{"id":1193,"date":"2024-01-15T16:11:10","date_gmt":"2024-01-15T15:11:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=1193"},"modified":"2024-01-15T16:11:11","modified_gmt":"2024-01-15T15:11:11","slug":"der-ukraine-krieg-aktuelle-durchhalte-aufrufe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/der-ukraine-krieg-aktuelle-durchhalte-aufrufe\/","title":{"rendered":"Der Ukraine-Krieg: Aktuelle Durchhalte-Aufrufe"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann (Januar 2024)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>1918 ist das Waffenstillstandsangebot Deutschlands v\u00f6llig schief gegangen. Das droht sich nun mit dem Ukraine-Krieg zu wiederholen. Eine Liste kommender Vertreter einer Dolchsto\u00dflegende in Deutschlands Politik und sicherheitspolitischer Community zeichnet sich jetzt schon ab.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg in der Ukraine zieht sich alsbald ins dritte Jahr. Nicht nur seine Dauer, auch die Art, wie er gef\u00fchrt wird, statisch, aus gestaffelten Verbunkerungen heraus, mit Minenfeldern, mit hohen Verlusten und Traumatisierungen, erinnern an den Ersten Weltkrieg im Westen, Deutschland gegen Frankreich, mit Kampfhandlungen allein auf franz\u00f6sischem Boden. Das Kalk\u00fcl von Falkenhayns war, den Krieg als Wettbewerb darum zu f\u00fchren, wer sich mehr Blutzoll junger M\u00e4nner leisten kann, wer eher aufgibt. Der technische Begriff daf\u00fcr lautet \u201eAbn\u00fctzungskrieg\u201c. Klar, beim \u201eAbn\u00fctzungskrieg\u201c geht es um die \u201eAbn\u00fctzung\u201c von Ressourcen generell, nicht allein von Soldaten \u2013 es ist also eigentlich ein (grausamer) \u00f6konomischer Wettbewerb. Es ist gleichsam ein \u201etotaler\u201c Krieg \u2013 wenn denn dieses Wort von Goebbels nicht so \u201everbraucht\u201c worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Westen hatte die Ukraine ermutigt, sich an der zentralen Gabelungssituation Ende M\u00e4rz 2022 f\u00fcr den vollen Landkrieg gegen Russland zu entscheiden und hatte daf\u00fcr seine Unterst\u00fctzung zugesagt. Der Wortlaut dieser Zusagen ist unbekannt, doch der Westen hatte sich fr\u00fch entschieden, seine Unterst\u00fctzung in mehrfacher Weise zu begrenzen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" style=\"list-style-type:lower-alpha\">\n<li>kein eigenes Personal in diesen Krieg zu schicken \u2013 in demographischen Ressourcen gerechnet ist die Ukraine im Ergebnis seinem Gegner, Russland, deutlich unterlegen;<\/li>\n\n\n\n<li>seine R\u00fcstungsindustrie und damit Wirtschaftspolitik nicht umgehend in den Betrieb mit absoluter Priorisierung zu versetzen \u2013 in Waffen- und insbesondere Munitionslieferungen ist der Westen somit Russland perspektivisch unterlegen;<\/li>\n\n\n\n<li>seine Unterst\u00fctzung, auch in der Art der Waffenlieferungen, auf den Einsatz auf dem v\u00f6lkerrechtlich legitimen Territorium der Ukraine zu begrenzen, also eine Eskalationsschranke gegen\u00fcber Russland einzuziehen, sodass Russlands Zivilbev\u00f6lkerung, anders als die der Ukraine, vom Krieg insoweit, wie damals im Ersten Weltkrieg die Deutschlands, unber\u00fchrt ist, die Frage der Loyalit\u00e4t zum eigenen Regime somit nicht provoziert wird;<\/li>\n\n\n\n<li>hinzu kommt etwas wirklich Neues, ein Effekt des technischen Gro\u00dftrends der Digitalisierung, des Aufwuchses von Kleindrohnen. Die machen<br>i) das Gefechtsfeld gl\u00e4sern, tragen viel zum Statischen bei;<br>ii) entscheidend in der Abn\u00fctzungskonstellation aber ist, dass sie, im Angriffs-Einsatz gegen den zivil-milit\u00e4rischen Komplex in der Tiefe des ukrainischen Raumes viel billiger sind als die Waffen zu ihrer Abwehr.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Schildert man die Grundentscheidungen so n\u00fcchtern, dann ist der Ausgang der als \u201eAbn\u00fctzungskrieg\u201c gef\u00fchrten Auseinandersetzung bestens absehbar, das Ergebnis eigentlich sonnenklar. Man k\u00f6nnte, wie beim Schach, ressourcensparend rechtzeitig \u201eaufgeben\u201c \u2013 der Erste Weltkrieg ist in dieser Weise zu einem Ende gebracht worden, aber erst im dritten Anlauf.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Modell Erster Weltkrieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Den ersten Anlauf unternahm Erich von Falkenhayn, der bis am 14. September 1914 Kriegsminister war. Er hatte Helmuth von Moltke, der nach der Ersten Marneschlacht psychisch zusammengebrochen war, als Chef des Generalstabs abgel\u00f6st. Ihm gelang, die F\u00fchrungskrise zu \u00fcberwinden. Mit dem Misslingen der Schlacht um Ypern, in der Falkenhayn unerfahrene und kurzausgebildete Regimenter eingesetzt und deren hohe Verluste sehend in Kauf genommen hatte, endete die Westfront im vollst\u00e4ndigen Stellungskrieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ypern ersch\u00fctterte Falkenhayn tief. Er kam zu der Auffassung, dass ein milit\u00e4rischer Totalsieg nicht mehr zu erreichen sei. Gegen\u00fcber Bethmann-Hollweg skizzierte er die absehbar wachsende materielle und auch personelle \u00dcberlegenheit der Alliierten gegen\u00fcber den deutschen Optionen. Angesichts dessen drohe eine langsame Ersch\u00f6pfung Deutschlands. Mit einem Memorandum vom 18. November 1914 dr\u00e4ngte er die politische F\u00fchrung, den Krieg auf dem Verhandlungswege zu beenden. Er fand aber kein Geh\u00f6r. Deswegen seine Hinwendung zum totalen Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/lesetipp\/kissinger-warnt-mit-analogien-zum-ersten-weltkrieg\/\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/lesetipp\/kissinger-warnt-mit-analogien-zum-ersten-weltkrieg\/\" rel=\"noreferrer noopener\">Im August 1916 dann waren sich sogar beide Seiten (der Westfront) in Geheimverhandlungen einig geworden<\/a> und hatten ihren Konsens dem Sondergesandten des US-Pr\u00e4sidenten Wilson auch kundgetan, mit der Bitte, diesen Konsens als Friedensschluss von au\u00dfen zu vermitteln. Das misslang: Der US-Pr\u00e4sident hatte zu der Zeit, wahlkampfbedingt, andere Priorit\u00e4ten. Der Krieg in Europa ging weiter. Schlie\u00dflich, als der US-Pr\u00e4sident seine Wiederwahl gesichert hatte, hatte in Europa der Blutzoll von zwei Gro\u00dfschlachten, der britischen Somme-Offensive und der deutschen Verdun-Offensive \u2013 mit weiteren zwei Millionen Opfern \u2013, den Konsens zunichte gemacht. So geht Abn\u00fctzungskrieg, der eben nicht nur Schachspiel sondern in Wirklichkeit mit anti-rationalen Emotionen unterlegt ist. Das soll mal einer rational managen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Anlauf wurde schlie\u00dflich am 29. September 1918 initiiert, vom langj\u00e4hrigen Konkurrenten von Falkenhayns, von Ludendorff. Basis war nun die auch bei ihm an der Ostfront entstandene Einsicht: Der Krieg sei von Deutschland milit\u00e4risch nicht mehr zu gewinnen. Seine milit\u00e4rischem Ethos folgende Waffenstillstandsforderung an die Regierung \u00fcberraschte die total.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie das dann gelaufen ist, zeigt es die Gefahren eines solchen milit\u00e4risch rationalen Erwartungs-Wechsel, allerdings vor dem emotionsbesetzten Hintergrund hoher Zahlen eigener Opfer, die nur im Sieg einen \u201eSinn\u201c erhalten:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Dass der Krieg verloren war, blieb strittig, gerade in milit\u00e4rischen und milit\u00e4rnahen Kreisen, die zur Milizenbildung neigen.<\/li>\n\n\n\n<li>Im Osten, im Kampf gegen die Roten, verweigerten sich gro\u00dfe Truppenteile der Reichswehr der Waffenstillstandsverpflichtung ihrer Regierung in Berlin, wechselten lediglich die Uniformen und k\u00e4mpften irregul\u00e4r f\u00fcr Russlands Wei\u00dfe \u2013 ein Zeichen f\u00fcr die Aufl\u00f6sung der Staatlichkeit.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Dolchsto\u00dflegende, die besagt, dass die Niederlage willk\u00fcrlich herbeigef\u00fchrt worden war. Das hat zwei Konsequenzen:<br>(i) Bestrafung der \u201eVerr\u00e4ter\u201c;<br>(ii) Entschiedenheit zur Weiterf\u00fchrung, Wiederaufnahme des Kampfes.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>1918 ist das Waffenstillstandsangebot Deutschlands v\u00f6llig schief gegangen. Das droht sich nun mit dem Ukraine-Krieg zu wiederholen. Eine Liste kommender Vertreter der Dolchsto\u00dflegende in Deutschlands Politik und sicherheitspolitischer Community ist jetzt schon aufschreibbbar. Das geht quer durch die Gesellschaft, die Experten-Community, auch durch die politischen Parteien. Ein solcher Vorgang k\u00f6nnte das Zeug haben, wie damals, das etablierte Parteiensystem in Deutschlands Politik durcheinanderzuwirbeln. Ein solcher Vorgang ist diesmal zudem nicht nur einer in Deutschland, sondern auch einer innerhalb der Ukraine, mit erheblichen Spaltungstendenzen dort und mit erheblichen emotionalen Aufwallungen gegen den \u201everr\u00e4terischen\u201c Westen, vor Ort \u2013 die USA sind weit weg \u2013 gegen Deutschland, wahrscheinlich auch, mit historischen Ressentiments aufgeladen, gegen Polen und Ungarn. Aus der Ukraine werden sich Bewegungen in Gang setzen, die nicht nur freundlich gesinnt sind ihren westlichen Nachbarn gegen\u00fcber. Das sind die Folgen solcher Desillusionierung, wie sie jetzt ansteht. Zu erwarten sind Zust\u00e4nde analog zu denen in Deutschland von November 1918 bis November 1923.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Appelle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund, auch zur Vorbereitung der anstehenden Dolchsto\u00dflegende, wird in entsprechenden Kreisen der \u201e<em>stalemate<\/em>\u201c-Charakter des Geschehens in der Ukraine bestritten \u2013 nicht als Beschreibung des status quo, wohl aber in seiner Nicht-Aufhebbarkeit durch das ukrainische Milit\u00e4r. In diesen Kreisen gibt es zwei Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eine argumentiert unter Herbeiziehung ernstlicher milit\u00e4r-strategischer \u00dcberlegungen, also elaboriert. Auf die wird hier nicht eingegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere verzichtet darauf und begn\u00fcgt sich mit rein komparativen Forderungen nach Waffenlieferungen. Der Westen habe \u201emehr\u201c an Unterst\u00fctzung zu liefern, damit es der Ukraine in der n\u00e4chsten Kriegssaison, ab Fr\u00fchjahr 2024, gelinge, die Stellungskriegssituation aufzubrechen und in einen Bewegungskrieg, mit Territorialgewinnen, zu kommen \u2013 die Frage, weshalb, was in 2023 versprochen war und nicht gelang, unter gleichen oder eher ung\u00fcnstigeren personellen milit\u00e4rischen Voraussetzungen f\u00fcr das ukrainische Milit\u00e4r in 2024 gelingen k\u00f6nnen soll, bleibt ungekl\u00e4rt. Eine Untervariante ist die Forderung nach Lieferung \u201eder\u201c entscheidenden (Wunder-)Waffe, der \u201eV2\u201c des Ukraine-Kriegs. Als solche wird der Taurus-Marschflugk\u00f6rper gehandelt, seri\u00f6ser erscheinen technische Entwicklungen zur Drohnenabwehr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Norbert R\u00f6ttgen in Foreign Affairs<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der CDU-Au\u00dfenpolitiker Norbert R\u00f6ttgen hat <a href=\"https:\/\/www.foreignaffairs.com\/ukraine\/europe-must-ramp-its-support-ukraine-rottgen\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.foreignaffairs.com\/ukraine\/europe-must-ramp-its-support-ukraine-rottgen\" rel=\"noreferrer noopener\">einen l\u00e4ngeren Artikel in Foreign Affairs<\/a> publiziert. Ziel ist, die Biden- und die Scholz-Administration argumentativ unter Druck zu setzen. Der Titel seines Beitrags ist typisch komparativistisch: \u201e<em>Europe Must Rump Up Its Support for Ukraine<\/em>\u201c \u2013 weil sonst die Gro\u00dfkatastrophe drohe: \u201e<em>Abandoning Kyiv Would \u2026 Lead Only to More War<\/em>.\u201c Die Gefahr f\u00fcr das westlichere Europa bei einem Zusammenbruch der Ukraine geht nach R\u00f6ttgen allein von Russland und seinen expansionistischen Intentionen aus, eine Gefahr aus der in ihren heroischen Bem\u00fchungen entt\u00e4uschten Ukraine kommt bei ihm nicht vor. Begrifflich gibt R\u00f6ttgen zu, dass ein \u201e<em>stalemate<\/em>\u201c eingetreten sei. Seine Strategie ist auch nicht eine, die diesen Zustand milit\u00e4risch \u00fcberwindet. Im Zentrum steht bei ihm zwar die Forderung an Deutschland, Waffen zu liefern, also den Marschflugk\u00f6rper Taurus. Dessen Einsatz auf der Krim aber soll Folgendes im russischen Volk erreichen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>By targeting Putin\u2019s pressure points and aiming to inflict painful defeats on Russia in the Black Sea or in Crimea, <strong>Ukraine is hoping to galvanize public sentiment in Russia against the war and its ringleader<\/strong>. Such a shift in public attitudes is a precondition for negotiations; to be willing to talk and compromise, Putin must also be certain that he can achieve nothing more by force. Ukraine must therefore win the upper hand on the battlefield.<\/em>\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Liest man eine solche Sentenz zweimal, so erkennt man die Vorbehalte, die der Autor selber hat. Er bringt es nur als Zitat von \u201eHoffnungen\u201c der ukrainischen Seite, distanziert, nicht als eigene \u00dcberzeugung. Milit\u00e4risch oder auch nur sozialpsychologisch argumentiert wird hier nicht \u2013 es stellt sich ja als erstes schon die Frage, weshalb der Ukraine gelingen soll, was den Alliierten im Bombenterror gegen Deutschlands Zivilbev\u00f6lkerung misslang und Moskau mit seinen winterlichen Raketen-Gro\u00dfangriffen auf Bev\u00f6lkerungszentren der Ukraine nicht gelang. Auch fehlt die Kl\u00e4rung der russischen Optionen im Falle einer solchen Eskalation seitens des Westens, dass die Kertsch-Br\u00fccke und damit eine zentrale logistische Linie unterbrochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Punkt \u201eRusslands Eskalationsoptionen\u201c geht R\u00f6ttgen an anderer Stelle ein. Die These ist, dass Russland konventionell-milit\u00e4risch ein solches Potential nicht mehr habe, dass es milit\u00e4risch alles ausgereizt habe, was es k\u00f6nne. Es bleibe allein das Potential der Eskalation ins Nuklear-Milit\u00e4rische \u2013 wieso das die einzige Option sei, wird nicht argumentiert. Zur nuklearen Option sagt R\u00f6ttgen, es sei nicht zu erwarten, dass diese gezogen werde. Im Wortlaut:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>The reality is that <strong>Russia has already fully escalated in terms of its conventional military capabilities<\/strong> and is <strong>unlikely to take the nuclear route<\/strong> for two reasons: <strong>first<\/strong>, out of the <strong>fear of U.S. retaliation<\/strong>; and <strong>second<\/strong>, given the opposition of China, Russia\u2019s indispensable ally, to nuclear escalation, a clear <strong>redline for Beijing<\/strong>.<\/em>\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Aufruf R\u00f6ttgen, Major und Schulze Wessel<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2023-12\/krieg-ukraine-unterstuetzung-aufruf-waffenlieferungen\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2023-12\/krieg-ukraine-unterstuetzung-aufruf-waffenlieferungen\" rel=\"noreferrer noopener\">Aufruf des Politikers R\u00f6ttgen, der Think-Tank Leiterin Major und des Uni-Historikers Schulze Wessel<\/a> enth\u00e4lt, milit\u00e4rstrategisch, lediglich eine Kritik, dass die Ukraine vom Westen nicht hinreichend unterst\u00fctzt werde, um den opferreichen Krieg zu Ende zu bringen. Das ist eine allseits unstrittige Aussage. Folglich, so der Schluss der Autoren, m\u00fcsse der Westen \u201emehr\u201c liefern und daf\u00fcr die r\u00fcstungswirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen. Ob das den erstrebten Effekt haben kann, ist strittig \u2013 aber darauf gehen die Autoren nicht ein. \u00dcberh\u00f6ht wird ihr Aufruf mit dieser abschlie\u00dfenden Argumentation<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u201e&#8220;Einigkeit und Recht und Freiheit&#8220;<\/em><\/strong><em> sind die Ziele der Ukraine, nicht eigene Eroberungen. Es sind Prinzipien, die auch Deutschland f\u00fcr sich proklamiert. In der Unterst\u00fctzung der Ukraine gibt es <strong>keine Spannung zwischen werte- und interessengeleiteter Au\u00dfenpolitik<\/strong>. Die Ukraine verteidigt unsere Werte, und unser existenzielles Sicherheitsinteresse gebietet es, sie dabei mit aller Kraft zu unterst\u00fctzen, <strong>solange sie selbst diesen Krieg auf sich nimmt.<\/strong><\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aufmerken l\u00e4sst die Einschr\u00e4nkung am Schluss. Damit wird die Frage gestellt: Was ist, wenn die Ukraine nicht mehr Puffer ist, sei es selbstgew\u00e4hlt, sei es gezwungen? Auf diese Frage aber gehen die Autoren des Aufrufs nicht mehr ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterzeichnet ist der Aufruf seitens der einschl\u00e4gigen Fachpolitiker der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, zudem gibt es eine interfraktionelle Unterst\u00fctzung durch drei MdBs der Gr\u00fcnen, breiter ist die Basis nicht. Auff\u00e4llig ist, wer unterschrieben hat mit der Eigenschaft eines \u201eDoyens\u201c ihrer Szenen. Politisch ist das Gerhard Baum (FDP). Seitens der Wissenschaft sind es der Historiker Heinrich August Winkler und der ehemalige DFG-Pr\u00e4sident Peter Strohschneider.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Memo to POTUS<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der politischen Agenda des Westens steht der n\u00e4chste NATO-Gipfel, der vom 9. bis 11. Juli 2024 in Washington stattfinden wird. <a href=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/content-series\/memo-to-the-president\/a-bold-agenda-for-the-washington-summit\/\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/content-series\/memo-to-the-president\/a-bold-agenda-for-the-washington-summit\/\" rel=\"noreferrer noopener\">Im Hinblick auf diesen Termin haben drei US-Ex-Diplomaten (John Herbst, Steven Pifer und Alexander Vershbow) mit Mandaten in Kiew und Moskau einen Forderungskatalog zusammengestellt<\/a>, f\u00fcr den sie die Unterst\u00fctzung von 40 weiteren Diplomaten und Sicherheitsexperten, darunter auch vier Ex-Milit\u00e4rs, gewonnen haben. Die Forderungen sind einfach und sonnenklar formuliert.<\/p>\n\n\n\n<p>(1) \u201e<em>A clear commitment to help Ukraine achieve decisive success on the battlefield. \u2026 <strong>The goal should be unambiguous<\/strong>: <strong>Ukraine\u2019s victory<\/strong>.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zu erreichen soll das sein durch: \u201e<strong><em>Provide Ukraine the weapons it needs to win the war<\/em><\/strong>\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Erforderlich seien drei Arten von Waffensystemen, die im Einzelnen aufgef\u00fchrt werden. Ob das tats\u00e4chlich reicht, um der Ukraine den \u00dcbergang in einen Bewegungskrieg und schlie\u00dflich einen Sieg zu erm\u00f6glichen, klingt wahrscheinlich \u2013 liegt aber jenseits der Urteilsf\u00e4higkeit des Autors.<\/p>\n\n\n\n<p>(2) \u201e<em>Ukraine must be anchored in transatlantic security arrangements so that Russia is deterred from attacking again.<\/em>\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Im Klartext: Die Ukraine muss eine NATO-Mitgliedschaft angeboten erhalten, im Falle eines Sieges ohnehin, im Falle eines Weitermottens des Krieges gem\u00e4\u00df einer noch, in Abstimmung mit der Ukraine, festzulegenden territorialen Grenzlinie. Das bedeutet: F\u00fcr den ja m\u00f6glichen Fall, dass sich das Kriegsgl\u00fcck gegen die Ukraine wendet (oder der neue Bundesgenosse die neuerworbene Garantie f\u00fcr seine Zwecke ausnutzen will), hat die NATO zu ihrer Garantie zu stehen und in den Krieg gegen russische Streitkr\u00e4fte einzutreten. Das ist eine Hochrisiko-Strategie. W\u00fcrde im Juli auf dem NATO-Gipfel so entschieden, w\u00fcrden die Republikaner im November den Wettkampf um das Wei\u00dfe Haus gewinnen und w\u00fcrde im Fr\u00fchjahr 2025 der Ernstfall eintreten bzw. getestet werden und die USA nicht voll einsteigen, so w\u00e4re das der Zusammenbruch der NATO. Dann st\u00fcnde Europa nackt da.<\/p>\n\n\n\n<p>Frappierend bei der Lekt\u00fcre von US-Autoren ist immer wieder deren hemmungslos \u00f6konomistische Denkweise. Der \u201eErfolg\u201c der bisherigen Politik zur Nicht-Verhinderung des Krieges um die Ukraine und deren Unterst\u00fctzung wird in wenigen Zahlen so zusammengefasst:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c<em>The <strong>United States<\/strong> has supplied approximately <strong>$76 billion in military and economic aid<\/strong> to Ukraine since the full-scale invasion by Russia on February 24, 2022. <strong>Europe<\/strong> has provided approximately <strong>$97 billion<\/strong>. <strong>With this aid, Ukraine has destroyed approximately 50 percent of Russia\u2019s conventional military capability<\/strong>, <strong>making our assistance a smart and economical investment in our security<\/strong>.<\/em>\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das eine Milchm\u00e4dchenrechnung ist, ist so offenkundig, dass man sich fragt, wie studierte und lebenserfahrene Personen so etwas unterschreiben k\u00f6nnen. Herzlos ist sie zudem, weil der Blutzoll der ukrainischen jungen M\u00e4nner auf der Seite der \u201eInvestitionen\u201c ausgeblendet ist. Vermutlich mit Freud zu Recht: Da k\u00f6nnten Forderungen auf \u201eErtrag\u201c im Raume stehen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/wupperinst.org\/c\/wi\/c\/s\/cd\/70\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"853\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2020\/10\/Luhmann_Jochen_FG1_farb-1024x853.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-827\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"http:\/\/wupperinst.org\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann (Januar 2024) 1918 ist das Waffenstillstandsangebot Deutschlands v\u00f6llig schief gegangen. 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