{"id":207,"date":"2018-06-21T11:08:06","date_gmt":"2018-06-21T09:08:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=207"},"modified":"2020-09-12T16:35:25","modified_gmt":"2020-09-12T14:35:25","slug":"wollt-ihr-das-zwei-grad-ziel-wirklich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wollt-ihr-das-zwei-grad-ziel-wirklich\/","title":{"rendered":"\u201eWollt ihr das Zwei Grad Ziel wirklich?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Konflikt zwischen Klimaphysik und Klima\u00f6konomie in der Politikberatung<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n<p>Die Umweltwissenschaften modellieren den Zusammenhang zwischen menschlichem Handeln und seinem Ergebnis in Form ver\u00e4nderter Umweltqualit\u00e4t. F\u00fcr das Klima nimmt diese Wirkungskette ihren Ausgang bei den Aktivit\u00e4ten \u201eunsachgem\u00e4\u00dfe Art von Agrarwirtschaft\u201c beziehungsweise \u201eVerbrennung von Kohle, \u00d6l und Erdgas\u201c, schreitet \u00fcber daraus entstehende Treibhausgasemissionen fort und endet schlie\u00dflich bei der Temperaturerh\u00f6hung in der Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>Nun hat die internationale Staatengemeinschaft 2010 im Rahmen der UN-Klimakonvention beschlossen, den von ihr tolerierten Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad Celsius gegen\u00fcber dem Niveau aus vorindustrieller Zeit zu begrenzen. Ist der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bei der Klima\u00e4nderung verl\u00e4sslich modelliert, kann man das Modell von einer festgelegten Zielvorgabe aus auch r\u00fcckw\u00e4rts laufen lassen. Es geht dann darum, eine Antwort auf die Frage zu erhalten: Wenn die Erdmittel-Temperatur nur um bis zu maximal zwei Grad ansteigen darf, was bedeutet das f\u00fcr die menschlichen Aktivit\u00e4ten \u201eunsachgem\u00e4\u00dfe Art von Agrarwirtschaft\u201c beziehungsweise \u201eVerbrennung von Kohle, \u00d6l und Erdgas\u201c?<\/p>\n<p><strong>Das Budget-Ergebnis der Klimawissenschaft im j\u00fcngsten IPCC-Bericht<\/strong><\/p>\n<p>Im j\u00fcngsten Bericht des Weltklimarates (IPCC) ist das Ergebnis geb\u00fcndelt dargestellt. Zun\u00e4chst bleibt die Aktivit\u00e4t \u201eBeendigung einer unsachgem\u00e4\u00dfen Art von Agrarwirtschaft\u201c ausgeklammert \u2013 f\u00fcr die hat man unterstellt, dass sie getrennt einer L\u00f6sung zugef\u00fchrt wird. F\u00fcr den (gro\u00dfen) Rest, die Entlassung von CO<sub>2<\/sub> aus fossilen Quellen, weit \u00fcberwiegend aus Verbrennungsprozessen, ist vorab Zweierlei unterstellt:<\/p>\n<p>(i) Es wurde diejenige Modellierung gew\u00e4hlt, in der die Zwei Grad Grenze mit (lediglich) 66 Prozent Wahrscheinlichkeit eingehalten wird;<\/p>\n<p>(ii) der Vergleichsma\u00dfstab \u201egegen\u00fcber vor-industrieller Zeit\u201c wurde operationalisiert als \u201eim Vergleich zu 1870\u201c (= Mittelwert von 1861 bis 1890).<\/p>\n<p>Mit diesen Vorgaben lautet das Ergebnis: Das mit dem Zwei Grad Ziel vertr\u00e4gliche Gesamt-Emissionsbudget liegt bei etwa 2.900 Gigatonnen CO<sub>2<\/sub>. Bis zum Jahre 2011 wurden davon bereits etwa 1.900 Gigatonnen CO<sub>2<\/sub> emittiert. Die Schlussfolgerung daraus: Ein Restbudget von nur noch etwa 1.000 Gigatonnen CO<sub>2<\/sub> steht zur Verf\u00fcgung, wenn die Zwei Grad Grenze eingehalten werden soll.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\" \" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/05\/Luhmann-g11-270x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\">Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<p>Nun sind wir Zeugen eines h\u00f6chst merklichen Anstiegs der CO<sub>2<\/sub>-Emissionen (aus fossilen Quellen) in der ersten H\u00e4lfte der gegenw\u00e4rtigen Dekade, mit einem neuen Rekord-Hoch im Jahre 2013 von 35,3 Gigatonnen CO<sub>2<\/sub> (PBL\/JRC 2014). Das bedeutet: Selbst wenn dieser Trend im Anstieg bis 2020 erfolgreich gestoppt werden sollte, jenem Jahr, in dem das Paris-Abkommen von COP21 in Kraft treten soll, so wird dann ein Drittel des als verblieben bestimmten Budgets bereits ausgesch\u00f6pft sein.<\/p>\n<p><strong>Was die Klima\u00f6konomie daraus macht<\/strong><\/p>\n<p>Nun tritt die wissenschaftliche Disziplin \u201eKlima\u00f6konomie\u201c auf den Plan. Die Klima\u00f6konomie als Sektion im Weltklimarat (IPCC) opponiert sowohl gegen die physikalische Klimawissenschaft als auch gegen die multilaterale Klimapolitik \u2013 und das dr\u00fcckt sich in zwei Entscheidungen aus.<\/p>\n<p>(i) Die Budget-Rechnung wie eben aufgemacht findet sich im ersten Berichtsteil des j\u00fcngsten IPCC-Sachstandsberichts, das ist derjenige, f\u00fcr den die (physikalische) Klimawissenschaft (AG1) zust\u00e4ndig ist. Die Budget-Vorgabe ist von den Autoren vermutlich w\u00f6rtlich verstanden, wie sie da steht: Die von der Politik vorgegebene Zwei Grad Grenze ist so zu interpretieren, dass die Menschheit mit der Emission von noch weiteren 1.000 Gigatonnen CO<sub>2<\/sub> wirklich auskommen sollte. Nicht erlaubt ist es, zun\u00e4chst einmal zum Beispiel 1.300 Gigatonnen zu emittieren und sp\u00e4ter 300 Gigatonnen wieder aus der Atmosph\u00e4re zur\u00fcckzuholen; mit dem Ergebnis, dass dann netto ebenfalls und irgendwann die Budget-Grenze von 1.000 Gigatonnen eingehalten worden sein wird.<\/p>\n<p>Auf diese Weise allerdings interpretieren die Klima\u00f6konomen die 1.000-Gigatonnen-Marke, festgehalten im dritten Berichtsteil desselben Reports. Sie nehmen in ihre Kalkulationen die Option des Schulden-Machens auf und generieren damit einen gr\u00f6\u00dferen Raum von Optionen menschlichen Handelns. Das Motiv daf\u00fcr ist ihre Auffassung, nach der auf diese Weise eine deutlich kosteneffizientere L\u00f6sung m\u00f6glich wird als wenn man den Schuldendeckel bei Null h\u00e4lt. Das mag sein \u2013 aber ist es legitimiert? Wo hier kein Menschheitsteil eingestimmt hat, die Schulden zur\u00fcckzahlen zu wollen. Kann man, bei fehlendem Schuldner, \u00fcberhaupt von einem \u201eKredit\u201c sprechen?<\/p>\n<p>(ii) Nach meinem Verst\u00e4ndnis lautet die legitime Frage an die Klima\u00f6konomie allein: Was ist der wirtschaftlich vorteilhafteste Weg der Menschheit unter der von der Politik formulierten Ma\u00dfgabe maximal zwei Grad Temperaturerh\u00f6hung? Was ist die kostenminimale L\u00f6sung \u2013 in diesem Rahmen, bei politisch l\u00e4ngst vorgegebenem Ziel?<\/p>\n<p>Die Klima\u00f6konomie jedoch verfolgt nicht diese Frage nach der kostenminimalen L\u00f6sung f\u00fcr das erkl\u00e4rte Ziel der Klimapolitik. Vielmehr meditiert sie, um wie viel teurer das 3 Grad Ziel gegen\u00fcber dem 4 Grad Ziel sei, das 2 Grad Ziel gegen\u00fcber dem 3 Grad Ziel, das 1,5 Grad Ziel gegen\u00fcber dem 2 Grad Ziel und so weiter. Das Ergebnis, eine Linie von Mehr-Kosten-Punkten, steigt progressiv an. So ist es im j\u00fcngsten Sachstandsbericht des IPCC zu lesen, im Beitrag der f\u00fcr \u00d6konomisches zust\u00e4ndigen Arbeitsgruppe 3. Die Anmutung dieses Ergebnisses ist: Bescheide Dich in Deinem Vermeidungsanspruch! Mit steigendem Anspruchsniveau wird es n\u00e4mlich immer teurer, den Klimawandel zu verringern. Erw\u00e4ge noch einmal, ob es wirklich ein so anspruchsvolles Ziel sein soll wie das Zwei Grad Ziel.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Haltung der Klima\u00f6konomie ist nicht allein legitimatorisch kritikw\u00fcrdig. Sie ist es auch methodisch und weil sie zu Lasten der Verletzlichsten auf dieser Erde geht. Was die Klima\u00f6konomie da optimiert, sind n\u00e4mlich nur die Kosten der Vermeidung von Treibhausgasemissionen \u2013 der Nutzen daraus, der vermiedene Klimawandel, ist von ihr nicht eingerechnet, mit dem Argument \u201ezu schwer\u201c. Der nicht-vermiedene Klimawandel aber steht f\u00fcr ein Meer von Tr\u00e4nen, um es vorsichtig auszudr\u00fccken. Mit einer reinen Netto-Betrachtung anzutreten, um die multilaterale Klimapolitik zu beraten, zeugt von einem hohem Selbstbewusstsein \u2013 aber auch nur davon.<\/p>\n<p>Und sie war erfolgreich. Das Abkommen von Paris wird voraussichtlich einen Satz enthalten, in Art. 3 (1), der in etwa lauten wird: \u201eParties aim to achieve the global temperature goal, in accordance with the best available science, through global transformation, with a 40-70 per cent net emission reduction below the 2010 level by 2050.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Konflikt zwischen Klimaphysik und Klima\u00f6konomie in der Politikberatung Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann Die Umweltwissenschaften modellieren den Zusammenhang zwischen menschlichem Handeln und seinem Ergebnis in Form ver\u00e4nderter Umweltqualit\u00e4t. 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