{"id":751,"date":"2022-05-20T14:27:01","date_gmt":"2022-05-20T12:27:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=751"},"modified":"2022-05-20T14:27:02","modified_gmt":"2022-05-20T12:27:02","slug":"dramatische-saekularisierung-in-den-usa-und-bisherigen-religioesen-hochburgen-europas","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/dramatische-saekularisierung-in-den-usa-und-bisherigen-religioesen-hochburgen-europas\/","title":{"rendered":"Dramatische S\u00e4kularisierung in den USA und bisherigen religi\u00f6sen Hochburgen Europas"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der M\u00fcnsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack wertet in einer aktuellen Studie Datenmaterial f\u00fcr mehrere Kontinente aus und filtert dabei politische, nationale und soziale Einflussfaktoren auf Religion heraus. Er beobachtet etwa in den USA, Italien und Polen eine rasante Entkirchlichung und in vielen Regionen der Welt einen dramatischen Bedeutungsverlust von Religion. Angesichts der Allianz von evangelikalen Christen mit den Republikanern geben immer mehr Amerikaner, die bereits religi\u00f6s distanziert sind, ihre religi\u00f6se Bindung nun ganz auf; in Westeuropa glauben mehr Menschen an eine undefinierte &#8222;h\u00f6here Macht&#8220; als an einen pers\u00f6nlichen Gott, eine beachtliche Minderheit von 20 bis 30 Prozent f\u00fchlt sich zudem etwa von Gl\u00fccksbringern, Horoskopen oder Zukunftsdeutungen angezogen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"413\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/05\/NU-220519-pollack.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-750\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>(M\u00fcnster, 18. Mai 2022)<\/strong> Die S\u00e4kularisierung hat in den vergangenen zehn Jahren auch in bisher ausgepr\u00e4gt christlichen Staaten rapide zugenommen. \u201eWir beobachten etwa in den USA, Italien und Polen eine rasante Entkirchlichung und in vielen Regionen der Welt einen dramatischen Bedeutungsverlust von Religion\u201c, erl\u00e4utert der Religionssoziologe Detlef Pollack vom Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Uni M\u00fcnster. \u201eVieles hat sich j\u00fcngst ver\u00e4ndert: So bedarf das Bild eines s\u00e4kularen Europas auf der einen und den tiefreligi\u00f6sen USA auf der anderen Seite der Revision\u201c, so Pollack. \u201eZudem stellen wir l\u00e4nder\u00fcbergreifend fest, dass der Glaube an einen personalisierten Gott abnimmt, der an eine unspezifische h\u00f6here Macht zu. Dieser beeinflusst allerdings kaum noch die pers\u00f6nliche Lebensf\u00fchrung und ist insofern ein Ausdruck fortschreitender S\u00e4kularisierung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Detlef Pollack hat aktuell zusammen mit Gergely Rosta im Campus Verlag eine stark erweiterte und \u00fcberarbeitete Neuauflage des Standardwerks \u201eReligion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich\u201c ver\u00f6ffentlicht. Es handelt sich um eine der umfassendsten empirischen Untersuchungen religi\u00f6ser Trends von 1945 bis heute. Die Autoren sehen die S\u00e4kularisierungstheorie, nach der Modernisierung zum Bedeutungsverlust von Religion f\u00fchrt, durch viele Befunde best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer internationale und umfassende Niedergang der Religionen seit dem Zweiten Weltkrieg ist historisch beispiellos, in Westeuropa finden wir allenfalls punktuelle Gegentendenzen\u201c, betont Pollack. \u201eDabei geht die S\u00e4kularisierung in allen L\u00e4ndern auf \u00e4hnliche Gr\u00fcnde zur\u00fcck: Individualisierung, wachsendes Wohlstandsniveau, ein breites Konsum- und Freizeitangebot und ein hohes Ma\u00df an weltanschaulicher Vielfalt.\u201c Wichtige Faktoren seien zudem ver\u00e4nderte Familienstrukturen und demografische Entwicklungen. \u201eIn Italien zum Beispiel sinkt die Zahl der generationen\u00fcbergreifenden Gro\u00dffamilien, die zentral f\u00fcr die Weitergabe des Glaubens sind. In Polen wiederum messen die aufstiegsorientierten und mobilen J\u00fcngeren der Religion eine viel geringere Rolle in ihrem Leben zu als \u00c4ltere.\u201c F\u00fcr die religi\u00f6sen Traditionsabbr\u00fcche sind Barrieren in der Weitergabe der Religion von der \u00e4lteren zur j\u00fcngeren Generation in hohem Ma\u00dfe verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie basiert auf Datenmaterial f\u00fcr mehrere Kontinente und filtert politische, nationale und soziale Einflussfaktoren auf Religion heraus. Die Autoren sehen durch ihre Analysen die S\u00e4kularisierungstheorie als weitgehend best\u00e4tigt an, der zufolge Modernisierung zum Bedeutungsverlust von Religion und Kirche f\u00fchrt. \u00dcber Jahrzehnte stellte sie in den Sozial- und Geschichtswissenschaften das dominante Erkl\u00e4rungsparadigma des religi\u00f6sen Wandels in modernen Gesellschaften dar. Seit mehr als zwanzig Jahren ist sie jedoch stark umstritten. \u201eIn Westeuropa gibt es heute kaum noch Gegentendenzen zur S\u00e4kularisierung\u201c, befindet hingegen Pollack.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuch die Entwicklung hin zu einer individuellen Religiosit\u00e4t best\u00e4tigt den Trend, der nun selbst die USA umfasst \u2013 bisher oft ein Paradebeispiel f\u00fcr das Zusammengehen von Modernit\u00e4t und Religiosit\u00e4t.\u201c Die S\u00e4kularisierungstheorie k\u00f6nne viele Aspekte des religi\u00f6sen Wandels in der Moderne erkl\u00e4ren, sei aber durch andere Ans\u00e4tze zu erg\u00e4nzen, um regional zu beobachtende religi\u00f6se Aufschw\u00fcnge wie etwa in Russland einzuordnen. Kritiker bezeichnen die S\u00e4kularisierungstheorie als deterministisch und beobachten eine Sakralisierung oder gar eine \u201eWiederkehr der G\u00f6tter\u201c: Sie verweisen auf Debatten, in denen Religion als Medium zur Austragung politischer, ethnischer oder nationaler Konflikte in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat, etwa mit Blick auf Terrorakte oder Berichte zur Diskriminierung religi\u00f6ser Minderheiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>S\u00e4kularisierung in den USA<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die USA f\u00fchrt Pollack aus: \u201eW\u00e4hrend sich 2007 noch mehr als 90 Prozent der US-B\u00fcrger als gottgl\u00e4ubig bezeichneten, waren es 2017 zehn Prozent weniger, gegen\u00fcber knapp Dreiviertel im europ\u00e4ischen Durchschnitt. Angesichts der Allianz von evangelikalen Christen mit den Republikanern geben immer mehr Amerikaner, die bereits religi\u00f6s distanziert sind, ihre religi\u00f6se Bindung nun ganz auf.\u201c Zwischen religi\u00f6sen Konservativen und s\u00e4kularen Progressiven habe sich eine neue Konfliktlinie gebildet, die sich etwa an unterschiedlichen Haltungen zu Abtreibung und Homosexualit\u00e4t zeige: \u201eEvangelikale Christen mit ihren wertkonservativen Einstellungen f\u00fchlen sich in der liberaler werdenden Gesellschaft der USA zunehmend marginalisiert. Sie haben sich von der Unterst\u00fctzung Trumps eine St\u00e4rkung versprochen. Aufgrund ihrer Allianz mit Trump und republikanischen Werten sieht sich das Gegenlager jedoch in seiner Abkehr von Religion best\u00e4tigt\u201c, erl\u00e4utert Pollack. \u201eUnsere Daten zeigen in mancher Hinsicht jetzt einen \u00e4hnlichen S\u00e4kularisierungstrend wie in Europa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in Westeuropa glauben mehr Menschen an eine undefinierte \u201eh\u00f6here Macht\u201c als an einen pers\u00f6nlichen Gott, wie Pollack darlegt. \u201eDieser unkonkrete Glaube hat im Unterschied zum personalen Gottesglauben kaum Einfluss auf die Kindererziehung oder politische Einstellungen.\u201c Eine beachtliche Minderheit von 20 bis 30 Prozent f\u00fchle sich zudem etwa von Gl\u00fccksbringern, Horoskopen oder Zukunftsdeutungen angezogen. Daher k\u00f6nne man nicht pauschal von einem s\u00e4kularisierten Europa sprechen. \u201eDie Daten zeigen aber, dass eine Verbreiterung der religi\u00f6sen Formen nicht zu einer Vitalisierung des Glaubens f\u00fchrt. Religionssoziologisch betrachtet, handelt es sich bei diesem unbestimmten Glauben vielmehr um eine Zwischenstufe zur S\u00e4kularisierung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Studie \u201eReligion in der Moderne\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie \u201eReligion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich\u201c ist k\u00fcrzlich in erweiterter und aktualisierter Neuauflage im Campus Verlag erschienen und gilt als Standardwerk, dessen Erstausgabe aus dem Jahr 2015 bei Oxford University Press in Englisch vorliegt. Die Forscher nehmen Fallstudien f\u00fcr Italien, die Niederlande, Ost- und Westdeutschland, Polen, Russland, die USA, S\u00fcdkorea und Brasilien vor und ziehen aus dem Vergleich zwischen Ost- und Westeuropa, den USA, asiatischen und s\u00fcdamerikanischen L\u00e4ndern verallgemeinerbare Schlussfolgerungen. Sie zeichnen detailreich ein lebendiges Panorama des religi\u00f6sen Wandels in verschiedenen Gesellschaften nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Aktuelle Analysen werden in den Untersuchungen durch historische Perspektiven erg\u00e4nzt, zentrale religionssoziologische Theoreme auf eine empirische Basis gestellt \u2013 etwa die Markttheorie, laut derer ein pluralisiertes religi\u00f6ses Angebot zu mehr Religiosit\u00e4t f\u00fchrt, oder die S\u00e4kularisierungsthese, die einen Bedeutungsverlust von Religion in der Moderne sieht. \u201eBeide Theoreme erkl\u00e4ren einzelne Entwicklungen, f\u00fchren aber jedes f\u00fcr sich nicht zu einer regional und zeitlich umfassenden Deutung der Rolle von Religion in modernen Gesellschaften\u201c, stellt Pollack heraus. \u201eWir wollen sowohl den l\u00e4nder\u00fcbergreifenden religi\u00f6sen Niedergang als auch regional zu beobachtende Aufschwungsbewegungen der Religion erkl\u00e4ren.\u201c Einbezogen ist eine Vielzahl an repr\u00e4sentativen Datens\u00e4tzen aus verschiedenen Zeitr\u00e4umen: World Values Survey (WVS), International Social Survey Programme (ISSP), Allgemeine Bev\u00f6lkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, General Social Survey (GSS), Pew Forum sowie kirchliche und staatliche Statistiken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zentrale Forschungsbefunde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li><em>Wenn sich religi\u00f6se Identit\u00e4ten mit politischen, wirtschaftlichen oder nationalen Interessen verbinden, tr\u00e4gt dies oft zur St\u00e4rkung von Religion und Kirche bei.<\/em><br>Die Studie zeigt diesen Zusammenhang etwa am Beispiel von Russland auf, wo in den vergangenen Jahrzehnten die Identifikation mit der Orthodoxie in breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung rasant gestiegen sei, verbunden mit einer ebenso deutlichen Zunahme des Nationalstolzes. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Russisch-Orthodoxe Kirche zum neuen Identit\u00e4tsmarker, Kirche und Staat gingen eine enge Allianz ein. Religiosit\u00e4t muss dabei eher als Ausdruck kultureller Identit\u00e4t denn als eine Form des verinnerlichten Glaubens verstanden werden, wie Detlef Pollack zuletzt im Kontext des Kriegs gegen die Ukraine in Beitr\u00e4gen ausgef\u00fchrt hat.<br>Aus dieser Forschungsperspektive l\u00e4sst sich auch die Attraktivit\u00e4t der Pfingstkirchen in Lateinamerika und der protestantischen Kirchen in S\u00fcdkorea erkl\u00e4ren, die bei ihren Mitgliedern mit disziplinierter Lebensf\u00fchrung f\u00fcr mehr Wohlstand und Aufstieg sorgen.<\/li><li><em>H\u00e4ufig schw\u00e4chen sich religi\u00f6se Bindungen wieder ab, wenn die mit religi\u00f6sen Mitteln verfolgten politischen, wirtschaftlichen oder nationalen Ziele erreicht wurden.<br><\/em>Mit h\u00f6herem Wohlstandsniveau oder dem Ausbau des Sozial- und Bildungssystems besteht f\u00fcr die Nutzung kirchlicher Kan\u00e4le oft keine Notwendigkeit mehr, da f\u00fcr politische Partizipation, berufliche Ausbildung und soziale Hilfe nun auch andere Wege offenstehen.<br>Dies gilt f\u00fcr die meisten L\u00e4nder in Westeuropa in den Jahrzehnten nach 1945, auch f\u00fcr die deutsche Kirche. In Deutschland waren die Gottesdienste nach der nationalen, sozialen und moralischen Katastrophe des Nationalsozialismus \u00fcberf\u00fcllt. Religi\u00f6se und nicht-religi\u00f6se Interessen verbanden sich: Die Kirchen waren ein Hort der sozialen Ordnung, der moralischen Orientierung und der politischen Wegweisung. In einer Zeit der Not, der sozialen Unsicherheit und der Angst vor einem neuen Krieg boten sie vielen Menschen geistige und emotionale Heimat. Wenig sp\u00e4ter war die Kirche in den Augen einer zunehmenden Zahl von Deutschen zu einer autorit\u00e4ren Institution geworden, von der sie sich emanzipieren wollten. Ende der 1960er setzte eine Austrittswelle ein, in deren Verlauf Jahr f\u00fcr Jahr Hunderttausende der Kirche den R\u00fccken kehrten, vor allem Hochgebildete, M\u00e4nner, St\u00e4dter und Gutverdienende. Immer weniger sahen in ihr eine vertrauensw\u00fcrdige, politisch und moralisch unentbehrliche Institution, auf die die Gesellschaft zur Aufrechterhaltung ihres Zusammenhaltes nicht verzichten k\u00f6nne.<br>Die Soziologie spricht, um diese Prozesse zu erfassen, von funktionaler Differenzierung, die in ihren Augen ein wichtiges Merkmal moderner Gesellschaften darstellt: Soziale Teilsysteme wie Religion, Politik, Recht und Wirtschaft treten auseinander und gewinnen an funktionaler Autonomie. Dadurch vermindern sich f\u00fcr Religion und Kirche die Chancen, Einfluss auf diese nichtreligi\u00f6sen Sph\u00e4ren der Gesellschaft zu nehmen und das gesellschaftliche Leben religi\u00f6s zu \u00fcberw\u00f6lben. Auch wenn Differenzierung nicht automatisch zum Bedeutungsr\u00fcckgang des Religi\u00f6sen f\u00fchrt, ist den Autoren zufolge ein solcher Effekt doch sehr wahrscheinlich.<\/li><li><em>Kommen sich Religion und Politik zu nah, wirkt sich das h\u00e4ufig negativ auf die religi\u00f6se Integrationsf\u00e4higkeit aus.<\/em><br>Die Verbindung von Religion und politischen Interessen kann aber auch eine zunehmende Entkirchlichung zu Folge haben, wie die Untersuchungen in einigen L\u00e4ndern zeigen. In den USA etwa haben zuletzt viele ohnehin religi\u00f6s distanzierte Menschen infolge der Allianz der Evangelikalen mit konservativen politischen Positionen ihre religi\u00f6sen Bindungen ganz aufgegeben. Dabei sind vor allem die moderaten protestantischen Mainline Churches vom Mitgliederschwund betroffen.<br>Auch in Polen kehren der Studie zufolge immer mehr liberalere Katholiken ihrer Kirche den R\u00fccken, da diese in ihrer Moraltheologie und ihrem Nationalverst\u00e4ndnis \u00e4hnliche Positionen wie die konservative PiS-Partei \u201eRecht und Gerechtigkeit\u201c vertritt. In Italien war der Katholizismus bis etwa zur Jahrtausendwende parteipolitisch eingehegt, so die Autoren, ohne dass Politik und Religion zusammenfielen. Mit dem Aufstieg der rechtspopulistischen Lega Nord unter ihrem Parteichef Matteo Salvini kam es mehr und mehr zu einer politischen Spaltung des Landes: Die Populisten benutzen der Studie zufolge Religion, um katholische Anh\u00e4nger zu mobilisieren; gerade deshalb distanzieren sich jedoch liberale Gl\u00e4ubige von der Kirche.<br>Oft handelt es sich hier soziologisch gesprochen um Absorptionsprozesse: Eine Religion, die ihre Relevanz an ihren nichtreligi\u00f6sen Nutzen bindet, setzt sich der Vergleichbarkeit und Ersetzbarkeit aus. Sie l\u00e4uft den Autoren zufolge Gefahr, die von ihr angebotenen Heilsg\u00fcter zu entwerten.<\/li><li><em>Der schwindende Glaube an einen personalisierten Gott ist ein Anzeichen fortschreitender S\u00e4kularisierung.<\/em><br>Die Forscher stellen weltweit eine zunehmende Abkehr vom Glauben an einen personalisierten Gott fest, der nach religi\u00f6ser Vorstellung in das eigene Leben eingreifen kann und vor dem sich Gl\u00e4ubige zu rechtfertigen haben. In den meisten westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern hat sich die Mehrheit der Gl\u00e4ubigen vom Glauben an einen pers\u00f6nlichen Gott, wie ihn die Bibel verk\u00fcndigt, abgewandt und glaubt heute nur noch an eine h\u00f6here Macht, deren Wirken nicht direkt erfahrbar sei. Diese Form des Glaubens ist den Forschungen zufolge den Menschen weniger wichtig. Deshalb interpretieren die Wissenschaftler diese \u201eVerfl\u00fcssigung der Transzendenz\u201c nicht nur als einen Wandel des Inhalts von Religiosit\u00e4t, sondern auch als einen Ausdruck der fortschreitenden S\u00e4kularisierung. Hinter diesen Verfl\u00fcssigungstendenzen stehende Gr\u00fcnde sehen sie unter anderem in der zunehmenden allgemeinen Skepsis gegen\u00fcber allumfassenden Weltdeutungen und Ideologien. Ein vielf\u00e4ltiges spirituelles Angebot tr\u00e4gt laut den Erhebungen nicht zu einer St\u00e4rkung des Glaubens bei.<\/li><li><em>Dem schwindenden Gottesglauben geht ein R\u00fcckgang gemeinschaftlicher Rituale voraus.<\/em><br>Gemeinsame Rituale wie der Gottesdienstbesuch oder das Tischgebet st\u00e4rken den Glauben, verlieren laut der Studie heute aber immer mehr an Relevanz. In den 1950er Jahren waren religi\u00f6se Praktiken etwa in den Niederlanden und Deutschland weit verbreitet, heute sind sie nur noch f\u00fcr eine immer weiter schrumpfende Minderheit von Bedeutung. Das Aufrechterhalten religi\u00f6ser Praktiken sei f\u00fcr den Einzelnen mit mehr Aufwand verbunden als etwa die reine Kirchenmitgliedschaft oder das grunds\u00e4tzliche Festhalten am Glauben, so die Autoren. Verlieren religi\u00f6se Rituale an Bedeutung, wirkt sich dies den Erhebungen zufolge langfristig auch negativ auf die Kirchenzugeh\u00f6rigkeit und den Glauben aus. Dieser Trend ist in den meisten Staaten Westeuropas zu verzeichnen.<\/li><li><em>Je mehr die Menschen auf Selbstbestimmung, Lebensgenuss und Selbstverwirklichung Wert legen, desto distanzierter stehen sie den Kirchen gegen\u00fcber.<\/em><br>Auch wenn eine Mehrheit in Deutschland meint, ganz individuell ohne Kirche gl\u00e4ubig sein zu k\u00f6nnen, l\u00e4sst sich ein solches Christsein ohne Kirche statistisch nur bei einer Minderheit nachweisen. Nur wenige leben den Erhebungen zufolge den christlichen Glauben ohne kirchliche Institution und Gemeinschaft. Wie wichtig die soziale Einbindung f\u00fcr den Glauben ist, l\u00e4sst sich auch daran erkennen, dass Formen einer hochindividuellen esoterischen Spiritualit\u00e4t au\u00dferhalb von Kirche und Christentum oft stark fluktuierend und wenig stabil sind.<\/li><li><em>Je mehr Verwirklichungsm\u00f6glichkeiten in Beruf und Freizeit bestehen, umso mehr verschiebt sich die Aufmerksamkeit von religi\u00f6sen zu s\u00e4kularen Praktiken.<\/em><br>Moderne Gesellschaften bieten mit ihrem breiten Kultur-, Unterhaltungs- und Freizeitangebot vielf\u00e4ltige Alternativen zur religi\u00f6sen Lebensgestaltung. Die Forscher sprechen hier von Distraktion: Bei einem breiten nichtreligi\u00f6sen Angebot verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Religion auf andere Lebensbereiche wie Beruf, Familie, Freundschaft, Unterhaltung oder Konsum. Die Abschw\u00e4chung religi\u00f6ser Bindungen ist dabei oft nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung zwischen religi\u00f6sen und nichtreligi\u00f6sen Angeboten, sondern mehr ein schleichender, kaum reflektierter Prozess der Umakzentuierung von Wertpr\u00e4ferenzen.<\/li><li><em>Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft wirkt sich in der Regel negativ auf die Religiosit\u00e4t aus, kann aber religi\u00f6se Pluralit\u00e4t punktuell st\u00e4rken.<\/em><br>Die Religiosit\u00e4t sinkt zwar in der Regel bei st\u00e4rkerer Ausdifferenzierung der Gesellschaft in einzelne Bereiche wie Politik, Recht, Religion und Wirtschaft, wie in Westeuropa seit den 1960er Jahren zu beobachten ist, doch die Wissenschaftler stellen punktuell auch gegenl\u00e4ufige Entwicklungen fest. So k\u00f6nnen in funktional ausdifferenzierten Gesellschaften, die Kirche und Staat trennen, neue Freiheiten f\u00fcr Religionsgemeinschaften entstehen: Die Aleviten sind in Deutschland eine anerkannte K\u00f6rperschaft \u00f6ffentlichen Rechts, in der T\u00fcrkei hingegen nicht als eigene religi\u00f6se Gruppierung respektiert und politisch unterdr\u00fcckt.<br>Unter T\u00fcrkeist\u00e4mmigen in Westdeutschland zeigen die Erhebungen sowohl Tendenzen der sozialen Anpassung an die s\u00e4kularisierte Mehrheitsgesellschaft als auch Tendenzen der religi\u00f6sen Selbstbehauptung: So besucht die zweite und dritte Generation der Zugewanderten zwar seltener die Moschee als die erste, sch\u00e4tzt sich zugleich aber h\u00e4ufiger als religi\u00f6s ein. Insofern bekennt sie sich zu ihrer Herkunft und passt sich gleichzeitig der Mehrheitsgesellschaft an. Den Autoren zufolge bezeichnen sich zwei Drittel der T\u00fcrkeist\u00e4mmigen in Westdeutschland als religi\u00f6s, in der westdeutschen Gesamtbev\u00f6lkerung sind dies nur zwei F\u00fcnftel.<\/li><li><em>\u00c4u\u00dferer religi\u00f6ser Zwang behindert die Verinnerlichung des Glaubens.<\/em><br>Zwar profitiert der Glaube den Forschern zufolge von einer gemeinschaftlichen und institutionellen Einbettung. Wenn diese so stark ausgepr\u00e4gt ist, dass das Individuum kaum pers\u00f6nlichen Spielraum besitzt, verkehrt sich dieser Effekt jedoch in sein Gegenteil und intrinsische Motive des Glaubens schw\u00e4chen sich ab. In Westeuropa spielt das staatskirchliche Erbe eine gro\u00dfe Rolle: Im Unterschied zu den USA, wo Kirche und Staat seit mehr als 200 Jahren institutionell getrennt sind, wird die Kirche in Deutschland und anderen westeurop\u00e4ischen Gesellschaften oft als autorit\u00e4re Herrschaftsinstitution wahrgenommen. Eine weit verbreitete Kirchenskepsis ist die Folge. Ein weiteres Beispiel f\u00fcr den Zusammenhang zwischen als autorit\u00e4r erfahrenen kirchlichen Strukturen und Abschw\u00e4chung intrinsischer Glaubensmotive sehen die Autoren in den protestantischen Gemeinden S\u00fcdkoreas, in denen die Mitglieder einem hohem kirchlichen Kontrollanspruch ausgesetzt sind.<\/li><li><em>Kleine Religionsgemeinschaften profitieren von Konflikten mit der Mehrheitsgesellschaft, besonders wenn sie auch nichtreligi\u00f6se Interessen vertreten.<\/em><br>Evangelikale und pfingstlerische Gruppen in den USA und Lateinamerika setzen durch eine subkulturelle Identit\u00e4t einerseits auf Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft, andererseits beeinflussen sie diese durch soziale und politische Interventionen, etwa wenn es um Abtreibung und Homosexualit\u00e4t geht. Ihr Verh\u00e4ltnis zur \u00fcbrigen Gesellschaft ist der Studie zufolge durch die konflikthafte Gleichzeitigkeit von Abgrenzung und Ankn\u00fcpfung gekennzeichnet. Dies hat oft einen identit\u00e4tsstiftenden Effekt auf die Mitglieder, die auf diese Weise ihren Glauben in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung effektiv einsetzen k\u00f6nnen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Soziologie\/personen\/pollack.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/03\/Detlef-Pollack-Foto-Lena-Giovanazzi-600-K.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-733\" title=\"Foto: Lena Giovanazzi\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Soziologie\/personen\/pollack.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Detlef Pollack<\/a> ist Professor f\u00fcr Religionssoziologie im Rahmen des <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Exzellenzclusters Religion und Politik<\/a> an der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"170\" height=\"34\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2019\/04\/logoExcellenzcluster.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-182\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/soziologie\/religion_in_der_moderne-9654.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"641\" height=\"943\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/03\/Buchcover-Religion-in-der-Moderne-2.Aufl_.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-734\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Detlef Pollack, Gergely Rosta: <a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/soziologie\/religion_in_der_moderne-9654.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich<\/a> (&#8222;Religion und Moderne&#8220;, Band 1), 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main\/New York: Campus Verlag 2022.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der M\u00fcnsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack wertet in einer aktuellen Studie Datenmaterial f\u00fcr mehrere Kontinente aus und filtert dabei politische, nationale und soziale Einflussfaktoren auf Religion heraus. Er beobachtet etwa in den USA, Italien und Polen eine rasante Entkirchlichung und in vielen Regionen der Welt einen dramatischen Bedeutungsverlust von Religion. Angesichts der Allianz von evangelikalen Christen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/dramatische-saekularisierung-in-den-usa-und-bisherigen-religioesen-hochburgen-europas\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDramatische S\u00e4kularisierung in den USA und bisherigen religi\u00f6sen Hochburgen Europas\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":44,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-751","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/751","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=751"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/751\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":754,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/751\/revisions\/754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=751"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}