{"id":1404,"date":"2024-07-03T15:28:01","date_gmt":"2024-07-03T13:28:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/?page_id=1404"},"modified":"2024-07-03T15:29:05","modified_gmt":"2024-07-03T13:29:05","slug":"es-ist-zeit-fuer-eine-rationale-debatte-ueber-die-besteuerung-grosser-vermoegen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/es-ist-zeit-fuer-eine-rationale-debatte-ueber-die-besteuerung-grosser-vermoegen\/","title":{"rendered":"Es ist Zeit f\u00fcr eine Debatte \u00fcber die Besteuerung gro\u00dfer Verm\u00f6gen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Eine Verm\u00f6gensteuer zum Abbau der demokratiegef\u00e4hrdenden Verm\u00f6genskonzentration in Deutschland ist nicht nur m\u00f6glich, sondern auch dringend geboten. Die Analyse der deutschen Milliardenverm\u00f6gen zeigt: Flucht vor der Steuer durch Wegzug ins Ausland ist wegen bestehender Gesetze nicht nur teuer, sie ist vor allem auch wenig attraktiv und weniger verbreitet, als viele Menschen denken. Die Milliard\u00e4rin Susanne Klatten m\u00fcsste bei einem Wegzug aus Deutschland nach aktueller Gesetzeslage etwa 6,5 Milliarden Euro an Steuern zahlen, das entspricht ungef\u00e4hr 30 Prozent ihres gesamten Verm\u00f6gens.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"413\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2024\/07\/240703-NU-oxfam-steuerflucht.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1400\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>(Berlin, 2. Juli 2024)<\/strong> Der Verzicht auf die seit 1996 ausgesetzte Verm\u00f6gensteuer hat Deutschland bislang \u00fcber 380 Milliarden Euro gekostet \u2013 das entspricht 80 Prozent des Bundeshaushalts 2024. Die angeblich unvermeidbare Steuerflucht von Hochverm\u00f6genden und Superreichen ist eines der zentralen Argumente gegen die Wiedererhebung der Verm\u00f6gensteuer. Die gemeinsam vom Netzwerk Steuergerechtigkeit und Oxfam Deutschland herausgegebene Studie \u201eKeine Angst vor Steuerflucht!\u201c widerlegt diesen Mythos und zeigt auf: Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten umfassende und international vorbildliche Regeln etabliert, die Steuerflucht massiv erschweren, wenn nicht sogar unm\u00f6glich machen. Eine Verm\u00f6gensteuer zum Abbau der demokratiegef\u00e4hrdenden Verm\u00f6genskonzentration ist daher nicht nur m\u00f6glich, sondern auch dringend geboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Manuel Schmitt, Referent f\u00fcr Soziale Ungleichheit von Oxfam Deutschland: \u201eDie Studie zeigt ganz klar: Der Kampf gegen Steuerflucht ist vor allem eine Frage des politischen Willens. Anstatt im Bundeshaushalt zum Kahlschlag unter anderem bei der Entwicklungszusammenarbeit und bei Sozialausgaben anzusetzen, sollte die Bundesregierung die Besteuerung sehr hoher Verm\u00f6gen endlich auf die Tagesordnung setzen. So k\u00f6nnte die demokratiegef\u00e4hrdende Verm\u00f6genskonzentration verringert und dringend ben\u00f6tigte finanzielle Mittel f\u00fcr den sozialen Zusammenhalt und den Klimaschutz generiert werden \u2013 in Deutschland und weltweit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Christoph Trautvetter, Netzwerk Steuergerechtigkeit: \u201cDie Angst vor der Steuerflucht ist in der Bev\u00f6lkerung genauso wie in der Politik weit verbreitet. Aber die Angst ist irrational. Steuerflucht ist kein Schicksal und auch kein Massenph\u00e4nomen. Die wenigsten Menschen kennen die bereits sehr wirksamen und weitreichenden Gegenma\u00dfnahmen. Und anders als einzelne Skandale das nahelegen, sind die meisten gro\u00dfen deutschen Verm\u00f6gen nicht im Ausland und sie sind \u00fcber ihr soziales und politisches Kapital mit Deutschland verbunden. Zeit also f\u00fcr eine rationale Debatte \u00fcber die Besteuerung gro\u00dfer Verm\u00f6gen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Daten, Zahlen und Fakten aus der Studie \u201eKeine Angst vor Steuerflucht!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis 1996 wurde auf Verm\u00f6gen in Deutschland eine Verm\u00f6gensteuer von einem Prozent f\u00e4llig. Weil sie seitdem ausgesetzt ist, fehlen mindestens 380 Milliarden Euro in der Gemeinschaftskasse. Im gleichen Zeitraum sind die Verm\u00f6gen der hundert reichsten Deutschen um etwa 460 Milliarden Euro gewachsen. Eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Menschen bef\u00fcrwortet eigentlich die Wiedereinf\u00fchrung der Steuer, f\u00fcrchtet aber gleichzeitig die angeblich drohende Steuerflucht von Verm\u00f6genden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Analyse der deutschen Milliardenverm\u00f6gen zeigt: Steuerflucht ist wegen der bestehenden Gesetze nicht nur teuer, sie ist vor allem auch weniger attraktiv und weniger verbreitet, als viele Menschen denken. Auch wenn es in der Vergangenheit M\u00f6glichkeiten zur steuerfreien Flucht gab, sind 172 von 226 deutschen Milliard\u00e4r*innen weiterhin weitgehend in Deutschland steuerpflichtig. Neben der schrittweise verbesserten Gesetzgebung und geschlossenen Schlupfl\u00f6chern liegt das wahrscheinlich auch daran, dass mit der Flucht wesentliche Teile des sozialen Kapitals und des gesellschaftlichen und politischen Einflusses verloren gehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beispielrechnung am Fall Susanne Klatten: Kosten eines fiktiven Wegzugs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Laut Forbes Magazin hat Susanne Klatten ein Verm\u00f6gen von 24,4 Milliarden US-Dollar (ungef\u00e4hr 22,6 Milliarden Euro). Das Manager Magazin sch\u00e4tzt das gemeinsame Verm\u00f6gen von ihr und ihrem Bruder Stefan Quandt auf 40,5 Milliarden Euro. Dieses Verm\u00f6gen l\u00e4sst sich grob in drei Teile gliedern:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>BMW-Anteil von 21,7 Prozent, von den Eltern geerbt, Wert zum Stichtag 30. Mai 2024 insgesamt 11,65 Milliarden Euro, 21,5 Prozent der Anteile h\u00e4lt sie \u00fcber die Susanne Klatten Beteiligungs-GmbH, 0,2 Prozent direkt im Privatverm\u00f6gen.<\/li>\n\n\n\n<li>100 Prozent der Anteile an der Altana AG, ebenfalls von den Eltern geerbt beziehungsweise aus Verkaufserl\u00f6sen der Pharmasparte erworben, seit 2010 keine B\u00f6rsennotierung, weitere Beteiligungen \u00fcber die Skion GmbH gehalten.<\/li>\n\n\n\n<li>In den Beteiligungsgesellschaften einbehaltene und reinvestierte Dividenden.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Bei einem Wegzug m\u00fcsste Susanne Klatten die Wertsteigerung ihrer Anteile an den beiden Beteiligungsgesellschaften versteuern. Der Wert der Susanne Klatten Beteiligungs-GmbH besteht zum gr\u00f6\u00dften Teil aus den BMW-Aktien und den dort angesparten BMW-Dividenden. Weil sie die BMW-Anteile, genauso wie schon ihr Vater vor ihr, geerbt hat, d\u00fcrften die historischen Anschaffungskosten im Vergleich zum aktuellen Wert vernachl\u00e4ssigbar sein. Die Differenz zum aktuellen Wert von 11,65 Milliarden Euro m\u00fcsste zum pers\u00f6nlichen Steuersatz von 45 Prozent zuz\u00fcglich Solidarit\u00e4tszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer versteuert werden, allerdings sind nach dem Teileink\u00fcnfteverfahren nur 60 Prozent der Wertsteigerung steuerpflichtig. So erg\u00e4be sich eine Steuer von etwa 3,3 Milliarden Euro allein f\u00fcr die BMW-Anteile. Rechnet man diesen Betrag auf ihr gesamtes Verm\u00f6gen hoch, betr\u00e4gt der Wert etwa 6,5 Milliarden Euro, das entspricht ungef\u00e4hr 30 Prozent ihres gesamten Verm\u00f6gens.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit: Kampf gegen Steuerflucht ist vor allem eine Frage des politischen Willens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Kampf gegen Steuerflucht ist also vor allem eine Frage des politischen Willens (Manuel Schmitt, Referent f\u00fcr Soziale Ungleichheit von Oxfam Deutschland). Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr ist, dass die Konzentration von Verm\u00f6gen und Macht ein Ausma\u00df annimmt, das demokratische Entscheidungen auf diesem Gebiet unm\u00f6glich macht. Noch ist es nicht zu sp\u00e4t, die sehr gro\u00dfe und demokratiegef\u00e4hrdende Verm\u00f6genskonzentration mit einer Verm\u00f6gensteuer zu verringern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Verm\u00f6gensteuer zum Abbau der demokratiegef\u00e4hrdenden Verm\u00f6genskonzentration ist nicht nur m\u00f6glich, sondern auch dringend geboten. Wenn dies im Rahmen einer europ\u00e4ischen oder sogar einer international abgesprochenen L\u00f6sung erfolgt, w\u00fcrde das die ohnehin geringe Gefahr der Steuerflucht noch weiter minimieren.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/blog\/autor_innen\/manuel-schmitt\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"455\" height=\"606\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2022\/01\/Manuel-Schmitt-oxfam-K.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-941\" title=\"Foto: oxfam\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Manuel Schmitt ist Referent f\u00fcr Soziale Ungleichheit bei <a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.oxfam.de\/\" rel=\"noreferrer noopener\">Oxfam Deutschland<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"390\" height=\"144\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2018\/05\/OXFAM.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-79\" style=\"width:299px;height:auto\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/system\/files\/documents\/oxfam_netzwerk_steuergerechtigkeit_2024_keine_angst_vor_steuerflucht_final.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"599\" height=\"846\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2024\/07\/keine_angst_vor_steuerflucht-T.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1401\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie &#8222;Keine Angst vor Steuerflucht!&#8220; steht <a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/system\/files\/documents\/oxfam_netzwerk_steuergerechtigkeit_2024_keine_angst_vor_steuerflucht_final.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00fcber diesen Link zum Download als PDF-Datei<\/a> bereit.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Verm\u00f6gensteuer zum Abbau der demokratiegef\u00e4hrdenden Verm\u00f6genskonzentration in Deutschland ist nicht nur m\u00f6glich, sondern auch dringend geboten. 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