{"id":900,"date":"2021-11-16T15:59:03","date_gmt":"2021-11-16T14:59:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/?page_id=900"},"modified":"2021-11-16T16:35:22","modified_gmt":"2021-11-16T15:35:22","slug":"steueroasen-und-schattenfinanzplaetze-kosten-deutschland-jedes-jahr-etwa-40-milliarden-euro","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/steueroasen-und-schattenfinanzplaetze-kosten-deutschland-jedes-jahr-etwa-40-milliarden-euro\/","title":{"rendered":"Steueroasen und Schattenfinanzpl\u00e4tze kosten Deutschland jedes Jahr etwa 40 Milliarden Euro"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Laut dem &#8222;State of Tax Justice Report 2021&#8220;, herausgegeben vom globalen Gewerkschaftsbund Public Services International, dem Tax Justice Network und der Global Alliance for Tax Justice, verliert Deutschland j\u00e4hrlich etwa 30 Milliarden Euro durch die Gewinnverschiebung multinationaler Unternehmen und 10 Milliarden Euro durch illegale Verm\u00f6gen in Schattenfinanzpl\u00e4tzen. Attac Deutschland fordert die Bundesregierung auf, sich endlich entschieden f\u00fcr eine konsequente Schlie\u00dfung von Steuerschlupfl\u00f6chern bei der Umsetzung der neuen internationalen Regeln einzusetzen. Es sei nicht akzeptabel, dass gro\u00dfe Unternehmen und reiche Individuen in der Krise von staatlichen Leistungen profitieren, sich dann aber vor den Kosten dr\u00fccken; um das zu verhindern passiere politisch immer noch zu wenig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-313\" title=\"Grafik: Nata Uchava, Michael Wildberger.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2021\/11\/NU-211116-netzwerk-steuergerechtigkeit.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\">\n<hr>\n&nbsp;\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>(Berlin, 16. November 2021)<\/strong> Heute ver\u00f6ffentlichen das Tax Justice Network, der globale Gewerkschaftsbund Public Services International und die Global Alliance for Tax Justice gemeinsam den zweiten State of Tax Justice Report. Deutschland verliert danach j\u00e4hrlich etwa 30 Milliarden Euro durch die Gewinnverschiebung multinationaler Unternehmen und 10 Milliarden Euro durch illegale Verm\u00f6gen in Schattenfinanzpl\u00e4tzen. Weltweit fehlen wegen grenz\u00fcberschreitenden Steuermissbrauchs jedes Jahr Einnahmen von mehr als 400 Milliarden Euro.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland geh\u00f6rt damit in absoluten Zahlen zu den gr\u00f6\u00dften Verlierern. Noch schwerer trifft es L\u00e4nder mit niedrigem Einkommen. Sie verlieren zusammen fast so viel wie die H\u00e4lfte ihrer Gesundheitsausgaben. Gleichzeitig werden 99 Prozent des globalen Steuermissbrauchs \u00fcber L\u00e4nder mit hohem Einkommen abgewickelt und von ihnen erm\u00f6glicht. Gro\u00dfbritannien mit seinen Kronbesitzungen und \u00dcberseegebieten, wie den Kaimaninseln, verantwortet mehr als 50 Prozent. Dazu Karl-Martin Hentschel von Attac Deutschland: \u201cEs ist nicht akzeptabel, dass gro\u00dfe Unternehmen und reiche Individuen in der Krise von staatlichen Leistungen profitieren, sich dann aber vor den Kosten dr\u00fccken. Um das zu verhindern passiert politisch immer noch zu wenig. Wir fordern die Bundesregierung auf, sich endlich entschieden f\u00fcr eine konsequente Schlie\u00dfung von Steuerschlupfl\u00f6chern bei der Umsetzung der neuen internationalen Regeln einzusetzen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Reformvorschl\u00e4ge der OECD\/G20 l\u00f6sen nur einen Teil des Problems<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Oktober 2021 verst\u00e4ndigten sich mehr als 100 Staaten darauf, eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent auf Unternehmensgewinne einzuf\u00fchren und einen kleinen Teil der Besteuerungsrechte der etwa 100 profitabelsten Konzerne fairer zu verteilen. Je nachdem wie sie am Ende umgesetzt wird, k\u00f6nnte die Reform den globalen Steuermissbrauch um etwa 100 bis 150 Milliarden Euro verringern. Dazu erl\u00e4utert Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit: \u201cDie angek\u00fcndigte Reform der OECD ist ein willkommener Fortschritt. Aber der Mindeststeuersatz von 15 Prozent ist zu niedrig, setzt deswegen weiterhin Anreize f\u00fcr Steuerflucht ins Ausland und bei der Umsetzung zeichnen sich neue Schlupfl\u00f6cher ab. Das gr\u00f6\u00dfte Problem ist aber, dass die zus\u00e4tzlichen Einnahmen nicht fair verteilt sind.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das liegt auch daran, dass \u00fcber ein Drittel aller L\u00e4nder gar nicht an den Verhandlungen beteiligt war und die G20 und die OECD-Staaten den Prozess dominieren. Dazu Bodo Ellmers vom Global Policy Forum: \u201cWir brauchen eine UN-Steuerkommission mit umfangreichen Kompetenzen. Wenn schon bei den Verhandlungen nicht alle Staaten gleich mit einbezogen sind, m\u00fcssen wir uns nicht wundern, wenn einige mehr profitieren als andere.\u201d Eine bessere Zusammenarbeit unter dem Dach der Vereinten Nationen hat breite Unterst\u00fctzung, wurde j\u00fcngst auch im <a href=\"https:\/\/www.factipanel.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bericht des UN High Level Panel on International Financial Accountability, Transparency and Integrity (FACTI)<\/a> gefordert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Einordnung der Zahlen und Ergebnisse:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Aus dem Vergleich zur ersten Auflage des State of Tax Justice Reports lassen sich keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf Ver\u00e4nderungen ziehen. Die laut zweiter Auflage h\u00f6heren Verluste resultieren aus einer verbesserten Datengrundlage. Die aktuellen Sch\u00e4tzungen f\u00fcr die Verluste bei den Unternehmenssteuern basieren auf den aggregierten l\u00e4nderbezogenen Berichten gro\u00dfer Konzerne f\u00fcr 2017. Anders als im Vorjahr, sind jetzt auch deutsche Unternehmen enthalten.<\/li><li>Laut<a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/tax\/beps\/faqs-statement-on-a-two-pillar-solution-to-address-the-tax-challenges-arising-from-the-digitalisation-of-the-economy-october-2021.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> Sch\u00e4tzung der OECD vom Oktober 2021<\/a> soll die Mindeststeuer von 15 Prozent j\u00e4hrlich 150 Milliarden USD (131 Milliarden Euro) Zusatzeinnahmen einbringen. Das <a href=\"https:\/\/www.taxobservatory.eu\/revenue-effects-of-the-global-minimum-tax-country-by-country-estimates\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">EU Tax Observatory<\/a> sch\u00e4tzt die zus\u00e4tzlichen Einnahmen f\u00fcr Deutschland auf 7,8 Milliarden Euro, f\u00fcr die EU-L\u00e4nder auf 63,9 Milliarden Euro und weltweit sogar auf 185,3 Milliarden Euro. Wie beim State of Tax Justice Report, basieren die Zahlen auf den aggregierten l\u00e4nderbezogenen Berichten f\u00fcr 2017.<\/li><li>Demgegen\u00fcber sch\u00e4tzt die Wirtschaftspr\u00fcfungsgesellschaft Deloitte <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/globale-mindeststeuer-fuer-unternehmen-bringt-nur-peanuts-exklusive-berechnungen-a-a75e8190-5fed-4c55-be82-02333bb1bd83\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">die potenziellen Zusatzeinnahmen f\u00fcr Deutschland auf h\u00f6chstens 380 Millionen Euro<\/a>. Eine Analyse des ifo-Instituts zeigt, dass gro\u00dfe deutsche Unternehmen 2016 und 2017 zusammen Gewinne von 47 Milliarden Euro in Steueroasen verbuchten und diese mit etwa 10 Prozent versteuerten. Eine Nachversteuerung zu 15 Prozent w\u00fcrde demnach j\u00e4hrlich 1,1 Milliarden Euro erbringen.<\/li><li>Durch die Mindeststeuer kann Deutschland niedrig besteuerte ausl\u00e4ndische Gewinne deutscher Unternehmen nachversteuern \u2011 \u00e4hnlich wie das bisher schon durch die deutsche Hinzurechnungsbesteuerung geschieht. Wo die zus\u00e4tzlichen Einnahmen aus der Mindeststeuer am Ende tats\u00e4chlich anfallen, h\u00e4ngt von der Reaktion der Unternehmen und Staaten ab. Erste Analysen und Statements zeigen: Google und Co. haben bereits vor der Reform einen Gro\u00dfteil der deutschen Gewinne aus Steueroasen zur\u00fcck in die USA verlagert. Und sowohl die USA als auch Irland (als bisherige Zwischenstation) haben angek\u00fcndigt, ausl\u00e4ndische Gewinne mit mindestens 15 Prozent zu besteuern.<\/li><li>Basierend auf einer Analyse der gro\u00dfen Digitalkonzerne sch\u00e4tzen wir die Zusatzeinnahmen aus Pillar 1 auf ca. 600 Millionen Euro. <a href=\"https:\/\/www.fabio-de-masi.de\/de\/article\/4002.digitalkonzerne-zur-kasse-bitten.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Von Google w\u00fcrde Deutschland beispielsweise ca. 70 Millionen Euro zus\u00e4tzliche Steuern einnehmen<\/a>.<\/li><li>Der tats\u00e4chliche Schaden durch Steueroasen und Schattenfinanzpl\u00e4tze ist noch deutlich h\u00f6her als 400 Milliarden Euro (weltweit) beziehungsweise 40 Milliarden Euro (Deutschland). <a href=\"https:\/\/www.netzwerk-steuergerechtigkeit.de\/jahrbuch2021\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die M\u00f6glichkeit der Gewinnverschiebung und die niedrigen Steuers\u00e4tze in den Steueroasen haben die Staaten in einen zerst\u00f6rerischen Unterbietungswettbewerb getrieben und in Deutschland daf\u00fcr gesorgt, dass die Unternehmenssteuern von 56,1 Prozent (1999) auf 29,9 Prozent gesunken sind<\/a>. Schattenfinanzpl\u00e4tze bef\u00f6rdern Kriminalit\u00e4t aller Art \u2011 von staatenzersetzender Korruption bis zum illegalen Wildtierhandel \u2011 und sorgen daf\u00fcr, dass die Steuern auf hohe Einkommen und Verm\u00f6gen weltweit gesunken sind (\u201clieber 25 Prozent von X als 42 Prozent von nix\u201d). Insgesamt zahlen reiche Unternehmenseigent\u00fcmer*innen deswegen fast \u00fcberall in der Welt und auch in Deutschland mittlerweile prozentual weniger Steuern und Abgaben, als ihre Mitarbeiter*innen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><img decoding=\"async\" width=\"180\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\"Foto: Von KarlMH - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=17119169.\"\" aligncenter wp-image-43 src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2018\/05\/Karl-Martin_HentschelS-241x300.jpg\" alt=\"\"><\/td><td width=\"75%\">Karl-Martin Hentschel vertritt im Netzwerk Steuergerechtigkeit <a href=\"http:\/\/www.attac.de\/startseite\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Attac<\/a>.<\/td><\/tr><tr><td><\/td><td><a href=\"http:\/\/www.attac.de\/startseite\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2018\/05\/Attac-Logo_rgb.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><a href=\"https:\/\/taxjustice.net\/reports\/the-state-of-tax-justice-2021\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2021\/11\/State_of_Tax_Justice_Report_2021-T.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td><td width=\"75%\">Der Report &#8222;The State of Tax Justice 2021&#8220; steht <a href=\"https:\/\/taxjustice.net\/reports\/the-state-of-tax-justice-2021\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00fcber diesen Link zum Download als PDF<\/a> bereit.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><a href=\"https:\/\/www.netzwerk-steuergerechtigkeit.de\/jahrbuch2021\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-313\" title=\" \" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/finanz\/wp-content\/uploads\/sites\/13\/2021\/11\/210922_JahrbuchSteuergerechtigkeit2021_credits-T.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td><td width=\"75%\">Das &#8222;Jahrbuch Steuergerechtigkeit 2021&#8220; steht <a href=\"https:\/\/www.netzwerk-steuergerechtigkeit.de\/jahrbuch2021\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00fcber diesen Link zum Download als PDF<\/a> bereit.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut dem &#8222;State of Tax Justice Report 2021&#8220;, herausgegeben vom globalen Gewerkschaftsbund Public Services International, dem Tax Justice Network und der Global Alliance for Tax Justice, verliert Deutschland j\u00e4hrlich etwa 30 Milliarden Euro durch die Gewinnverschiebung multinationaler Unternehmen und 10 Milliarden Euro durch illegale Verm\u00f6gen in Schattenfinanzpl\u00e4tzen. 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