{"id":1031,"date":"2022-04-05T18:21:53","date_gmt":"2022-04-05T16:21:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=1031"},"modified":"2022-04-05T18:24:11","modified_gmt":"2022-04-05T16:24:11","slug":"der-ungewoehnliche-gaspreisanstieg-in-europa-im-jahr-2021-geschehnisse-und-konsequenzen-teil-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/der-ungewoehnliche-gaspreisanstieg-in-europa-im-jahr-2021-geschehnisse-und-konsequenzen-teil-1\/","title":{"rendered":"Der ungew\u00f6hnliche Gaspreisanstieg in Europa im Jahr 2021 \u2013 Geschehnisse und Konsequenzen Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bisher wurde das Sicherheitsniveau der Gasbevorratung durch die Gash\u00e4ndler und ihre Spekulation implizit festgelegt. Nun wird es eine Vorgabe des Mindestf\u00fcllniveaus durch staatliche Institutionen Regulierer geben. Kompliziert wird es, wenn die H\u00e4ndler sich nicht unabh\u00e4ngig verhalten, wenn sie vielmehr Marktchancen darin erkennen, dass sie sich gegen den Regulierer verhalten und daraus Gewinne realisieren k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"413\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2022\/04\/220405-NU-Gazprom-1024x413.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1030\" title=\"Grafik: Nata Uchava, Michael Wildberger\"\/><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Ph\u00e4nomen und Fragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der zweiten Jahresh\u00e4lfte 2021 sind drei Ereignisse mit (potenzieller) gaspolitischer Bedeutung eingetreten.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"a\"><li>Es gab einen enormen Anstieg der (Weltmarkt-) Preise f\u00fcr Erdgas.<\/li><li>Am 10. September 2021 wurde die technische Betriebsgenehmigung auch f\u00fcr Strang 2 der neuen Gaspipeline Nord Stream 2 vom Bergamt Stralsund erteilt, alsbald meldete Gazprom, die Pipeline sei mit Gas gef\u00fcllt, also jederzeit betriebsbereit und nutzbar.<\/li><li>Seit Anfang Oktober 2021 wurde der Westen eines ungew\u00f6hnlichen Aufwuches russischer Truppen im Norden (Belarus), Osten und S\u00fcden der Ukraine gewahr, der sich immer weiter erh\u00f6hte \u2013 am 7. Dezember 2021 kam es deswegen zu einem Gipfeltreffen zwischen Pr\u00e4sident Putin und Pr\u00e4sident Biden. Mit der Invasion wurde das vorbereitete Paket von Sanktionsma\u00dfnahmen des Westens ausgel\u00f6st. Seitdem wird in der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr eine Versch\u00e4rfung gek\u00e4mptft, dazu geh\u00f6rt insbesondere ein (sofortiges) Embargo von Energietr\u00e4gerlieferungen aus Russland, darunter von Erdgas.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Mit dem Vollzug der langfristig vorbereiteten Invasion Russlands in die Ukraine hat sich die Meinung verfestigt, dass der Gaspreisanstieg in Europa im Herbst\/Winter 2021 wesentlich durch Marktmanipulation von Seiten Gazproms herbeigef\u00fchrt worden und Teil eines Einsatzes von Energie als Waffe seitens Russland sei. Ein manipulatives Verhalten Gazproms im Herbst 2021 hat es tats\u00e4chlich gegeben. <a href=\"https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/Energie\/220325_faktenpapier_gasspeichergesetz.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Das Gasspeichergesetz, welches den Bundestag bereits passiert hat<\/a> und am 8. April 2022 <a href=\"https:\/\/www.bundesrat.de\/SharedDocs\/drucksachen\/2022\/0101-0200\/132-1-22.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">vom Bundesrat abschlie\u00dfend behandelt<\/a> werden wird, um am 1. Mai 2022 in Kraft zu treten, ist zum Teil eine Reaktion darauf, um die Wiederholung dieses Vorgangs auszuschlie\u00dfen. Systematischer wird von EU-Ebene darauf reagiert, das Gasspeichergesetz ist ein Teil-Vorgriff auf die in Br\u00fcssel konzipierten \u00c4nderungen im Energierecht, in der Gas-Richtlinie.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund stehen zwei Fragen im Raum:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Worin bestand die Manipulation des Marktes durch Gazprom und hatte das einen Einfluss auf den Gaspreis in Europa, handelt es sich da gar um eine Nutzung von Gas als Waffe?<\/li><li>Sind die Energietr\u00e4gerpreisanstiege als Teil einer \u201eInflation\u201c anzusehen? Mit den beiden Unterfragen: a) vor der Kriegssituation in der Ukraine: War das als eine Situation auf Dauer oder als eine vor\u00fcbergehende anzusehen? b) Nachdem sich das Ursachengeflecht mit dem Krieg, hier insbesondere den westlichen Sanktionen und den (m\u00f6glichen) Importembargos, die teilweise bereits realisiert worden sind, \u00fcberlagert hat: Ist es angemessen, die dadurch ausgel\u00f6sten Preissteigerungen im gesellschaftlichen Verteilungskampf mit einem Ausgleichsanspruch zu versehen oder ist das die R\u00fcckwirkung, die unausweichliche Kehrseite der westlichen Sanktionen, die dann auch solidarisch getragen werden muss?<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><strong>Die Besonderheit von Gasspeichern (gegen\u00fcber \u00d6l-Speichern)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt ist: Die Krisenvorsorge ist zwischen \u00d6l und Erdgas g\u00e4nzlich unterschiedlich aufgestellt. Bei \u00d6l wurde sie geregelt, nach den dramatischen Erfahrungen von 1973, und sie ist auch einfach zu vollziehen: Der Staat gr\u00fcndet eine beauftragte Institiution, die kauft \u00d6l auf dem Markt und lagert ein. In Deutschland ist das <a href=\"https:\/\/www.ebv-oil.org\/cms\/cms2.asp?sid=63&amp;nid=&amp;cof=63\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Aufgabe des EBV Erd\u00f6lbevorratungsverbands<\/a>. Der ist zudem eingebunden in eine IEA-gesteuertes internationales System der Krisenvorsorge. Die Kosten f\u00fcr diese Lagerung werden durch eine Spezialabgabe auf \u00d6lprodukte finanziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Erdgas gab und gibt es soetwas nicht. Es existieren aber Erdgasspeicher in erheblichem Umfang gleichsam \u201evon alleine\u201c, marktgetrieben. Die sind unterirdisch angelegt, sind Naturressourcen, die Ausstattung verschiedener Staaten in Europa mit Erdgasspeichern ist deshalb recht unterschiedlich. Deutschland ist naturr\u00e4umlich beg\u00fcnstigt, also ist es \u00fcberdurchschnittlich gut ausgestattet mit Erdgasspeichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Erdgasspeicher wurden ausgebaut, weil sie Teil eines Gesch\u00e4ftsmodells sind. Entscheidend ist die Saisonalit\u00e4t der Nachfrage in Europa, die klimazonenspezifisch ist. Gas wird zu einem guten Teil zum Heizen, zur W\u00e4rmeversorgung, verwendet, und der Bedarf besteht eben vor allem im Winter und gering nur im Sommer. Die kapitalintensiven Infrastrukturen von Gas-F\u00f6rderung und -Ferntransport sollen aber m\u00f6glichst durchgehend mit voller Kapazit\u00e4t genutzt werden. Also wurde Strich gefahren und der sommerliche \u00dcberschuss an gef\u00f6rdertem Gas eingespeichert, um ihn im Winter zu nutzen. Ein Nadel\u00f6hr in der Entstehungszeit war zudem die knappe Kapazit\u00e4t der Fernleitungen \u2013 Folge war, dass die Speicher in den Regionen des Endverbrauchs zu liegen hatten. So wurde es unter den monopolistischen Bedingungen der Entstehungszeit eingerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Liberalisierung des Gasmarktes durch die EU wurde das so vorgefunden; man machte aus den Speichern eigenst\u00e4ndige Marktakteure, die den Lieferanten ihre Kapazit\u00e4ten diskriminierungsfrei anzubieten haben. Als Regel galt: Gas ist im Sommer g\u00fcnstig einzukaufen und im Winter teuer. Dieses (jeweils erwarteten) \u201eSpreads\u201c wegen ist zu erwarten, dass es ein tragf\u00e4higes Gesch\u00e4ftsmodell gibt, dass darauf Verlass ist, dass die H\u00e4ndler im Sommer und Herbst die Speicher f\u00fcllen und sie im Laufe der Heizungssaison wieder leeren \u2013 um damit einen Gewinn zu machen. Gedanken von Schlimmem, (a) von sich absprechenden Marktakteuren oder (b) von ungew\u00f6hnlichen Marktkonstellationen, die den Anreiz einzuspeichern zum Verschwinden bringen lassen k\u00f6nnten, an all soetwas wurde bei der Konzipierung des Gas-Marktsystems nicht gedacht. Das aber trat, kumulativ, im Herbst 2021 ein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Ausl\u00f6ser beziehungsweise das Vorspiel: Das schlitzohrige Gazprom-Verhalten im Herbst 2021<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gazprom hat im Sommer\/Herbst 2021 vorgef\u00fchrt, welches \u201eSpiel\u201c mit Marktmitteln unter der bestehenden Regulierung, also anscheinend legal, m\u00f6glich ist. Dazu gibt es eine wunderbare bildhafte Darstellung des Neu-MdB Bengt Bergt (SPD; Wahlkreis Segeberg\/Stormarn-Mitte). Der, in seiner <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btp\/20\/20021.pdf#P.1649\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Rede im Bundestag am 17. M\u00e4rz 2022<\/a>, folge ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nicht-Normalfall, f\u00fcr den nichts an Regulierung etabliert war, trat in der zweiten H\u00e4lfte 2021 ein. Es tanzte das Speicher-Verhalten in Rehden v\u00f6llig aus der Reihe. Rehden ist bedeutend, bietet 17 Prozent der Speicherkapazit\u00e4t in Deutschland insgesamt. W\u00e4hrend andernorts einigerma\u00dfen normal, wenn auch im Ergebnis zu gering, eingespeichert wurde, blieb der Speicher in Rehden fast leer. Zudem gilt: Dieser Speicher mit seinem Ausnahme-Verhalten ist im Eigentum von Gazprom Germania. Nun sind wir im Markt: Gazprom Germania kann nicht entscheiden, ob seine Speicherkapazit\u00e4t in Anspruch genommen wird oder nicht. Das entscheiden die Marktteilnehmer. Die Specherkapazit\u00e4ten werden regelm\u00e4\u00dfig via Auktionen angeboten. Das hat auch Gazprom Germania so gemacht. Und die Kapazit\u00e4ten wurden auch gebucht. Nur: Die Firmen, die dort einzuspeichern das Recht sich gesichert hatten \u2013 und es dann nicht genutzt haben \u2013, geh\u00f6ren s\u00e4mtlich auch Gazprom. Bergt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Das war <strong>nach dem Gesetz alles legal<\/strong>, es war unbundelt. Das hei\u00dft, der Speicher war zwar gebucht, aber er war nicht bef\u00fcllt. Das <strong>Ziel dahinter<\/strong> \u2013 das ist jetzt offensichtlich \u2013 war, <strong>Druck hinsichtlich der Zulassung von Nord Stream 2 auszu\u00fcben<\/strong>.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erg\u00e4nze und pr\u00e4zisiere:<\/p>\n\n\n\n<p>Am 10. September 2021 waren beide Str\u00e4nge der Pipeline Nord Stream 2 (NS2) vom Bergamt Stralsund betriebstechnisch zugelassen. Am 4. Oktober 2021 haben sowohl die Nord Stream AG als auch die Danish Energy Agency (DEA) best\u00e4tigt, dass ein Strang von Nord Stream 2<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong><em>can be put in operation<\/em><\/strong><em>, because Nord Stream 2 AG has <strong>fulfilled<\/strong> relevant conditions including <strong>conditions concerning certification<\/strong>.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ausstand allein noch ein eher formaljuristischer Vorgang, die Zertifizierung des Betreiberunternehmens hinsichtlich sicherheitlicher Vorstellungen. Auch da war man im Herbst 2021 der Ziellinie nahe. <a href=\"https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Pressemitteilungen\/2021\/10\/20211026-bmwi-uebermittelt-versorgungssicherheitsanalyse-im-zertifizierungsverfahren-nord-stream-2-an-bundesnetzagentur.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Das Bundesministeriums f\u00fcr Wirtschaft und Energie (BMWi) hatte am 26. Oktober 2021 best\u00e4tigt, dass durch die Zertifizierung beziehungsweise die Zulassung der Nord Stream 2 AG als Unabh\u00e4ngiger Transportnetzbetreiber die Sicherheit der Elektrizit\u00e4ts- oder Gasversorgung Deutschlands und der EU nicht gef\u00e4hrdet wird<\/a>. Angesichts der generellen Nicht-Normal-Situation bei den Preisen, dem sogar negativen Spread zwischen Sommer- und Winter-Preisen, lag die Idee nahe: Man k\u00f6nnte darauf setzen beziehungsweise mit herbeif\u00fchren, dass der jenseits des in seiner Kapazit\u00e4t knapp bemessenen Pipeline-Ferntransport-Systems, also in der EU, angelegte Gas-Vorrat gegen Winterende nicht reichen wird \u2013 es ist dann nicht so gekommen, der Winter 2021\/22 war zuf\u00e4lligerweise recht warm. Doch w\u00e4re es anders gekommen, dann h\u00e4tte Deutschlands Regierung vor einer h\u00f6chst unangenehmen Wahl gestanden \u2013 man muss sich das alles unter Vorkriegs-Bedingungen vorstellen, und die Gazprom-F\u00fchrung wusste von Putins Kriegspl\u00e4nen auch nicht mehr als wir:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"a\"><li>Entweder den Mangel als gegeben nehmen und ihn gem\u00e4\u00df den europ\u00e4ischen und deutschen Vorgaben verwalten;<\/li><li>oder aber sehen, dass die Pipeline-Knappheit eine einfach aufl\u00f6sbare ist, das hei\u00dft dem NS2-Betreiber eine Ausnahmegenehmigung geben, damit erstmals Gas durch NS2 nach Deutschland flie\u00dft.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Bergt weiter zum Preiseffekt dieses anscheinend abgesprochenen Verhaltens von Gazprom-T\u00f6chtern \u2013 wozu inzwischen eine EU-Untersuchung begonnen wurde:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eMit &#8230; 17 Prozent zu wenig im Speicher sind wir durch den Winter unterwegs gewesen. &#8230; stellen Sie sich &#8230; vor, Sie sind durstig und rennen in den Supermarkt, aber dort, wo sonst die Getr\u00e4nke stehen, steht nur Leergut, und vor dem Regel befindet sich eine Kette, sodass keiner volle Flaschen einr\u00e4umen kann. Das ist die Situation &#8230; Diese Sorge um Knappheit hat den Weg f\u00fcr die grenzenlosen Spekulationen und Preisaufschl\u00e4ge von 500 bis 600 Prozent m\u00f6glich gemacht, obwohl wir genug hatten. Es gab keine Knappheit \u2013 gibt es \u00fcbrigens immer noch nicht \u2013; es wird nur kr\u00e4ftig mit der Angst Geld verdient.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Limo, Regal und Ketten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bergts nimmt das eingef\u00fchrte Bild vom Regal im Supermarkt, im dem Getr\u00e4nke gespeichert werden und zur Abholung im Notfall, der Durstsituation, bereitstehen, auf, um einen Aspekt des Gasspeichergesetzes zu motivieren. Ziel ist eben auch, aus den Vorg\u00e4ngen um Rehden Konsequenzen zu ziehen\u2013 auch dass sich Derartiges nicht wiederholen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Wir brauchen Regeln mit dem Ziel, durch die Vorgabe und Einhaltung von Mindestf\u00fcllst\u00e4nden Versorgungssicherheit herzustellen. Wir brauchen die M\u00f6glichkeit, Gas auf den Markt zu bringen, wenn es n\u00f6tig ist, damit wir nicht sehenden Auges in die n\u00e4chste Krise laufen. Und wir wollen uns ja unabh\u00e4ngig machen von russischem Gas. Dazu m\u00fcssen wir in der Lage sein, zu puffern, wenn es einmal zu Engp\u00e4ssen kommt. Das ist ein superkomplexes Thema. &#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>In den Markt einzugreifen, ist sehr schwierig, weil der Markt durchliberalisiert ist.<\/em><\/strong><em> Das hei\u00dft, der Staat hat keine eigenen Speicher, hat kein eigenes Gas und hat auch keinen Zugriff auf die Speicher. <strong>Der Markt regelt also so lange, bis sich jemand nicht mehr an die Regeln h\u00e4lt.<\/strong> Das bringt uns zum Kern der Sache, zu den neuen Regeln:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die <strong>erste neue Regel<\/strong> ist: Wir werden konkrete Speichervorgaben machen. Wir werden, um bei der Analogie zu bleiben, zu bestimmten Zeitpunkten vorgeben, wie viele Flaschen im Regal stehen sollen. Dazu gibt es regelm\u00e4\u00dfige Berichte zu den F\u00fcllst\u00e4nden und den Prognosen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann kommt die <strong>zweite neue Regel<\/strong>. Wir regeln eine erzwingbare Bereitstellung ungenutzter Kapazit\u00e4ten. Das hei\u00dft: \u201eDu hast keinen Platz im Regal? Gut, wir stellen dir ein Regal.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann die <strong>dritte neue Regel<\/strong>: Wir schreiben strategische Einlagerungsmengen aus, als Option f\u00fcr eine marktbasierte Bef\u00fcllung von Speicherkapazit\u00e4ten. Das hei\u00dft, wir legen einen Preis fest f\u00fcr die Limo, die im Regal stehen soll.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bei der <strong>vierten neuen Regel<\/strong> machen wir marktbasiert das Gleiche, aber wir legen noch ein Z\u00fcckerli obendrauf und sagen: \u201eOkay, die Limo ist gerade knapp, wir zahlen dir ein bisschen mehr; wir brauchen die Limo, wir haben Durst.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dann kommt aber die <strong>f\u00fcnfte neue Regel<\/strong>, und die ist die wichtigste: Wenn das Wirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur sagen: \u201eEs wird Speicherplatz gebucht, wir brauchen unbedingt neue Vorr\u00e4te\u201c, dann wird physisches Gas gekauft und eingespeichert, und wir halten es, auch bis zum Ende der Heizsaison, geben es dann heraus, wenn es n\u00f6tig ist. Das hei\u00dft, wir kaufen jetzt die Limo selbst, wir stellen das Regal, und wir haben die Kette vor dem Regal weggenommen. Dann behalten wir aber auch das Regal und verkaufen die Limo selbst.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Ganze wird kontrolliert vom Wirtschaftsministerium und der Bundesnetzagentur. &#8230; Wir m\u00fcssen aufpassen, dass da nichts schiefl\u00e4uft. Denn <strong>der ganze Markt ist momentan wie ein Knallbonbon<\/strong>: Da ist die Regulierung auf der einen Seite, da ist der Markt auf der anderen Seite, und wenn wir an beiden Seiten zu sehr ziehen, knallt es vielleicht. Dann haben wir das Problem, dass wir das Erdgas rationieren m\u00fcssen. Das m\u00fcssen wir verhindern: &#8230;.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Markt und Regulierung: Komplexes Verh\u00e4ltnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie das alles so gestaltet werden kann, dass der Markt trotz dieser Sicherheitsvorgaben funktioniert, ist wie erw\u00e4hnt h\u00f6chst komplex. Das wird hier nicht zum Thema gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar aber ist: Bisher wurde das Sicherheitsniveau der Gasbevorratung durch die Gash\u00e4ndler, durch deren Spekulation, implizit festgelegt. Nun wird es eine Vorgabe des Mindestf\u00fcllniveaus durch den Regulierer geben. Nun muss also \u201eerg\u00e4nzend\u201c zugekauft werden, wenn die H\u00e4ndler nicht \u201evon alleine\u201c \u201egen\u00fcgend\u201c einspeichern.<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es keine Interferenz zwischen dem von den H\u00e4ndlern autonom bestimmten Einspeicherungs.Niveau und der Regulierung, dann ist es relativ einfach. Dann muss nur \u201ezus\u00e4tzlich\u201c zugekauft werden, \u201emehr\u201c Geld investiert werden als die H\u00e4ndler es zu tun bereit sind. Am Ende einer Saison wird sich dann herausstellen, wer besser auf die Zukunft spekuliert hat, die H\u00e4ndler oder der Staatsbeauftragte \u2013 allf\u00e4llige Mehrkosten, der Sicherheitsaufschlag, werden als Gemeinkosten \u00fcber die Geb\u00fchren der Gasnetzbetreiber auf die Kunden umgelegt. Soweit so einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich kompliziert wird es erst, wenn die H\u00e4ndler sich nicht unabh\u00e4ngig verhalten, wenn sie vielmehr Marktchancen darin erkennen, dass sie sich gegen den Regulierer verhalten und daraus Gewinne realisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann Bisher wurde das Sicherheitsniveau der Gasbevorratung durch die Gash\u00e4ndler und ihre Spekulation implizit festgelegt. Nun wird es eine Vorgabe des Mindestf\u00fcllniveaus durch staatliche Institutionen Regulierer geben. 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