{"id":136,"date":"2018-06-19T16:34:02","date_gmt":"2018-06-19T14:34:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=136"},"modified":"2020-09-12T16:27:36","modified_gmt":"2020-09-12T14:27:36","slug":"das-nuklear-abkommen-mit-iran-perspektiven-fuer-den-nahen-osten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/das-nuklear-abkommen-mit-iran-perspektiven-fuer-den-nahen-osten\/","title":{"rendered":"Das Nuklear-Abkommen mit Iran: Perspektiven f\u00fcr den Nahen Osten heute und unter dem Druck der Klimaherausforderung"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n<p>Kann das umstrittene Nuklear-Abkommen der USA und anderer Staaten mit dem Iran die republikanische Mehrheit in beiden H\u00e4usern des US-Kongresses und einen US-Pr\u00e4sidenten \u00fcberleben, der sich im Wahlkampf offen ablehnend zu dem Abkommen ge\u00e4u\u00dfert hat? Kann dieses Abkommen auch das Ergebnis der Wahlen im Iran im Juni 2017 \u00fcberleben? Die Zustimmung zu dem Abkommen in beiden Staaten steht in Wechselwirkung miteinander: Die Zustimmung kann sich gegenseitig best\u00e4rken, sie kann aber auch in Richtung Erosion des Abkommens gebracht werden. Und folglich ist zu fragen: Wer, auf welcher Seite, hat daran, in welcher Richtung und aus welchen Gr\u00fcnden, ein dezidiertes Interesse?<\/p>\n<p>Als K\u00fcrzel bzeichnet JCPOA das Nuklear-Abkommen mit dem Iran. Es steht f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.state.gov\/e\/eb\/tfs\/spi\/iran\/jcpoa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong><em>J<\/em><\/strong><em>oint <strong>C<\/strong>omprehensive <strong>P<\/strong>lan <strong>o<\/strong>f <strong>A<\/strong>ction<\/em><\/a>. Geschlossen haben Abkommen die USA, Russland und China sowie Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Deutschland als auch die EU auf der einen Seite mit dem Iran auf der anderen Seite. Deswegen wird es auch \u201eE3\/EU+3-Abkommen mit dem Iran\u201c genannt. In den USA ist eine andere Z\u00e4hlweise in der Benennung \u00fcblich, dort hei\u00dft es \u201e<em>nuclear deal between the P5+1 countries (United States, United Kingdom, France, Germany, Russia, and China) and Iran<\/em>\u201c. \u201eP5\u201c sind die st\u00e4ndigen Mitglieder im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen \u2013 hinzu tritt, das ist die \u201e1\u201c, Deutschland.<\/p>\n<p>Die Verhandlungszeit betrug zw\u00f6lf Jahre, aufgenommen wurden die Verhandlungen im Jahre 2003, also noch in der Zeit der Regierung Bush jr., alsbald nach 9\/11, damals aber allein von den drei europ\u00e4ischen M\u00e4chten initiiert. <a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/06\/EPRS_BRI2016572820_EN.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-140\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/06\/EPRS_BRI2016572820_EN-T.jpg\" alt=\"\" width=\"310\" height=\"438\"><\/a>Die \u00fcbrigen drei Mitglieder des UN Sicherheitsrates traten erst im Jahre 2006 hinzu, nachdem die Internationale Atomenergiebeh\u00f6rde das iranische Atomprogramm in einem Bericht an den Weltsicherheitsrat problematisiert hatte. <a href=\"http:\/\/www.europarl.europa.eu\/RegData\/etudes\/BRIE\/2016\/577961\/EPRS_BRI(2016)577961_EN.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Der Verhandlungsverlauf ist hier zusammengefasst<\/a>. Faktisch handelt es sich bei dem Abkommen um ein <em>regionales<\/em> Non-Proliferations-Abkommen \u2013 ohne dass es einen formellen Bezug zum globalen Atomwaffensperrvertrag g\u00e4be. Das ist das Innovative daran.<\/p>\n<p>Unterzeichnet wurde das Abkommen schlie\u00dflich am 14. Juli 2015 in Wien. In Kraft trat es am 16. Januar 2016, dem Tag, auf den die einschl\u00e4gigen Sanktionen der USA, der EU und des Weltsicherheitsrates <a href=\"http:\/\/www.europarl.europa.eu\/RegData\/etudes\/BRIE\/2016\/572820\/EPRS_BRI(2016)572820_EN.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">au\u00dfer Kraft gesetzt wurden<\/a>.<\/p>\n<p>Das Abkommen als solches, im rein rechtlichen Sinne, funktioniert bislang. Und doch ist es umstritten, wird es abgelehnt. Das gilt beidseits, sowohl f\u00fcr Washington als auch f\u00fcr Teheran. Auf beiden Seiten gibt es Kreise, die aus tiefer Verletzung heraus feindliche Gef\u00fchle hegen. Die Gefahr f\u00fcr das junge Abkommen, wie immer: Wenn der Geist eines Abkommens nicht gehalten wird, dann ist \u00fcber kurz oder lang auch das Abkommen selbst in der Gefahr zu erodieren. Skepsis gibt \u00fcberdies in Staaten des Nahen Ostens, in Kairo und in Ankara; explizite Ablehnung insbesondere in Riad.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\" \" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/05\/Luhmann-g11-270x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\">Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<p>Die USA k\u00f6nnten das JCPOA zwar einseitig aufk\u00fcndigen \u2013 das aber bedeutete kein Ende des JCPOA. Formal zumindest. Das JCPOA ist ein multilaterales Abkommen, kein unilaterales. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat das JCPOA zudem mit seiner <a href=\"http:\/\/www.securitycouncilreport.org\/atf\/cf\/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D\/s_res_2231.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Resolution 2231 (2015)<\/a> best\u00e4tigt und ihm den Charakter eines internationalen Vertrages gegeben. Es gilt jedoch einmal mehr: Der Sinn von Vertr\u00e4gen besteht nicht in ihrem Wortlaut. Zum ersten \u201eGeburtstag\u201c im Januar 2017 hat die <a href=\"https:\/\/vdw-ev.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW)<\/a> zusammen mit dem Academic Peace Orchestra Middle East ein Pressegespr\u00e4ch veranstaltet \u2013 nicht nur um zu feiern sondern auch in Sorge um dessen weiteres Schicksal.<\/p>\n<p><strong>Was der Iran gab: Die nuklear-politischen Non-Proliferations-Inhalte des Abkommens <\/strong><\/p>\n<p>Bei JCPOA handelt es sich um ein innovatives Non-Proliferations-Abkommen, auch wenn es nicht im Kontext des Atomwaffensperrvertrages geschlossen wurde. Es wurde aber durch den dort vorgesehenen Inspektionsmechanismus angeschoben. Vor dem Abschluss von JCPOA produzierte der Iran in seinen verbunkerten Zentrifugen-Anlagen in Natanz Uran mit einem Anreicherungsgrad nahe 20 Prozent; er besa\u00df zudem einen hohen Vorrat an Uran mit diesem Anreicherungsgrad. <a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/06\/EPRS_BRI2016577961_EN.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-138\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/06\/EPRS_BRI2016577961_EN-T.jpg\" alt=\"\" width=\"310\" height=\"438\"><\/a>Die sogenannte \u201e<em>breakout time<\/em>\u201c f\u00fcr den Iran, also die Zeitspanne, hinreichend viel hochangereichertes Uran herzustellen, um damit eine nukleare Waffe bauen zu k\u00f6nnen, betrug lediglich wenige Wochen. Heute sieht das deutlich anders aus:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Iran hat etwa zwei Drittel seiner Zentrifugen deaktiviert und unter Aufsicht der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde gestellt.<\/li>\n<li>Er produziert kein auf etwa 20 Prozent angereichertes Uran mehr und hat mehr als 95 Prozent seines Vorrats daran exportiert.<\/li>\n<li>Der Iran produziert nur noch das f\u00fcr die zivile Nutzung in Kernkraftwerken \u00fcbliche, auf 3,67 Prozent angereicherte Uran.<\/li>\n<li>Dadurch ist die <em>breakout time<\/em> des Iran auf viele Monate gestiegen.<\/li>\n<li>Ein \u00fcberraschender <em>breakout<\/em> des Iran bei waffenf\u00e4higem Uran ist ausgeschlossen, weil Inspektoren der Atomenergiebeh\u00f6rde nun das Recht eines t\u00e4glichen Zutritts zur Anlage in Natanz haben; zudem erlauben \u00dcberwachungs-Apparaturen kontinuierliche online-Messungen des Anreicherungsgrades.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bleibt der Plutonium-Pfad. Auch den war der Iran dabei sich zu er\u00f6ffnen. Auch hier durch Nutzung von dual-use Technologien. Iran entwickelte einen Schwerwasser-Reaktor (\u201eArak\u201c), zivil gedacht f\u00fcr die Schifffahrt. Irans Vorrat an Schwerem Wasser wurde reduziert auf 130 Tonnen und auf diese Obergrenze beschr\u00e4nkt. Ein Schwerwasser-Reaktor vermag auch Plutonium zu produzieren, die Menge ist design-abh\u00e4ngig. JCPOA sieht in Annex 1 ein Re-Design vor, welches die nebenl\u00e4ufig produzierte Plutoniummenge auf etwa 10 Prozent im Vergleich zum urspr\u00fcnglichen Design senkt. Wenn der Reaktor in Betrieb gegangen sein wird, wird zudem der abgebrannte Brennstoff mit dem produzierten Plutonium aus dem Iran herausgeschafft. Damit sind dem Iran die Mittel genommen, Plutonium zu produzieren, das alternative Material f\u00fcr nukleare Sprengk\u00f6rper.<\/p>\n<p><strong>Was die USA beziehungsweise die E3\/EU+3 gaben: Die Aufhebung von Wirtschafts-Sanktionen<\/strong><\/p>\n<p>Wie jeder Deal so lebt auch dieser mit dem Iran vom Geben <em>und<\/em> Nehmen \u2013 jede Seite muss ihren Vorteil haben. Das Geben der E3\/EU+3 besteht in der Suspendierung von Sanktionen (gegen den Iran), welche die USA beziehungsweise die EU je unilateral erlassen hatten, sowie von Sanktionen, die der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNSC) multilateral erlassen hatte. Das Weitergehende, deren allf\u00e4llige g\u00e4nzliche Aufhebung, wurde in Aussicht gestellt. Es gelang der Obama-Administration auch, diesen Vertragsinhalt, gegen den dezidierten Widerstand der Republikaner in der Washingtoner Legislative, durchzusetzen. Deren Haltung macht die jetzige Situation, nach dem Mehrheitswechsel in Washington, so brenzlig.<\/p>\n<p>Die rechtliche Durchsetzung in Teheran lief \u00e4hnlich harzig ab. Revolutionsf\u00fchrer Khamenei versagte seine Identifikation mit dem Ergebnis, es ist also \u201enur\u201c das Ergebnis der Regierung unter Ministerpr\u00e4sident Rohani \u2013 der aber steht im Juli 2017 zur Wiederwahl.<\/p>\n<p>Aus Kreisen der US-Sicherheits-Community, die dem JCPOA verbunden sind und seinen Erfolg w\u00fcnschen, <a href=\"https:\/\/static01.nyt.com\/packages\/pdf\/science\/03ScientistsLetter.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">werden gegenw\u00e4rtig Vorst\u00f6\u00dfe unternommen<\/a>, um die neu ins Amt gelangende Administration zumindest davon abzuhalten, schon alsbald nach Amtsantritt Signale auszusenden, dass sie gewillt sei, das Abkommen in die Tonne zu treten. Dann n\u00e4mlich ist wahrscheinlich, dass es in Reaktion darauf mit dem Wahlergebnis in Teheran in der Tonne landen wird. Seitdem Trump President elect geworden ist, hat er sich zum Iran-Abkommen nicht mehr (abf\u00e4llig) ge\u00e4u\u00dfert. Seine Kandidaten f\u00fcr einschl\u00e4gige Schl\u00fcssel\u00e4mter in der Regierung haben sich in den Anh\u00f6rungen so ge\u00e4u\u00dfert, wie von Bernd Kubbig zusammengefasst:<\/p>\n<p>\u201eRex Tillerson \u00e4u\u00dferte sich unbestimmt in seiner Anh\u00f6rung dahingehend, dass er den JCPOA erst einmal \u201epr\u00fcfen\u201c lassen wolle. Demgegen\u00fcber bezog James Mattis klar Position, und zwar gegen die des Wahlk\u00e4mpfers Trump: \u201e<em>It is an imperfect arms control agreement \u2013 it&#8217;s not a friendship treaty.\u201c <\/em><em>[&#8230;] But when America gives her word, we have to live up to it and work with our allies.<\/em>\u201c Dieses klare Statement f\u00fcr den Erhalt des JCPOA ist umso bemerkenswerter, als Mattis in seiner fr\u00fcheren Funktion als General bei der Spitze der Obama-Administration in Ungnade gefallen war, weil er <a href=\"http:\/\/www.vdw-ev.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/2017.01.19_policybrief_48_deutsche_zusammenfassung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einen h\u00e4rteren Kurs gegen\u00fcber Teheran bef\u00fcrwortet<\/a> hatte.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Asymmetrie in der Verbindlichkeit beim Geben und beim Nehmen<\/strong><\/p>\n<p>Das Abkommen ist gef\u00e4hrdet \u2013 aber offenkundig nicht dadurch, dass die USA es k\u00fcndigen. Es ist ein multilaterales Abkommen, mit dem die Weltgemeinschaft dem Iran zu verstehen gegeben hat: Wir wollen keine (weiteren) Nuklearm\u00e4chte in der Konfliktregion \u201eNaher Osten\u201c. Wenn nun ein Vertragspartner, die USA, unverst\u00e4ndlicherweise, ausstiege, so gilt das Abkommen dessenungeachtet weiterhin.<\/p>\n<p>Die Gef\u00e4hrdung des Abkommens lauert anderswo. Die kommt dann in den Blick, wenn man die Asymmetrie der rechtlichen Verpflichtungen hervorhebt, die beide Seiten eingegangen sind.<\/p>\n<ol>\n<li>Der Iran hat mit dem Abkommen konkrete technische Optionen aus der Hand gegeben, die ihn in die Lage versetzt hatten, kurzfristig einen nuklearen Sprengk\u00f6rper zu bauen. Ohne Bruch des Abkommens kann der Iran nur dann wieder in Besitz einer Option zum Bau der Bombe kommen, wenn es sich neue technische Optionen er\u00f6ffnet (zum Beispiel eine neue Zentrifugentechnologie, die viel schneller dasselbe Anreicherungsergebnis erreicht \u2013 diese Option aber ist erkannt und wurde durch eine Beschr\u00e4nkung im Abkommen ber\u00fccksichtigt).<\/li>\n<li>Die USA hingegen haben lediglich solche Sanktionen zur Aufhebung gestellt, die erlassen und begr\u00fcndet wurden im Hinblick auf die Nuklearaktivit\u00e4ten Irans \u2013 prinzipiell gilt das auch f\u00fcr die EU, doch deren Sanktionsregime ist weit weniger ausgefeilt und dr\u00fcckend. Daneben haben die USA weitere Sanktionen auferlegt, aus nicht-nuklearen Motiven beziehungsweise Anl\u00e4ssen (zum Beispiel Unterst\u00fctzung von Terroristen, Menschenrechtsverletzungen, Aktivit\u00e4ten im Bereich ballistischer Raketen). Deren Aufhebung ist nicht Gegenstand von JCPOA, mehr noch, sie sind \u00fcberhaupt nicht Gegenstand \u2013 nach dem Motto \u201eAlles, was nicht verboten ist, ist erlaubt\u201c k\u00f6nnen sie bestehen bleiben oder sogar ausgeweitet werden. Willk\u00fcr ist damit T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet. Im Prinzip.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aus Sicht Teherans besteht der Gewinn aus dem Abkommen und dem darin enthaltenen Verzicht auf die Nuklearoption in der Option des wirtschaftlichen Aufschwungs durch Entblockierung von Guthaben (rund 100 Milliarden US-Dollar), R\u00fcckkehr in die Weltwirtschaft, das Verlassen des Paria-Status. Das er\u00f6ffnet Absatzm\u00e4rkte und Devisenzufl\u00fcsse; und zugleich Zugang zu Technologien, die bislang nicht verf\u00fcgbar waren \u2013 \u00fcbrigens nicht nur f\u00fcr zivile G\u00fcter, das gilt auch f\u00fcr R\u00fcstungsg\u00fcter.<\/p>\n<p>Diesen erwarteten Gewinn k\u00f6nnen die USA mittels ihrer Macht und Sitte, ihre unilateral erlassenen Sanktionen weltweit durchzusetzen, wieder einsammeln, durch zus\u00e4tzliche Sanktionen gegen den Iran bei Rubrizierung unter einen der anderen angef\u00fchrten Sanktions-Gr\u00fcnde. Ein solches Durchkreuzen dessen, was sich der Iran erwartet (hat) aus dem Abkommen, ist den USA m\u00f6glich, ohne gegen den Wortlaut des JCPOA zu versto\u00dfen \u2013 lediglich gegen den Geist, aber was hei\u00dft da \u201elediglich\u201c? Das hei\u00dft das Gelingen des Abkommens h\u00e4ngt von der Innenpolitik in den USA ab.<\/p>\n<ol>\n<li>Ab h\u00e4ngt es davon, dass dort auf Bundesebene die Republikaner das Abkommen, welches der \u201egegnerische\u201c Pr\u00e4sident ausgehandelt und geschlossen hat und gegen ihre (unterlegene) Stimmenzahl im Kongress durchgebracht hat, im R\u00fcckblick akzeptieren, obwohl sie nun die Mehrheit haben und das angef\u00fchrte Doppelspiel mit den Sanktionen (Fachausdruck <em>secondary sanctions<\/em>) durchzusetzen in der Lage w\u00e4ren. Gro\u00dfmut ist von ihnen gefordert. Gro\u00dfmut aber ist in der wettbewerbsbestimmten, mit harten Bandagen verfochtenen (Partei-)Politik eine \u00e4u\u00dferst knappe Ressource.<\/li>\n<li>Das US-amerikanische Sanktionswesen ist aber nicht allein eine Waffe im K\u00f6cher der Washingtoner Administration, es hat sich \u00fcber die letzten Jahrzehnte vielmehr zu einem regelrechten Dschungel ausgeweitet, sodass es nicht mehr von einer einzigen (ordnenden) Hand zu steuern ist, als ganzes somit kein m\u00f6gliches quid-pro-quo mehr ist. Zwischenzeitlich haben 32 Staaten der USA, also mehr als die H\u00e4lfte, eigene Sanktionen erlassen! <a href=\"https:\/\/d2071andvip0wj.cloudfront.net\/173-implementing-the-iran-nuclear-deal-a-status-report.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vgl. hier, S. 7<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Die regionalen Auswirkungen dessen, was der Iran \u201enimmt\u201c beziehungsweise erh\u00e4lt \u2013 Perspektiven<\/strong><\/p>\n<p>Die US-internen Motive f\u00fcr ein Aufrechterhalten der wirtschaftlichen Fesselung beziehungsweise Sch\u00e4digung des Iran sind eher ideologischer Natur. <a href=\"http:\/\/academicpeaceorchestra.com\/download.php?downloadid=125\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Demgegen\u00fcber hat Irans Konkurrent um die Dominanz als Regionalmacht, Saudi-Arabien, Motive in der Sache, die Eind\u00e4mmung der vollen wirtschaftlichen Potenz des Iran nicht aufgeben zu wollen<\/a>. Es geht um das Wettbewerbsverh\u00e4ltnis in der Region, insbesondere in sicherheitspolitischer Perspektive.<\/p>\n<p>Die Struktur des Deals ist wie immer zweiseitig, es wird genommen und gegeben. Genommen wird der Nahost-Mittelmacht mit \u00fcberwiegend schiitischer Bev\u00f6lkerung die Option, eine <em>Nuklear<\/em>macht zu werden \u2013 nicht grunds\u00e4tzlich, aber doch auf Sicht. Ziel dieses Teils der Verhandlungen war, einen <em>nuklearen<\/em> R\u00fcstungswettlauf in der Region zu unterbinden. Der Hintergrund und das Motiv, weshalb allseits, vertreten durch die P5+1, ein R\u00fcstungswettlauf generell erwartet wird, ist die Konkurrenz um die Position der regionalen Hegemonialmacht, insbesondere nach dem (absehbaren) R\u00fcckzug der USA in der Region. Ausgeschlossen beziehungsweise unwahrscheinlich gemacht ist er durch das Abkommen lediglich in seiner <em>nuklearen<\/em> Form.<\/p>\n<p>Nicht-nuklear wird er wahrscheinlicher \u2013 weil eine Partei, der Iran, nun zus\u00e4tzliche Mittel erh\u00e4lt zu r\u00fcsten. Und das in einer Situation, in der seine zentrale Konkurrenzmacht, Saudi-Arabien mit den Golfstaaten (au\u00dfer Oman), in finanziellen Schwierigkeiten steckt.<\/p>\n<p>Warum wird der R\u00fcckzug der USA auf Sicht allseits erwartet? Ein Motiv daf\u00fcr ist der Eindruck eines historischen Trends. Die Energie der USA, sich als globale Ordnungsmacht zu verstehen und die entsprechenden Ressourcen aufzuwenden, sich auch entsprechend zu verhalten und sich einzubringen, scheint sich etwa 100 Jahre nach \u201eErfindung\u201c dieser Politik unter Pr\u00e4sident Wilson zu ersch\u00f6pfen zu beginnen.<\/p>\n<p>Das zweite Motiv: Mit dem Durchsetzen der Klimapolitik und dem Abschied des Transportsektors von Erd\u00f6l-Derivaten als Treibstoff verlieren die USA das Interesse an einer Stabilisierung der Region am Golf, insbesondere am Freihalten der Seewege aus dem Persischen Golf heraus \u2013 das ist absehbar. Saudi-Arabien, die zum Iran polare sunnitische Mittelmacht, durch eine geringe Bev\u00f6lkerungszahl jedoch mit erheblichem Handicap, verliert seine Schutzmacht. Mitte Februar 1945, auf dem R\u00fcckweg von den Verhandlungen in Jalta, hatte Pr\u00e4sident Roosevelt diese Beziehung auf einem Flugzeugtr\u00e4ger im Roten Meer gestiftet, die Saudis den Briten abspenstig gemacht. Gut sieben Jahrzehnte lang hatte die Treue gehalten. Nun k\u00fcndigt sich der Anbruch einer neuen Epoche an.<\/p>\n<p>Politisch bedeutet das: Es steht an, Foren zu erschaffen, in denen Iran und Saudi-Arabien ins Gespr\u00e4ch zu kommen verm\u00f6gen, um \u00fcber Vorstellungen einer kooperativen und nuklearwaffen-freien Sicherheitsordnung in ihrer Region zu sprechen. Solche Gespr\u00e4che m\u00fcssen konzeptionell vorbereitet werden \u2013 nach Lage der Dinge und der verf\u00fcgbaren Kapazit\u00e4ten wird das ohne die erfahrenen Think Tanks der westlichen Welt nicht m\u00f6glich sein. Es geht um eine Sicherheitsordnung, in der \u2013 perspektivisch \u2013 sowohl Erd\u00f6l als auch Erdgas ihren Wert verloren haben. Die Sicherheitsordnung hat auszugehen a) von der energetischen <em>backstop technology<\/em> \u201eErneuerbare\u201c; und b) von einer erheblichen naturr\u00e4umlichen Ver\u00e4nderung des Nahen Ostens durch den voll eingesetzt habenden Klimawandel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann Kann das umstrittene Nuklear-Abkommen der USA und anderer Staaten mit dem Iran die republikanische Mehrheit in beiden H\u00e4usern des US-Kongresses und einen US-Pr\u00e4sidenten \u00fcberleben, der sich im Wahlkampf offen ablehnend zu dem Abkommen ge\u00e4u\u00dfert hat? Kann dieses Abkommen auch das Ergebnis der Wahlen im Iran im Juni 2017 \u00fcberleben? Die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/das-nuklear-abkommen-mit-iran-perspektiven-fuer-den-nahen-osten\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas Nuklear-Abkommen mit Iran: Perspektiven f\u00fcr den Nahen Osten heute und unter dem Druck der Klimaherausforderung\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":103,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-136","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=136"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":747,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/136\/revisions\/747"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}