{"id":1331,"date":"2025-08-17T16:14:06","date_gmt":"2025-08-17T14:14:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=1331"},"modified":"2025-08-17T16:15:25","modified_gmt":"2025-08-17T14:15:25","slug":"die-rolle-von-sieg-theorien-fuer-das-ende-des-kriegs-in-der-ukraine","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/die-rolle-von-sieg-theorien-fuer-das-ende-des-kriegs-in-der-ukraine\/","title":{"rendered":"Die Rolle von \u201eSieg-Theorien\u201c f\u00fcr das Ende des Kriegs in der Ukraine"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2025\/08\/250817-NU-HJL-1024x683.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1332\" title=\"Foto: Nata Uchava, Magdeburg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann (August 2025)<\/em><strong><em><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">1.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Einleitung<\/h1>\n\n\n\n<p>Zum seelisch Verst\u00f6renden des Kriegs in der Ukraine geh\u00f6ren nicht allein die get\u00f6teten jungen Menschen sowie die f\u00fcr ihr Leben gepr\u00e4gten Verst\u00fcmmelten und Gemarterten. Dazu geh\u00f6rt auch die verbreitete gedankliche Ausweglosigkeit dazu, wie der Krieg zu Ende gehen k\u00f6nnte. Letzterer Mangel ist in Deutschland besonders offenkundig. Die Formel \u201eDer Diplomatie eine Chance geben\u201c ist abstrakt und deshalb eher eine Formel der Hilfe suchenden Verzweiflung angesichts einer denkerischen Verweigerung seitens der fachlichen Eliten in Deutschland. Die Profis in Medien, Think Tanks und Parlament verweigern sich einer pragmatischen Perspektive, wie der Krieg gestoppt werden beziehungsweise zu einem Ende kommen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Anderswo ist das, kulturbedingt, anders. Im Angels\u00e4chsischen, zwei Nationen mit imperialer Vergangenheit, wird dazu wirklich nachgedacht \u2013 Deutschland hingegen denkt au\u00dfenpolitisch provinziell, es fehlt an Erfahrung und also an Pragmatismus. In dieser Kolumne stelle ich zwei Beispiele aus angels\u00e4chsischen Denkwerkst\u00e4tten vor, eines tendenziell pro-russisch, eines pro-europ\u00e4isch. Vorweg aber ein Hinweis auf einen aufschlussreichen Blick in die H\u00f6hle des L\u00f6wen, in die Denkstuben der NATO, wo die def\u00e4tistische Vorstellung eines Ewigkeits-Konflikts gen\u00e4hrt wird.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">2.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; NATO-Zentrale<\/h1>\n\n\n\n<p>Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat k\u00fcrzlich einen interessanten <a href=\"https:\/\/www.fes.de\/zukunft-der-nato\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bericht unter dem Titel \u201eDie Zukunft der NATO\u201c<\/a> erarbeiten lassen. Aus diesem Anlass haben zwei Autoren vom Hessischen PRIF (Peace Research Institute Frankfurt) im NATO-Hauptquartier recherchiert. Hier ihr Eindruck:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Im NATO-Hauptquartier wie auch im Kreis der NATO-Staaten herrscht weitgehende Einigkeit, dass die russische Bedrohung systemisch sei. Stoltenberg sprach wiederholt von einem russischen \u00bbpattern of increasingly reckless behaviour\u00ab. Als Ursache des Konflikts galt ihm Putins Anspruch auf eine weitreichende Zone privilegierten Einflusses sowie seine Sicht, Freiheit und Demokratie bedrohten sein Regime. Folglich sei diese Bedrohung dauerhaft: \u00bbEven <strong>if war were to end tomorrow, there is no sign that Putin\u2019s broader ambitions have changed<\/strong>\u00ab<\/em>.\u201c (S. 5)<\/p>\n\n\n\n<p>So personalisiert denkt man im NATO-Hauptquartier. Wenn Putin stirbt, dann w\u00e4re nach NATO-Sicht das Problem beseitigt. Das aber kann nicht ernstlich die Meinung sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant fand ich die folgende Darstellung zur Historie der Neuaufstellung der NATO im Verh\u00e4ltnis zu Russland:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Die NATO reagierte auf den Schock des offenen Angriffskriegs ab 2022 auch deshalb so schnell, weil ihre milit\u00e4rischen B\u00fcrokratien die Planungen f\u00fcr eine Rekonstitution der Verteidigung bereits aufgenommen hatten. 2019 hatte der Milit\u00e4rausschuss eine neue politisch-milit\u00e4rische Richtlinie auf den Weg gebracht (MC 400\/4, MC Guidance for the Military Implementation of Alliance Strategy). Sie diente im Folgenden dem SACEUR als Grundlage f\u00fcr die Entwicklung milit\u00e4rischer Planungen im Rahmen des 2020 verabschiedeten Concept for Deterrence and Defence of the Euro-Atlantic Area (DDA) \u2026.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Spannung zwischen vorausgehender milit\u00e4rischer Planung und nachfolgender politischer Vorgabe l\u00f6ste sich mit dem Beginn des Kriegs auf.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet: Die milit\u00e4rische Planung der NATO ist im Vorfeld der Invasion Russlands in die Ukraine der Legitimierung durch die politischen Gremien der NATO \u201evorweggelaufen\u201c \u2013 sie ist ohne politisches Mandat planerisch t\u00e4tig gewesen, die Milit\u00e4rs haben sich \u201eselbstmandatiert\u201c. Die russischen Stellen werden das sicherlich wahrgenommen und reagiert haben. Diesen Entwicklungen im Vorfeld der Invasion muss noch st\u00e4rker nachgegangen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nun zu zwei Darstellungen aus den beiden angels\u00e4chsischen Nationen, die ein baldiges Ende jeweils durch eine pragmatische Sieg-Vorstellung der eigenen Seite vorschlagen. Und \u201eSieg\u201c ist bekanntlich die zentrale Reputationsmarke, um ein Ende der Kampfhandlungen innenpolitisch zu \u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">3.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ende qua postuliertem russischem Sieg<\/h1>\n\n\n\n<p>Autor ist hier Thomas Graham, ein US-amerikanischer Russland-Spezialist mit langj\u00e4hrigem Engagement in der Bush-Administration. Anschlie\u00dfend hat er sich Kissingers Beratungskanzlei angeschlossen. Heute ist er Mitglied des \u201eadvisory board of Russia Matters\u201c, eines Projekts des Harvard Kennedy School\u2019s Belfer Center for Science and International Affairs. Graham ist somit jemand, der Russland von Grund auf kennt und in Moskau auch gelesen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Graham hat sich am 28. Juli 2025 <a href=\"https:\/\/nationalinterest.org\/feature\/why-putin-should-declare-victory-in-ukraine-now\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">mit einem Artikel zu Wort gemeldet mit dem Titel \u201e<em>Why Putin Should Declare Victory in Ukraine Now<\/em>\u201c<\/a>. In diesem Beitrag richtet er einen Aufruf an den Kreml, als sei er Nationaler Sicherheitsberater in Moskau. Zusammenfassend sagt er:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>The great irony is that for all practical purposes, <strong>Russia has already largely achieved its goals<\/strong>, while <strong>prosecuting the war further<\/strong> <strong>saps the strength Russia will need to hold its own in the intensifying great-power competition <\/strong>that will shape world events in the years ahead. An astute strategist would recognize that <strong>it\u2019s time to declare victory<\/strong>,<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201ekluge Stratege\u201c ist er nat\u00fcrlich selbst, die Denkweise ist professionell und Entscheider-nah. Das Kalk\u00fcl ist begr\u00fcndet in dem Aufruf an den F\u00fchrer: Bringe das milit\u00e4rische und das geostrategische Denken zusammen, w\u00e4ge die Effekte auf beiden Feldern ab! Und da Pr\u00e4sident Putin, wie die Episoden in den Wochen vor dem 24. Februar 2022 gezeigt haben, in Moskau intellektuell einsam ist, kann ein solcher einf\u00fchlsamer Zuruf aus der Ferne schon Einfluss haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Graham geht die Kriegsziele Russlands eines nach dem anderen durch, um jeweils zu zeigen, in welchem Sinne sie entweder erreicht sind oder ihre Erreichbarkeit zumindest in Reichweite liegt.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Ein NATO-Beitritt der Ukraine sei faktisch ausgeschlossen, das haben die westlichen Staaten dadurch gezeigt, dass sie unwillens waren, der Ukraine als Voll-Alliierte beizustehen. Die Beschl\u00fcsse auf den diversen NATO-Gipfeln seit 2022 unterstreichen das.<\/li>\n\n\n\n<li>Russland habe 85 Prozent des Territoriums der vier \u00fcberwiegend russisch-sprachigen Oblaste erobert, deren Anschluss an Russland Ende September 2022 als Kriegsziel reklamiert und einseitig bereits zum Teil russischen Staatsgebietes erkl\u00e4rt wurde. Dabei ist zu bedenken, dass die Zahl 85 Prozent unterstellt, dass die zu besetzenden Gebiete in Russlands Kriegszielen territorial pr\u00e4zise bestimmt worden seien. Das aber ist nicht der Fall. In der <a href=\"https:\/\/www.osw.waw.pl\/en\/publikacje\/analyses\/2022-10-03\/russia-announces-annexation-four-regions-ukraine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Entscheidung Pr\u00e4sident Putins vom 30. September 2022<\/a>, mit Vertretern dieser vier Gebiete einen Beitritt zur russischen F\u00f6deration zu vereinbaren, wurden die exakten Grenzen sehr bewusst offen gehalten. Die Entw\u00fcrfe der endg\u00fcltigen Annexionsdokumente nahmen wiederholt auf Gebiete \u201eam Tag der Aufnahme in die Russische F\u00f6deration\u201c und am Tag der \u201eBildung einer neuen Teilrepublik innerhalb der Russischen F\u00f6deration\u201c Bezug, also auf zuk\u00fcnftige Ereignisse.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Forderung einer, so w\u00f6rtlich, \u201eDemilitarisierung\u201c der Ukraine werde sich, pragmatisch gesehen, im Zuge der Verhandlungen \u00fcber den Charakter der Neutralit\u00e4t der Ukraine beziehungsweise die ihr zu gew\u00e4hrenden Sicherheitsgarantien ergeben. Diese Verhandlungen werden zu Begrenzungen der Gr\u00f6\u00dfe der ukrainischen Streitkr\u00e4fte und ihrer sicherheitlichen Verbindungen mit Europa und den Vereinigten Staaten f\u00fchren.<\/li>\n\n\n\n<li>Es sei davon auszugehen, dass alsbald nach der Erkl\u00e4rung eines Waffenstillstandes das Kriegsrecht in der Ukraine aufgehoben wird und Wahlen zum Pr\u00e4sidentenamt und zum Parlament stattfinden werden. Das Ergebnis werde eine neugebildete Regierung in der Ukraine sein. Die Forderung nach einem \u201e<em>regime change<\/em>\u201c wird damit erf\u00fcllt werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Dass die Rechte der Russisch sprechenden Bev\u00f6lkerung respektiert werden, werde im Rahmen des EU-Beitritts gesichert werden \u2013 darauf k\u00f6nne Russland sich verlassen.<\/li>\n\n\n\n<li>Mit einem Waffenstillstand werden die Vereinigten Staaten und die Europ\u00e4er bereit sein, ihre Sanktionen schrittweise aufzuheben.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Graham h\u00e4lt den verbleibenden Unsicherheiten auf der Seite der Bedingungen einer Kriegsbeendigung entgegen, was Russland auf der geopolitischen Seite zu gewinnen habe mit einer Entscheidung f\u00fcr einen Waffenstillstand in der gegenw\u00e4rtigen Situation.<\/p>\n\n\n\n<p>Je l\u00e4nger der Zerm\u00fcrbungskrieg andauere, desto schw\u00e4cher werde Russland relativ zu den verschiedenen Machtzentren in der multipolaren Welt werden, von der Putin behauptet, dass sie im Entstehen begriffen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies treffe ganz offenkundig zu auf die Vereinigten Staaten und China. US-amerikanische und chinesische Regierungsmitarbeiter haben es angedeutet: Beide Staaten haben ein hohes Interesse an der Fortsetzung des milit\u00e4rischen Konfliktaustrags in der Ukraine. Aus Sicht der USA schw\u00e4cht er die milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten Russlands, ohne dass den Vereinigten Staaten, die die Lasten auf Europa abgeschoben haben, in Zukunft noch nennenswerte Kosten entstehen. Aus chinesischer Sicht erh\u00f6he ein Andauern des milit\u00e4rischen Konfliktaustrags in der Ukraine die Abh\u00e4ngigkeit Russlands von China.<\/p>\n\n\n\n<p>Russland t\u00e4te mit einer Fortf\u00fchrung des Krieges in der Ukraine das Seine f\u00fcr diese Tendenz, indem es technologisch hinter die anderen Gro\u00dfm\u00e4chte zur\u00fcckf\u00e4llt, da es Ressourcen priorit\u00e4r f\u00fcr unproduktive milit\u00e4rische Anforderungen bereitstellt. Kurz gesagt: Russlands Handlungsspielraum auf der Weltb\u00fchne w\u00fcrde sich in den kommenden Jahren infolge des Krieges verringern. Bis zur Mitte des n\u00e4chsten Jahrzehnts k\u00f6nnte es sich leicht als die schw\u00e4chste unter den Gro\u00dfm\u00e4chten erweisen \u2013 sein massives Atomwaffenarsenal w\u00fcrde daran nichts \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">4.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ende qua europ\u00e4ischem Sieg<\/h1>\n\n\n\n<p>Autor ist hier der Brite Jack Watling. Er ist Senior Fellow am Royal United Services Institute (RUSI) in London mit seiner 190j\u00e4hrigen Geschichte des Nachdenkens zu Verteidigungs- und Sicherheitsfragen. Dort ist er Spezialist f\u00fcr Landkriegsf\u00fchrung. Der Titel seines Aufsatzes, vorsichtig mit einem Fragezeichen versehen, lautet:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.rusi.org\/explore-our-research\/publications\/commentary\/ukraine-european-vision-victory\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201e<em>Ukraine: <strong>A European Vision of Victory<\/strong>?<\/em>\u201c<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u201e<em>European Vision of Victory\u201c<\/em> lie\u00df mich aufhorchen. Die Ukraine ihren Krieggegen Russland unendlich weiterf\u00fchren zu lassen, ohne ein in absehbarer Zeit erreichbares Ziel, erscheint mir nicht nur ethisch unvertretbar. Es ist vielmehr auch f\u00fcr den Westen h\u00f6chst riskant. Wenn sich n\u00e4mlich in der Ukraine nach Ende der Kampfhandlungen die Auffassung verbreitet, als Kanonenfutter benutzt und also \u201everraten\u201c worden zu sein, kann sich leicht unter den dortigen bewaffneten Gruppen, die aus der Armee ausgeschieden sein werden, eine Stimmung verbreiten, wie sie in Deutschland nach Ende des Ersten Weltkrieges in Freisch\u00e4rler-Verb\u00e4nden verbreitet war. Und wenn das Ziel gar jenes ist, welches Thomas Graham angedeutet und der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin zu Anfang des Krieges explizit ausgesprochen hat, Russland n\u00e4mlich abnutzen zu lassen zum Nutzen der westlichen Allianz, die ihre Soldaten aufspart, so ist das ethische Dilemma noch \u00e4rger.<\/p>\n\n\n\n<p>Relativ dazu tritt Watling mit einem Gedankengang an, der einen Weg zu entfalten beansprucht, der innerhalb der Frist eines Jahres zu einem erreichbaren Ziel f\u00fchrt, welches einem westlichen \u201eSieg\u201c entspreche. Das Fragezeichen soll signalisieren: Pr\u00fcft es!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedankengang umfasst Milit\u00e4risches als auch \u00d6konomisches. Im Zentrum steht die Behauptung einer Nichtlinearit\u00e4t, die ich mangels Kenntnis nicht recht zu beurteilen vermag. Es geht um die Wiederaufwuchsf\u00e4higkeit des von hohen Verlusten betroffenen Offizierskorps der russischen Armee, der Landstreitkr\u00e4fte. Gegenw\u00e4rtig f\u00fcrchtet sich der Westen vor einem Angriff Russlands, weil Russland auf Kriegswirtschaft umgestellt hat und milit\u00e4rische Ausr\u00fcstungsg\u00fcter in hohem Ma\u00dfe zu produzieren vermag \u2013 Watling weist aber darauf hin, dass Russlands Zugriff auf eingelagerte Altbest\u00e4nde aus sowjetischer Zeit in diesen Tagen zu Ende gehe, ab 2026 sei alles an Vorr\u00e4ten aufgebraucht, ab dann m\u00fcsse Russland soviel produzieren wie im Kampf verloren geht. Als Grund zur Furcht wird \u00fcberdies angef\u00fchrt: Sein Milit\u00e4r habe aufgrund des Ukraine-Krieges einen Kompetenzgewinn gegen\u00fcber den westlichen Streitkr\u00e4ften erfahren, eben weil es nun kriegserfahren sei. Doch das viele Ger\u00e4t braucht auch Menschen. Deshalb gilt: Nach einer Rekonvaleszenz-Phase von vielleicht sechs Jahren sei es in der Lage, die NATO-Staaten mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen, sofern diese nicht aufr\u00fcsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Watling behauptet nun, wenn die Abnutzung durch die Ukraine ein einziges Jahr mehr noch weiter anhalte, dann sei eine solche Dezimierung des Offizierskorps der russischen Landstreitkr\u00e4fte entstanden, dass gleichsam der \u201eKern\u201c der Armee zu klein sei, als dass sie sich aus sich selbst heraus in der erw\u00e4hnten Zeitspanne regenerieren k\u00f6nne. Hinzukommt die Option einer \u00f6konomischen Beschr\u00e4nkung. Watling verweist darauf, dass Pr\u00e4sident Putin entschieden habe, dem Milit\u00e4r ein Auskommen mit der gegebenen Obergrenze an Ausgaben zuzumuten \u2013 eine Konsequenz dessen, dass der Westen in der Lage war, den Weltmarktpreis f\u00fcr Roh\u00f6l unter 60 US-Dolar pro Barrel zu dr\u00fccken; und Watling meint, dass diese Entscheidung aus Stabilit\u00e4tsgr\u00fcnden f\u00fcr das Regime unverr\u00fcckbar sei. Die gegenw\u00e4rtigen hohen Zahlen von Neu-Rekrutierungen (35.000 bis 47.000 Mann\/Monat) seien allein durch die aktuell sehr hohen finanziellen Anreize m\u00f6glich \u2013 unter \u00f6konomischem Druck sei das nicht durchhaltbar. Watling zusammenfassend zur Achillesferse:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>the <strong>key<\/strong> to Russia\u2019s ability <strong>to rebuild combat power is money<\/strong>, which is overwhelmingly <strong>generated through the oil and gas sector<\/strong>.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Komplement\u00e4r ist nach dem Watlingschen Sieg-Konzept somit eine \u00f6konomische Einschr\u00e4nkung wichtig, welche Russlands Staatshaushalt erheblich trifft. Die setzt bei Russlands Exporten von Roh\u00f6l und \u00d6lprodukten an:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Zu mehr als 60 Prozent gehen die \u00fcber den Exporthafen Ust-Luga und dann durch die Ostsee \u2013 und das ist wegen der territorialen Bestimmtheit der Vorkommen und der Pipelinerouten auch kurzfristig nur in engen Grenzen \u00e4nderbar. Damit k\u00f6nnen die Tankschiffe, beladen mit russischem \u00d6l, nicht anders, als d\u00e4nisches Hoheitsgebiet zu durchfahren. Wenn westliche Sanktionen dazu f\u00fchren, dass solche Schiffe keinen Flaggenstaat mehr finden und dennoch die d\u00e4nischen Hoheitsgew\u00e4sser passieren wollen, so k\u00f6nne ihnen D\u00e4nemark die Passage verwehren und dies als NATO-Staat auch durchsetzen \u2013 so die Meinung Watlings. Das gelte selbst dann, wenn die flaggenlosen Tanker von russischen Kriegsschiffen begleitet werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Die \u00fcbrigen \u00d6l-Exporte Russlands, so Watling, k\u00f6nnen durch Sanktionierung der H\u00e4fen, in denen Russland sie zu entladen sucht, weiter erheblich eingeschr\u00e4nkt werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Als drittes Mittel sieht er eine zus\u00e4tzliche und umfangreiche Ausr\u00fcstung der Ukraine mit pr\u00e4zisen Mittelstreckenraketen (LRF) vor, mit denen die Ukraine Raffinerien und Abtransport-Logistik in Russland erheblich treffen kann.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Eine solche Politik werde Russland an den Verhandlungstisch bringen und von seinen Kriegszielen in G\u00e4nze Abschied zu nehmen zwingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u201eSieg\u201c Europas sei das in einem doppelten Sinne. Einmal weil die Ukraine nicht verloren hat, sondern zu einem verhandelten Waffenstillstand gekommen sein w\u00fcrde. Zum Zweiten, und darauf legt der Autor besonderen Wert, weil Europa der Sorge vor einem Angriff Russlands erst einmal entledigt worden ist.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/vdw-ev.de\/ueber-uns\/studiengruppen\/europ-sicherheit-frieden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"853\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2020\/10\/Luhmann_Jochen_FG1_farb-1024x853.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-827\" title=\"Foto: Hans-Jochen Luhmann\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Hans-Jochen Luhmann, Mitglied der Studiengruppe \u201eFrieden und Europ\u00e4ische Sicherheit\u201c der <a href=\"https:\/\/vdw-ev.de\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/vdw-ev.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW)<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann (August 2025) 1.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Einleitung Zum seelisch Verst\u00f6renden des Kriegs in der Ukraine geh\u00f6ren nicht allein die get\u00f6teten jungen Menschen sowie die f\u00fcr ihr Leben gepr\u00e4gten Verst\u00fcmmelten und Gemarterten. 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