{"id":166,"date":"2018-06-20T13:51:35","date_gmt":"2018-06-20T11:51:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=166"},"modified":"2020-09-12T16:30:32","modified_gmt":"2020-09-12T14:30:32","slug":"konzept-der-humanen-abhaltung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/konzept-der-humanen-abhaltung\/","title":{"rendered":"Ambivalenzen in der Bek\u00e4mpfung der Fluchtursachen \u2013 das Konzept der \u201ehumanen Abhaltung\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n<p>Wer Fluchtursachen bek\u00e4mpfen will, sollte zun\u00e4chst kl\u00e4ren, was \u201eFlucht\u201c im Unterschied zu \u201eMigration\u201c eigentlich ist, und anschlie\u00dfend die Ursachen f\u00fcr diese spezielle Form von \u201eMobilit\u00e4t\u201c untersuchen. M\u00f6glicherweise gibt es vielleicht gar keine Fluchtursachen sondern nur Migrationsursachen. Im Falle des B\u00fcrger- beziehungsweise sp\u00e4ter Stellvertreter-Kriegs in Syrien gibt das Friedensgutachten in seiner Ausgabe 2016, in der \u201eStellungnahme der Herausgeber\u201c, dazu eine bemerkenswert knappe und pointierte, vor allem auch anregende Darstellung. Hier die Diagnose:<\/p>\n<p><em>\u201eIn Syrien bescherte die Teil\u00f6ffnung der Wirtschaft den Privilegierten Millionengewinne, lie\u00df aber viele Bewohner l\u00e4ndlicher Gebiete verarmen. Das Regime und die mit ihm verbandelten Wirtschaftseliten opferten die Entwicklung des Landes der eigenen Bereicherung, was sie gem\u00e4\u00df dem neoliberalen Credo in der industrialisierten Welt sogar als Reform verkaufen konnten.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ein geringer Schritt in Richtung \u201eMarkt\u00f6ffnung\u201c, in Richtung \u201eGlobalisierung\u201c also, reichte bereits aus, um Syrien in den Abgrund zu sto\u00dfen. Das bei unseren Eliten hier allseits geteilte Ziel der Entwicklung von Entwicklungsl\u00e4ndern kann dort in solchem Ausma\u00df sozialen Z\u00fcndstoff produzieren. Syrien steht in dieser Diagnose jedoch nicht lediglich f\u00fcr sich, Syrien steht f\u00fcr ein Geschehen, das andere Entwicklungsl\u00e4nder und somit Horte potentieller Migranten ebenfalls treffen kann.<\/p>\n<p><strong>Die systemischen Ursachen f\u00fcr den Syrienkonflikt sind strukturell und daher f\u00fcr vergleichbares Geschehen anderswo potentielle Ursache<\/strong><\/p>\n<p>Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund die generelle handels- beziehungsweise wirtschaftspolitische Einbettung der Entwicklung des Konflikts in Syrien, die das Friedensgutachten 2016 leistet. Die systemischen Ursachen, die diesen Konflikt ausgel\u00f6st und haben eskalieren lassen, wirken nicht nur in dem einen Fall, in Syrien, sie wirken vielmehr strukturell. Sie sind deshalb f\u00fcr vergleichbares Geschehen anderswo potentielle Ursache. Sie sind der Kern einer Gefahr.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Globalisierung hat nicht nur dichte Verflechtungen und Wachstum gebracht, sondern in ihrer neoliberalen Auspr\u00e4gung auch mehr internationale Arbeitsteilung und Ungleichheit, krasse Ausbeutung und Zerst\u00f6rung von Lebensr\u00e4umen. Der Welthandel mit Vereinbarungen wie sie zum Beispiel das Transatlantische Freihandelsabkommen (Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP) vorsieht, nimmt ma\u00dfgeblichen Einfluss auf die \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Existenzbedingungen: Zahlreiche L\u00e4nder des S\u00fcdens leben vom Export ihrer Agrarprodukte und Rohstoffe. Sie k\u00f6nnen kaum noch konkurrieren, wenn die USA und die EU im Handel miteinander die Z\u00f6lle auf Agrarprodukte senken. Die Entwicklungszusammenarbeit propagiert zu Recht Kleinbauern zu f\u00f6rdern, um Hunger zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Doch ohne eine gerechtere Welthandelsordnung genie\u00dfen die Interessen der westlichen Exportwirtschaft Vorrang vor der Fluchtursachenbek\u00e4mpfung. Gibt es keine gesellschaftliche Teilhabe, leidet die Legitimit\u00e4t politischer Institutionen \u2013 ein Katalysator f\u00fcr Gewaltkonflikte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In Kurzform besagt das: Wer TTIP (und \u00e4hnliche Abkommen) abzuschlie\u00dfen sucht, der bek\u00e4mpft nicht die Fluchtursachen, sondern heizt sie erst noch richtig an. Der scheint ein \u201eFluchtursachen-Sch\u00fcrer\u201c zu sein.<\/p>\n<p>Doch Vorsicht! Gem\u00e4\u00df den Eingangss\u00e4tzen will das noch migrationspolitisch klassifiziert sein. \u201eFlucht\u201c ist eben ein Rechtsbegriff, mit definierter Bedeutung. <a href=\"http:\/\/www.e-ir.info\/2016\/07\/08\/the-european-response-to-the-syrian-war-pathologies-uncovered\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Von der gerade in Istanbul forschenden IFSH-Mitarbeiterin Christiane Fr\u00f6hlich<\/a> habe ich gelernt:<\/p>\n<p><em>\u201ethe internationally recognized categories of \u201crefugee\u201d and \u201cmigrant\u201d as set in the Geneva Refugee Convention of 1951, regulate and define EU policies, for instance with regard to border protection, but fail to represent the lived realities of today\u2019s forced migrants, meaning those they claim to protect. [&#8230;] The problem is that these categories do not fully represent the reasons for current human mobility. Neither do they take into account the effects of transnational challenges like climate change, nor do they reflect a globalised market economy, for instance the effect of the billions of US-Dollars of export subsidies which the industrialised world invests every year in order to sell their agrarian products in less developed states [&#8230;]. Thus, the fact that these mechanisms destroy many people\u2019s livelihoods and add to migration decisions is not part of international refugee and asylum law.\u201c<\/em><\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\" \" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/05\/Luhmann-g11-270x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\">Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<p>Eine historisch bedingte Auslassung also. Der Migrationsgrund \u201e<em>destroying people\u2019s livelihoods with the means of trade policy\u201c <\/em>kommt in der Fassung des rechtlichen Grundtextes, der konzipiert worden war, um den Migrantenstr\u00f6men nach 1945 rechtlich Schutz zu gew\u00e4hren, nicht vor. Mit der k\u00fchl kalkulierten Nutzung dieser Auslassung heute, unter heutigen Bedingungen, begegnen wir erneut der bekannten Ambivalenz der Politik zwischen Programmatik und Handeln. Wer, wie es \u00fcberwiegend Maxime der Medien ist, Politik vor allem nach ihrer Programmatik beurteilt, die kalkulierte Ambivalenz in seiner Wahrnehmung also ausblendet, ist nicht wirklich ein politischer Mensch. Das aber ist der Menschentyp, den die Massenmedien produzieren.<\/p>\n<p><strong>Ein realistischer Blick auf das Konzept der <em>Fluchtursachenbek\u00e4mpfung<\/em><\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong><em>a) der Negativ-Blick: Die Politik will nicht wirklich an den eigentlichen Ausl\u00f6ser heran<\/em><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>In der Intention, \u201e<em>die<\/em> Fluchtursachen\u201c bek\u00e4mpfen zu wollen, geben sich viele Akteure einig. Es f\u00e4llt auf, dass dieses Ziel \u201e<em>inzwischen inflation\u00e4r verwendet wird und oft einem inhaltsleeren Mantra gleicht<\/em>\u201c. (<a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/fileadmin\/contents\/products\/sonstiges\/Ausblick2016.pdf#page=41\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beitrag Angenendt\/Koch, S. 41<\/a>)<\/p>\n<p>Mit den \u201eFluchtursachen\u201c betreten wir ein Tabu-besetztes Feld. Was die Bundesregierung nicht bek\u00e4mpfen will beziehungsweise f\u00fcr aussichtslos h\u00e4lt, es bek\u00e4mpfen zu wollen, wird von ihr auch nicht als \u201eFluchtursache\u201c erkannt werden. Die Bundesregierung steht nicht alleine da, sie steht eher prototypisch f\u00fcr die Politik der Industriel\u00e4nder insgesamt. Deren Haltung ist zusammenfassend von einem Autorenteam der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), des Forschungsinstituts des Ausw\u00e4rtigen Amtes, so beschrieben worden:<\/p>\n<p>\u201e&#8230; <em>die Industriel\u00e4nder &lt;richten&gt; ihre Aufmerksamkeit unter den Vorzeichen der \u00bbFluchtursachenbek\u00e4mpfung\u00ab vor allem auf Fl\u00fcchtlinge &#8230;, die ihr Land verlassen haben; <strong>&lt;ihre&gt; entwicklungspolitischen Mittel &lt;setzen sie&gt;<\/strong> nicht prim\u00e4r \u2013 wie es ihrer eigentlichen Zielsetzung entspr\u00e4che \u2013 zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensverh\u00e4ltnisse in den Partnerl\u00e4ndern <strong>ein<\/strong> &#8230;, sondern dazu, <strong>unerw\u00fcnschte Zuwanderung in die Industriestaaten zu verhindern.<\/strong><\/em>\u201c<\/p>\n<p>Ein politisch realistisches Bild dessen, was die Bundesregierung als Fluchtursachen definiert und wirklich aufgreifen will, entnehme ich dem Positionspapier der CDU\/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag vom 10. November 2015 mit dem Titel: \u201eFluchtursachen bek\u00e4mpfen\u201c. Bei der Lekt\u00fcre springt ins Auge, dass so gut wie keine analytische Anstrengung unternommen wird, zwischen prim\u00e4ren Fluchtursachen, also den Ausl\u00f6sern von Migrationsbewegungen, und sekund\u00e4ren Ursachen, also all dem, was nicht verhindert, dass Fl\u00fcchtende <em>nach Europa<\/em> kommen, zu unterscheiden \u2013 die Ambivalenz ist offensichtlich. Dabei ist der Eingangssatz in dem Positionspapier der CDU\/CSU-Fraktion klar und eindeutig:<\/p>\n<p><em>\u201eKrisen und Kriege haben seit Jahren zu einem beispiellosen Anstieg von Migrationsbewegungen gef\u00fchrt. Die gegenw\u00e4rtige Fl\u00fcchtlingskrise ist deren unmittelbare Folge.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch die Globalisierung wird als Ursache noch angef\u00fchrt, in dem Satz:<\/p>\n<p><em>\u201eZudem wirkt sich die Globalisierung [&#8230;] massiv auf Wanderungsstr\u00f6me aus.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dann aber die Gabelung im Verst\u00e4ndnis, die Abweichung vom Verst\u00e4ndnis im Friedensgutachten 2016. Unter \u201eGlobalisierung\u201c wird n\u00e4mlich lediglich verstanden:<\/p>\n<p><em>\u201edie Verst\u00e4dterung in Entwicklungsl\u00e4ndern, die unterschiedliche Entwicklung der Lebensbedingungen in verschiedenen Teilen der Welt sowie Wohlstand und Sicherheit in Europa bei einer weiterhin bestehenden Diskrepanz zwischen \u201earmen\u201c und \u201ereichen\u201c L\u00e4ndern.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201eGeld im Auge des Betrachters\u201c ist man geneigt zu konstatieren. Der Schwerpunkt des Verst\u00e4ndnisses von \u201eGlobalisierung\u201c liegt bei einer Differenz, die zwischen arm und reich, zwischen Einkommensbeziehern, spreizt \u2013 hervorgehoben wird diese Differenz, weil die implizite Meinung ist, dass sie ein Attraktor sei, der die Personen in armen L\u00e4ndern anzieht. Daran kann man zweierlei Vorbehalte geltend machen.<\/p>\n<ul>\n<li>Die (implizite) Kausalvorstellung und die irritierende Begrifflichkeit. Gesagt wird, dass die Flucht-Ursachen bek\u00e4mpft werden sollen, gemeint ist aber, dass die Migrations-Ursachen bek\u00e4mpft werden sollen. Zur Erl\u00e4uterung zitiere ich Rolf-Peter Sieferle:<br \/>\n\u201e<em>Die Begriffe &#8222;Fl\u00fcchtling&#8220; oder &#8222;Fl\u00fcchtlingskrise&#8220; in diesem Zusammenhang sind irref\u00fchrend und falsch. In den USA k\u00e4me niemand auf die Idee, einen illegal immigrant aus Mexiko als refugee zu bezeichnen. Ein Fl\u00fcchtling m\u00f6chte einer Gefahr entkommen. Dies ist aber nur bei einer Minorit\u00e4t der Migranten der Fall. Die meisten m\u00f6chten eine Chance aufsuchen, und diese vermuten sie in den industriellen Wohlstandszonen. Bezeichnend ist die Tatsache, da\u00df die Massenmigration nach Europa (an deren Anfang wir erst stehen), erst in den letzten 20 Jahren entstanden ist. Dies ist genau die Zeit, in der das <strong>Wohlstandsgef\u00e4lle<\/strong> zwischen den Industriel\u00e4ndern und der Dritten Welt drastisch <strong>gesunken<\/strong> Die <strong>Massenmigration<\/strong> nach Europa <strong>ist<\/strong> damit nicht <strong>Ausdruck<\/strong> von Armut, sondern <strong>von wachsendem Wohlstand in den Herkunftsl\u00e4ndern<\/strong>, denn nur dieser kann die Menschen \u00fcberhaupt auf die Idee bringen (und die Mittel verf\u00fcgbar machen), den risikoreichen und kostspieligen Weg nach Europa einzuschlagen. Das war \u00fcbrigens bei der Migration von Europ\u00e4ern nach Amerika nicht anders. Zur Zeit der wirklichen Armut, im 17. oder 18. Jahrhundert, ist kaum jemand emigriert, und wenn, dann nicht aus \u00f6konomischen, sondern aus politisch-religi\u00f6sen Gr\u00fcnden. Eine \u00f6konomisch motivierte Massenemigration nach Amerika hat es erst in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts gegeben, zu einer Zeit also, wo der Wohlstand in Europa durch die Industrialisierung sp\u00fcrbar gestiegen ist und man sich deshalb die \u00dcberfahrt nach Amerika leisten konnte.<\/em>\u201c<\/li>\n<li>Dass \u201eGlobalisierung\u201c ein politisches Konzept aktiven Handelns ist, wird von der CDU\/CSU-Bundestags-Fraktion ausgeblendet. Es wird so getan, als ob die Globalisierung eine Art soziales Naturereignis sei \u2013 und als Treiber der Migrationsstr\u00f6me wird das Wohlstandsgef\u00e4lle in der Welt weniger formuliert als vielmehr nur angedeutet. Dass dieses Gef\u00e4lle nicht zum Gegenstand von Politik zur \u201eBek\u00e4mpfung der Fluchtursachen\u201c gemacht werden soll, liegt nahe \u2013 und wird auch ausdr\u00fccklich nicht genannt, obwohl es unter den Ursachen angef\u00fchrt wird.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die (deutsche beziehungsweise die EU-) Politik will die prim\u00e4ren Fluchtursachen, die im Konzept der (handelspolitischen) Globalisierung enthalten sind, die Entwurzlung qua Entzug der wirtschaftlichen Lebensgrundlagen und in der Folge B\u00fcrgerkriege, nicht bek\u00e4mpfen. Sie will an die Politik der Globalisierung als Migrations-Treiber nicht heran. Daf\u00fcr hat sie vermutlich auch einen guten Grund: Sie empfindet sich da als machtlos. Damit bleibt ihr nur der Kampf gegen sekund\u00e4re Fluchtursachen, das ist ein Kampf mit dem Ziel lediglich, dass die Migranten weniger zahlreich nach Europa kommen \u2013 das ist ein Kampf nur gegen \u201edie Ursachen der Flucht <em>nach Europa<\/em>\u201c.<\/p>\n<ol>\n<li><strong><em>b) Der Positiv-Blick: Das subsidi\u00e4re Konzept der \u201ehumanen Abhaltung\u201c<\/em><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein positives Konzept daf\u00fcr ist im Werden. Zusammenh\u00e4ngend beschrieben gesehen habe ich das bislang am besten im <a href=\"http:\/\/data.consilium.europa.eu\/doc\/document\/ST-10014-2016-INIT\/en\/pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Entwurf des \u201e<em>New Partnership Framework with third countries under the European Agenda on Migration<\/em>\u201c der EU<\/a>. Das ist wirklich umfassend \u2013 und auch begrifflich durchgefeilt: dort ist zum Beispiel durchg\u00e4ngig von \u201e<em>root causes of <strong>irregular migration<\/strong><\/em>\u201c die Rede.<\/p>\n<p>Eindr\u00fccklich sind nicht nur die Migranten-Potential-Zahlen, die dort genannt werden (\u00c4thiopien: 750.000; Libyen: 630.000; Iran: 2 bis 3 Millionen allein Afghanen und so weiter). Verst\u00f6rend ist \u00fcberdies, dass der Kern des Konzepts der Europ\u00e4ischen Nachbarschaftspolitik, die <em>gegenseitige<\/em> Markt\u00f6ffnung, die zuletzt in der Ukraine nichts fruchtete, in Tunesien, dem einzigen Staat, der bislang einigerma\u00dfen, wenn auch nur \u201efragil\u201c, stabilisiert aus den Wirren des Arabischen Fr\u00fchlings herauskam, erneut von der in dieser Hinsicht nicht uneigenn\u00fctzigen EU zum Mittel der Wahl f\u00fcr die Stabilisierung auf Dauer erkl\u00e4rt wird. Drittens best\u00e4tigt der Framework, was andernorts bereits zum Aufsatztitel wurde: <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/id\/ipa\/12681.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201e<em>New Thrust for the CSDP from the Refugee and Migrant Crisis<\/em>\u201c<\/a> \u2013 zur gegenw\u00e4rtigen <a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/lautlos-entsteht-europas-militaerisch-industrieller-komplex-i\/\">Belebung der im Lissabon-Vertrag angelegten CSDP<\/a>. Vom neuen Vertrauen k\u00fcndet ebenda auch ein Kapitel mit dem Titel \u201e<em>Towards a Semi-military European Border and Coast Guard?<\/em>\u201c; im Anhang findet sich das meditierenswerte Mandat (des EP) f\u00fcr diese neue EBCG, die Nachfolgerin der aufgel\u00f6sten FRONTEX, abgedruckt. Viertens sprechen die enormen Finanzmittel, die aktiviert werden, B\u00e4nde. F\u00fcr sogenannte \u201eMigrations-Pakte\u201c, die ausgew\u00e4hlten afrikanischen Staaten angeboten werden, hat <a href=\"http:\/\/www.euractiv.com\/section\/all\/news\/eu-set-to-spend-e62-billion-on-africa-to-tackle-migration\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die EU am 28. Juni entschieden, 62 Milliarden Eurobereit zu stellen<\/a> \u2013 davon allerdings nur <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/dgs\/home-affairs\/what-we-do\/policies\/european-agenda-migration\/proposal-implementation-package\/docs\/20160607\/communication_external_aspects_eam_towards_new_migration_ompact_en.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">10 Prozent (6,2 Milliarden Euro) in Form von regul\u00e4ren Haushaltsmitteln (p. 12).<\/a> Das Konzept, welches mit dem sogenannten Juncker-Plan (Investment Plan for Europe \u2013 IPE) zu Beginn dessen Amtszeit erfunden wurde und, umgesetzt, zum Europ\u00e4ischen Fonds f\u00fcr strategische Investitionen (EFSI) f\u00fchrte, die massive \u201eHebelung\u201c der eingesetzten Haushaltsmittel, soll nun ein zweites Mal angewendet werden, nun in Form des \u201eExternal Investment Plan\u201c.<\/p>\n<p>In Berlin gibt es immerhin eine zusammenfassende Formel bereits f\u00fcr das Gesuchte: Es handele sich um die \u201eStrategie der <em>humanen Abhaltung<\/em>\u201c. Dazu geh\u00f6ren<\/p>\n<ol>\n<li>Die konsequente Kontrolle der EU-Au\u00dfengrenzen \u2013 auf humane Weise. Das ist die Aufnahme allein derjenigen, die das Abwehrdispositiv der EU, die \u201eEurop\u00e4ische Mauer\u201c, durchsto\u00dfen und zudem die Kriterien der Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention von 1951 erf\u00fcllen.<\/li>\n<li>Der gro\u00dfe Rest an Migranten habe in <em>Save Heavens<\/em>, m\u00f6glichst grenznah, zu bleiben. Das sind Fl\u00fcchtlingsst\u00e4dte, mit Millionenstadt-Charakter, die in den kommenden Jahren, wie in China in den beiden zur\u00fcckliegenden Jahrzehnten, aus dem Boden zu stampfen sind. <em>Dadaab<\/em> in Kenia (nahe der Grenze zu Somalia, etwa 300.000 Einwohner; k\u00fcrzlich wieder geschlossen) gilt als Muster-Beispiel beziehungsweise Muster-Stadt. Die Idee ist, das als gro\u00dfangelegtes Gesch\u00e4ftsmodell aufzuziehen, als wirtschaftliche Beg\u00fcnstigung derjenigen Staaten, die solche <em>Save Heavens<\/em> auf ihrem Territorium zu erreichen und zu betreiben bereit sind. Finanziert wird das \u00fcberwiegend werden von den nicht-aufnahmewilligen Staaten, also im wesentlichen von der EU. Und verbucht und angerechnet wird es selbstverst\u00e4ndlich werden als \u201eEntwicklungshilfe\u201c der westlichen Staaten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Doch dieses Konzept hat einen handelspolitischen Pferdefu\u00df. Es geht ja um Fl\u00fcchtlingsst\u00e4dte, in Europas Umfeld, f\u00fcr mindestens zwanzig bis weit \u00fcber drei\u00dfig Millionen Menschen. Die werden da leben wie man in St\u00e4dten eben lebt, mit allen Funktionen. Im Blick (der Medien) sind \u00fcblicherweise nur diejenigen Funktionen, die uns zu Herzen gehen:<\/p>\n<ol>\n<li>Kinder, die Bildungseinrichtungen brauchen, damit sie eine Zukunft haben k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>die Konsumaufwendungen, damit die Menschen nicht hungern und d\u00fcrsten.<\/li>\n<\/ol>\n<ul>\n<li>Dass Sicherheit gew\u00e4hrleistet, also produziert werden muss, d\u00e4mmert uns allm\u00e4hlich auch \u2013 die Alternative n\u00e4mlich sind gleichsam naturw\u00fcchsig sich ergebende mafi\u00f6se Strukturen, die eine gewaltt\u00e4tige beziehungsweise auf Einsch\u00fcchterung qua Willk\u00fcr beruhende Form von \u201eSicherheit\u201c produzieren.<\/li>\n<\/ul>\n<ol>\n<li>Das f\u00fchrt den Blick schlie\u00dflich auf die vierte Funktion. Auch die dort versammelten, ihrer Heimat beraubten Menschen sind Tr\u00e4ger von Arbeits-<em>Verm\u00f6gen<\/em>, sie sind potentiell nicht lediglich Konsumenten, die etwas kosten. Sie k\u00f6nnen und wollen vielmehr dieses ihr Verm\u00f6gen realisieren, in Wert setzen, sie wollen einsetzen und einbringen, was sie k\u00f6nnen. Vers\u00e4umt man, dieses ihr Verm\u00f6gen planm\u00e4\u00dfig in Wert zu setzen, so sind die Folgen absehbar. Es beginnt mit den Folgen in Form seelischer beziehungsweise sozialer Desintegration; es geht weiter \u00fcber die Folgen der nicht-realisierten Einnahmen als Kosten f\u00fcr Dritte, die externen Mittel-Geber, die EU \u00fcberwiegend; und es endet dabei, dass zwischen Nichts-Tun und Regul\u00e4r-Arbeiten die breite Welt der mafi\u00f6s organisierten Formen des gewaltnahen \u201aArbeitens\u2019 in deren Sicherheitsstrukturen liegt \u2013 und da mitzuarbeiten ist mindestens beinahe jeder (junge) Mann geeignet, auch ohne jegliche Bildung.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die zentrale offene Frage in diesem Konzept ist deshalb: Was ist erforderlich, damit die Menschen in <em>Save Heavens<\/em>-St\u00e4dten, in diesen St\u00e4dten \u201ehumaner Abhaltung\u201c, ihr Arbeitsverm\u00f6gen in Wert setzen k\u00f6nnen? Die Antwort ist einfach: Dazu bedarf es Freihandelsquoten, Quoten pr\u00e4ferierter Absatzzug\u00e4nge in die finanzierenden Staaten, also die EU. An der handelspolitischen Flanke durch die Herausforderung, die die Migrantenstr\u00f6me beziehungsweise deren Anlandung in Mitteleuropa ausgel\u00f6st haben, kommt man somit nicht vorbei \u2013 wenn man es gut und effizient machen will.<\/p>\n<p>Ob es gelingt, ist nat\u00fcrlich offen. Bislang sieht es nicht danach aus. Wenn man n\u00e4mlich diese Fragen im Ressort-K\u00e4stchen-Denken abhandelt, wie es im Normalmodus der Politik der Fall ist, kann es nicht dazu kommen. Es reicht als Beleg auf die K\u00e4stchen zu schauen, in die die Bundesregierung ihre Fl\u00fcchtlingspolitik einsortiert hat. Die \u201eBek\u00e4mpfung der Fluchtursachen\u201c ist da dem Entwicklungsministerium zugeteilt \u2013 das hat entsprechende Budgets. Hinzu kommen weit gr\u00f6\u00dfere ebenfalls projektgebundene Mittel der EU-Spezialagenturen. Es ist nicht zu erwarten, dass das Ressort Handel von sich aus die Hand reichen w\u00fcrde, um durch Einschr\u00e4nkung der von ihm verwalteten Rechte zu einer In-Wert-Setzung der Arbeitskraft in solchen <em>Safe Heavens<\/em> beizutragen, was dann zu einer Entlastung der Budgets der Nachbarressorts f\u00fchren mag. So funktioniert Politik im Normalbetrieb nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann Wer Fluchtursachen bek\u00e4mpfen will, sollte zun\u00e4chst kl\u00e4ren, was \u201eFlucht\u201c im Unterschied zu \u201eMigration\u201c eigentlich ist, und anschlie\u00dfend die Ursachen f\u00fcr diese spezielle Form von \u201eMobilit\u00e4t\u201c untersuchen. M\u00f6glicherweise gibt es vielleicht gar keine Fluchtursachen sondern nur Migrationsursachen. Im Falle des B\u00fcrger- beziehungsweise sp\u00e4ter Stellvertreter-Kriegs in Syrien gibt das Friedensgutachten in seiner &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/konzept-der-humanen-abhaltung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eAmbivalenzen in der Bek\u00e4mpfung der Fluchtursachen \u2013 das Konzept der \u201ehumanen Abhaltung\u201c\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":110,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-166","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/166","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=166"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/166\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":761,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/166\/revisions\/761"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=166"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}