{"id":986,"date":"2024-10-07T18:20:08","date_gmt":"2024-10-07T16:20:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/?page_id=986"},"modified":"2024-10-07T18:22:41","modified_gmt":"2024-10-07T16:22:41","slug":"nachhaltige-freude-am-leben-die-tuer-steht-offen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/nachhaltige-freude-am-leben-die-tuer-steht-offen\/","title":{"rendered":"Nachhaltige Freude am Leben: Die T\u00fcr steht offen!"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im spirituellen Sinn gibt es Freude und tiefes Gl\u00fcck als Gef\u00fchle, die sich durch das (un-)bewusste Wissen um Tod und Verg\u00e4nglichkeit nicht oder nur wenig beeintr\u00e4chtigen lassen. Sie k\u00f6nnen dort bestimmend werden, wo religi\u00f6ser Glaube die Grenzen der Verg\u00e4nglichkeit innerlich \u00fcberschreitet. Was fromm klingen und s\u00e4kular eingestellte Zeitgenossen ein St\u00fcck weit be-fremden mag, hat gleichwohl sein geistiges Recht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"413\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2024\/10\/241007-NU-Freude.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-984\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Freude am Leben zu haben, sollte eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein, ist es aber leider nicht. \u00c4u\u00dfere oder seelische Umst\u00e4nde tragen individuell immer wieder zu Depressionen, \u00c4rger oder Verzweiflung bei bis hin, dass Menschen sich das Leben nehmen. Wo es an Lebensfreude mangelt, dort fehlt es in der Regel auch an erkennbarem Sinn. Umgekehrt formuliert: Sinnvolles (Er\u2011)Leben ist von mehr oder weniger Freude begleitet, ja getragen. Lebensfreude, Lebenslust gibt es nicht ohne Lebenssinn. Darum k\u00f6nnen Lach-Kurse, in denen mehr oder weniger mechanisch gelacht wird, nicht wirklich und nachhaltig erfreuen: Freude wurzelt in einem anregenden und \u00fcberzeugenden Grund. Ohne einen solchen bleibt \u201eFreude\u201c aufgesetzt, k\u00fcnstlich und ist dann jedenfalls weder erf\u00fcllend noch tragf\u00e4hig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist das Leben freilich laufend durchsetzt mit Unerfreulichem, Widrigem, L\u00e4stigem. Das h\u00e4ngt im Grunde zusammen mit der Struktur der Schmerzhaftigkeit und Verg\u00e4nglichkeit des Lebens. Die jedem denkenden Menschen bewusste Tatsache seiner Sterblichkeit umklammert seine gesamte Existenz. Gewiss will er genau diese bittere Rahmenbedingung seines Daseins nach M\u00f6glichkeit verdr\u00e4ngen; das wissen die Soziologen und die Philosophen schon lange.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so zeigt sich der Psychoanalytiker Ernest Becker \u00fcberzeugt, dass \u201edie Furcht vor dem Tode ein universelles Ph\u00e4nomen\u201c ist, das den Menschen \u201ewie nichts sonst\u201c pr\u00e4gt, ja als ma\u00dfgeblicher Faktor in seiner Kulturbildung wirksam wird. Eine amerikanische Forschergruppe hat die hieraus resultierende <em>Todesangst-Bew\u00e4ltigungstheorie<\/em> experimentell \u00fcberpr\u00fcft und best\u00e4tigt. Das Bewusstsein der Endlichkeit wirft die Frage nach dem Unendlichen und nach der Unsterblichkeit notgedrungen auf \u2013 und neigt, wo hilfreiche, \u00fcberzeugende Antworten ausbleiben, konsequent zum frustrierten Abblenden dieser Fragen einerseits, zur sogar politisch forcierten Illusion eines angeblich \u201eunendlichen Fortschritts\u201c andererseits.<\/p>\n\n\n\n<p>Demgem\u00e4\u00df aber sind die Freuden eines solchen, von einer tief angelegten Verdr\u00e4ngung charakterisierten Lebens nicht nachhaltig und eher selten tiefgehend \u2013 kein Vergleich zu der \u201evollkommenen Freude\u201c, von der die Bibel mehrfach spricht! Menschliche Freude wird getr\u00fcbt, ja \u00fcberblendet durch das so gern tabuisierte Bewusstsein um die Verg\u00e4nglichkeit aller Freuden. Wirklich aller? Eben nicht, denn im spirituellen Sinn gibt es Freude und tiefes Gl\u00fcck als Gef\u00fchle, die sich durch das (un\u2011)bewusste Wissen um Tod und Verg\u00e4nglichkeit nicht oder nur wenig beeintr\u00e4chtigen lassen. Sie k\u00f6nnen dort bestimmend werden, wo religi\u00f6ser Glaube die Grenzen der Verg\u00e4nglichkeit innerlich \u00fcberschreitet und somit Auferstehung oder Unsterblichkeit bereits geistig vorwegnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die St\u00e4rke christlichen Glaubens besteht darin, nicht allein die Auferstehung vom Tod und die Unsterblichkeit in der Zukunft anzuvisieren, sondern schon das jetzige Leben durch die Verbindung mit dem auferstandenen Jesus Christus tief zu durchdringen. Die Logik des Evangeliums basiert auf einer umfassenden Transzendenz im Jetzt, zumal sie v\u00f6llige Vers\u00f6hnung mit Gott als dem Sch\u00f6pfer und Vollender einschlie\u00dft. So wird tragf\u00e4hige, wirklich nachhaltige Freude m\u00f6glich, indem umgreifender Sinn erkennbar wird und befl\u00fcgelnd ins Leben kommt. So formuliert das Neue Testament im 1. Kapitel des Kolosserbriefs: Christus \u201eist der Anfang der neuen Sch\u00f6pfung, der Erstgeborene aller Toten, der zuerst zum neuen Leben gelangt ist, damit er in jeder Hinsicht der Erste sei. Denn Gott gefiel es, in ihm die ganze F\u00fclle des Heils Wohnung nehmen zu lassen. Durch ihn wollte Gott alles vers\u00f6hnen und zu neuer, heilvoller Einheit verbinden. Alles, was gegeneinander streitet, wollte er zur Einheit zusammenf\u00fchren, nachdem er Frieden gestiftet hat durch das Blut, das Jesus am Kreuz vergoss; alles, was auf der Erde und im Himmel lebt, sollte geeint werden durch ihn und in ihm als dem letzten Ziel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00f6ttliche Liebe durchflutet das Leben derer, die sich von dieser \u201efrohen Botschaft\u201c (das hei\u00dft w\u00f6rtlich: \u201e<em>Evangelium<\/em>\u201c) erleuchten und erfreuen lassen. Auf dieser Basis kann der Apostel Paulus dazu aufrufen: \u201eFreut euch, und noch einmal sage ich: freut euch!\u201c (Phil 4,4). Dem Psychologen Erich Fromm zufolge \u201espielt Freude in den religi\u00f6sen und philosophischen Systemen, die im Sein den Sinn des Lebens sehen, eine zentrale Rolle.\u201c Das gilt insbesondere dort, wo es nicht um ein abstraktes Sein geht, sondern um ein vers\u00f6hntes Verbundensein mit dem Sch\u00f6pfer der Welt und allen Lebens, der seine Sch\u00f6pfung vollenden will. Das ist ein lebendiges Sein, das in die Ewigkeit hinein ragt. Franz von Assisi hat es von daher so formuliert: \u201eDie Freude, die das Herz des Geistesmenschen erf\u00fcllt, macht jedes todbringende Gift der Schlange zunichte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist solche himmlische Freude, die der irdischen \u00fcberlegen ist und auch allem Schmerz zu trotzen vermag. Nochmals mit Franziskus in Gebetsform gesagt: \u201eDu bist die Geborgenheit, die Ruhe, die Fr\u00f6hlichkeit und die Freude. Du bist \u2026 unsere gro\u00dfe Gl\u00fcckseligkeit.\u201c Das gilt nicht minder in unseren modernen Zeiten. So erkl\u00e4rte der im Dritten Reich hingerichtete Theologe Dietrich Bonhoeffer: \u201eBei Gott wohnt die Freude, und von ihm kommt sie herab und ergreift Geist, Seele und Leib, und wo diese Freude einen Menschen gefa\u00dft hat, dort greift sie um sich, dort rei\u00dft sie mit, dort sprengt sie verschlossene T\u00fcren.\u201c Die Logik himmlischer Freude beschreibt er mit den Worten: \u201eOhne die Freude an dem Mensch gewordenen und auferstandenen Sohn Gottes geraten wir ins Murren, in den Widerspruch, in die Traurigkeit. Wie finden wir aber solche Freude? Allein durch den festen Glauben: Jesus lebt! Wenn es wirklich wahr ist, dass Jesus lebt, dass er sich uns bezeugt, uns f\u00fchrt und hilft, wie sollten wir dann nicht ebenso froh werden wie die J\u00fcnger, als sie ihn am Ostermorgen sahen (Joh 20,20)?\u201c F\u00fcr Bonhoeffer, der sich selbst kaum etwa als \u201efromm\u201c oder \u201ereligi\u00f6s\u201c ansah, war es klar, dass Gottes Freude zuhause ist in jener \u201eWelt, die unsichtbar sich um uns weitet\u201c und die den \u201ehohen Lobgesang\u201c der erl\u00f6sten Gotteskinder kennt \u2013 wie es in seinem ber\u00fchmten Gedicht zum Jahresende 1944 hei\u00dft, das sein letztes Lebenszeichen an seine Mutter und an seine Braut wurde. Und schon fr\u00fcher hatte er betont: \u201eDas ist unser Ziel, einzugehen in die Freude unseres Herrn \u2013 Mt 25,11.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was fromm klingen und s\u00e4kular eingestellte Zeitgenossen ein St\u00fcck weit be\u00adfremden mag, hat gleichwohl sein geistiges Recht und ist alles andere als irrational. Auch Naturwissenschaft ist sich selbst im Klaren dar\u00fcber ist, wie wenig sie eigentlich wei\u00df. Auch unter Naturwissenschaftlern finden sich gottgl\u00e4ubige Menschen. Insofern ist \u201ehimmlische Freude\u201c keineswegs intellektuell unredlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Freude am Leben ist aus dieser Sicht auch dann erlaubt, wenn Unerfreuliches in der Welt oder im eigenen Dasein vorherrscht \u2013 denn es geht um die Freude an einem Leben, das in die Ewigkeit hineinreicht und dort gl\u00fccklich verankert ist. Schon die Sehnsucht nach dieser nachhaltigen, ja dem Neuen Testament nach <em>vollkommenen <\/em>Freude hat ihr tiefes Recht. Denn wenn von der Existenz Gottes ausgegangen werden darf, ist der Allgegenw\u00e4rtige auch in jedem menschlichen Herzen pr\u00e4sent und selbst der Erzeuger der Sehnsucht nach ihm \u2013 kurz: nach Gl\u00fcckseligkeit. \u201eMeine Schafe h\u00f6ren meine Stimme\u201c \u2013 dieses Wort Jesu deutet darauf hin, dass es eine Resonanz seiner Freudenbotschaft im Herzen gibt. Geht es ums Thema Freude, ist folglich jede Bescheidenheit fehl am Platze. Die T\u00fcr zur himmlischen Freude steht offen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Werner Thiede<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"647\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2018\/12\/Werner-Thiede-1024x647.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-115\" title=\"Foto: privat\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Werner Thiede ist Pfarrer i.R. der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg. Von ihm stammt auch das Buch <em><a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p5659_Himmlische-Freude.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Himmlische Freude. Vom tiefen Gl\u00fcck des Glaubens<\/a><\/em>, Leipzig 2024.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p5659_Himmlische-Freude.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"644\" height=\"1011\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2024\/10\/Werner-Thiede-Himmlische-Freude.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-987\" style=\"width:200px;height:auto\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im spirituellen Sinn gibt es Freude und tiefes Gl\u00fcck als Gef\u00fchle, die sich durch das (un-)bewusste Wissen um Tod und Verg\u00e4nglichkeit nicht oder nur wenig beeintr\u00e4chtigen lassen. Sie k\u00f6nnen dort bestimmend werden, wo religi\u00f6ser Glaube die Grenzen der Verg\u00e4nglichkeit innerlich \u00fcberschreitet. 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Ein Essay von Werner Thiede.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":5,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-986","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/986","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=986"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/986\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":991,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/986\/revisions\/991"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/buerger\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=986"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}