{"id":1074,"date":"2022-10-10T16:41:57","date_gmt":"2022-10-10T14:41:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=1074"},"modified":"2022-10-10T16:44:39","modified_gmt":"2022-10-10T14:44:39","slug":"mit-dem-naechsten-winter-ist-die-gasmengenkrise-mitnichten-vorbei-ein-vorblick-auf-den-winter-2023-24","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/mit-dem-naechsten-winter-ist-die-gasmengenkrise-mitnichten-vorbei-ein-vorblick-auf-den-winter-2023-24\/","title":{"rendered":"Mit dem n\u00e4chsten Winter ist die Gasmengenkrise mitnichten vorbei. Ein Vorblick auf den Winter 2023\/24"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mike Fulwood vom Oxford Institute for Energy Studies hat im September 2022 ein Paper ver\u00f6ffentlicht, in dem er sich analytisch mit der drohenden Gasmangel-Lage befasst. Die Gasmangel-Lage ist zu unterscheiden von der Gas-Preis-Krise \u2013 beide zusammen konstituieren die aktuelle Gaskrise der EU. Die Befassung mit der Mengen-Krise mangelte ihrerseits bislang daran, dass fast immer willk\u00fcrlich Deutschland als isoliertes Subjekt ins Zentrum ger\u00fcckt wurde; es braucht die Identifizierung jenes Ausschnitts von den Staaten Europas, die von Russlands Gas in besonderer Weise abh\u00e4ngig und also nun und in Zukunft besonders betroffen sind vom physischen Mangel: Deutschland, Tschechien, Slowakei, Ungarn und \u00d6sterreich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nun hat die Bundesregierung, unter einem liberal gef\u00fchrten Finanzministerium, entschieden, einen <a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Downloads\/Schlaglichter\/Entlastungen\/abwehrschirm-gegen-folgen-des-russischen-angriffskrieges.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eWirtschaftlichen Abwehrschirm gegen die Folgen des russischen Angriffskrieges\u201c<\/a> einzuf\u00fchren, finanziert durch Staatskredite. Medial wird er, in ziemlicher Verk\u00fcrzung, als \u201eGaspreisbremse\u201c aufgefasst. Das ist halbwahr, wie ein Vergleich der Finanzvolumina f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/die-debatte-um-die-gasumlage-politisch-desorientiert-rechtsstaatlich-fragwuerdig\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gasbeschaffungsumlage<\/a> (34 Milliarden Euro) und f\u00fcr den Abwehrschirm in H\u00f6he von 200 Milliarden Euro zeigt. F\u00fcr welches Krisenszenario der Teil \u201eGaspreisbremse\u201c ausgelegt ist, f\u00fcr welche Gaspreisniveaus in dieser Zeit er ausgelegt ist, dar\u00fcber sagt der Plan bislang nichts. Bekannt ist lediglich, dass die Mittel bis Fr\u00fchjahr 2024 zur Verf\u00fcgung stehen. 2025 wird gew\u00e4hlt. Am unterschiedlichen Umgang gerade der Regierungs-Parteien mit der Frage, ob die drei noch am Netz befindlichen Kernkraftwerke weiterlaufen sollen, wird deutlich, dass die Kontrahenten versuchen, im Rahmen unterschiedlicher Zeithorizonte f\u00fcr den Krisenmodus zu argumentieren. Gr\u00fcne und SPD betonen, \u201ewohl\u201c \u00fcber den n\u00e4chsten Winter kommen zu m\u00fcssen; die Konservativen und die Liberalen, die in der Kernkraftfrage ein Oppositionsb\u00fcndnis gegen die Gr\u00fcnen geschmiedet haben, r\u00fccken den Winter 2023\/24 und die Zeit danach in den Blick. \u201eDanach\u201c aber ist Wahlkampf angesagt. Der Blick auf die Gasmangellagen in den Wintern 2023\/24 und 2024\/25 ist deshalb aus parteipolitischer Perspektive strategisch relevant.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neue Analyse vom Oxford Institute for Energy Studies \u2013 das betroffene Zentrum von f\u00fcnf Staaten in Mitteleuropa<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da trifft es sich gut, dass <a href=\"https:\/\/www.oxfordenergy.org\/wpcms\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Europes-Infrastructure-and-Supply-Crisis.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Mike Fulwood vom Oxford Institute for Energy Studies gerade ein Paper ver\u00f6ffentlicht<\/a> hat, in dem er sich analytisch mit der drohenden Gasmangel-Lage befasst. Die Gasmangel-Lage ist zu unterscheiden von der Gas-Preis-Krise \u2013 beide zusammen konstituieren die aktuelle Gaskrise der EU. Die Befassung mit der Mengen-Krise mangelte ihrerseits bislang daran, dass fast immer willk\u00fcrlich Deutschland als isoliertes Subjekt ins Zentrum ger\u00fcckt wurde \u2013 Musterbeispiel ist der t\u00e4glich aktualisierte, aber wenig aufschlussreiche <a href=\"https:\/\/www.bundesnetzagentur.de\/DE\/Fachthemen\/ElektrizitaetundGas\/Versorgungssicherheit\/aktuelle_gasversorgung\/_downloads\/09_September\/220929_gaslage.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eLagebericht Gasversorgung\u201c der Bundesnetzagentur (BNetzA)<\/a>. Das zu l\u00f6sende Problem mit der Darstellung ist ein doppeltes:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Es braucht die Identifizierung jenes Ausschnitts von den Staaten Europas, die von Russlands Gas in besonderer Weise abh\u00e4ngig und also nun und in Zukunft besonders betroffen sind vom physischen Mangel \u2013 also eine Mittelebene zwischen Europa als Ganzem und Deutschland.<\/li><li>Dieser Ausschnitt muss begr\u00fcndet sein in (unvollkommenen) Netzkonfigurationen, und das nicht mehr nur im Hinblick auf die Anbindung an Pipelines aus Russland sondern nun auch an Pipelines und LNG-Einspeisepunkte im Nord-Westen, \u00fcber die in Zukunft Ersatz seinen Weg finden kann.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Vom physischen Mangel absehbar betroffen ist das Konglomerat der f\u00fcnf Staaten Deutschland, Tschechien, Slowakei, Ungarn und \u00d6sterreich \u2013 die (mit Ausnahme Ungarns) wurden bislang durch drei Pipeline-Str\u00e4nge aus Russland beliefert,<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>\u00fcber die Ukraine (UGTS),<\/li><li>\u00fcber Polen (Yamal) sowie<\/li><li>\u00fcber Nord Stream 1 und damit via Deutschland.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Yamal und Nord Stream 1 sind geschlossen, \u00fcber das UGTS str\u00f6mt nur noch eine kleine Menge (14,5 Milliarden cbm (auf Jahresbasis extrapoliert)), dieselbe Menge via Turkstream. Macht zusammen einen Zufluss aus Russland noch in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 29 Milliarden cbm (auf Jahresbasis extrapoliert) \u2013 solange er denn str\u00f6mt. Ersatz kann nur kommen via Pipelines vom Nordwesten, aus Norwegen (eigene Vorkommen) sowie aus UK, den Niederlanden und Belgien. UK und Niederlande haben zwar auch eigene Vorkommen, die aber sind klein und vor allem im R\u00fcckgang begriffen. Leicht stilisierend kann man also sagen: Die f\u00fcnf Mangel-betroffenen Konglomerat-Staaten in Mitteleuropa k\u00f6nnen Gas lediglich noch beziehen aus Norwegen oder als LNG-Importe \u00fcber Anlandestationen in UK, Belgien und NL \u2013 sowie demn\u00e4chst (zunehmend) in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sonderfall Polen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Stilisierung ist, das muss man erg\u00e4nzen, Polen ausgeklammert. Polen ist ein Sonderfall. Polen ist eigentlich mit Deutschland verbunden durch die Yamal-Pipeline, die nach der Krise im Verh\u00e4ltnis Russland-Ukraine von 2005 <em>reverse-flow<\/em>-f\u00e4hig gemacht wurde. Hinzugekommen ist die gerade fertig gestellte Pipeline Baltic Pipe, die Norwegen direkt mit Polen verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Versorgungsrichtung im bisherigen Normalfall war, dass russisches Gas, welches \u00fcber die Yamal-Pipeline lief, Polen versorgte und dar\u00fcber hinaus Mengen in den Gas-Hub Deutschland geliefert wurden. <a href=\"https:\/\/www.blog-der-republik.de\/unsere-alliierten-das-kleine-einmal-eins-der-bundnistreue\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Seit Polen im Mai 2022 auf s\u00e4mtliche Mengen aus Russland verzichtet hat<\/a>, wurde Polen aus Deutschland \u00fcber Yamal im <em>reverse flow<\/em>-Modus versorgt \u2013 mit Gas aus entweder russischen oder norwegischen Quellen. Inzwischen flie\u00dft aus russischen Quellen auch indirekt nichts mehr nach Polen. Mit der neuen Direkt-Pipeline Baltic Pipe erschlie\u00dft Polen sich keine neuen Quellen, macht sich lediglich unabh\u00e4ngig von Deutschland als Transit-Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Polen damit eigentlich zum Verbund der betroffenen Konglomerat-Staaten in Mitteleuropa geh\u00f6rt, wird Polen in der Fulwoodschen Stilisierung au\u00dfen vor gelassen \u2013 mittels der Unterstellung, dass Polen sich selbst helfen kann und nicht Zusatzlieferungen aus Norwegen zulasten der Konglomerat-Staaten abzweigt. Ein Waffenstillstand im Kampf um sehr knappe Gasressourcen wurde da unterstellt. Ob der Friede halten wird, wenn es im Zulauf auf den Winter 2023\/24 wirklich knapp wird, wenn es um Speicherf\u00fcllung geht, ist offen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vorgehensweise: 4 Kalkulationen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die struktuelle Botschaft von Fulwoods Paper ist: Je knapper nur es im gerade anbrechenden Winter 2022\/23 gelingt, das rettende Ufer des Sommers 2023 zu erreichen, desto \u00e4rger sind die Aussichten f\u00fcr den folgenden Winter 2023\/24. Quantitativ sagt Fulwood: Nur mit viel Gl\u00fcck kommen wir auf Winterende 2022\/23 mit einer v\u00f6lligen Entleerung der Speicher ins Ziel \u2013 dann aber ist eine maximale Speicherf\u00fcllung im Zulauf auf den Winter 2023\/24 lediglich in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 35 bis 55 Prozent erreichbar. Das alles ist kalkuliert f\u00fcr einen kalten Winter einerseits aber sehr optimistischen Annahmen \u00fcber die erreichbaren Mengen an Importen via LNG andererseits. Als Konstante unterlegt ist, dass Russland den Gashahn nicht v\u00f6llig drosselt, dass es beim Zufluss von 29 Milliarden cbm\/a \u00fcber den kommenden Winter hinweg bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fulwood pr\u00e4sentiert vier Kalkulationen. Er beginnt (i) mit einer f\u00fcr das Kalenderjahr 2023, in der von der Speicherfrage abstrahiert ist. Speicher aber sind entscheidend, weil sie das zeit\u00fcberbr\u00fcckende Element darstellen. Wobei zwischen zwei Speicher-Charakteristika zu unterscheiden ist:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>dem statischen Element, ausschlaggebend f\u00fcr die Antwort auf die Frage, ob die Speicher im Sommer hinreichend gef\u00fcllt werden k\u00f6nnen;<ul><li>dem dynamischen Element, entscheidend f\u00fcr die Antwort auf die Frage, ob die Geschwindigkeit der Speicherleerung im Winter die technisch m\u00f6gliche Grenzgeschwindigkeit m\u00f6glicherweise \u00fcberschreiten m\u00fcsste, um die Nachfrage decken zu k\u00f6nnen.<\/li><\/ul><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Es folgt die Kalkulation (ii) f\u00fcr einen Durchschnittstag im Winterspitzenmonat \u2013 da ist erfahrungsgem\u00e4\u00df im Januar die Nachfrage am h\u00f6chsten. Ziel ist hier der Check, ob die dynamische Grenz-Eigenschaft bei der Inanspruchnahme der Speicher nicht \u00fcberschritten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt eine Kalkulation (iii) f\u00fcr das Winterhalbjahr insgesamt, f\u00fcr 6 Monate. Ziel ist, die Gr\u00f6\u00dfe der Entspeicherung auf Winterende, hier Ende M\u00e4rz 2023, zu bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus ergibt sich die Frage f\u00fcr die vierte Kalkulation (iv), f\u00fcr das Sommerhalbjahr, welcher Speicherstand auf Beginn des Winterhalbjahres 2023\/24 zu erreichen ist. Hier wird wieder f\u00fcr einen Durchschnittstag, nun im Sommermonat, gerechnet \u2013 das Ergebnis f\u00fcr den Speicherf\u00fcllstand wird daraus auf das Sommerhalbjahr hochgerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(i) Kalkulation f\u00fcr das Jahr 2023<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Einheit, in der in der Jahresbilanz gerechnet wird, sind Milliarden cbm Gas pro Jahr. Russland liefert gegenw\u00e4rtig, auf Jahresmenge hochgerechnet, 29 Milliarden cbm. Zum Vergleich: Das maximale Volumen der deutschen Gasspeicher in Summe liegt bei knapp 25 Milliarden cbm, das der Speicher im Konglomerats-Gebiet bei 55,5 Milliarden cbm. <a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/en\/press\/press-releases\/2022\/07\/26\/member-states-commit-to-reducing-gas-demand-by-15-next-winter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die EU-Energieminister einigten sich am 26. Juli 2022 auf einen gemeinsamen Gasreduktionsplan<\/a>. Ma\u00dfgabe ist, dass die EU-Mitgliedstaaten ihren Winter-Gasverbrauch um 15 Prozent senken gegen\u00fcber den Vorjahren \u2013 das entspr\u00e4che, auf\u2019s Jahr hochgerechnet, 60 Milliarden cbm. F\u00fcr die Konglomeratsstaaten aber nur weniger als die H\u00e4lfte davon.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4sst man die Kapazit\u00e4t an Importen aus Russland beiseite, so liegt die verbleibende Import-Kapazit\u00e4t der Konglomerat-Staaten, also der aus Norwegen und an LNG, gegenw\u00e4rtig in Summe bei 113 Milliarden cbm\/a, in 2023 werden effektiv 23 Milliarden cbm\/a hinzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Netto-Nachfrage dieser Region wird auf 152 Milliarden cbm\/a gesch\u00e4tzt \u2013 es gibt daneben eine kleine Restmenge an Eigenf\u00f6rderung von zusammen 25 Milliarden cbm\/a (NL: 17,5, DEU: 5). So gesehen ist schon im gegenw\u00e4rtigen Zustand die Nachfrage h\u00f6her als das Angebot. In 2023 wird sich die L\u00fccke verringern \u2013 sofern denn die 29 Milliarden cbm\/a aus Russland im Angebot bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neu hinzukommenden Import-Kapazit\u00e4ten f\u00fcr 2023 liegen bei 7 (NL) beziehungsweise 16 (DEU) Milliarden cbm\/a. Zusammen also 23 Milliarden cbm\/a. Das ist gerechnet auf Jahresbasis. Die Nenn-Leistung, die auf Ende 2023 in Deutschland hinzugekommen sein wird, liegt bei 28 Milliarden cbm\/a.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nominell beziehungsweise als Potenzial gerechnet. Die Frage ist, ob diese zus\u00e4tzliche Kapazit\u00e4t auch zu 100 Prozent zu nutzen sein wird, durch Zusatzlieferungen unterlegt werden kann. Fulwoods Einsch\u00e4tzung dazu ist skeptisch, aber eine Kapazit\u00e4tsauslastung in H\u00f6he von 100 Prozent ist ohnehin unrealistisch; wenn sie neu ist, gilt das doppelt. Hinzu kommt, versch\u00e4rfend: <a href=\"https:\/\/hcss.nl\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/15.2.19-Groningen-gas-the-loss-of-a-social-license-to-operate.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zum einen wird die Eigenf\u00f6rderung in NL, aus dem Groningen-Feld, deutlich zur\u00fcckgehen<\/a>. Zum anderen wird der Wettbewerb um LNG-Mengen auch zu Substitutionsprozessen bei Zuf\u00fchrungen in die Konglomerats-Region f\u00fchren. Fulwood meint, die LNG-Mengen, die Deutschland in Zukunft anlanden kann, werden \u00fcberwiegend Anlandungen in UK ersetzen; und Polens Akquise in Norwegen werde ebenfalls einen \u201aKannibalisierungseffekt\u2019 haben, hier f\u00fcr Deutschlands Bezug aus Norwegen. Im Ergebnis bilanziert Fulwood wie folgt \u2013 vergleiche Tabelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Speicher, Ein- und Ausspeicherung, sind da wegsaldiert worden, weil bei hinreichender Verf\u00fcgbarkeit und unbestimmten Wetterjahren Einspeicherung gleich Ausspeicherung gesetzt werden darf. Die Deckung der Nachfrage ist durch die drei Terme Eigen-Produktion, Export und Importe, also den Bedarf an Importen, bestimmt. Die weiteren Zeilen zeigen Zweierlei<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"a\"><li>selbst bei 100-prozentiger Nutzung der Importkapazit\u00e4t bleibt eine (kleine) L\u00fccke zum Bedarf;<\/li><li>zudem schwebt \u00fcber allem die Annahme, dass die Gaslieferung aus Russland nicht entf\u00e4llt. Anders formuliert: Die Konglomerat-Staaten in Mitteleuropa werden mit einem Speicher-Defizit in den Winter 2023\/24 gehen. Wie hoch es ist, hat wesentlich Russland in der Hand, zudem ist es davon abh\u00e4ngig, inwieweit diese Region sich auf den globalen LNG-M\u00e4rkten gegen den wachsenden Bedarf in S\u00fcdost-Asien, aber auch in Europa gegen UK und Polen wird durchsetzen k\u00f6nnen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table is-style-regular\"><table><tbody><tr><td>&nbsp;<\/td><td>Jahr 2023<\/td><td>Spitze Winter Jan. 2023<\/td><td>Winterhalbjahr 2022\/23<\/td><td>Sommer 2023<\/td><\/tr><tr><td>Einheit<\/td><td>Mrd. cbm\/a<\/td><td>Mio. cbm\/Tag<\/td><td>Mio. cbm\/Tag<\/td><td>Mio. cbm\/Tag<\/td><\/tr><tr><td>Nachfrage<\/td><td>178<\/td><td>850<\/td><td>710<\/td><td>320<\/td><\/tr><tr><td>Eigen-Produktion<\/td><td>22<\/td><td>95<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>70<\/td><\/tr><tr><td>Export<\/td><td>2<\/td><td>0<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>20<\/td><\/tr><tr><td>Import(-Bedarf)<\/td><td>155<\/td><td>425<\/td><td>425<\/td><td>250<\/td><\/tr><tr><td>erw. von Russland<\/td><td>29<\/td><td>80<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>80<\/td><\/tr><tr><td>erw. von Norwegen<\/td><td>70<\/td><td>200<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>200<\/td><\/tr><tr><td>erw. von UK (Pipe)<\/td><td>8<\/td><td>65<\/td><td>0<\/td><td>65<\/td><\/tr><tr><td>LNG: sicher<\/td><td>47<\/td><td>80<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>90<\/td><\/tr><tr><td>LNG: vielleicht<\/td><td>42<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><\/tr><tr><td>Speicher: Entnahme (\u2013); F\u00fcllung (+)<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>-330<\/td><td>-270<\/td><td>+165<\/td><\/tr><tr><td>Import-Kapazit\u00e4t<\/td><td>152<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>415<\/td><\/tr><tr><td>Defizit<\/td><td>3 \u2013 11<\/td><td>0<\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><\/tr><tr><td>Ent-\/Einspeicherung aggregiert pro Halbjahr<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>in Mrd. cbm<\/em><\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td><br><br><br><br>-49<\/td><td><br><br><br><br>+30<\/td><\/tr><tr><td>Speicherstand auf Ende bzw. Beginn der Winter-Periode<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>in Mrd. cbm<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; in %<\/em><\/td><td>&nbsp;<\/td><td>&nbsp;<\/td><td><br><br>1<br>0<\/td><td><br><br><br>35 bis 55<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>(ii) Kalkulation f\u00fcr Januar 2023, kalter Winter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird in der Einheit Millionen cbm\/Tag gerechnet. Gemeint ist damit nicht ein wirklicher Spitzennachfrage-Tag, gemeint ist vielmehr ein durchschnittlicher Tag im k\u00e4ltesten Monat; und das ist erfahrungsgem\u00e4\u00df der Monat Januar. Der angegebene Wert f\u00fcr die Nachfrage ist an den kalten Januar 2021 angelehnt. F\u00fcr die Deckung dieser Nachfrage zur Winterspitze stehen drei Optionen zur Verf\u00fcgung: Eigen-Produktion, Importe und Entspeicherung. Da sind im Zweifel jeweils Werte angenommen worden, die am oberen Rand des zu Erwartenden liegen \u2013 der Wert f\u00fcr Importe aus UK zum Beispiel d\u00fcrfte weit eher bei Null liegen, wenn der Winter richtig kalt ist. Die weiteren Zeilen zeigen:<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst unter diesen superoptimistischen Annahmen liegt die Speicherentnahme bei 330 Millionen cbm\/Tag \u2013 das ist knapp unter dem Wert der Entnahme in H\u00f6he von 370 Millionen cbm\/Tag, der von Fullwood als maximal m\u00f6glich angegeben wird. Ob das korrekt ist, erscheint fraglich. Fullwood nimmt einen konstanten Wert an, in Wahrheit aber ist die maximale Entspeicherungsrate eine sinkende Funktion des verbleibenden F\u00fcllstands \u2013 geht es gegen Null, gegen Winterende, so gelten deutlich geringere Wertte. Ohne Import aus UK steigt der Entnahme-Bedarf auf den technisch nicht m\u00f6glichen Wert von 395 Millionen cbm\/Tag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(iii) Kalkulation f\u00fcr Winterhalbjahr 2022\/23<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor f\u00fchrt einen Blick auf die Nachfrage in den insgesamt sechs Wintermonaten Oktober bis M\u00e4rz ein. Die Nachfrage wird in Anlehnung an eine kalte Winterperiode wie 2020\/21 angenommen, da lag die durchschnittliche Nachfrage bei 710 Millionen cbm\/Tag. Nach Abzug der Eigen-F\u00f6rderung liegt dann die Summe von Import- und Entspeicherungs-Bedarf 630 Millionen cbm\/Tag. Im besten Fall, mit Voll-Importen aus UK und Russland, liegt der durchschnittliche Wert des Entspeicherungsbedarfs pro Tag bei 205 Millionen cbm. Liefert UK nicht, so steigt dieser Bedarf auf 270 Millionen cbm\/Tag (im Durchschnitt der Sechs-Monats-Periode). Dass Russland nicht liefert, wird gar nicht erst in Betracht gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem F\u00fcllstand zu Winterbeginn von 90 Prozent (entsprechend 50 Milliarden cbm) entspricht eine durchschnittliche Entspeicherung \u00fcber sechs Monate in H\u00f6he von 270 Millionen cbm\/Tag einer Entnahme von 49 Milliarden cbm \u2013 das w\u00e4re also die v\u00f6llige Entleerung der Speicher zu Winterausgang.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>(iv) Kalkulation f\u00fcr die Sommer-Periode 2023<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die entscheidende Frage f\u00fcr die Sommer-Periode 2023 ist dann, wenn denn der Speicherstand mit Ende des kommenden Winters auf Null zur\u00fcckgegangen sein wird: In welchem Ma\u00dfe wird die Speicherauff\u00fcllung zur Vorsorge f\u00fcr den n\u00e4chsten Winter gelingen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sommer-Nachfrage in H\u00f6he von 320 Millionen cbm\/Tag ist hier die f\u00fcr den aktuellen Verbrauch und Einspeicherung zusammen. Die Idee ist die einer Residualrechnung f\u00fcr die Einspeicherung. Die Deckung der aktuellen Nachfrage wird zun\u00e4chst durch die beiden Terme Eigen-Produktion und Exporte angen\u00e4hert, die als Resultante den daf\u00fcr erforderlichen Importbedarf (250 Millionen cbm\/Tag) ergeben. Die Importkapazit\u00e4t ist mit 415 Millionen cbm\/Tag um 165 Millionen cbm\/Tag deutlich h\u00f6her, die verf\u00fcgbaren Importmengen aber liegen mit 435 Millionen cbm\/Tag oberhalb der Importkapazit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dieser Basis wird es zu einer maximalen Speicherf\u00fcllung von lediglich etwa 30 Milliarden cbm kommen k\u00f6nnen \u2013 also einem Speicherf\u00fcllstand von etwa 55 Prozent Wenn aber die Vollauslastung der LNG-Importkapazit\u00e4t nicht realistisch ist und UK weniger exportiert, dann kann das Ergebnis auch leicht bei lediglich 20 Milliarden cbm zu liegen kommen \u2013 also bei einem Speicherf\u00fcllstand von etwa 35 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn aber Russland seinen seidenen Faden kappt, f\u00e4llt selbst in einer solchen als entspanntest unterstellten Situation die verf\u00fcgbare Gasmenge deutlich unter die angesetzte Einspeicherungsmenge.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bedeutung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir konzentrieren uns auf den n\u00e4chsten Winter als zentrale Herausforderung. Ein Blick auf den dann folgenden Winter zeigt Zweierlei:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>dass der Folgewinter eine weit gr\u00f6\u00dfere Herausforderung darstellt als der aktuelle Winter 2022\/23;<\/li><li>dass beide Herausforderungen zusammenh\u00e4ngen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Wenn es zu zwei kalten Wintern in Folge kommen wird, ist die Herausforderung nur mit Gasabschaltungen zu bew\u00e4ltigen \u2013 das ist bislang nicht wirklich im Blick. Die Frage ist, wann Gas abzuschalten dran ist. Man k\u00f6nnte zu der Auffassung kommen, dass im Winter 2022\/23 Abschaltungen erforderlich sind, um die Aussichten f\u00fcr den dann kommenden Winter ertr\u00e4glicher zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls gilt: All das ist so nur mit russischer Unterst\u00fctzung zu schaffen. Und: Wenn ich verantwortlich w\u00e4re, w\u00fcrde ich umgehend ein Gremium zur Abstimmung der Vorgehensweisen der f\u00fcnf Konglomeratsstaaten im Herzen Europas schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>EU-Staaten mit Gasspeichern m\u00fcssen der Kommission seit diesem Jahr jeweils zum 15. September melden, welchen Bef\u00fcllungspfad sie f\u00fcr Februar, Mai, Juli und September des Folgejahres erwarten. Eine vollst\u00e4ndige \u00dcbersicht \u00fcber die Meldungen will die Kommission Mitte November ver\u00f6ffentlichen. Vorab wurde bekannt, dass die Bundesregierung f\u00fcr den 1. Mai einen F\u00fcllstand der deutschen Speicher von nur noch zehn Prozent gemeldet hat.<\/p>\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.oxfordenergy.org\/wpcms\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Europes-Infrastructure-and-Supply-Crisis.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"599\" height=\"845\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2022\/10\/Europes-Infrastructure-and-Supply-Crisis-T.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1068\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Das Papier &#8222;Europe\u2019s Infrastructure and Supply Crisis&#8220; steht <a href=\"https:\/\/www.oxfordenergy.org\/wpcms\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Europes-Infrastructure-and-Supply-Crisis.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00fcber diesen Link zum Download als PDF<\/a> bereit.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann Mike Fulwood vom Oxford Institute for Energy Studies hat im September 2022 ein Paper ver\u00f6ffentlicht, in dem er sich analytisch mit der drohenden Gasmangel-Lage befasst. Die Gasmangel-Lage ist zu unterscheiden von der Gas-Preis-Krise \u2013 beide zusammen konstituieren die aktuelle Gaskrise der EU. Die Befassung mit der Mengen-Krise mangelte ihrerseits bislang &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/mit-dem-naechsten-winter-ist-die-gasmengenkrise-mitnichten-vorbei-ein-vorblick-auf-den-winter-2023-24\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eMit dem n\u00e4chsten Winter ist die Gasmengenkrise mitnichten vorbei. Ein Vorblick auf den Winter 2023\/24\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":30,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1074","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1074"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1074\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1077,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1074\/revisions\/1077"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}