{"id":52,"date":"2018-06-12T14:22:20","date_gmt":"2018-06-12T12:22:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/frieden\/?page_id=52"},"modified":"2020-09-07T16:36:20","modified_gmt":"2020-09-07T14:36:20","slug":"moderne-kriegfuehrung-driftet-in-staatsterrorismus-ab","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/frieden\/moderne-kriegfuehrung-driftet-in-staatsterrorismus-ab\/","title":{"rendered":"Moderne Kriegf\u00fchrung driftet in \u201eStaatsterrorismus\u201c ab"},"content":{"rendered":"<p><em>Staatliche Kriegsf\u00fchrung l\u00e4sst sich l\u00e4ngst nicht mehr immer von terroristischen Akten unterscheiden, etwa in Afghanistan, im Jemen oder im Libanon, meint der Philosoph Michael Quante von der Universit\u00e4t M\u00fcnster. Er fordert eine gesellschaftliche Debatte \u00fcber ethisch vertretbare Kriegsf\u00fchrung: \u201eMitglieder demokratischer Gesellschaften k\u00f6nnen und sollten sich zu Kriegseins\u00e4tzen eine eigene Meinung bilden und kritisch Stellung beziehen.\u201c Man solle nicht verharmlosend von \u201eKriseneins\u00e4tzen\u201c, \u201ebewaffneten Konflikten\u201c oder gar \u201ehumanit\u00e4ren Interventionen\u201c sprechen, sondern von Krieg; Krieg bedeute, dass Menschen leiden, sterben und Gesellschaften auf Jahrzehnte hin zerst\u00f6rt werden.<\/em><\/p>\n<p><strong>(M\u00fcnster, 11. Juni 2018)<\/strong> Der Philosoph und Ethiker Michael Quante warnt mit Blick auf internationale Konflikte vor einem Abdriften staatlicher Kriegsf\u00fchrung in \u201eStaatsterrorismus\u201c. \u201eAngesichts moderner Waffensysteme brauchen wir eine gesellschaftliche Debatte dar\u00fcber, welche M\u00f6glichkeiten der Kriegsf\u00fchrung f\u00fcr Staaten ethisch und rechtlich vertretbar sind. Staatliche Kriegsf\u00fchrung l\u00e4sst sich l\u00e4ngst nicht mehr immer von terroristischen Akten unterscheiden, etwa in Afghanistan, im Jemen oder im Libanon\u201c, so der Wissenschaftler des Exzellenzclusters \u201eReligion und Politik\u201c der Universit\u00e4t M\u00fcnster, der am Freitag, den 15. Juni 2018 auf der Bundeskonferenz der Organisation \u201eMayors for Peace\u201c in M\u00fcnster \u00fcber die Vieldeutigkeit des Friedensbegriffes sprechen wird. In keinem Krieg heilige der Zweck die Mittel, auch nicht zur Verteidigung der Menschenrechte. Mit dem Einsatz US-amerikanischer Drohnen im Nahen und Mittleren Osten, der Androhung des Einsatzes von Atomwaffen, dem Verzicht auf Kriegserkl\u00e4rungen wie im Irak oder Syrien und dem Umgehen der Vereinten Nationen drohen die klaren Regeln zur Kriegsf\u00fchrung wie die Genfer Konvention untergraben zu werden. \u201eWir sehen tagt\u00e4glich Verst\u00f6\u00dfe gegen unsere Regeln \u2013 nicht nur durch Diktatoren ver\u00fcbt.\u201c<\/p>\n<p>Der Philosoph Michael Quante dr\u00e4ngt auf Ehrlichkeit in der Wortwahl, wenn es um Krieg und Frieden geht: Mit Blick auf deutsche Waffenexporte, Debatten \u00fcber die H\u00f6he der deutschen Verteidigungsausgaben und internationale Einmischungen in Konflikte wie in Syrien, Jemen oder Afghanistan \u201esollten wir nicht verharmlosend von ,Kriseneins\u00e4tzen\u2018, \u201abewaffneten Konflikten\u2018 oder gar ,humanit\u00e4ren Interventionen\u2018 sprechen, sondern von Krieg. Krieg bedeutet, dass Menschen leiden, sterben und Gesellschaften auf Jahrzehnte hin zerst\u00f6rt werden.\u201c Die Interessen, die mit einer Kriegsf\u00fchrung verfolgt werden, seien klar zu benennen. \u201eMitglieder demokratischer Gesellschaften k\u00f6nnen und sollten sich zu Kriegseins\u00e4tzen eine eigene Meinung bilden und kritisch Stellung beziehen.\u201c F\u00fcr unverzichtbar h\u00e4lt der Philosoph eine Besinnung auf die Lehre vom \u201egerechten Krieg\u201c, die h\u00e4ufig ethisch diskreditiert worden sei. \u201eDie beliebte pazifistische Ablehnung jedweder Anwendung von Gewalt und kriegerischer Mittel verliert ihre ethische Reinheit sp\u00e4testens dann, wenn es um die Frage nach der Nothilfe geht.\u201c<\/p>\n<p>Die Philosophie kann nach den Worten des Wissenschaftlers helfen, \u201eden rasanten Verfall einer differenzierten und differenzierenden politischen Debatten- und Streitkultur in den westlichen Gesellschaften aufzuhalten\u201c. Ihre Aufgabe sei es, grundlegende Probleme zu beleuchten, begriffliche Unterscheidungen f\u00fcr eine rationale Diskussion bereitzustellen und so eine demokratische Willensbildung mit zu erm\u00f6glichen. Das gilt nach Quante auch f\u00fcr den Begriff Frieden: \u201eFrieden hat verschiedene Bedeutungen und erfordert wesentlich mehr, als die Abwesenheit von Krieg.\u201c So seien strukturelle Gewalt, institutionell verankerte Ausgrenzung von Minderheiten oder bestimmten sozialen Gruppen, die keine M\u00f6glichkeit haben, ihre Gesichtspunkte zu artikulieren, mit einem friedlichen Zustand nicht vereinbar. \u201eDas gilt auch dann, wenn es zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen kommt. Letztlich braucht Frieden, wenn er f\u00fcr eine offene und stabile Demokratie stehen soll, auch die Bereitschaft zu Pluralismus und Toleranz. Diese ist, wie wir alle wissen, ohne das Aushalten von Gegens\u00e4tzen nicht zu haben.\u201c Es gehe beim Frieden nicht um die Abschaffung von Konflikten, so Quante, sondern um die Entwicklung von Strukturen, Verfahren und Einstellungen, in denen sie ohne Gewalt und auf der Basis rationaler Argumente ausgetragen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>\u201cEine Welt ohne Krieg ist unrealistisch\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Mit Blick auf die Zukunft sagt der Philosoph, eine Welt ohne Krieg sei eine \u201esch\u00f6ne, aber keine realistische Vorstellung\u201c. Kriege zur Verteidigung und Wiederherstellung der Menschenrechte lie\u00dfen sich vermutlich angesichts knapper Ressourcen, Gro\u00dfmacht-Fantasien und der Tatsache, dass vergangene Kriege h\u00e4ufig Quellen f\u00fcr neuen Hass darstellten, niemals ganz vermeiden. \u201eDie beste Krisenintervention ist die F\u00f6rderung von internationaler Gerechtigkeit, Bildung und Wohlstand f\u00fcr alle.\u201c<\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/PhilSem\/mitglieder\/quante\/quante.html\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\"Foto: WWU\/ Peter Wattendorff\" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/frieden\/wp-content\/uploads\/sites\/16\/2018\/06\/Professor-Michael-Quante-K.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\"><a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/PhilSem\/mitglieder\/quante\/quante.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Prof. Dr. Michael Quante<\/a> lehrt an der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster. <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/audioundvideo\/video\/Debatten_ueber_ethisch_vertretbare_Kriegsfuehrung_notwendig.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier<\/a> nimmt er in einem Kurzvideo Stellung zu Krieg und Frieden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<p>Zum Konzept des \u201egerechten Kriegs\u201c f\u00fchrt Michael Quante aus, nur damit lasse sich die Frage nach der ethischen und v\u00f6lkerrechtlichen Legitimit\u00e4t kriegerischer Aktionen beantworten sowie zwischen einem illegitimen, erlaubten oder gar gebotenen Einsatz von Waffen unterscheiden. \u201eGerecht ist ein Krieg nur dann, wenn auch seine Durchf\u00fchrung ethisch gerechtfertigt ist\u201c, so Quante. Der Philosoph ist Mitherausgeber des Buches \u201eGerechter Krieg. Ideengeschichtliche, rechtsphilosophische und ethische Beitr\u00e4ge\u201c, der im vergangenen Jahr in einer erweiterten zweiten Auflage erschienen ist.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\" \" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/frieden\/wp-content\/uploads\/sites\/16\/2018\/06\/logoExcellenzcluster-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\">Im <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Religion-und-Politik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c<\/a> der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster (WWU) forschen rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen F\u00e4chern und 14 Nationen. Sie untersuchen das komplexe Verh\u00e4ltnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen: von der antiken G\u00f6tterwelt \u00fcber Judentum, Christentum und Islam in Mittelalter und fr\u00fcher Neuzeit bis hin zur heutigen Situation in Europa, Amerika, Asien und Afrika. Es ist der bundesweit gr\u00f6\u00dfte Forschungsverbund dieser Art und von den 43 Exzellenzclustern in Deutschland der einzige zum Thema Religion. Bund und L\u00e4nder f\u00f6rdern das Vorhaben in der zweiten F\u00f6rderphase der Exzellenzinitiative von 2012 bis 2018 mit 40,1 Millionen Euro.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<p>Prof. Dr. Michael Quante spricht am Freitag, 15. Juni, um 10 Uhr auf der Bundeskonferenz der \u201eMayors for Peace\u201c im Historischen Rathaus M\u00fcnster zum Thema \u201ePeace is just another way\u2026 \u2013 Zur Vieldeutigkeit des Friedensbegriffes\u201c. Am Vorabend diskutieren ab 20 Uhr Sicherheits- und Abr\u00fcstungsexperten \u00fcber \u201eNeue Wege zu einer atomwaffenfreien Welt\u201c. Die Organisation \u201eMayors for Peace\u201c (B\u00fcrgermeister f\u00fcr den Frieden) wurde 1982 durch Araki Takeshi, den damaligen B\u00fcrgermeister von Hiroshima, gegr\u00fcndet. Durch Aktionen und Kampagnen versucht die Organisation, die weltweite Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern und deren Abschaffung zu erreichen. Dem Netzwerk geh\u00f6ren mehr als 7.500 St\u00e4dte und Gemeinden aus 163 L\u00e4ndern an, Deutschland z\u00e4hlt rund 550 Mitglieder. Am 14. und 15. Juni findet in M\u00fcnster die Bundeskonferenz der \u201eMayors for Peace\u201c statt. Prof. Quante plant 75 Jahre nach der Vernichtung der Stadt Hiroshima durch eine Atombombe 2020 ein Gedenkjahr in M\u00fcnster. Die WWU unterh\u00e4lt seit mehr als 20 Jahren enge Kontakte mit der Universit\u00e4t Hiroshima und hat 2017 in einem \u201eMemorandum of Understanding\u201c die Kooperationen unterstrichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Staatliche Kriegsf\u00fchrung l\u00e4sst sich l\u00e4ngst nicht mehr immer von terroristischen Akten unterscheiden, etwa in Afghanistan, im Jemen oder im Libanon, meint der Philosoph Michael Quante von der Universit\u00e4t M\u00fcnster. 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