{"id":1181,"date":"2023-10-13T16:38:28","date_gmt":"2023-10-13T14:38:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=1181"},"modified":"2023-10-13T16:38:29","modified_gmt":"2023-10-13T14:38:29","slug":"technologieoffenheit-hat-grenzen-kommentar-zu-einer-oekonomistisch-populistischen-debatte-des-heizungsgesetzes","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/technologieoffenheit-hat-grenzen-kommentar-zu-einer-oekonomistisch-populistischen-debatte-des-heizungsgesetzes\/","title":{"rendered":"Technologieoffenheit hat Grenzen \u2013 Kommentar zu einer \u00f6konomistisch-populistischen Debatte des &#8222;Heizungsgesetzes&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die energiepolitischen Debatten in Deutschland werden gef\u00fchrt, als ob dieses Land wirtschaftspolitisch weiterhin ein souver\u00e4ner Nationalstaat sei. Die EU-Einbettung mit ihrer harten rechtshierarchischen Entscheidung wird ausgeblendet. Der Grund ist die mediale Verfasstheit der \u00d6ffentlichkeit als einer nationalen \u00d6ffentlichkeit, die eigentlichen Akteure, Politik und Umwelt-NGO spielen dieses Spiel der Ausblendung wider besseres Wissen mit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"413\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2023\/10\/231013-NU-HJL.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1180\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer in einen PKW oder in eine Heizung investiert, entscheidet dabei zugleich \u00fcber den Verbrauch eines passenden Energietr\u00e4gers \u00fcber die n\u00e4chsten 15 bis 20 Jahre. F\u00fcr \u00d6l und Gas braucht es spezialisierte, langfristig angelegte Transport- und Verteil-Infrastrukturen. Bei Erdgas hat die Verteil-Infrastruktur netzf\u00f6rmig zu sein, der geringen Dichte dieses Energietr\u00e4gers wegen. Und PKW bieten wenig Platz f\u00fcr den mitgef\u00fchrten Treibstoffvorrat (Tank); sie werden bevorzugt mit \u00d6l-Derivaten, also fl\u00fcssigen Kohlenwasserstoffen, betrieben \u2011 die sind in ihrer Dichte un\u00fcbertreffbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Kohlenwasserstoffe speichern Energie chemisch. Nutzbar wird die gespeicherte Energie allein durch \u201eVerbrennung\u201c, also chemisch die Anlagerung von Luftsauerstoff an die Kohlenwasserstoffe. Ergebnis im Abgas sind dann Wasser- und CO<sub>2<\/sub>-Molek\u00fcle. Diese Verbrennung mit dem Ziel, W\u00e4rme oder gar die exergetisch hochwertige Kraft zu gewinnen, ist mit sehr hohen Verlusten verbunden \u2013 das ist thermodynamisch unumg\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Energiewende und das Abgas CO<sub>2<\/sub><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Technologisch ist die klimapolitisch motivierte Energiewende dadurch definiert, dass in Zukunft das Abgas CO<sub>2<\/sub> entweder entf\u00e4llt \u2013 das w\u00e4re gleichbedeutend mit dem Ende des Verbrennungsprinzips \u2013 oder es weiterhin zwar anf\u00e4llt, jedoch anders als fr\u00fcher zumindest nicht mehr aus fossilen Quellen stammt.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die erste Variante (jegliches Abgas entf\u00e4llt) ist fast gleichbedeutend damit, dass Elektrizit\u00e4t aus Sonne, Wind und anderen Umgebungsenergien als neue Prim\u00e4renergietr\u00e4gerin des klimaneutralen Zeitalters direkt (in Batterie-elektrischen PKW) oder indirekt (in der W\u00e4rmepumpen-Klein- oder Gro\u00dfanlagen-Heizung) genutzt wird.<\/li>\n\n\n\n<li>Das Beibehalten des Verbrennungsprinzips (zweite Variante) bedarf eines Energietr\u00e4gers mit chemisch gespeicherter Energie, wobei der Energiegehalt jedoch aus erneuerbaren Quellen zu stammen hat. Daf\u00fcr gibt es zwei Optionen: Der Energietr\u00e4ger stammt entweder aus Elektrizit\u00e4t oder aus Biomasse. Da CH-reiche Biomasse aber die Nutzung fruchtbaren Bodens erfordert und damit in Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung geht und da \u00fcberdies die Treibhausgasemissionen in der Vorleistung f\u00fcr die Herstellung von Nahrungsmitteln und also auch von biogenen Kraftstoffen hoch sind, ist das Potential dieser Option recht gering. Es ist jedenfalls viel zu gering, als dass es eine \u201everallgemeinerbare\u201c Option w\u00e4re \u2013 es kann lediglich eine Nischen-L\u00f6sung sein. Die Zukunft liegt quantitativ bei den Energien aus abiotischen erneuerbaren Quellen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Die Option des populistischen Arguments: Beim Verbrennungsprinzip bleiben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben in der Zeit der Ampel-Koalition nacheinander drei Debatten zu Energietechnologien erlebt, die alle von der FDP provoziert wurden. Bei zweien davon ging es um Verbrenner-PKW beziehungsweise die Gasheizung. In allen F\u00e4llen zeigten sich Positionen, bei denen auff\u00e4lligerweise keine potenten Interessen, keine Wirtschaftszweige, hinter den FDP-Positionen standen \u2013 wenn man den Alleingang von Porsche mal au\u00dfen vor l\u00e4sst. Bei beiden Themen geht es um Abschiede aus vertrauten Technologien, in denen und in deren komplement\u00e4ren Infrastrukturen erhebliche finanzielle Mittel gebunden sind. Das Verm\u00f6gen der Gasverteilwirtschaft liegt gro\u00dfenteils unter kommunaler Erde, das Verm\u00f6gen der Kfz-Industrie liegt wesentlich im spezialisierten Know-how zur Verbrennungstechnologie auf kleinstem Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Populistisch ist es ein naheliegendes Narrativ zu sagen: Lasst uns bestehende Ger\u00e4te (Verbrenner-PKW; Gasheizungen) beziehungsweise Infrastrukturen (Gasverteilnetze) belassen und darauf hoffen beziehungsweise setzen, dass dermaleinst die neuen klimaneutralen Energietr\u00e4ger fl\u00fcssig oder gasf\u00f6rmig (H<sub>2<\/sub> oder Bio-Methan) zur Verf\u00fcgung stehen werden und somit an den Bestand an komplement\u00e4rer Technologie angepasst sein werden. Handlungsmaximen sind dann:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Weiterhin auf Verbrenner-PKW setzen \u2013 zun\u00e4chst mit E-Fuels.<\/li>\n\n\n\n<li>Weiterhin auf Heizungen nach dem Verbrennungsprinzip setzen, beheizt mit Erdgas aus R\u00f6hren, die in der Erde liegen \u2013 dann mit Biomethan, mit der Zeit zuwachsend, schlie\u00dflich mit Wasserstoff (H<sub>2<\/sub>). Auch H<sub>2<\/sub> ist ein Gas, wenn auch seiner Fl\u00fcchtigkeit wegen ein v\u00f6llig anderes als das Methan-dominierte Erdgas.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Setzt man auf diese Option, muss man den Pelz der aktuell Immobilien- und Porsche-verm\u00f6genden Generation nicht nass machen, kann aber versprechen, deren Pelz \u2013 sp\u00e4ter \u2013 zu waschen mit zuk\u00fcnftig angeblich verf\u00fcgbaren veredelten Energietr\u00e4gern. Prinzip ist, bei diesem \u201eVersprechen\u201c keine harte vertragliche Bindung einzufordern. Entsprechende Vorkehrungen in \u00a7 71 k GEG-2023-Novelle wurden im Rahmen der \u201eGrundsatz\u201c-Debatte unauff\u00e4llig abgeschleift.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTechnologieneutralit\u00e4t\u201c war die Maxime, mit der eine populistische Debatte angeheizt wurde. M\u00f6glich war das, weil die Position pro \u201eTechnologieneutralit\u00e4t\u201c in Deutschland regelm\u00e4\u00dfig einen m\u00e4chtigen Resonanzboden findet. Akademische \u00d6konomen und wirtschaftsliberal aufgestellte Leitmedien unterst\u00fctzten diese Position als legitim. Auch der Verfasser dieses Beitrags z\u00e4hlt zu diesem Lager. Es reicht aber nicht, eine Grundsatzposition zu vertreten, man hat auch hinzuschauen, ob die grunds\u00e4tzliche Position im konkreten Fall taugt, bevor man gr\u00fcnes Licht gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kritische Rolle der Infrastrukturen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Verkehr und bei Geb\u00e4uden h\u00e4ngt eine zus\u00e4tzliche Versorgungsoption (H<sub>2<\/sub>, E-Fuels) an der Verf\u00fcgbarkeit und also dem Ausbau alternativer logistischer Infrastrukturen. Dabei setzen die Gesetzgeber generell nicht lediglich den rechtlichen Rahmen und k\u00f6nnen alles andere an Optimierungsprozessen dem Markt \u00fcberlassen. Ob eine Energietr\u00e4ger-Option und damit der komplement\u00e4re Typ von Heizung beziehungsweise Fahrzeug in den marktlichen Wettbewerb eintreten kann, wird vom Staat entschieden. Anders geht es nicht: Der Staat n\u00e4mlich sorgt daf\u00fcr, dass die komplement\u00e4ren Infrastrukturen aufgebaut werden, auch wenn er dies in aller Regel Privaten \u00fcberl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Staat schafft die Gesch\u00e4ftsmodelle. Dabei muss er Entscheidungen treffen und unter den m\u00f6glichen Optionen aussortieren. Optionen, die offenkundig unwirtschaftlich sind, hat er aus dem Wettbewerb vorab auszuschalten, weil er sonst viel Geld f\u00fcr absehbar nutzlose Infrastrukturen in den Schornstein schreiben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie der Staat unwirtschaftliche Optionen aussortiert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Also kann der Staat nicht anders, als rechnen lassen, um zu sehen, was an Versorgungsoptionen absehbar unwirtschaftlich sein wird. Erster Indikator ist schon einmal der energetische Wirkungsgrad der unterschiedlichen Optionen im Vergleich. Das ist f\u00fcr drei der Optionen zum Kfz-Antrieb vom VC\u00d6 <a href=\"https:\/\/vcoe.at\/themen\/energiewende-im-verkehr-voranbringen\/energie-im-verkehr-zielgerichtet-einsetzen\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/vcoe.at\/themen\/energiewende-im-verkehr-voranbringen\/energie-im-verkehr-zielgerichtet-einsetzen\" rel=\"noreferrer noopener\">in dieser Graphik<\/a> dargestellt worden.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wasserstoff und E-Fuels sind Elektrizit\u00e4ts-Derivate, das hei\u00dft sie werden aus Elektrizit\u00e4t hergestellt. Gegen\u00fcber der Direktnutzung von Elektrizit\u00e4t zum Kfz-Antrieb bestimmen Wirkungsgrad-Unterschiede um den Faktor 3 (81:26) bei Wasserstoff beziehungsweise um den Faktor knapp 6 (81:14) bei E-Fuels die physische Situation.<\/li>\n\n\n\n<li>Klar, letztlich ist nur eine Kosten-Differenz entscheidend; und die Kosten f\u00fcr Strom aus erneuerbaren Quellen in anderen Regionen k\u00f6nnten deutlich geringer sein als in Europa. Doch ein Wirkungsgrad-Unterschied in der genannten Gr\u00f6\u00dfenordnung ist nur unter sehr speziellen Bedingungen in den Kosten \u00fcberwindbar. Erstens gilt: Es k\u00f6nnte noch einen gewissen technischen Fortschritt geben, welcher den Wirkungsgradunterschied geringer macht. Zudem k\u00f6nnte zweitens der Preis f\u00fcr Strom, aus dem die chemisch speicherbaren und so auf bew\u00e4hrten logistischen Ketten global transportierbaren Treib- oder Brennstoffe produziert werden, regional in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung unterschiedlich sein. Ernstlich zu erwarten aber ist das kaum.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Also bleibt nur, offenkundig unwirtschaftliche Optionen aus dem Wettbewerb auszuschalten. Bei der Elektromobilit\u00e4t f\u00fcr PKW (und kleine Nutzfahrzeuge) hat die EU bereits entsprechend entschieden. Bei LKW jedoch beispielsweise werden andere technologische Konsequenzen gezogen, bei Luftfahrt und Seeschifffahrt wiederum g\u00e4nzlich andere. Die Treibstoffe der Zukunft, aus erneuerbaren Quellen, sind im Wettbewerb \u2013 und es ist absehbar, dass da gem\u00e4\u00df unterschiedlicher Eignung die eine Branche viel st\u00e4rker auf gewisse Potentiale aus ist als eine andere Branche. Also wird es in der Preisbildung, der begrenzten Substituierbarkeit wegen, wieder unterschiedliche Rentenelemente geben, wie es uns aus dem \u00d6lsektor mit seinen g\u00e4nzlich unterschiedlich bepreisten Derivaten vertraut ist. Gekl\u00e4rt wurde das in umf\u00e4nglichen \u00f6konomischen Studien, die Teil der Gesetzesvorbereitung sind. Im EU-Kontext geschieht das im verpflichtenden sogenannte \u201eImpact Assessment\u201c, in Deutschland als Auftragsarbeit des federf\u00fchrenden Ressorts der Bundesregierung, das Ergebnis wird dann in der Erl\u00e4uterung des Gesetzentwurfs ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Ambiguit\u00e4t der Qualit\u00e4tsziele: \u201e100 Prozent aus erneuerbaren Quellen\u201c versus \u201eklimaneutral\u201c (in 2050)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine zentrale Rolle spielt die zuk\u00fcnftige unterschiedliche Verf\u00fcgbarkeit von fl\u00fcssigen oder gasf\u00f6rmigen Energietr\u00e4gern. Und nun muss man ganz technisch und rechtlich pr\u00e4zise formulieren: \u201eaus erneuerbaren Quellen\u201c. Man k\u00f6nnte ja auch, da es um Klimapolitik geht, das quantitative Ziel zu fl\u00fcssigen oder gasf\u00f6rmigen Energietr\u00e4gern in der Kategorie \u201eklimaneutral\u201c beziehungsweise \u201etreibhausgasneutral\u201c formulieren. In beiden F\u00e4llen handelt es sich um eine Angabe der Prozess-Qualit\u00e4t zur Gewinnung des schlie\u00dflich verwendeten Endenergietr\u00e4gers auf s\u00e4mtlichen Vorleistungsstufen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eProzessqualit\u00e4t\u201c ist nicht gleich \u201eProduktqualit\u00e4t\u201c. Die \u201eProduktqualit\u00e4t\u201c kann man durch Analysen an der Zusammensetzung des Produkts bestimmen. So hat Gas zum Beispiel mit Zumischung von Biomethan schlie\u00dflich dieselbe Verbrennungseigenschaften wie das \u00fcbliche Erdgas, sodass die in Heizungen eingebauten Brennersysteme auch mit Biomethan funktionieren. Der erste Teil der Benennung \u201eBiomethan\u201c aber bezeichnet eine \u201eProzessqualit\u00e4t\u201c, er besagt, dass das Methan aus rezenter Biomasse gewonnen worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei gasf\u00f6rmigen und fl\u00fcssigen Treib- und Heizstoffen handelt es sich um hergestellte Energietr\u00e4ger, um Produkte, die zudem global gehandelt werden. Die zweifelsfreie, betrugsresistente Feststellbarkeit der Quellen ist f\u00fcr die Verfolgbarkeit von Zielen, die in Form einer Prozessqualit\u00e4t formuliert werden, von entscheidender Bedeutung. Bei der Wahl der Zielkategorie wird darauf sehr geachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hlt man die Prozessqualit\u00e4t \u201eaus erneuerbaren Quellen\u201c, so ist die Nachverfolgung dieser Angabe noch einigerma\u00dfen gut m\u00f6glich, weil Derivate von Roh\u00f6l und Erd-Rohgas doch deutlich andere chemische Bestandteile haben als Gas aus biogenen Quellen. W\u00e4hlt man hingegen zur Regulierung die Prozessqualit\u00e4t \u201eTreibhausgas-Emissionen auf s\u00e4mtlichen Stufen der Herstellung\u201c, so ist die Nachverfolgung dieser Angabe bei Energietr\u00e4gern aus Biomasse asymmetrisch schwierig beziehungsweise anspruchsvoll.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Handhabung in der Erneuerbaren-Richtlinie der EU<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Relevant ist die begriffliche Unterscheidung von \u201eProzessqualit\u00e4t\u201c und \u201eProduktqualit\u00e4t\u201c in der Richtline der EU, die den Mitgliedstaaten f\u00fcr den Aufwuchs der Prozessqualit\u00e4t von Treib- beziehungsweise Brennstoffen Zielvorgaben macht. Sie tr\u00e4gt den Namen \u201eErneuerbare Energien Richtline\u201c (<em>Renewable Energies Directive<\/em> \u2013 ausf\u00fchrlich: \u201e<em>Directive on the promotion of the use of energy from renewable sources<\/em>\u201c). Davon gibt es <a href=\"https:\/\/www.blog-der-republik.de\/der-european-green-deal-in-der-abschlussphase-eine-erinnerung-an-beginn-und-struktur\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.blog-der-republik.de\/der-european-green-deal-in-der-abschlussphase-eine-erinnerung-an-beginn-und-struktur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">im Rahmen des European Green Deal der von-der-Leyen-Kommission<\/a> bereits die <a href=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/news\/de\/press-room\/20230911IPR04926\/parlament-stimmt-fur-starkere-nutzung-erneuerbarer-energiequellen\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/news\/de\/press-room\/20230911IPR04926\/parlament-stimmt-fur-starkere-nutzung-erneuerbarer-energiequellen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">dritte Fassung (RED III)<\/a>. Deren <a href=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/doceo\/document\/TA-9-2023-0303_DE.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.europarl.europa.eu\/doceo\/document\/TA-9-2023-0303_DE.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Endfassung liegt gerade abschlie\u00dfend vor<\/a>. RED III legt wie RED II Ziele f\u00fcr 2030 fest: ambitioniertere Ziele als die Vorg\u00e4nger-Richtline. Der geforderte Erneuerbaren-Anteil bei Treibstoffen im Jahre 2030 <a href=\"https:\/\/theicct.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Transport-fuels-in-the-EU-Fit-for-55-policy-update-A4-v2_Aug23corr.pdf\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/theicct.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Transport-fuels-in-the-EU-Fit-for-55-policy-update-A4-v2_Aug23corr.pdf\" rel=\"noreferrer noopener\">wird von 14 Prozent auf 29 Prozent (RED III) angehoben<\/a>, also verdoppelt \u2013 und das in halber Zeit.  Diese Ambitions-Vervierfachung muss einen erheblichen Nachfrageboom ausl\u00f6sen. Die Pointe von RED III besteht in Zweierlei.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\">\n<li>Im Schwerpunkt geht es um Prozessqualit\u00e4tsziele von Treibstoffen, also im Verkehr. Heizstoffe (im Nicht-Verkehr) m\u00fcssen folglich mit dem auskommen, was noch \u00fcbrig bleibt nach der EU-seitigen Priorisierung von Einsatzzwecken im Verkehr. W\u00e4hrend in RED II allein Treibstoffe im Stra\u00dfen- und Schienenverkehr adressiert waren, gilt das neue Ziel unter Einschluss von Luftfahrt und Seeschifffahrt, also f\u00fcr den gesamten Transport-Sektor. F\u00fcr den Rest, die Nachfrage im station\u00e4ren Sektor, bleibt somit noch weniger als unter RED II.<\/li>\n\n\n\n<li>Die in Frage kommenden Treibstoffe sind in vier Kategorien eingeteilt. Drei sind Biomasse-basiert, daneben gibt es die Biomasse-freien, die RFNBOs (f\u00fcr <em><u>R<\/u>enewables <u>F<\/u>rom <u>N<\/u>on-<u>B<\/u>iological <u>O<\/u>rigin<\/em>). Die drei Biomasse-basierten sind \u201efortschrittliche Biotreibstoffe\u201c (\u201e<em>Advanced biofuels<\/em>\u201c), \u201eAbfall-\u00d6le\u201c (\u201e<em>Waste oils<\/em>\u201c) und \u201eLebens- und Futtermittel-basierte Biotreibstoffe\u201c (\u201e<em>Food- and feed-based biofuels<\/em>\u201c). Alle Kategorien sind, zum Teil noch einsatzabh\u00e4ngig, differenziert, da sie mit unterschiedlichen Anrechnungsfaktoren zu multiplizieren sind. In der Tabelle ist das gezeigt.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table is-style-regular\"><table><tbody><tr><td><strong>Kategorie<\/strong><\/td><td><strong>Anrechnungsfaktor<\/strong><\/td><\/tr><tr><td><em>Advanced biofuels, RFNBOs, waste oils<\/em><\/td><td>2<\/td><\/tr><tr><td><em>Renewable in Electric Vehicles<\/em><\/td><td>4<\/td><\/tr><tr><td><em>Renewable Electricity in Rail<\/em><\/td><td>1,5<\/td><\/tr><tr><td><em>Advanced biofuels, RFNBOs in Aviation &amp; Maritime Transport<\/em><\/td><td>1,2<\/td><\/tr><tr><td><em>Food- and feed-based biofuels<\/em><\/td><td>1, aber mit <em>cap<\/em><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit diesen Faktoren verw\u00e4ssert die EU zwar die Zielmarke von 29 Prozent erheblich, aber das war unter RED II nicht anders. Sie schafft vor allem eine differenzierte Bewertung der Treibstoffe unterschiedlicher Herkunft. Diese Bewertung schafft unterschiedliche Knappheiten, ohne dass man sich in Grabenk\u00e4mpfe (scheinbar) exakter Messungen zur Prozessqualit\u00e4t verwickeln muss. Prinzip bei der Bewertung ist offenkundig das Folgende:<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits geht es darum, diejenigen Kraftstoffe aus Biomasse, f\u00fcr die die Teller vs. Tank-Konkurrenz gilt, a) zu begrenzen und b) im Wettbewerb am schlechtesten zu stellen. Die Kraftstoffe, f\u00fcr die das nicht gilt, an der Spitze die RFNBOs, werden relativ dazu doppelt so hoch bewertet. Doch das geschieht mit Ausnahme eines Einsatzes in der Luftfahrt und in der Seeschifffahrt. Nochmals doppelt so hoch bewertet wird der Direkteinsatz von Elektrizit\u00e4t in Landfahrzeugen. Davon gibt es nur die Ausnahme im Eisenbahn-Verkehr, wo die Elektrifizierung bereits lange \u00fcblich ist, wo es also keinen Anreiz mehr braucht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00e9sum\u00e9e: Mangel an Debattenkultur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die energiepolitischen Debatten in Deutschland werden gef\u00fchrt, als ob dieses Land wirtschaftspolitisch weiterhin ein souver\u00e4ner Nationalstaat sei. Die EU-Einbettung mit ihrer harten rechtshierarchischen Entscheidung in einer jeden f\u00f6deralen Konstellation: Ober sticht Unter, wird ausgeblendet. Der Grund ist die mediale Verfasstheit der \u00d6ffentlichkeit als einer nationalen \u00d6ffentlichkeit \u2013 die eigentlichen Akteure, Politik und Umwelt-NGO, wissen es besser, dennoch spielen sie dieses Spiel der Ausblendung mit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich ist es mit dem fehlenden Zwang in der \u00f6ffentlichen Debatte, die Kenntnis von Gesetzestexten als Basis einer seri\u00f6sen \u00c4u\u00dferung zu verlangen. Bei einer Gesetzesnovelle gilt Vergleichbares wie bei politischen R\u00e4umen: Auch da ist es ja so, dass die \u00c4nderung, das Kleine, eingebettet ist in ein bestehendes Gesetz, das Umfassende. Auch da wird in der herrschenden Debattenkultur akzeptiert, dass das Einbettende im Ausgeblendeten verbleibt. Konkret: Dass die 2023er Novelle des Geb\u00e4udeenergiegesetzes (GEG) als \u201eHeizungsgesetz\u201c tituliert wurde, leistete der Ausblendung schon Vorschub. Das Prinzip \u201eTechnologieoffenheit\u201c widerspricht Prinzip und Grundintention des GEG, welches aus dem Energieeinspargesetz (EnEG) von 1977 heraus geschaffen wurde. Die Minister und akademischen \u00d6konomen, die die Fahne der Technologieoffenheit in der Debatte zum sogenannten \u201eHeizungsgesetz\u201c hochhielten, forderten, so meine Wahrnehmung, der ich meine Promotion wesentlich \u00fcber das EnEG verfasst hatte, etwas Gesetzeswidriges.<\/p>\n\n\n\n<p>So wird es m\u00f6glich, dass eine grunds\u00e4tzliche Forderung wie die nach \u201eTechnologieoffenheit\u201c aufgestellt und allgemein, auch im akademischen Publikum der \u00d6konomen, akzeptiert wird \u2013 obwohl sie der Grund-Ausrichtung des Gesetzes, seiner Zielsetzung, offenkundig widerspricht. Das Ziel des GEG ist, technologische Optionen auszuschlie\u00dfen. Anlass war die Erfahrung, dass Geb\u00e4udeeigent\u00fcmer in die energetischen Eigenschaften suboptimal investieren. Das Gesetz mit dieser Sto\u00dfrichtung wurde 1977, nach den desastr\u00f6sen Erfahrungen mit der Energiekrise 1973, in Kraft gesetzt. Wenn die in der Debatte der GEG-2023-Novelle seit Februar gef\u00fchrte Debatte zum Nennwert \u201eTechnologieoffenheit\u201c genommen werden soll, dann w\u00e4re nicht der Text der Novelle zu verbessern, dann w\u00e4re nicht er um mehr Heizungsoptionen anzureichern, dann w\u00e4re die konsistente Forderung die, das Gesetz als Ganzes abzuschaffen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wupperinst.org\/c\/wi\/c\/s\/cd\/70\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"853\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2020\/10\/Luhmann_Jochen_FG1_farb-1024x853.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-827\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"http:\/\/wupperinst.org\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die energiepolitischen Debatten in Deutschland werden gef\u00fchrt, als ob dieses Land wirtschaftspolitisch weiterhin ein souver\u00e4ner Nationalstaat sei. Die EU-Einbettung mit ihrer harten rechtshierarchischen Entscheidung wird ausgeblendet. Der Grund ist die mediale Verfasstheit der \u00d6ffentlichkeit als einer nationalen \u00d6ffentlichkeit, die eigentlichen Akteure, Politik und Umwelt-NGO spielen dieses Spiel der Ausblendung wider besseres Wissen mit. Wer in &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/technologieoffenheit-hat-grenzen-kommentar-zu-einer-oekonomistisch-populistischen-debatte-des-heizungsgesetzes\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eTechnologieoffenheit hat Grenzen \u2013 Kommentar zu einer \u00f6konomistisch-populistischen Debatte des &#8222;Heizungsgesetzes&#8220;\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":18,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1181","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1181"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1181\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1182,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1181\/revisions\/1182"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}