{"id":741,"date":"2022-03-21T16:07:04","date_gmt":"2022-03-21T15:07:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=741"},"modified":"2022-03-21T17:29:48","modified_gmt":"2022-03-21T16:29:48","slug":"krieg-und-kirche-krieg-in-theologischer-beleuchtung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/krieg-und-kirche-krieg-in-theologischer-beleuchtung\/","title":{"rendered":"Krieg und Kirche \u2013 Krieg in theologischer Beleuchtung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Essay von J\u00fcrgen Regul, 15. M\u00e4rz 2022<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von einem fr\u00fcheren Kollegen kam der Wunsch, nicht nur Politisches und Geschichtliches zum gegenw\u00e4rtigen Kriegsgeschehen zu h\u00f6ren beziehungsweise zu lesen, sondern auch etwas Theologisches. Ich m\u00f6chte versuchen, diesem Wunsch nachzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei folge ich Karl Barth, weil mich das, was er zum Thema Krieg geschrieben hat, noch immer am meisten \u00fcberzeugt. Barth hat sich im Laufe seines Lebens vielfach zum Thema \u201eKrieg\u201c ge\u00e4u\u00dfert, am umfassendsten und gr\u00fcndlichsten in Band III\/4 seiner \u201eKirchlichen Dogmatik\u201c, dort im Abschnitt \u201eDer Schutz des Lebens\u201c (S. 515-538). Der Band ist 1951 erschienen. In meinen Augen haben seine Ausf\u00fchrungen nichts an inhaltlicher Berechtigung und Aktualit\u00e4t verloren trotz der 70 Jahre, die uns vom Erscheinen des Bandes trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Davon ausgehend m\u00f6chte ich sagen: Es gibt, theologisch geurteilt, \u00fcberhaupt nur einen einzigen legitimen Grund, \u201ezu den Waffen zu greifen\u201c und milit\u00e4rische Gewalt anzuwenden, das ist, wenn ein Volk, ein Staat von au\u00dfen mit milit\u00e4rischer Gewalt angegriffen und damit in seiner selbstbestimmten Existenz lebensgef\u00e4hrlich bedroht wird. Vorausgesetzt ist, dass alle sonstigen politischen Mittel der Auseinandersetzung wie Gespr\u00e4che, Verhandlungen, Kompromi\u00dfangebote und \u00e4hnliches mehr nicht gegriffen, nichts bewirkt haben, von der angreifenden Seite nicht angenommen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gebrauch, die Anwendung milit\u00e4rischer Gewalt ist, so meine ich, erlaubt nur zum Zweck der Selbstverteidigung. Also als ultima ratio. Aber nicht als ein Mittel der Politik. Denn Krieg zerst\u00f6rt und vernichtet Leben. Es geh\u00f6rt ja geradezu zum Wesen von Krieg und Kriegsf\u00fchrung, fremdes Leben zu t\u00f6ten. Nicht nur in Form get\u00f6teter Soldaten und Zivilisten, sondern auch in der Form, dass Krieg die notwendigen Voraussetzungen von Leben wie Wohnungen, Landwirtschaft, Verkehrsm\u00f6glichkeiten, Versorgung und anderes mehr vernichtet. Krieg setzt ferner das Recht und seine Beachtung als Grundvoraussetzung menschlichen Zusammenlebens au\u00dfer Kraft. Es gilt dann nur noch das Recht der Kriegsgewalt. Und Krieg verw\u00fcstet die L\u00e4nder, auf deren Boden er gef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Zweiten Weltkrieg wissen wir, dass Krieg immer auch ein Krieg gegen die Zivilbev\u00f6lkerung ist. Die Zivilbev\u00f6lkerung ist aus dem Kriegsgeschehen nicht herauszuhalten, ja, wird oft sogar gezielt in die Kriegsf\u00fchrung einbezogen (Bombardierungen, Raketenbeschuss und so weiter).<\/p>\n\n\n\n<p>Krieg kann, theologisch gesehen und etwas altert\u00fcmlich formuliert, nicht anders denn als frontaler Angriff auf den Sch\u00f6pfungs- und Lebenswillen Gottes beurteilt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Sch\u00f6pfungsethik setzt sich Barth ausf\u00fchrlich mit den Begr\u00fcndungen auseinander, die in fr\u00fcheren Dogmatiken und Ethikb\u00fcchern, aber dar\u00fcber hinaus in der Politik f\u00fcr die Berechtigung von Krieg vorgebracht worden sind, und verwirft sie als falsch, irref\u00fchrend. Zu Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite grenzt er sich bewusst vom Pazifismus ab, weil man nicht a priori ausschlie\u00dfen kann, dass einem Volk, einem Staat nichts anderes \u00fcbrig bleibt, als der milit\u00e4rischen Gewaltanwendung von au\u00dfen milit\u00e4rische Gewaltanwendung von innen heraus entgegen zu setzen. Barth bezeichnet das als einen Notstand, als den \u00e4u\u00dfersten Notstand eines Staates (S. 527ff.).<\/p>\n\n\n\n<p>Dem sollte ich noch hinzuf\u00fcgen, dass diese Art Legitimierung milit\u00e4rischer Gewaltanwendung zur staatlichen Selbstverteidigung nichts zu tun hat mit fr\u00fcher ge\u00fcbter Waffensegnung. Sie ist auch keine Selbstrechtfertigung; denn auch die Angegriffenen t\u00f6ten im Rahmen ihrer Gegenwehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleiben Fragen.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Was ist, wenn der drangsalierte Teil der Bev\u00f6lkerung eines Landes zu den Waffen greift, um den Zustand von unabsehbarer Unterdr\u00fcckung zu beenden? K\u00f6nnte man sagen: Auch das ist eine ultima ratio, ein erlaubtes letztes Mittel, wenn und weil alles Reden und Konferieren und eventuell sogar Einwirken von au\u00dfen&nbsp; keine \u00c4nderung der Verh\u00e4ltnisse, nichts bewirkt? So sah es der Oekumenische Rat der Kirchen, als er mit dem Sonderfonds seines Programms zur Bek\u00e4mpfung des Rassismus (Program to Combat Racisme) auch solche Befreiungsbewegungen zu unterst\u00fctzen bereit war, die in ihrem Kampf um Befreiung auch Gewaltanwendung nicht ausschlossen. Wir kennen das Problem aus den hei\u00dfen Diskussionen &nbsp;um den Sonderfonds auf der rheinischen Landessynode 1971 bis 1989.<br>Das Problem stellte sich aber bereits in den 1940er Jahren. Als Bonhoeffer sich entschloss, sich dem Widerstand gegen das Hitler-Regime anzuschlie\u00dfen wurde ihm schnell klar, dass ein Ende dieses todbringenden Regimes nur durch die Beseitigung Hitlers m\u00f6glich war. Gewaltsame Beseitigung Hitlers hie\u00df aber: T\u00f6tung Hitlers einschlie\u00dflich seines Umfeldes.<\/li><li>Was ist, wenn die V\u00f6lkergemeinschaft, etwa die UNO, zu der Meinung kommt, dass eine Regierung die eigene Bev\u00f6lkerung oder einen Teil derselben nicht nur unterdr\u00fcckt, sondern regelrecht drangsaliert, vielleicht zu ihrer Ausrottung entschlossen ist, es aber keine Aussicht besteht, dass diese Regierung, dieses Regime auf nichtmilit\u00e4rische, unblutige Weise von ihrem Vorhaben abzuhalten ist oder beseitigt werden kann? Etwas plakativ gesagt: Darf die UNO im \u00e4u\u00dfersten Fall gegen eines ihrer Mitglieder Krieg f\u00fchren? So unwahrscheinlich es ist, dass es je daf\u00fcr ein UNO-Mandat gibt, bleibt theologisch doch zu fragen, was ist, wenn es zu einem solchen Mandat k\u00e4me. Ist dann milit\u00e4rische Gewaltanwendung zu rechtfertigen? Ist sie dann legitim?<\/li><li>Was ist mit den Worten Jesu in der Bergpredigt: \u201cIch aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem B\u00f6sen, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schl\u00e4gt, dem biete auch die andere dar. \u2026 Liebet eure Feinde und bittet f\u00fcr die, die euch verfolgen \u2026\u201c (Mt. 5, 38-48)? Der Kabarettist Dieter Nuhr hat sich ja in seiner Sendung am 16.03.2022 in der ARD dar\u00fcber lustig gemacht.<br>Oder mit den Worten des Apostels Paulus: \u201cVergeltet niemand B\u00f6ses mit B\u00f6sem \u2026 Ist\u2019s m\u00f6glich, so habt mit allen Menschen Frieden \u2026 R\u00e4chet euch nicht selbst \u2026 La\u00df dich nicht vom B\u00f6sen \u00fcberwinden, sondern \u00fcberwinde das B\u00f6se mit Gutem\u201c (R\u00f6m. 12, 17-21)? Ist es erlaubt, diese Worte bei Bedarf einfach &nbsp;au\u00dfer Kraft zu setzen? Ich denke: Nein.<br>Aber ich denke auch, dass die Situation des \u00e4u\u00dfersten Notstands eines Staates etwas ist, was au\u00dferhalb, ja jenseits des Denk- und Erfahrungshorizonts sowohl Jesu als des Apostels liegt. Das hei\u00dft wir m\u00fcssen versuchen, auf der Basis der Verk\u00fcndigung Jesu und der Verk\u00fcndigung des Paulus zu eigenen, verantwortbaren Entscheidungen zu kommen. Dazu w\u00fcrde f\u00fcr mich die \u00dcberlegung geh\u00f6ren: Wenn im Falle des Notstandes eines Staates jemand zu den Waffen greift, dann tut er es nicht, um sich, um das eigene Leben zu sch\u00fctzen, sondern um das Leben Anderer zu verteidigen, vor allem Schutzbefohlener wie Kinder, M\u00fctter, Kranker, Behinderter, Gebrechlicher, Alter und anderen mehr. Der moderne Krieg macht auch vor ihnen nicht Halt, wie zur Zeit vor jedermanns Augen ist. \u2011<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Kurzum: Die Kirche kann nicht anders, als ein unbedingtes Nein zum Krieg in jedweder Form zu sagen. Auch der Ausnahmefall des \u00e4u\u00dfersten Notstandes eines Staates kann kein Grund f\u00fcr die Kirche sein, Krieg und die Anwendung milit\u00e4rischer Gewalt gut zu hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirche ist zugleich von ihrem Auftrag und ihrem Wesen her gehalten, zum Frieden zu rufen und alles zu unterst\u00fctzen, was dem Frieden dient: dem Erhalt des Friedens sowohl als der (Wieder-)Herstellung von Frieden, da, wo kein Friede ist.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"604\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/03\/Juergen-Regul-klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-739\" title=\"Foto: J\u00fcrgen Regul, privat\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Dr. J\u00fcrgen Regul, OKR a.D. der <a href=\"https:\/\/www2.ekir.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Evangelischen Kirche im Rheinland<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von J\u00fcrgen Regul, 15. 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