{"id":855,"date":"2023-04-13T17:33:52","date_gmt":"2023-04-13T15:33:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=855"},"modified":"2023-04-13T17:33:53","modified_gmt":"2023-04-13T15:33:53","slug":"saekularisierte-erwaehlung-zum-theologischen-hintergrund-der-rechten-politik-heute-in-israel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/saekularisierte-erwaehlung-zum-theologischen-hintergrund-der-rechten-politik-heute-in-israel\/","title":{"rendered":"S\u00e4kularisierte Erw\u00e4hlung: zum theologischen Hintergrund der rechten Politik heute in Israel"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Essay von Helmut Falkenst\u00f6rfer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch die gr\u00f6\u00dften Freunde Israels machen sich \u00f6ffentlich Sorgen um den Rechtsruck in der israelischen Politik: die USA, der Bundeskanzler, sogar Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ein St\u00fcck Rechtsradikalismus ist der gegenw\u00e4rtigen israelischen Regierungspolitik, im April 2023, inh\u00e4rent und das hat historische und theologische Gr\u00fcnde. Um ein wenig auszuholen: Ausgehend unter anderem von Goethes Freund Johann Gottfried Herder gab es im 19. Jahrhundert eine wachsende, nationalistische Bewegung. Es gab den Gedanken des Volksgeistes, der geistigen Identit\u00e4t von V\u00f6lkern, und daraus folgte der Gedanke, dass die Nationen in den Vielv\u00f6lkerstaaten eigene Staaten bilden sollten. Das f\u00fchrte nach dem Ersten Weltkrieg zur Aufl\u00f6sung des Osmanischen und des Habsburger Reiches. Auch im Judentum erwachte der Wunsch nach einem eigenen Staat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zionismus stand vor einem Problem, welches die Ungarn, Tschechen Slowenen, Kroaten oder Araber nicht hatten. Er hatte kein Land. Es gab die Idee, einen j\u00fcdischen Staat in Uganda zu gr\u00fcnden. Dieser Gedanke war im kolonialistischen Zeitalter offenbar m\u00f6glich. Durchgesetzt hat sich ein anderer nicht weniger kolonialistischer Plan. Man wollte Israel im damals osmanischen Pal\u00e4stina gr\u00fcnden und rechtfertigte dies mit dem g\u00e4nzlich der Wahrheit entbehrenden Spruch: \u201eEin Land ohne Volk f\u00fcr ein Volk ohne Land.\u201c Das Land, das angeblich ohne Volk war, war Pal\u00e4stina, und das Volk waren die Pal\u00e4stinenser. Es gab also nach diesem Konzept zwei V\u00f6lker f\u00fcr ein Land. Das musste zu Konflikten f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 1948 wurde der Staat Israel von der inzwischen eingewanderten israelischen Bev\u00f6lkerung unter der Leitung von Ben Gurion gegr\u00fcndet. Die UNO hatte dem, wohl unter dem Eindruck des Holocaust, im Rahmen einer Zweistaatenl\u00f6sung zugestimmt. Die arabischen Nachbarstaaten versuchten das milit\u00e4risch zu verhindern. Israel gewann den Krieg und eignete sich zumindest einen Teil des geplanten arabischen Staates an. 750.000 Pal\u00e4stinenser wurden Opfer von Flucht und Vertreibung. Sp\u00e4ter gab es die Kriege von 1967 und 1973.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Hintergr\u00fcnde sind ein Teil der israelischen Identit\u00e4t. Die Staatsgr\u00fcndung durch Gewaltanwendung wurde von Vielen ideologisch und theologisch mit der Erw\u00e4hlung Israels zum Volke Gottes begr\u00fcndet. Die Erw\u00e4hlung Israels zum Volk, welches den einen Gott verehrt und sein Gesetz bewahrt, wurde s\u00e4kularisiert und zur Begr\u00fcndung politischer Gewalt. Das alles wurde vielfach auch au\u00dferhalb Israels und von den Kirchen akzeptiert und toleriert. Ganz besonders auch in Deutschland. Der Holocaust trug zu dieser Toleranz bei. Dieses Gewaltkonzept findet sich auch im Alten Testament. In 5. Moses,7 wird geschildert, wie das Gelobte Land mit Gewalt und unter Ausrottung der kanan\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung in Besitz genommen wird. Nach Meinung der heutigen Wissenschaft ist der Bericht nicht historisch. Er kann der extremen Rechten in Israel aber als Muster f\u00fcr eine extrem antipal\u00e4stinensische Politik dienen. In Israel wurde die Erw\u00e4hlung nicht nur von der extremen Rechten zum politischen Argument pervertiert. Es gab und gibt die Meinung, dass die Pal\u00e4stinenser im Lande eigentlich gar nichts zu suchen h\u00e4tten. Das schl\u00e4gt sich auch in der Politik der rechten Regierung und insbesondere der Siedler auf der Westbank nieder. In einem politischen Gespr\u00e4ch auf dem Kairoer Flughafen sagte mir ein israelischer Reisender \u00fcber die Pal\u00e4stinenser: \u201eThey are refugees.\u201c Das ist ein klassischer Fall von Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck f\u00fcr Israel wird dessen Existenz trotz aller Problematik pragmatisch auch von vielen seiner Gegner akzeptiert. Heute, 75 Jahre nach der Gr\u00fcndung des Staates Israel, stellen lediglich extreme Kr\u00e4fte sein Existenzrecht infrage. Israel aber ist ein Staat mit zwei V\u00f6lkern im selben Land und es kommt darauf an, welches Verh\u00e4ltnis diese beiden V\u00f6lker zueinander finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Rechtskoalition beansprucht das Land allein f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung. Dies ist religi\u00f6s gesehen Fundamentalismus. S\u00e4kularisiert bedeutet es, dass Israel einen Anspruch auf das Land Pal\u00e4stina habe, der es berechtigte, dessen Bewohner zu diskriminieren oder zu verdr\u00e4ngen. Die solcherart s\u00e4kularisierte Erw\u00e4hlung f\u00fchrt \u00fcberdies zu einem \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl, das man auch als Rassismus bezeichnen k\u00f6nnte. Diese Sicht ist Anlass, zu gro\u00dfer Sorge, zumal die Regierung sich nun anschickt, die liberale Demokratie abzubauen. Denn auch die liberale Demokratie geh\u00f6rt nicht zu den Vorlieben des religi\u00f6sen Fundamentalismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Minderheit in Israel ist durchaus bereit, die Pal\u00e4stinenser im Rahmen einer Zweistaatenl\u00f6sung als gleichberechtigte politische Partner zu betrachten. Ans\u00e4tze zu einer politischen L\u00f6sung auf dieser Basis gab es in den Verhandlungen zwischen Jassir Arafat und Jitzchak Rabin, die mit der Ermordung Rabins 1995 zu einem Ende kam. Kurz darauf wurde Ariel Scharon zum Ministerpr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt, was in gewisser Weise eine Best\u00e4tigung des Attentats war. Es gab noch einmal Verhandlungen unter der Regierung von Ehud Barak. Diese wurden durch die Abwahl Baraks 2001 beendet. Seither verfolgen rechte Regierungen gemeinsam mit der Gruppe der Siedler eine Politik der Diskriminierung und Verdr\u00e4ngung des pal\u00e4stinensischen Volkes. Israel sei zum Apartheidsstaat geworden, wie unter anderen der s\u00fcdafrikanische Bischof Desmond Tutu es benannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Israel, und das hei\u00dft auch dessen W\u00e4hlerschaft, steht heute vielleicht tats\u00e4chlich am Scheideweg zu einem Apartheidsstaat mit den entsprechenden inneren Konflikten und einem feindlichen Verh\u00e4ltnis zu den meisten Nachbarl\u00e4ndern. Die Alternative ist ein politisch und religi\u00f6s liberaler Staat, der die M\u00f6glichkeit nutzt, die sich aus einer angemessenen Rolle der Menschen Pal\u00e4stinas ergeben. Es ist ein gro\u00dfer Vorteil Israels, dass auch viele arabische Staaten seine Existenz trotz der problematischen Entstehung hinnehmen und zu konstruktiven L\u00f6sungen bereit sind. Wir Deutsche haben allen Grund, uns mit dieser M\u00f6glichkeit solidarisch zu erkl\u00e4ren, denn es gibt eine Schuld nicht nur gegen\u00fcber den Juden, sondern auch eine Schuld gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern. Die Katastrophe der Pal\u00e4stinenser, die Naqba, ist eine Folge der Shoa, da ohne Shoa die Gr\u00fcndung des Staates Israel h\u00f6chstwahrscheinlich nicht h\u00e4tte stattfinden k\u00f6nnen. Dies fasste ein Pal\u00e4stinenser in der Altstadt von Jerusalem in die Worte: \u201eWe are paying for the crimes of the Germans.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Helmut Falkenst\u00f6rfer Auch die gr\u00f6\u00dften Freunde Israels machen sich \u00f6ffentlich Sorgen um den Rechtsruck in der israelischen Politik: die USA, der Bundeskanzler, sogar Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ein St\u00fcck Rechtsradikalismus ist der gegenw\u00e4rtigen israelischen Regierungspolitik, im April 2023, inh\u00e4rent und das hat historische und theologische Gr\u00fcnde. 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