusstsein sei alles andere als harmlos: \u201eDie meisten Russen halten die russische Kultur gegen\u00fcber anderen f\u00fcr \u00fcberlegen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Ende der Sowjetunion sei der Nationalstolz in Russland so niedrig wie in keinem anderen ost- und ostmitteleurop\u00e4ischen Land gewesen, f\u00fchrt Pollack aus. Inzwischen sei er rasant gestiegen. \u201eWaren es 1992 nur 13 Prozent, die die Russen als gro\u00dfes Volk ansahen, dem ein spezieller Platz in der Weltgeschichte zukomme, so sind es heute 62 Prozent. Parallel nahm die Identifikation mit der Orthodoxie zu.\u201c Die Analysen basieren auf dem Grundlagenwerk \u201eReligion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich\u201c, von dem die Religionssoziologen Prof. Dr. Detlef Pollack und Dr. Gergely Rosta soeben eine aktualisierte und erweiterte Neuauflage im Campus Verlag ver\u00f6ffentlicht haben. Es ist eine der umfassendsten empirischen Untersuchungen religi\u00f6ser Trends weltweit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gegenseitige Instrumentalisierung von Kirche und Staat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Best\u00e4rkt wird die religi\u00f6se Renaissance in Russland durch die un\u00fcbersehbare Allianz zwischen Kirche und Politik, wie Soziologe Pollack darlegt. \u201eDie orthodoxe Kirche kommt seit Jahren in den Genuss steuerlicher Privilegien und staatlicher Gelder und wird staatlicherseits gegen\u00fcber anderen Religionsgemeinschaften bevorzugt. Immer wieder ist der Pr\u00e4sident neben dem Patriarchen zu sehen.\u201c 2007 sei ein neues Schulfach \u201eGrundlagen der orthodoxen Kultur\u201c eingef\u00fchrt worden, das an staatlichen Schulen f\u00fcr alle Sch\u00fcler, unabh\u00e4ngig davon, ob sie der Kirche angeh\u00f6ren, Pflichtfach sei. \u201eUmgekehrt ist der Patriarch seit Jahren ein verl\u00e4sslicher Unterst\u00fctzer der politischen Linie des Kreml.\u201c In einer seiner j\u00fcngsten Predigten bezeichnete Kirill I. die Feinde Russlands als \u201eKr\u00e4fte des B\u00f6sen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Putin und Kirill teilen, wie Pollack ausf\u00fchrt, offenbar ein \u00e4hnliches Weltbild: Russland sei das angegriffene Opfer westlicher M\u00e4chte, der Kampf Russlands ein Kampf des Guten gegen das B\u00f6se. \u201eKultureller Pluralismus, Homosexualit\u00e4t und Meinungsvielfalt gef\u00e4hrden in diesem Weltbild die Identit\u00e4t der russischen Kultur. Russland muss sich sch\u00fctzen und f\u00fcr seine bedrohte Identit\u00e4t eintreten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter dem gemeinsamen Kampf von Pr\u00e4sident und Patriarch gegen westliche Werte steht dem Forscher zufolge der Versuch, Russland zu alter Gr\u00f6\u00dfe zur\u00fcckzuf\u00fchren. F\u00fcr Putin und Kirill sei Russland eine gro\u00dfe, unbesiegbare Nation, wie schon der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg gezeigt h\u00e4tte. Seit dem Ende der Sowjetunion aber sei ihre einstige Bedeutung bedroht. \u201eAus dem Gef\u00fchl der Bedrohung entsteht ein Bed\u00fcrfnis nach kultureller Selbstbehauptung, eine hochgef\u00e4hrliche Mischung von Dem\u00fctigungsgef\u00fchlen und \u00dcberlegenheitsanspr\u00fcchen. Anstatt die Wirtschaftsleistung zu st\u00e4rken, verfolgt die Regierung das Projekt einer St\u00e4rkung des Nationalbewusstseins, das die eigene Kultur \u00fcberh\u00f6ht und f\u00fcr alle Probleme im Land den Westen verantwortlich macht, der Russland angeblich nicht wertsch\u00e4tze\u201c, so Pollack. Hier tr\u00e4fen sich die Geisteshaltungen Putins und Kirills, denn nach orthodoxer Vorstellung sei Russland ein heiliges Land, das seit der Taufe der \u201eKiewer Rus\u201c im Jahr 988 die Ukraine einschlie\u00dfe und durch \u201efremde Kulturen\u201c nicht entweiht werden d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das enge Verh\u00e4ltnis von Staat und Kirche hat in Russland eine lange Tradition, die bis ins mittelalterliche Byzanz zur\u00fcckreicht. \u201eW\u00e4hrend die Katholische Kirche im lateinischen Westen zu dieser Zeit oft als Gegengewicht zum Kaisertum agierte, bildeten Patriarchat und Kaisertum in Ostrom eine enge Allianz. In der Zeit des Kommunismus, in der es Verbindungen zwischen Kirche und Geheimdienst gab, verlor die Russisch-Orthodoxe Kirche ihre Autonomie weitgehend\u201c, erl\u00e4utert der Soziologe. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte nach seinen Worten aber nicht eine Aufarbeitung der Verstrickungen der orthodoxen Kirche mit dem kommunistischen Regime, sondern der schnelle Schulterschluss mit den neuen Machthabern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Genuin Religi\u00f6se mit eher individualistischen Werten bilden eine Minderheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Kirchenmitgliedern sind den Forschern zufolge auch gegenl\u00e4ufige Tendenzen zu beobachten: \u201eUnter dem Mantel der Politisierung des Religi\u00f6sen ist \u00fcberraschenderweise auch ein Schutzraum f\u00fcr die Ausbreitung einer verinnerlichten Religiosit\u00e4t entstanden, die eher durch individualistische als durch konservative Werte charakterisiert ist\u201c, sagt Pollack. \u201eBesonders Frauengruppen stellen in Russland die Verzahnung von Staat und Religion in Frage.\u201c Auch gebe es in der jungen, gebildeten Bev\u00f6lkerung eine beachtliche Offenheit f\u00fcr Demokratie und liberale Werte. \u201eOb diese Kr\u00e4fte in Russland an \u00f6ffentlicher Sichtbarkeit und Bedeutung gewinnen, h\u00e4ngt zu einem gro\u00dfen Teil vom weiteren Kriegsverlauf ab\u201c, sagt Pollack.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterschied zur Russisch-Orthodoxen Kirche haben sich alle drei orthodoxen Kirchen in der Ukraine gegen den Krieg ausgesprochen: \u201eNeben der unabh\u00e4ngigen orthodoxen Kirche und der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche unter dem Kiewer Patriarchat hat sich erstaunlicherweise auch die dem Moskauer Patriarchat unterstellte orthodoxe Kirche \u00f6ffentlich gegen den Krieg gestellt und ihn als \u201aBruderkrieg\u2018 bezeichnet\u201c, betont der Forscher. \u201eAktuell ist noch nicht absehbar, ob der Unmut auch in Russland zunehmen und dies Kirills Kurs schw\u00e4chen wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Neuauflage des Standardwerks \u201eReligion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich\u201c werten Detlef Pollack und Gergely Rosta ein so reichhaltiges Datenmaterial f\u00fcr mehrere Kontinente aus wie kaum eine andere Religionsstudie. Sie filtern politische, nationale und soziale Einflussfaktoren auf Religion heraus und stellen einen Bedeutungsr\u00fcckgang des Religi\u00f6sen in vielen modernen Gesellschaften fest. In den vergangenen zehn Jahren seien dabei dramatische Prozesse der Entkirchlichung und S\u00e4kularisierung in L\u00e4ndern wie den USA, Italien, Polen und Irland zu beobachten, in denen zuvor der Glaube noch recht ausgepr\u00e4gt war. Das stehe im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern wie eben Russland, in denen sich ein religi\u00f6ser Aufschwung beobachten lasse.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Soziologie\/personen\/pollack.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/03\/Detlef-Pollack-Foto-Lena-Giovanazzi-600-K.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-733\" title=\"Foto: Lena Giovanazzi\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Soziologie\/personen\/pollack.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Detlef Pollack<\/a> ist Professor f\u00fcr Religionssoziologie im Rahmen des <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Exzellenzclusters Religion und Politik<\/a> an der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/04\/logoExcellenzcluster.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-182\" width=\"255\" height=\"51\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/soziologie\/religion_in_der_moderne-9654.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"641\" height=\"943\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/03\/Buchcover-Religion-in-der-Moderne-2.Aufl_.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-734\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Detlef Pollack, Gergely Rosta: <a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/soziologie\/religion_in_der_moderne-9654.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich<\/a> (&#8222;Religion und Moderne&#8220;, Band 1), 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main\/New York: Campus Verlag 2022.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Russische orthodoxe Kirche kommt seit Jahren in den Genuss steuerlicher Privilegien und staatlicher Gelder und wird staatlicherseits gegen\u00fcber anderen Religionsgemeinschaften bevorzugt, immer wieder ist der Pr\u00e4sident neben dem Patriarchen zu sehen, der Putins Krieg gegen die Ukraine st\u00fctzt, indem er &#8222;b\u00f6se M\u00e4chte&#8220; daf\u00fcr verantwortlich macht. 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