{"id":245,"date":"2018-06-21T18:31:00","date_gmt":"2018-06-21T16:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=245"},"modified":"2020-09-12T16:40:37","modified_gmt":"2020-09-12T14:40:37","slug":"die-ohnmacht-gegenueber-der-politik","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/die-ohnmacht-gegenueber-der-politik\/","title":{"rendered":"Die Ohnmacht gegen\u00fcber der Politik"},"content":{"rendered":"<p><strong>(Nicht-)Wahrnehmen und (Nicht-)Handeln<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n<p>Probleme, die man nur durch kollektives Handeln l\u00f6sen kann, sehen wir in H\u00fclle und F\u00fclle. Dass nicht gehandelt wird, kann uns verzweifeln lassen. F\u00fcr \u201ekollektives Handeln\u201c sagen wir auch: \u201ePolitik\u201c. Ausbleibendes Handeln rechnen wir dann \u201eder Politik\u201c zu. Und zu dieser Politik nun meinen wir keinen Zugang mehr zu haben, insbesondere wenn es sich um Probleme handelt, die nur weit oben im politischen Mehrebenensystem (Kommune\/Land\/Bund\/EU\/UN) \u201egeknackt\u201c werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Statt uns an das politische System, so komplex es nun einmal ist, heranzuf\u00fchren, zeichnen Medien eine holzschnittartige Parallelwelt, um die Realit\u00e4t deutlich einfacher erscheinen zu lassen. Der Schein, den die Medien auf diese Weise produzieren, ist ein Problem f\u00fcr das Funktionieren des politischen Systems. Es entsteht damit n\u00e4mlich ein kollektives Bewusstsein, das seiner regulativen Idee in der Staatsform \u201eDemokratie\u201c nicht zu entsprechen vermag. Die Medien produzieren \u201eBewusstseinsverschmutzung\u201c.<\/p>\n<p>Ein Politiker, der den Bundestag verlie\u00df, um einem ordentlichen Broterwerb nachzugehen, hat mir als einen seiner Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Schritt einmal er\u00f6ffnet: \u201eWissen Sie, das ist wirklich schwer zu ertragen. Es ist wie in der griechischen Trag\u00f6die. Wir Politiker sehen \u2013 partei\u00fcbergreifend \u2011 das Drama jeweils schon im ersten Akt kommen. Aber zur L\u00f6sung schreiten k\u00f6nnen wir, bei gegebener Verfasstheit der \u00d6ffentlichkeit, bei deren Wahrnehmungsm\u00e4ngeln, meist erst im dritten Akt, nachdem gleichsam Blut in gro\u00dfen Str\u00f6men geflossen ist.\u201c<\/p>\n<p>Also liegt es nahe, dass wir unsere Blickrichtung \u00e4ndern und vom geforderten Handeln weg auf unseren Anteil an der kollektiven Wahrnehmung schauen. Wer eine Gefahr auf sich zukommen sieht, kann gar nicht anders, als ihr entgegenzutreten, also zu handeln. Wer aber das Visier vor einer Gefahr herunterklappt, sieht sie nicht oder nicht richtig und bleibt ihr deshalb ausgeliefert. Die inkorrekte Wahrnehmung von Herausforderungen, in dem Ma\u00dfe, als wir alle daran Anteil haben, stellt eine viel m\u00e4chtigere Blockade f\u00fcr L\u00f6sungen dar als das Nichtstun (der politischen Instanzen).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\" \" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/05\/Luhmann-g11-270x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\">Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<p>Zu Bewusstsein gekommen ist mir dies erneut dieser Tage, nachdem eine Gruppe mich um einen Beitrag zu ihrer Tagung unter dem sch\u00f6nen Titel \u201eWir lieben Krisen!\u201c gebeten hatte. Da habe ich vorgetragen, wie es in der BSE-Krise gewesen ist, dass da in Deutschland doch eigentlich das Motto \u201eWir lieben Blindheit\u201c geherrscht habe. Erst als die institutionelle Blindheit des \u00dcberwachungssystems (der Bundesl\u00e4nder) durch einen dummen Zufall im Dezember 2000 ans Licht kam, wurde gehandelt \u2013 dann auch sehr entschieden. Und doch stilisieren wir im R\u00fcckbick das Geschehen nach dem Motto \u201eOffenbar geworden und umgehend gehandelt\u201c \u2013 was ja stimmt, aber nur die halbe Wahrheit ist. Dass davor eine Periode von mindestens f\u00fcnf Jahren aktiven Wegdr\u00fcckens der korrekten Wahrnehmung lag, blenden wir aus.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnten wir es besser wissen. Schlie\u00dflich hat die EU-Kommission uns seinerzeit vorgerechnet, dass die \u201eBSE-Freiheit\u201c Deutschlands nur eine vermeintliche sein k\u00f6nne, nur ein Artefakt aufgrund unprofessioneller \u00dcberwachung. Auf Journalistenanfragen aus Deutschland, wie sich die Kommission die hohe Differenz zwischen zu erwartenden und festgestellten BSE-F\u00e4llen in Deutschland erkl\u00e4re, hat sie schlie\u00dflich sogar ladipdar verlautbart: \u201eWer suchet, der findet.\u201c<\/p>\n<p>Wie es damals wirklich war, dies in einzigartiger Weise geschildert zu bekommen, ist einer Wissenschaftlerin im Nachhinein gelungen. Unter Zusage von Anonymit\u00e4t hat sie einen Parlamentrischen Staatssekret\u00e4r aus einem fachlich einschl\u00e4gigen Ministerium des Bundes (die Bundesebene war <em>nicht<\/em> verantwortlich!) vor das Mikrofon bekommen. Dessen Schilderung:<\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em>[&#8230;] wir sind uns sicher, dass wir BSE-frei sind, deshalb gucken wir nicht nach. [&#8230;] das ist ein Verhalten, wie (in) Brechts Galileo Galilei [&#8230;]. Die Bisch\u00f6fe, die durchs Fernrohr gucken sollen, um das Sonnensystem zu erfassen, sagen: Nein, wir gucken nicht durch, denn es k\u00f6nnte sich herausstellen, dass Galileo recht hat und die Erde wirklich keine Scheibe, sondern eine Kugel ist.&#8216; So verr\u00fcckt war das.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Diese Schilderung sollte r\u00fcckblickende Darstellungen pr\u00e4gen. Sie schafft es aber nicht. Denn wir lieben eben unser Selbstbild, nach dem wir in aller Unschuld \u201enichts gewusst\u201c haben, und unverz\u00fcglich die Konsequenzen gezogen haben, als es uns vor Augen gekommen ist \u2013 das bekannte Muster der Holocaust-Wahrnehmung. Dass wir mit unserer defizienten kollektiven Wahrnehmung ein wesentliches, wenn nicht \u201edas\u201c blockierende Element gewesen sind, gestehen wir uns lieber nicht ein.<\/p>\n<p>Korrekte Wahrnehmung ist etwas, was zu <em>machen<\/em> ist \u2013 gegen eine starke Zugkraft produzierten Scheins. Auch das blenden wir aus. Wir tun so, als sei gelingende Wahrnehmung ein Geschenk des Himmels und habe nicht Gegenstand zielgerichteten Handelns unsererseits zu sein. Damit unterstellen wir uns unsere Ohnmacht, keinen Einfluss auf kollektives Handeln zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Nicht-)Wahrnehmen und (Nicht-)Handeln Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann Probleme, die man nur durch kollektives Handeln l\u00f6sen kann, sehen wir in H\u00fclle und F\u00fclle. Dass nicht gehandelt wird, kann uns verzweifeln lassen. F\u00fcr \u201ekollektives Handeln\u201c sagen wir auch: \u201ePolitik\u201c. Ausbleibendes Handeln rechnen wir dann \u201eder Politik\u201c zu. 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